ZEIT ONLINE: Herr Kullak-Ublick, funktioniert Waldorf im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg nicht?

Henning Kullak-Ublick: Im Stadtteil würde das sehr gut funktionieren. Und das wenige, was an der Ganztagsschule an der Fährstraße erlaubt wurde, hat auch funktioniert. Ein ärmerer Stadtteil mit vielen Zuwanderern und die Waldorfpädagogik schließen sich nicht aus. Das hat sich auch an der Interkulturellen Waldorfschule in Mannheim gezeigt, die ja das Vorbild der Gründungsinitiative in Wilhelmsburg war.

ZEIT ONLINE: Und warum ist die Waldorfschule in Wilhelmsburg dann gescheitert?

Kullak-Ublick: Um das nachvollziehen zu können, muss man wissen, wie es zu der Kooperation gekommen ist. Der Schule an der Fährstraße ging es vor zwei Jahren nicht gut, sie hatte einen starken Schülerschwund. Als dann eine Gruppe von Eltern und Lehrern auf die Idee kam, in Wilhelmsburg eine Waldorfschule zu gründen, hat die Schulbehörde gesagt: Lasst uns doch mal ein Experiment wagen.

ZEIT ONLINE: Das darin besteht, einige Waldorfelemente an einer staatlichen Schule einzuführen. Warum ist das so schwer?

Kullak-Ublick: Es gab leider von Anfang an einen großen internen Widerstand. Auf der einen Seite wollte man sich gewisser Elemente bedienen, auf der anderen hat man sich von ihnen distanziert. Das ging schon bei der ersten Pressekonferenz los, als der Schulsenator Ties Rabe sich ohne Not von Rudolf Steiner abgrenzte. Diese Ambivalenz blieb stilbildend. Waldorf wurde sukzessive rausgetrieben, bis wir irgendwann sagen mussten: So, das können wir jetzt nicht mehr Waldorf nennen.

ZEIT ONLINE: Sie hatten also Angst, dass die Marke verwässert.

Henning Kullak-Ublick, Vorstandsmitglied des Bundes der Freien Waldorfschulen. Die Organisation vertritt deutschlandweit derzeit die Interessen von 236 Rudolf-Steiner-Schulen. © privat

Kullak-Ublick: Angst nicht, aber der Name Waldorf steht für eine pädagogische Philosophie, die man nicht beliebig uminterpretieren kann. Was wir davon in Wilhelmsburg umsetzen wollten, war ohnehin schon ein absolutes Waldorfminimalprogramm. Das haben wir akzeptiert. Aber auch dieses Minimum wurde in der Praxis zu oft gar nicht oder nur formal umgesetzt.

ZEIT ONLINE: Was konkret wurde denn nicht eingehalten?

Kullak-Ublick: Zu den Vereinbarungen zwischen dem Verein Interkulturelle Waldorfpädagogik und der Schulbehörde gehörte beispielsweise, einen Hauptunterricht einzuführen, eine Art pädagogisches Heiligtum für Waldorfschulen. Es geht darum, dass der Tag immer mit einer Doppelstunde beginnt. Über mehrere Wochen wird jeden Morgen das gleiche Fachgebiet behandelt. Die Schüler sollen es sich selbst erschließen und sich ihm auch kreativ annähern. Die Lernerfahrung selbst ist dabei genauso wichtig wie das gelernte Ergebnis, weil die Kinder ihren Willen, ihre Fantasie und ihren Kopf gleichermaßen anstrengen.

In diesem Hauptunterricht sollten immer jeweils ein ausgebildeter Waldorfpädagoge und ein Kollege zusammenarbeiten, der dafür noch ausgebildet wird. Das wurde aber in zwei separate Einheiten auseinandergerissen. Außerdem sollten, wiederum entgegen der Vereinbarung, Leistungstests eingeführt werden, die die Besonderheiten des Versuchs überhaupt nicht berücksichtigten. Am Ende war das keine Waldorfpädagogik mehr, sondern ein Etikettenschwindel. Künstlerischer Unterricht ist kein beliebiges Add-on.

ZEIT ONLINE: Durch das Aus werden sich jetzt jene Pädagogen bestätigt sehen, die sagen, dass es in einem Stadtteil, in dem sehr viele der Schüler Migranten sind, auf Disziplin ankommt und nicht auf freies Lernen. Ärgert Sie das?

Kullak-Ublick: Ja! Das war damals schon Unsinn und ist heute noch Unsinn. Man muss sich nur mal einen Musiker oder Bildhauer angucken, um zu verstehen, welche unglaubliche Disziplin grundsätzlich mit Kunst einhergeht. Gerade in der künstlerischen Arbeit schult man Disziplin, man muss seinen Willen in den Griff kriegen. Es ist nur eben eine Disziplin, die nicht auf Unterordnung beruht, sondern auf Eigeninitiative.