Vor ein paar Monaten wäre so ein Container für Dominik Bloh noch die Rettung gewesen. Jetzt richtet er sie her, um anderen zu helfen. Ingo Grabowski zum Beispiel. Der lebt hinter der Tür mit der Aufschrift "M2", eine Kochnische, ein Kühlschrank, ein Bett und am Fenster ein Schreibtisch. "Wann kommen denn die Waschmaschinen?", fragt Grabowski. "Am Wochenende können wir sie holen", antwortet Bloh. Die beiden kennen sich seit Langem, sie sind Freunde. Und doch befinden sie in diesem Moment auf unterschiedlichen Seiten.

Grabowski ist einer von 16 Obdachlosen, die in den zwölf Wohncontainern unterkommen. Sie stehen auf dem Gelände der Heilsarmee in Groß Borstel, einem Stadtteil im Norden Hamburgs. Bloh, 28 Jahre alt, mächtiger dunkler Bart, ist Ehrenamtlicher bei Hanseatic Help, dem Verein, der sich um die Innenausstattung der Räume kümmert, finanziert durch Spenden. Das Besondere ist, dass er sehr genau weiß, wie sich die Bewohner der Unterkunft fühlen. Bis vor vier Monaten hatte er selbst kein festes Zuhause.  

Zweifel daran, dass 16 Betten angesichts von mehr als 2.000 Obdachlosen in Hamburg viel bewirken, kann nur haben, wer Blohs bisherige Lebensgeschichte nicht kennt. Sie zeigt, wie viel schon ein einziges Bett bedeutet – und wie schmal der Grat zwischen Hilfsbedürftigkeit und Hilfsbereitschaft in einer Großstadt manchmal ist. Die Geschichte beginnt mit einem Rauswurf in Barmbek und erfährt die entscheidende Wendung in der Kleiderkammer für Flüchtlinge in den Hamburger Messehallen.

Er klaut Autos und bricht in Kioske ein

Bloh ist 16, als seine alleinerziehende Mutter ihn im Streit vor die Tür setzt. Im Februar 2005 fährt sie morgens um sechs Uhr zur Arbeit, er steht mit zwei Koffern in Barmbek auf der Straße. Bei Schneesturm und Kälte. "Ein Freund von mir hatte gesagt, ich könne bei ihm pennen. Also bin ich zu ihm gefahren", sagt Bloh. Er klingelt. In der Wohnung brennt Licht. Doch die Tür bleibt zu.

Er traut sich zunächst nicht, es nochmal zu probieren. "Wenn du ein 16-jähriger Junge bist und ganz andere Sachen in deinem Leben eine Rolle spielen – feiern, Mädels kennenlernen und coole Klamotten haben – gehst du nicht zu deinem besten Freund und sagst: 'Hey, ich sitze gerade auf der Straße!'" sagt Bloh. Manchmal übernachtet er in fremden Gartenlauben. An anderen Tagen kauft er sich ein HVV-Ticket und schläft im Nachtbus oder in der S-Bahn. Morgens geht er ins Schwimmbad, um frisch geduscht in die Schule zu gehen. Er verkauft Gras, um ein bisschen Geld zu haben.

Doch dann überwindet er seinen Stolz und weiht seine besten Freunde ein. "Natürlich haben die mir geholfen und mich bei sich übernachten lassen", sagt Bloh. "Aber du sitzt da und bewegst dich keinen Millimeter. Du willst nicht essen. Du willst nicht im Bett liegen. Du sitzt da und fühlst dich einfach nur als Belastung für diese Familie. Es ist ja nicht dein Zuhause."

Bloh schläft weiterhin oft auf der Straße. Aber er lernt, wo er Hilfe bekommt und meldet sich beim Jugendamt. Nach sechs Monaten Obdachlosigkeit zieht er in eine betreute Jugend-WG. Dort habe er gelernt, dass es immer jemanden gebe, dem es noch schlechter gehe, als einem selbst, sagt Bloh.

Mit 18 muss er raus aus der Jugend-WG. Er zieht in seine erste eigene Wohnung. Er besucht das Wirtschaftsgymnasium Steilshoop. Er bekommt es immer wieder mit der Polizei zu tun. "Ich habe einfach sehr viel Scheiße gebaut und dadurch mein Geld gemacht", sagt Bloh. Heute würde er einiges anders machen, aber in dem Moment habe er es für notwendig gehalten. Es sei schließlich niemand da gewesen, der ihm gesagt habe, was richtig und was falsch sei.