Die ganze Woche über feiern Lesben, Schwule, Transgender und Bisexuelle in Hamburg den Christopher Street Day (CSD). Am Samstag führt eine Parade durch die Innenstadt. Erstmals dabei: Zain, 25, aus Aleppo in Syrien. Er ist homosexuell, seine Familie darf das aber nicht wissen. Er heißt eigentlich anders, dieser Name soll ihn schützen.

Wenn ich in den nächsten Tagen beim Christopher Street Day mitlaufe, ist das das erste Mal, dass ich mich offen als schwuler Mann zeige.

In der arabischen Umgangssprache gibt es kein positiv besetztes Wort für "Homosexueller". Schwul zu sein bedeutet für die meisten Syrer, dass etwas nicht mit dir stimmt. Die Leute denken, dass du es dir ausgesucht hast, schwul, bisexuell oder lesbisch zu sein. Sie glauben, dass sich das ändern lässt. Schwule werden nicht in der Familie akzeptiert, sie sind eine Schande. Manche Eltern zwingen ihre Kinder, zu Ärzten zu gehen, die sie heilen sollen. Die Eltern eines Freundes sagten zu ihm: Du bist jetzt heterosexuell oder du bist auf dich allein gestellt.

Ich denke, das hat nicht so viel mit der Religion zu tun. Mein Freund war Christ, auch er konnte es seiner Familie nicht erzählen. Es ist eine Sache der Überzeugung, der Kultur, der Tradition. Im nahöstlichen Denken muss der Mann stark sein, nicht weich, seine Kleidung darf nicht auffällig oder ungewöhnlich sein. Männer, die nicht in dieses Raster fallen, die sich anders kleiden, Schmuck tragen oder den falschen Haar- oder Bartschnitt, können jederzeit verhaftet werden, weil sie gegen "allgemeine Verhaltensregeln" verstoßen. Ein Freund wurde von einem Polizisten erpresst, der drohte, seine Identität an seine Familie zu verraten. Er forderte Geld, sogar Sex. Die Uniform erlaubt dir vieles.

Einmal, als wir einen Jungen auf der Straße sahen, der auffälliger angezogen war, in buntem Hemd vielleicht, ich weiß es nicht mehr genau, da sagte mein Vater: "Dieser Junge hat keine Manieren. Wo sind seine Eltern? Er wird schwul sein, was eine Schande für seine Familie." In diesem Moment verstand ich, dass ich den Rest meines Lebens über mein wahres Ich schweigen würde.

Dieser Text ist in Auszügen im Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 33 vom 4. 8 2016 erschienen.

Meine Eltern sind gebildete Leute. Aber sie würden es nicht verstehen. Sie würden sich weigern, es zu verstehen. Ich wollte meine Familie nicht verlieren. Die homosexuelle Community in Syrien ist eine versteckte, heimliche Gemeinschaft. Das Internet ist die einzige Möglichkeit, miteinander in Kontakt zu treten. Ich habe mir einen Fake-Account auf Facebook erstellt, mit falschem Namen, mit einem Foto, das ich im Internet gefunden habe. Um zu zeigen, dass dieser Account einem Schwulen gehört, lud ich Bilder hoch, die Männer als Paar zeigten, oder einen Regenbogen. Wir fügten uns gegenseitig zu privaten Gruppen hinzu. Alles lief heimlich ab. So sprachen wir miteinander, halfen einander, manchmal verliebten wir uns.

Während meines Studiums des Ingenieurwesens hatte ich eine eigene Wohnung. Oft habe ich andere Schwule bei mir aufgenommen, die von ihren Familien verstoßen wurden. Manchmal habe ich ihnen geholfen, einen Job zu finden, bei Arbeitgebern, die ich aus der schwulen Community kannte. Später, als der Krieg ausbrach, habe ich als Freiwilliger in Flüchtlingscamps des Roten Kreuzes und von Unicef mitgeholfen. Da bin ich das erste Mal schwulen Geflüchteten begegnet, die unter den Schikanen anderer Geflüchteter litten. Ich hatte damals keine Ahnung, dass es mir irgendwann genauso gehen würde.