Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

ist Mieten bald das neue Besitzen? Was wir von Leasing, Carsharing oder auch vom Musikstreamen schon kennen, will der Versandhändler Otto bald auch für Tablets, Fernseher oder auch Waschmaschinen anbieten: Man zahlt nur, solange man das Teil auch benötigt, beziehungsweise die Mindestmietdauer soll drei Monate betragen, was durchaus Sinn macht, damit niemand auf die Idee kommt, den Waschtrockner regelmäßig einmal pro Woche zu mieten, und zwar immer nur am Waschtag. Eine Idee mit großem Potenzial, nicht nur des Mietens wegen. Denn dazu, erzählte Otto-Manager Marc Opelt dem "Hamburger Abendblatt", wolle man "einen Rundum-Service inklusive Aufbau, Wartung und kostenloser Reparatur anbieten". Ein Segen für all diejenigen, die furchtbar verzweifeln, weil Reparaturen den meisten Handwerkern offenbar mittlerweile viel zu popelig sind.

KIDS "steht das Wasser bis zum Hals"

Die Zeit drängt. Findet das KIDS nicht bis Ende September einen neuen zentralen Standort, wird Deutschlands größte Einrichtung für Straßenkinder ihre Arbeit von Oktober an vorerst einstellen und die Arbeit auf Streetworking beschränken müssen. "Uns steht das Wasser bis zum Hals", sagt Burkhard Czarnitzki, Leiter des KIDS, das jährlich Anlaufstelle für etwa 500 Jugendliche im Alter von 13 bis 18 Jahren ist. Noch ist die von der Stadt finanzierte Einrichtung des Trägers Basis und Woge im Bieberhaus am Hauptbahnhof beheimatet. Doch der Vermieter will die Räumlichkeiten modernisieren und kündigte deshalb den Mietvertrag zum 1. Oktober. Die Suche nach einer neuen zentral gelegenen Unterkunft blieb erfolglos, wie Czarnitzki uns bereits am 10. August erläuterte. Marcel Schweizer, Pressesprecher der Sozialbehörde, bestätigte gestern: "Die Lage am Hauptbahnhof ist, wie sie ist. Es gibt dort momentan keine freien Gebäude in städtischer Hand." Aber es sei das gemeinsame Interesse aller Beteiligten, "dass das Projekt überlebt und am Hauptbahnhof bleibt", so Schweizer. "Wir unterstützen, wo wir können." Das ist auch das erklärte Ziel der Onlinepetition, die innerhalb von sechs Wochen laut Czarnitzki 6500 Unterstützer fand. Die Unterschriftenliste wurde jüngst Senatsvertretern übergeben. "Es muss zur Chefsache gemacht werden, alleine schaffen wir das nicht", betonte Czarnitzki. Scheint, als müsse Hamburgs Chef wirklich ran. Wer war das noch mal?

Kastanien leiden unter Komplexkrankheit

Der Kastanie geht es nicht gut. 6347 Exemplare der Baumart stehen laut Umweltbehörde im Hamburger Stadtgebiet – und die allermeisten von ihnen leiden. Schuld ist unter anderem die Miniermotte, von der viele Bäume befallen sind. Der Schädling stört die Nährstoffaufnahme und lasse die Kastanie so "schon im Sommer wie tot aussehen", sagt Pressesprecher Jan Dube. Aber: Zum tatsächlichen Absterben des Baumes führt die Motte nicht. Weit schlimmer ist die sogenannte Komplexkrankheit, ausgelöst durch das Bakterium Pseudomonas. "Das greift die Bäume an, daraus entstehen Pilze, die das Holz zerstören", erklärt Dube. Die Folge: Bruchgefahr – und die Fällung, um das Risiko umstürzender Bäume auszuschließen. Das sei aber immer das letzte Mittel, zu dem erst dann gegriffen werde, wenn auch ein "Baumdoktor" nicht mehr helfen könne. Schließlich besitze eine Kastanie einen hohen Wert – ideell, ökologisch und monetär, so Dube. Derzeit dokumentiert die Behörde den Bestand der Kastanien, die von der Komplexkrankheit betroffen sind. Die verbreitete sich in den letzten Jahren vom Niederrhein in Deutschland. Ein Gegenmittel ist nicht bekannt, nur ein paar der befallenen Bäume haben die Kraft, sich wieder zu erholen. "So schade das ist", sagt Dube, "der Traditionsbaum Kastanie wird momentan in Hamburg nicht mehr nachgepflanzt. Denn wir können nicht sicher sein, wie gut die langfristigen Überlebenschancen sind."

HVV: Rabattaktion reloaded

Es war gut gemeint, sorgte aber für einige Verwirrung: Um seine App zu bewerben, startete der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) am vergangenen Samstag eine Rabattaktion. Wer über die mobile Anwendung fürs Smartphone ein Ticket kaufte, erhielt es für den halben Preis. Dass dafür allerdings der Code "HVV50" (ohne Gänsefüße!) eingeben werden musste, war offenbar nicht jedem klar. Die HVV-Hotline erreichten Anrufe verärgerter Fahrgäste, die ausbleibende Preisnachlässe monierten. "Wir bedauern das sehr", sagte Silke Seibel, stellvertretende Pressesprecherin des HVV, uns gestern, doch man habe die Sache mit dem Code überall kommuniziert. Aber: Wer beim ersten Mal Pech hatte, hat am nächsten Samstag erneut Gelegenheit, in den Genuss reduzierter Fahrpreise zu kommen. Also, Frau Seibel, noch mal zum Mitschreiben, bitte: Worauf ist zu achten? "Es ist ganz wichtig, dass die Fahrgäste auf den Button ›Gutschein einlösen‹ gehen, dann in dem neuen Fenster den Code HVV50 eingeben. Groß- oder Kleinschreibung ist egal. Danach wird der Preis umgehend um 50 Prozent reduziert und entsprechend angezeigt." Alles klar. Oder?

"Die Trauben können wir nicht mehr herzaubern"

Seit seinem 14. Lebensjahr ist Fritz Currle im Weinanbau tätig. Sich selbst bezeichnet der heute 72-jährige Schwabe als "Stuttgarter-Weindorf-Wirt der ersten Stunde" – und als solcher war er sehr maßgeblich am Export der württembergischen Weinkultur in Form des Weindorfs auf dem Rathausmarkt beteiligt. Kein Wunder, dass der hauptberufliche Winzer und ehrenamtliche CDU-Politiker gestern die Traubenlese am Stintfang, Hamburgs einzigem Weinberg, persönlich verfolgte – und dabei eine böse Überraschung erlebte. Wir sprachen mit ihm.

Elbvertiefung: Herr Currle, seit 1995 wird tatsächlich auch in Hamburg Wein angebaut. Am Stintfang wachsen rote Trauben der Sorte Regent und weiße Trauben der Sorte Phönix. Und Sie haben damit zu tun …

Fritz Currle: Das war ein Geschenk von uns Weindorf-Wirten. Anlass war damals, Danke schön dafür zu sagen, dass wir seit zehn Jahren auch in Hamburg mit dem Weindorf zu Gast sein durften.

EV: In diesem Jahr kam das Weindorf auf dem Rathausmarkt ja nicht zustande, weil es Querelen um die Höhe der Platzmiete gab. Blutet ihnen da nicht das Herz?

Currle: Natürlich. Da ist dieses Jahr wirklich etwas schiefgelaufen. Aber die Tür ist nicht zu, wir befinden uns in guten Gesprächen. Ich kann mir gut vorstellen, dass es 2017 in Hamburg wieder ein Weindorf geben wird.

EV: Wenn das geschehen sollte, wird dort dennoch nicht der Hamburger Wein zu bekommen sein. Der ist ja nicht käuflich zu erwerben, sondern wird von der Stadt nur zu besonderen Anlässen verschenkt. Wissen Sie denn eigentlich, wie er schmeckt?

Currle: Ich weiß schon, wie er schmeckt – ich baue ihn schließlich selber an.

EV: Nun ist es doch aber ein Unterschied, ob ein und dieselbe Sorte in Süddeutschland angebaut wird oder an einem der nördlichsten Weinberge Deutschlands an der Elbe …

Currle: Ja. Der Hamburger Wein ist etwas säurebetonter als unserer. Aber es ist trotzdem ein guter Wein, man lässt ihn dann einfach ein bisschen länger liegen. Davon wird er nur besser.

EV: Und wie ist der Ertrag am Stintfang in diesem Jahr?

Currle: Er war sehr gut. Davon habe ich mich noch vor drei Wochen selbst überzeugt, da war alles prallvoll mit Trauben. Wir hatten den Wein mit Netzen gegen Vögel und gegen Diebstahl geschützt. Allerdings haben wir heute Morgen festgestellt, dass 90 Prozent der Ernte offenbar dennoch geklaut worden sind.

EV: Wie bitte?!

Currle: Ja, alles deutet auf Diebstahl hin. Die Enttäuschung ist natürlich riesengroß. Und die Trauben können wir nicht mehr herzaubern.

HSV: Alles wieder beim Alten im Volkspark

Wer sich für den Hamburger SV interessiert, für den gibt es seit gestern einen neuen Lesetipp. "Hört die Kurve! – Ein ganz persönliches HSV-Lesebuch" lautet der Titel von Manfred Ertel – Hamburger, HSV-Fan seit Kindheitstagen und ehemaliger "Spiegel"-Redakteur. Aber nicht nur das ist Ertel, sondern auch Ex-Aufsichtsratsvorsitzender. Dass sich das Dasein als Fan mit solch einer Funktion nicht unbedingt verträgt, leuchtet ein. So verwundert es denn auch nicht, was Ertel bei der Buchvorstellung im Schmidt Theater laut dpa sagte: Es sei "keine Abrechnung mit dem HSV, "eher die Beschreibung (...) einer Fußball-Liebe und wie sie kaputt ging". Ihm habe "die zunehmende Kommerzialisierung den Spaß am Fußball" genommen. Gegen dieses Phänomen richtete sich auch der Protestmarsch einiger HSV-Anhänger am vergangenen Samstag vor dem Spiel gegen RB Leipzig, dem von einem österreichischen Brausehersteller finanzierten vermeintlichen Emporkömmling, der für nicht wenige der Inbegriff für die Kommerzialisierung in Fußballdeutschland schlechthin geworden ist. Der Aufsteiger "rächte" sich dafür mit einem satten 4:0-Sieg im Volkspark. Nach drei Spieltagen stehen die Hamburger so mit einem mageren Punkt als Vorletzter da. Und schon gleicht die Rhetorik wieder der vergangener Jahre, in denen der Traditionsverein nur knapp dem Abstieg entronnen ist. Das Spiel in Freiburg sei überlebenswichtig, sagte HSV-Coach Bruno Labbadia vor dem heutigen Auftakt (20 Uhr) zur englischen Woche bei dem Aufsteiger aus dem Badischen. (Und manche sagen schon, das gelte auch für Labbadias Überleben als Trainer.) Am kommenden Samstag ist dann im Volkspark der übermächtige FC Bayern München zu Gast. Ob Manfred Ertel auch auf der Tribüne sitzen wird? Möglich. Immerhin verspüre er noch "eine Rest-Loyalität" zum Hamburger SV.

Mittagstisch

Von der Klappe in die Garage

Als Kaffeeklappe bezeichnete man früher einfache Speiselokale für Arbeiter. Die Klappe in Ottensen war bis zum Frühjahr 2015 auch nicht mehr als eine Klappe – ein Fenster, durch welches das Essen von den sympathischen Betreibern Hamid und Lars auf die Straße hinaus verkauft wurde. Seit einem Jahr kann man einige Meter weiter im Il Garage in der Kleinen Rainstraße geschützt sitzen und aus meist drei wechselnden Angeboten wählen, von Suppe für 3,90 € bis zu Fisch- und Fleischgerichten für 7,90 €. Die Atmosphäre ist ungezwungen und ein wenig abenteuerlich mit freiliegenden Eisenträgern, nacktem Betonboden und abgeschlagenen Wänden; auf Ledersofas und Schulstühlen sitzend, kommt man schnell ins Gespräch. Die mächtig würzigen Auberginen-Cannelloni mit Entenconfit und Thymianpolenta sind ebenso lecker wie das Schollenfilet mit Rote-Bete-Salat und ""Kartoffel-Erbsen-Pü" (beides für 7,90 €) – alles aus saisonalen Zutaten frisch vom Wochenmarkt. Falls man noch Lust auf Süßes verspürt und es gerade nichts zum Nachtisch gibt, wird kurzerhand an die netten Cafés gegenüber verwiesen.

Il Garage, Ottensen, Am Sood 2, Montag bis Freitag 12 bis 15 Uhr

Christiane Paula Behrend

Was geht

Sitz-Konzert: "Heimatlieder aus Deutschland" – klingt wie Ufftata, Ufftata und Tschingderassabum? Dann sollten Sie heute Abend mal ins Thalia Theater gehen, da hört sich die Sache schon ganz anders an. Berliner Musiker aus Marokko, Serbien, Vietnam, Syrien, Kuba und Portugal interpretieren altes deutsches Liedgut in der musikalischen Tradition ihrer Herkunftsländer. Oder können Sie sich etwa schon denken, wie August Heinrich Hoffmann von Fallersleben in arabischer Phrasierung klingt? Nein? Eben. Thalia, Alstertor, 20 Uhr, Eintritt 7,50 bis 38 Euro

Lesung: Mit "Biografie" ist Maxim Biller ein Roman gelungen, der Liebeswirren und Holocausttrauma, Roadmovie und Heimatgeschichten, Politthriller und Künstlerdrama in einem einzigen grotesken Plot vereint. Heute Abend liest der Autor beim Harbour Front Literaturfestival daraus vor. Pressehaus Gruner + Jahr, Am Baumwall 11, 20 Uhr, Eintritt 14 Euro

Tanz-Konzert: Musikalischen Kultur-Mash-up gibt es heute Abend auch im Hafenklang. Die argentinisch-bosnisch-chilenisch-schwedische Combo Faela ist angereist mit dem Ziel, den Laden in eine pulsierende Partypiste zu verwandeln. Körperlichen Einsatz darf man dabei auch auf der Bühne erwarten, denn akrobatische Einlagen gehören bei Faela fest zum Repertoire. Tipp: Lassen Sie die High Heels heute lieber im Schrank. Hafenklang, Große Elbstraße 84, 22 Uhr, Eintritt 12 Euro

Hamburger Schnack

Stand-up-Paddling an einem der letzten warmen Tage 2016: Die Aktiven wollen wissen, wo sie ihre Straßenkleidung deponieren können. Der Betreiber hat einen hilfreichen Tipp: "Ihre Schuhe können Sie dort hinten in die Ecke stellen. Um Sie später wiederzufinden, schnüffeln Sie einfach nach Ihren Käsefüßen."

Gehört von Thilo Hopert

Meine Stadt

Der eine mit dem Rad, der andere mit der Jacht. © Foto: Gitta Stein

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle


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