Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

lassen Sie uns schnell zweimal über Geld reden. Erstens: Die Polizei warnt mal wieder vor dem "Enkeltrick". Naja, sagen Sie nun, wer fällt da schon noch drauf rein? Zum Beispiel eine 91-jährige Frau aus Rendsburg. Bei der meldete sich am Telefon ein angeblicher Neffe und bat sie um Geld für ein Auto. Der Frau, so die Polizei, fiel zwar die "veränderte Stimmlage des vermeintlichen Neffen auf". Trotzdem hob sie bei der Bank 40.000 Euro ab, und als ein angeblicher Bote des Neffen das Geld abholen kam und erwähnte, es sei alles leider doch teurer geworden als gedacht, gab sie ihm noch 1000 Euro mehr mit.

Sie haben natürlich recht: Rendsburg ist nicht Hamburg. Hier haben Enkel und auch Kinder andere lukrative Einnahmequellen, allen voran das Taschengeld: Laut einer Studie im Auftrag der Comdirect-Bank können 16- bis 25-jährige Jugendliche aus unserer Stadt, den Elternobolus eingerechnet, im Durchschnitt 382 Euro pro Monat ausgeben – über hundert Euro mehr als die Jugendlichen in Mecklenburg-Vorpommern und so viel wie in keinem anderen Bundesland: Der deutsche Durchschnitt liegt bei 319 Euro.

Und auch zwischen den Geschlechtern ist das Gefälle groß: Jungs stecken im Bundesvergleich 345 Euro im Monat ein, Mädchen nur 291. Offenbar bereitet man die Kinder so schon frühzeitig auf die Einkommensverhältnisse im Berufsleben vor.

"Diesel ist nur EIN Problem!"

Sollen Diesel-Fahrzeuge in der Stadt verboten werden? Diese Frage treibt nicht nur die Politik um, sondern auch Sie, liebe Leser. Eine klare Mehrheit von über 2000 Teilnehmern unserer Umfrage sprach sich kürzlich dafür aus, den Diesel aus der Stadt zu verbannen. Allerdings kamen auch ein paar nachdenkliche Stimmen: Was ist mit dem ganzen Lieferverkehr? (Wäre doch dumm, wenn Hamburg die erste Stadt wäre, die die Notvorratsempfehlung der Bundesregierung flächendeckend testen müsste ...) Was ist mit den Handwerkern? (Nicht vorstellbar, wenn überhaupt keiner mehr käme.) Über sinnvolle Konzepte sprachen wir mit Philine Gaffron, Oberingenieurin am Institut für Verkehrsplanung und Logistik der TU Harburg.

Elbvertiefung: Frau Gaffron, wäre ein Diesel-Verbot aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Philine Gaffron: Als alleinige Maßnahme von jetzt auf gleich ist ein komplettes Diesel-Fahrverbot sicherlich nicht zielführend. Das geht nicht, ohne vorher entsprechende Alternativen zu stärken. Aber als temporäre Maßnahme, wenn die Grenzwerte akut überschritten sind, ist das eine Möglichkeit. Das hat auch kürzlich das Gericht in Düsseldorf in einem Urteil angeregt.

EV: Gerade im Lieferverkehr läuft ja viel mit Diesel. Was wären denn da Alternativen?

Gaffron: In der Stadt ist erst einmal viel Lieferverkehr so kleinteilig, dass er auch mit Lastenrädern gut zu bewältigen ist. Das wäre eine Möglichkeit. Eine andere wäre es, den städtischen Lieferverkehr in einem gemeinsamen Zentrum zu bündeln. So etwas gibt es zum Beispiel rund um Berlin. Allerdings sind diese Zentren leider häufig nicht erfolgreich, weil die Anreize für Unternehmen bislang nicht ausreichend sind, da mitzumachen.

EV: Könnte der Anreiz durch strengere Auflagen oder eben ein Verbot nicht gesteigert werden?

Gaffron: Doch, zum Beispiel mit der blauen Plakette, wie sie gerade diskutiert wird, oder generell strengeren Auflagen für den Emissionsausstoß. Dabei muss nur gut überlegt werden, welche Ausnahmen es gibt und welche Kriterien dafür gelten sollen.

EV: Gibt es denn Städte, die in Sachen Diesel-Verbot schon gute Konzepte planen oder umsetzen?

Gaffron: Direkt auf Diesel bezogen, fällt mir da jetzt nichts ein. Ich finde die Diskussion um das Diesel-Fahrverbot ehrlich gesagt auch etwas unbefriedigend. Wichtiger wäre eine übergeordnete Diskussion, bei der es um eine bessere Luftqualität geht, um weniger Klima-Emissionen, weniger Lärm – kurz: wie sich der motorisierte Verkehr in Städten verringern lässt. Diesel ist da nur ein Problem! Und in Hamburg kommt noch ein weiterer wichtiger Punkt dazu: der Schiffsverkehr, der in Bezug auf die Luftqualität immer mitbedacht werden muss.

Das Chaos von "Santa Fu"

Harte Zeiten in Hamburgs bekanntestem Gefängnis, der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel, auch genannt "Santa Fu". Nicht wegen der harten Jungs, die dort einsitzen, sondern vor allem wegen des fehlenden Personals. "Die JVA Fuhlsbüttel steht vor einem Kollaps. (...) Die Sicherheit der Bediensteten und der Gefangenen ist infrage gestellt. (...) Die ehemals gut geführte Anstalt versinkt im Chaos", schrieb ein Mitarbeiter Ende August an die ZEIT:Hamburg. Kollege Sebastian Kempkens traf sich daraufhin mehrfach mit dem Mann, der seit Jahrzehnten in den verschiedenen Gefängnissen der Stadt arbeitet, und erfuhr von drastischen Dienstverstößen, über die er in der aktuellen Ausgabe der ZEIT:Hamburg berichtet. So sollte eigentlich jede der zwölf Stationen von einem Bediensteten bewacht werden. "Inzwischen ist es längst normal, dass ein Beamter zwei Stationen gleichzeitig betreut", sagt der Insider. Nicht selten habe er erlebt, wie ein Kollege über Stunden allein für drei oder vier Stationen zuständig gewesen sei. Um das zu schaffen, blieben Türen einfach offen. Der Mitarbeiter berichtet außerdem von Anwärtern, also Auszubildenden, die allein Stationen betreuen, und von eigentlich streng verbotenen Handys, auf denen Häftlinge und Bedienstete gemeinsam Videos schauen. Die Justizbehörde räumt zwar ein, dass es ein gehöriges Personalproblem gibt, bestreitet aber andere Vorwürfe, wie etwa die offenen Türen. Was die Personalkrise für Auswirkungen auf die Resozialisierung der Häftlinge hat und warum Justizsenator Till Steffen an der Situation mit schuld ist, steht in der aktuellen Ausgabe der ZEIT:Hamburg – zu bekommen auch im Digitalabo.

Gericht erklärt Präses-Rede für rechtswidrig

Die Gerichte der Stadt sind überlastet, hört man immer wieder. Manchmal versteht man, warum. Das Verwaltungsgericht befasste sich am Dienstag abschließend mit der Silvesteransprache des Kammerpräses Fritz Horst Melsheimer. Der hatte in seiner traditionellen Rede bei der "Versammlung eines Ehrbaren Kaufmanns" scharfe und klare Worte für die Politik gefunden. Er ging zum Beispiel auf die Flüchtlingskrise und die gescheiterte Olympia-Bewerbung ein und kritisierte Volksabstimmungen und direkte Demokratie als "schwerwiegenden Irrweg". Na gut, möchte man meinen, alles Themen, die die Stadt umtreiben und zu denen jeder eine eigene Meinung haben kann – die man nicht unbedingt teilen muss. Doch zumindest die Kritik an der direkten Demokratie und auch andere Passagen der Rede sind sogar rechtswidrig, urteilte das Verwaltungsgericht am Dienstag. Schließlich gebe es für Industrie- und Handelskammern eine rechtlich vorgeschriebene Zurückhaltung in allgemeinen politischen Fragen ohne Wirtschaftsbezug. Die Handelskammer will nun prüfen, ob es eine Berufung vor dem Oberverwaltungsgericht geben soll. Und der Präses soll auch zum Ende dieses Jahres wieder seine traditionelle Silvesteransprache halten. Na dann, auf ein gutes Jahr 2017, auch allen überlasteten Gerichtsmitarbeitern …

Happy End nach dem Happy End für den Pudel?

Nun folgt die vorletzte Szene in der Crime-Story um den Golden Pudel, die Szene nach dem Happy End. Sie erinnern sich: Im Februar brannte das Dach des legendären Clubs. Die Polizei ermittelte wegen Brandstiftung, konnte den Verdacht aber nicht erhärten. Ein Zeuge, der einen mysteriösen Mann beobachtet haben wollte, wurde abgeschoben. Ein Zwangsversteigerungstermin wurde wegen des Schadens aufgehoben. Schorsch Kamerun, Mitbegründer des Clubs und Sänger der Punkband "Die Goldenen Zitronen", hatte das Feuer als "merkwürdigen Zufall" bezeichnet, schließlich gab es davor Streit zwischen den Eigentümern Rocko Schamoni und Wolf Richter. Aber über die Ursachen zu spekulieren bringt jetzt nichts mehr. Die Mara & Holger Cassens Stiftung sprang ein, um, Happy End!, die Rettung des Szenetreffs zu unterstützen. Und gestern haben die Abrissarbeiten begonnen: Eine Baufirma fing an, Dach und das Obergeschoss des Hauses abzutragen. Wann der Club wiedereröffnet wird (das wäre die allerletzte Szene mit Musik, dann Abspann) und ob wir als regelmäßige Crime-Story-Berichter auch zur Party eingeladen sind, ist noch unklar. Wir bleiben dran!

Festival-Tipps für Coole

Gestern Abend ist das Reeperbahn-Festival gestartet: Insgesamt 450 Bands treten bis Samstag auf mehr als 70 Bühnen rund um den Kiez auf. Da den Überblick zu bewahren fällt nicht immer leicht – egal, ob man sich auf der Website durch den endlos langen Timetable scrollt, sich via App von Band zu Band hangelt oder mit einem ausgedruckten Plan hantiert. Wer Schwierigkeiten hat, sich zu entscheiden, für den haben die Redakteure von ZEIT und ZEIT ONLINE ein paar Tipps parat. Cool sein mit Juicy Gay zum Beispiel, der am Samstag um 20.20 Uhr im Moondoo auftritt. "So geht Punk im Jahr 2016", schreibt Kollege Lars Weisbrod über Deutschlands angeblich ersten offen schwulen Rapper. Was er dem Auto-Tune-Künstlerdilettanten mit den Farbexplosionsoberhemden anfangs nicht zugetraut hätte? "Wie wahnsinnig, wild, aufregend das alles live ist." Klingt ganz gut! Weitere Tipps zu zarten Stimmen unter einem riesigen Gewölbe und tanzbarem Dänen-Gefrickel lesen Sie hier.

Mittagstisch

Die Qual der Salat-Wahl

Unter dem Motto "Fast Slow Food" serviert das Von der Motte seit vier Jahren Suppen, Sandwiches, herzhafte französische Cakes (zum Beispiel mit Greyerzer und Ofengemüse für 6,90 Euro) und sündhaft gute Torten. Vor allem jedoch Salate. Ausgehend vom Basissalat für 5,90 Euro mit vier Zutaten kann man sich durch Ankreuzen auf einer Karte aus vielen weiteren Beilagen eine Eigenkomposition zusammenstellen. Die Wahl fällt dabei schwer: Sollen es kandierte Pekannüsse, Bacon oder Schafskäse sein oder doch lieber gegrillte Shrimps? Darüber hinaus gibt es wechselnde Wochenangebote wie Pasta mit Garnelen, Kirschtomaten und Chili für 10,90 Euro und eine Standardkarte. Alles ist sehr schmackhaft, meist regional, bio und mit Liebe zubereitet. Der Service ist herzlich, an den mit hell gestrichenem Treibholz verkleideten Wänden finden sich auf Brettern Bücher zum Schmökern, und draußen sitzt es sich sehr nett in der Mottenburger Twiete, die dem Lokal seinen Namen gab – zwischen Hunden und Kinderwagen genießt die Ottenser Stammkundschaft und lässt es langsam angehen.

Von der Motte, Ottensen, Mottenburger Twiete 14, Di. bis Sa. 10–20 Uhr, So. 10–18 Uhr

Christiane Paula Behrend

Was geht

Interreligiöser Dialog: Zum Feierabend ein bisschen Liebe, Kunst und Freundschaft? Klingt doch nicht schlecht. Anlass dazu bietet die Kunsthalle mit ihrem Dialogabend zum Thema "Freundschaft und Liebe in der bildenden Kunst und in den Religionen". Gedankenanstöße liefern Dr. Monika Kaminska von den Jüdischen Gemeinschaften, Özlem Nas vom islamischen Dachverband Schura und Pastor Dr. Friedrich Brandi. Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall 5, 19–20.30 Uhr, Eintritt: 12 Euro, ermäßigt 6 Euro

Jazz-Lyrik-Performance: Peter Rühmkorf lässt wieder von sich hören! Die Werke des berühmten Lyrikers gibt das Leslie-Meier-Trio zum Besten – als Songs, als Sprechgesang, als Rezitation mit Jazzbegleitung, in Reim- und Reinform. "Allein ist nicht genug" heißt das Programm zu Ehren des 2008 gestorbenen Dichters, das heute Abend zum Harbour Front Literaturfestival erklingt. St. Katharinen Kirche, Katharinenkirchhof 1, 20 Uhr, Eintritt: 14 Euro

Politischer Vortrag: Wer sind "Die Identitären", und was wollen sie? Der Journalist und Historiker Dr. Volker Weiß gibt Antworten und erläutert, wie die rechtspopulistische Jugendbewegung unter Gleichaltrigen gegen Einwanderer und Andersdenkende mobilmacht. Gut zu wissen für alle, die rechten Gruppen nicht fassungs- und sprachlos gegenüberstehen wollen. Centro Sociale, Sternstraße 2, 20 Uhr, Eintritt frei

Was kommt

Verlosung: Egal, ob Jazz, Rock oder Pop – die G-Strings setzen sich über die Grenzen musikalischer Genres hinweg. Für das NDR Kultur Neo Klubkonzert "String Things" am Donnerstag, 29. September, im Cascadas hat das Streichquintett gleich zwei Premieren im Gepäck: Im Akustik-Set gibt es erstmals ein Zusammenspiel mit dem Hamburger Pianisten Mischa Schumann, im anschließenden Electric-Set ist der litauische Popstar Linas Adomaitis zu Gast. Klingt gut? Dann schicken Sie uns heute bis 20 Uhr eine Mail an elbvertiefung@zeit.de – wir verlosen 2 mal 2 Karten. Cascadas, Ferdinandstraße 12, Donnerstag, 29. September, 20 Uhr, Eintritt: 17 Euro, Abendkasse 22 Euro

Hamburger Schnack

Ein Pärchen in den Zwanzigern steht an der Ecke Schanzenstraße/Susannenstraße, beide schauen sich ziellos um, da zuckt der Mann mit den Schultern: "Wir können auch zu mir fahren und Bratkartoffeln machen."

Gehört von Dirk Bathen

Meine Stadt

Viel Glück! Oder der Himmel über der Feldstraße … © Foto: Nina Harden

Wir sagen’s doch – Literaturstadt Hamburg! Nachdem wir gestern schon stolz die Nominierung des gebürtigen Hamburger Schriftstellers Bodo Kirchhoff für den Deutschen Buchpreis vermeldet haben, hier gleich noch zwei weitere Glückwünsche in Sachen schreibende Zunft: Heinz Strunk bekommt für sein Buch "Der goldene Handschuh" den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis der Stadt Braunschweig. Und Dmitrij Kapitelman erhält für seinen Debütroman "Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters" den Klaus-Michael-Kühne-Preis des Harbour Front Literaturfestivals. Wir gratulieren – und freuen uns mit den Autoren über den Geldsegen (Strunk: 30.000 Euro, Kapitelman: 10.000 Euro)!


Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen, gut gelaunten Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!


Ihr

Mark Spörrle


PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.