Zu Beginn eine Warnung: Der Kommentar, den Karsten D. am 2. Dezember 2015 um 7.46 Uhr auf der Facebook-Seite der Hamburger AfD hinterließ, ist nichts für schwache Gemüter. Als DIE ZEIT im Dezember über Hasskommentare gegen die Grüne-Bürgerschaftsabgeordnete Stefanie von Berg berichtete (den Text lesen Sie hier), haben wir entschieden, weniger krasse Kommentare zur Dokumentation zu verwenden. Doch nun wurde dieser Kommentar am Amtsgericht Hamburg verhandelt:

"Alter … wie ich diese GRÜNE DRECKSCHEISSE hass. Herr, bitte schicke ihr 10 Maximal-Pigmentierte mit riesen Schwänzen ins Haus, die der Kampflesbe mal stundenlang trocken in den verschissenen Arsch ficken."

Neun Monate nach seinem Posting ist Karsten D. aus Lemgo angereist und sitzt auf der Anklagebank im Amtsgericht. Er hat Widerspruch eingelegt gegen einen Strafbefehl, den die Staatsanwaltschaft ausgestellt hat: 50 Tagessätze sollte er wegen Beleidigung zahlen.

"Das ist alles ganz dumm gelaufen", sagt D., ein kräftiger Typ mit Glatze, der sich auf seinen Arm ein Fadenkreuz und das Wort "Sniper", Scharfschütze, hat tätowieren lassen. Er habe gedacht, den Kommentar könnten nur seine Freunde sehen. Eigentlich achte er penibel auf so etwas, das sei ihm offenbar "durchgerutscht". Was von Berg gesagt habe, sei nun mal "absolut nicht meine politische Meinung".

Die schulpolitische Sprecherin der Grünen hatte in einer Rede in der Bürgerschaft im vergangenen November den Satz gesagt: "Ich bin der Auffassung, dass wir in 20, 30 Jahren gar keine ethnischen Mehrheiten mehr haben in unserer Stadt." Und den Nachsatz: "Das ist gut so." Wochen später postet die Hamburger AfD ein Video dieser Rede auf Facebook, mit dem Titel "Grünen-Politikerin lässt die Maske fallen" und der Beschreibung "Das politische Ziel der Grünen: Es soll keine deutsche Bevölkerungsmehrheit mehr geben". Tausende hatten das Video geteilt und kommentiert, viele mit rüden Beleidigungen gegen von Berg, aber wenige so krass wie D.

Richterin: "Ist Ihnen nicht die Idee gekommen, dass man sich als erwachsener Mensch auch anders ausdrücken kann?"

D: "Doch, klar. Ich weiß, dass das ein bisschen krass war."

Richterin: "Ein bisschen krass?"

D: "Ja, auch ein bisschen viel."

D., 50 Jahre alt, geschieden, kinderlos, Hartz-IV-Empfänger, sagt, er sei alkoholabhängig, depressiv und herzkrank. Vor zwei Jahren habe seine Frau ihn nach 27 Jahren verlassen. Für einen 75-Jährigen. "Seitdem bin ich etwas durch den Wind." Damals wurde D. wegen Beleidigung, Körperverletzung und Nötigung verurteilt. Politisch sei er wohl "eher rechts", auf keinen Fall "grün, rot oder links". "Ich bin ein sogenannter Nichtwähler, ich war mein ganzes Leben noch nie wählen." Von der Politik werde er doch bloß als "nazideutscher Stammtischbruder" abgestempelt.