Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

es waren denkwürdige Feierlichkeiten zum 26. Jahrestag der Deutschen Einheit. Beklemmend, wie selbstgerecht in Dresden jene, die sich immer mehr von der Realität unserer Gesellschaft abkapseln, zum Festakt angereiste Politiker als "Volksverräter" beschimpften – ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass sie in dem Staat, den sich viele von ihnen zurückwünschen, nicht mal ansatzweise in der Lage gewesen wären, so zu schimpfen und zu stören. Erschreckend, wie dummdreist rechte Populisten Faktenferne, Ignoranz, Destruktivität und Sündenbocksuche zu positiven Eigenschaften verklären. Mehr über einen unschönen Tag im Osten lesen Sie bei den Kollegen von ZEIT ONLINE.

Tag der offenen Moschee

Welch anderes Bild dagegen in Hamburg. Seit 1997 öffnen am 3. Oktober bundesweit rund 1000 Moscheen ihre Türen zum Tag der offenen Moschee. Das bewusst gewählte Datum am Tag der Deutschen Einheit sei ein Zeichen der Verbundenheit von Muslimen und Deutschen, so der Koordinationsrat der Muslime. In unserer Stadt haben gestern 18 muslimische Gemeinden Hunderte interessierte Besucher empfangen, darunter die Imam-Ali-Moschee an der Außenalster, besser bekannt als Blaue Moschee, und die künftige, noch im Umbau befindliche Moschee des Islamischen Zentrums Al-Nourin in Horn. Dort, in der ehemaligen Kapernaumkirche, standen Besucher zeitweise bis an die Eingangstür. "Genial!", freute sich Daniel Abdin, Vorsitzender des Islamischen Zentrums Al-Nour, im Gespräch mit uns. Vor dem Publikum in Horn bekräftigte er: "Wir brauchen sichtbare, transparente Moscheen." Es könne nicht sein, "dass wir Muslime in Deutschland in einer Parallelgesellschaft leben". Alle seien willkommen: "Christen, Muslime, Religiöse, Nichtreligiöse." Auch wenn der Tag der Deutschen Einheit hier so anders aussah als in Dresden – nach einer Recherche von dpa klagen auch muslimische Frauen in Hamburg, dass Anfeindungen und Beleidigungen zugenommen hätten, ein Kopftuch genüge, um beschimpft, bespuckt und angegriffen zu werden. "Viele Musliminnen fahren nur noch Auto, weil sie Angst haben im öffentlichen Nahverkehr", sagte die Frauenbeauftragte der Schura Hamburg, Özlem Nas.

Hamburg: Fahrradstadt, Autostadt, Fußgängerstadt – aggressive Stadt?

Doch auch der Straßenverkehr ist kein Ponyhof. Hamburg soll Fahrradstadt werden – allein schon dieser Plan birgt viel Stoff für Konflikte. Drei Parteien müssen beim Thema Verkehr unter einen Hut gebracht werden: Autofahrer, Fahrradfahrer und Fußgänger. Eigentlich sind es nicht drei Parteien; schließlich wird niemand als Autofahrer oder Radfahrer geboren, oft sind wir mal das eine und mal das andere. Umso leichter müsste allen der Perspektivwechsel fallen, stattdessen wird die Stimmung im Straßenverkehr immer schlechter. Verkehrspsychologe Bernhard Schlag erklärte auf ZEIT ONLINE, wieso, und eigentlich ist das ganz einfach: Die "Ressource Straße" ist knapp. "Menschen fühlen sich zunehmend bedrängt. Wenn mir dann ein anderer noch zusätzlich den Raum kürzt, kann das zu Ärger führen."

Wie es sich damit in Hamburg verhält, ob und wie sich die Konflikte lösen lassen, ist morgen Abend Thema in der Debattenreihe "Zur Sache, Hamburg" von ZEIT:Hamburg in Kooperation mit der ZEIT-Stiftung: "Straßenkampf in der Hansestadt – oder: Lassen sich Fahrrad- und Autoverkehr versöhnen?" Sind die geplanten Maßnahmen auf dem Weg zur Fahrradstadt sinnvoll? Muss man umdenken? Es diskutieren Peter Lohmeyer, Schauspieler und "fahrradfreundlichste Persönlichkeit 2016", Thomas Lohse, Vorstand Hansa Funktaxi eG 211211, und ZEIT:Hamburg-Kollege Frank Drieschner. ZEIT-Kollege Patrik Schwarz moderiert. Und Sie können als VIP dabei sein: Wir verlosen 5 x 2 VIP-Tickets. Bitte schreiben Sie bis spätestens 12 Uhr eine Mail an elbvertiefung@zeit.de.

Und außerdem würden wir gern wissen, wie Sie die Sache sehen: Geht es im Hamburger Straßenverkehr wirklich aggressiv zu? Welche Erfahrungen haben Sie mit Autofahrern, Radfahrern, Fußgängern gemacht? Hier geht es zu unserer Umfrage.

Millionengeschenk für Harburg

Wie würden Sie sich fühlen, wenn man Ihnen sechs Jahre lang jeweils 500.000 Euro auf Ihr Konto überwiesen hätte – einfach so? Dem Bezirk Harburg ist genau das passiert. Der Senat hat insgesamt drei Millionen Euro, die eigentlich für Wilhelmsburg gedacht waren, an Harburg verteilt, das ergab eine schriftliche Kleine Anfrage der Linken. Schuld ist eine Art Missverständnis, man könnte auch sagen ein Verwaltungsfehler: Seit 2009 gehört Wilhelmsburg nicht mehr zum Bezirk Hamburg-Harburg, sondern zu Hamburg-Mitte, gezahlt wurde aber weiterhin an Hamburg-Harburg. Spannende Frage nun: Was passierte mit dem Geld? Müssten sich die nicht eingeplanten drei Millionen nicht im Harburger Stadtbild irgendwie bemerkbar gemacht haben? Gab es vielleicht ein neues Gratis-WLAN-Netz? Sind alle Baustellen beseitigt? Wurde eine großflächige Grünanlage gebaut? Hat man eine güldene Statue errichtet "für den edlen Spender"? Nichts von alledem! Hm ... Pech auch für Wilhelmsburg: Die verlorenen Millionen werden nicht nachgezahlt, das hätten Behörde und Bezirksämter "einvernehmlich festgelegt". Der Straßenbau in Wilhelmsburg muss also warten.

Nichts ist beliebter als – das Miniaturwunderland!

Schloss Neuschwanstein, der Kölner Dom, die Dresdner Frauenkirche, das Brandenburger Tor: diese Sehenswürdigkeiten besuchen Touristen auf Deutschlandtour besonders gern. Auf Platz eins der Top-100-Sehenswürdigkeiten 2016, das ergab nun eine aktuelle Umfrage der Deutschen Zentrale für Tourismus, steht allerdings weder ein historisches Bauwerk noch ein alter Stadtkern, sondern das Miniaturwunderland in der Speicherstadt! Bei dieser Nachricht ist Wunderland-Gründer Frederik Braun "fast vom Stuhl gefallen", lässt er aus seinem Kurzurlaub verlauten. Zu Recht. Wie kann es sein, dass eine nachgebaute Miniwelt sämtliche realen Denkmäler und geschichtlichen Stätten übertrumpft? Wunderland-Mitarbeiter Sebastian Drechsler erklärt: "Mein Bauchgefühl sagt mir: Wir überraschen die Menschen. Es gibt viele schöne Altstädte, Schlösser und Museen. Aber was wir machen, ist weltweit einzigartig." Ein anderer möglicher Grund: Man kann im Miniaturwunderland gleich mehrere Sehenswürdigkeiten Deutschlands auf einmal besichtigen, ohne sich dabei die Füße platt zu laufen – für notorisch zeitknappe Europa-in-fünf-Tagen-Touristen ein ungemeiner Vorteil. On top gibt es dann noch die Schweizer Alpen, Las Vegas, den Grand Canyon und – ganz frisch – Italien. Weitere 3000 Quadratmeter Ausstellungsfläche wollen in den nächsten Jahren zusätzlich bebaut werden, Monaco und England sind schon in Planung. Wenn das so weitergeht, kann man sich mit einem Besuch in der Speicherstadt dann irgendwann auch die Weltreise sparen.

"Was eine Mail bewirken kann!"

Es war ein besonderer Moment, als sich vor gut einem Jahr acht große Hamburger Radiosender zusammentaten, um ein Zeichen gegen rechts zu setzen: Am 12. September 2015 um 12 Uhr sendeten sie gleichzeitig eine Botschaft, in der sie sich für ein offenes Hamburg aussprachen, ohne Fremdenfeindlichkeit und Hass, und spielten im Anschluss John Lennons Friedens-Hymne "Imagine". Die Aktion wurde in allen U- und S-Bahn-Höfen übertragen, in Einkaufszentren und den großen Hamburger Kirchen, zahlreiche Menschen drehten ihre Radios auf und öffneten die Fenster, um demonstrierenden Rechtsradikalen zu zeigen, dass sie in Hamburg nicht willkommen sind. Das Bündnis der Radiosender ist nun für den deutschen Radiopreis in der Kategorie "Beste Programmaktion" nominiert. Die Idee kam von Stephan Fehrenbach, 48, der eine Kneipe in Ottensen betreibt.

Elbvertiefung: Herr Fehrenbach, wie sind Sie darauf gekommen, sich bei den Radiosendern zu melden?

Fehrenbach: Ich war damals viel in sozialen Netzwerken unterwegs und fand den Gedanken unerträglich, dass Hamburg zu einer Bühne für Rechtsradikale werden soll. Ich wollte, dass Hamburger ein Zeichen dagegen setzen können, auch wenn man keine Zeit hat, demonstrieren zu gehen. Und Musik, die durch die ganze Stadt schallt, kann man ja nicht einfach ausschalten.

EV: Und dann?

Fehrenbach: Dann habe ich einfach eine Mail geschrieben, an Radiosender, von denen ich dachte, das könnte passen. Als Radio Hamburg sich dann bei mir meldete und sagte: "Wir wollen das machen", musste ich mich erst mal setzen.

EV: Wie haben Sie den Moment erlebt, als "Imagine" wirklich lief?

Fehrenbach: Ich war eingeladen worden, auf dem Rathausmarkt kurz vorher noch einmal darüber zu sprechen, wie es zu dieser Aktion kam. Und dann hatte ich um zwölf schon das eine oder andere Mal ein bisschen Pipi in den Augen.

EV: Das Bündnis der Radiosender ist jetzt sogar für den deutschen Radiopreis nominiert. Haben Sie aus dieser Erfahrung etwas für die Zukunft mitgenommen?

Fehrenbach: Einfach machen! Öfter mal Ideen raushauen – ich war so erstaunt, was eine simple Idee und eine Mail bewirken können!

Mittagstisch

"Ich will genau das, was sie hatte"

Dass einem sofort Harry und Sally einfallen, ist bei einem Deli nicht zu vermeiden, welches Pastrami anbietet – geräuchertes und gewürztes rotes Fleisch. Das Urban Foodie könnte ähnliches Entzücken auslösen. Die beiden Freundinnen, die seit Juni in den freundlichen Räumlichkeiten nachhaltige, Fairtrade- und Bioprodukte anbieten, haben das Konzept frischen und gesunden Essens New York Style samt der englischen Sprache sehr ansprechend importiert. Mittags kann man sich mit veganer Bolognese für 8,90 € stärken, einen Salat oder die leckere Hausspezialität probieren: Hot Pastrami vom Weiderind in drei Variationen von 8,50 bis 10,50 €. Auf einem Extrateller kommen Kohlraspel und eine Gewürzgurke, und New York ist ganz nah. Die selbst gemachte Rhabarber-Thymian-Limonade schmeckt allerdings nach nicht viel; der Service ist zwar freundlich, aber noch unorganisiert. Beim Verspeisen eines Energiebällchens zum Abschluss – bestehend aus Kakao, Datteln und Nüssen für 1,90 € – wird, nach einem Blick auf die Verlockungen auf den Tellern der Nachbarn, der nächste Besuch geplant.

Urban Foodie, Innenstadt, Großer Burstah 1, Mo–Do. 8–18 Uhr, Fr bis 16 Uhr

Christiane Paula Behrend

Was geht

Konzert: Arabischer Indie-Pop erfüllt heute Abend die Fabrik in Altona. Mashrou’ Leila sind mit ihrem neuen Album "Ibn El Leil" auf Deutschlandtour. Die fünfköpfige Band aus Beirut nimmt in ihren Texten kein Blatt vor den Mund. Die Lieder handeln von Gesellschaft, Politik, Sexualität, was ihnen Fans auf der ganzen Welt beschert. Mit ihrem rebellischen Charme haben sie es sogar auf das Cover des "Rolling Stone" geschafft, als erste arabische Band überhaupt. Fabrik Altona, Barnerstraße 36, Einlass 20 Uhr, Beginn 21 Uhr, Abendkasse 26 Euro

Kinderbasteln: Die Blätter fallen, es wird kalt draußen, das heißt: Bastelzeit! Beim nachhaltigen Bastelprojekt "Mach was draus!" können Kinder ab drei Jahren gemeinsam mit Freunden und Familie aus alten Verpackungen und Naturmaterialien schöne Dinge herstellen und gemeinsam kreativ sein. Bücherhalle Dehnhaide, Wohldorfer Straße 30, 15 Uhr, Eintritt frei

Lesung: Bei der Lesebühne "Liebe für alle" ist heute Abend der in Hamburg lebende dänische Autor Arne Nielsen zu Gast. Der schreibt nicht nur Romane wie "Der Elefantenbäcker", sondern singt auch mit seinem Schlagerpop-Duo "Der Büro". Passend zum Thema Liebe wird er außerdem von seiner neu gegründeten Partnervermittlung erzählen. Grüner Jäger, Neuer Pferdemarkt 36, Einlass ab 19.30 Uhr, Beginn 20.30 Uhr, Abendkasse 5 Euro

Was läuft

Schnitzeljagd mit Nervenkitzel: Seit gestern ist Hamburg im Abenteuerfieber, Deutschlands erste Escape Game Week hat ihre Pforten geöffnet. Sieben Tage lang stehen 33 Räume voller Geheimnisse und kniffliger Aufgaben bereit, dabei gibt es nur ein Ziel: entkommen! Rätsel lösen, Schlüssel finden und raus – dazu bleiben gerade mal 60 Minuten. Alle, die nicht klaustrophobisch veranlagt sind, können hier in spannende Fantasiewelten abtauchen.

Gespielt wird ganztags zwischen 10 Uhr und 23 Uhr an verschiedenen Orten in ganz Hamburg, unter anderem am Gänsemarkt, im Duvenhof, in der Schanze und in der Speicherstadt. Die einzelnen Slots werden direkt bei den Anbietern gebucht, Preise variieren.

Die Wahrheit liegt auf dem Platz

Aimen Abdulaziz-Said schreibt bei ZEIT ONLINE die HSV-Kolumne

"Der HSV hat das erste Spiel unter Markus Gisdol 0:2 verloren. Die Hamburger erspielten sich gegen Hertha BSC Berlin zwar gute Torchancen, nutzten diese jedoch nicht. Nach sechs Spieltagen steht der HSV nun wieder da, wo er auf keinen Fall stehen wollte: auf einem Abstiegsplatz. Nach der Länderspielpause müssen endlich Punkte her, sonst wird es ein heißer Winter am Volkspark."

Erik Hauth bloggt auf ZEIT ONLINE über den FC St. Pauli

"Keine Panik, ruft man sich bei St. Pauli zu. Der Kiezclub hat seinen Fehlstart in die Saison mit zwei Auswärtsniederlagen perfekt gemacht. War man gegen Union noch ebenbürtig und verspielte den verdienten Punkt durch döspaddelige Fehler, war Hannover eben diesen einen Standard und den einen Konter besser. Das 0:2 verschlägt den FC St. Pauli nun ans Tabellenende. Doof gelaufen, aber deswegen bricht am Millerntor noch lange keine Hektik aus."

Mehr über Fußball von Aimen Abdulaziz-Said und Erik Hauth

Meine Stadt

Heute mal ganz bunt © Foto: Gert Runde

Letzte Klappe für Thomas Roth (weißer Schnäuzer, randlose Brille, seriös-verschmitzter Blick): Nach 38 Jahren als Journalist und drei Jahren bei den "Tagesthemen" hat Roth am Sonntagabend zum letzten Mal die Nachrichten in der ARD moderiert. Sichtlich gerührt bedankte er sich für das Vertrauen der Zuschauer und verabschiedete sich in gewohnter Manier: "Kommen Sie gut durch diese herbstliche Nacht." Wir sagen: Kommen Sie gut in den Ruhestand, Herr Roth! Ab dem 24. Oktober erwartet uns dann Ingo Zamperoni (dunkler Bart, Zahnpastalächeln, seriös-verschmitzter Blick).

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle


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