© Franziska Bulban

Guten Morgen,

heute ist ein besonderer Tag. Von heute an, so sagt es eine Pressemitteilung von ver.di, "arbeiten Frauen bis zum Ende des Jahres unentgeltlich" – zumindest wenn man die statistische Lohnlücke von 21 Prozent auf das Jahr umrechne. Da bin ich persönlich natürlich sofort geneigt, den Griffel fallen zu lassen – niemand arbeitet gern umsonst, und Solidarität finde ich besonders gut, wenn sie nach Urlaub klingt. Scherz.

Ich weiß natürlich, dass der Unterschied bei gleicher Qualifikation und Position deutlich kleiner wird und ver.di maximal Stimmung macht. Mir ist auch klar, dass diese Lücke auch entsteht, weil Frauen andere Jobs wählen als Männer und öfter in Teilzeit arbeiten – und dass all diese Entscheidungen absichtlich gefällt werden können. Aber es würde mich schon einmal interessieren, was passieren würde, wenn eben all die Frauen mit schlecht bezahlten Teilzeitjobs, ob in der Pflege oder an der Kasse, heute aufhören würden zu arbeiten und bis zum Ende des Jahres nicht zurückkehrten. Wenn man sich das vorstellt, bekommen die Statistiken doch auf einmal eine andere Dimension, oder?

Verfassungsgericht stoppt Volksbegehren

Es war eine eindeutige Sache: Das Landesverfassungsgericht hat das geplante Volksbegehren der Initiative "Rettet den Volksentscheid" für unzulässig erklärt – einstimmig, und das aus mehreren Gründen. So sollten die Bürger im Volksbegehren über verschiedene Fragen auf einmal abstimmen, die nicht unbedingt zusammengehören. Die Initiative hatte zum Beispiel gefordert, dass Wahlrecht und Verfassung sowie Gesetze zu Volksabstimmungsverfahren nur nach Zustimmung der Bürger geändert werden können, und wollte, dass das Zustimmungsquorum für Volksentscheide gesenkt wird. Diese Verknüpfung verstößt aber gegen das sogenannte Kopplungsverbot.

Und außerdem dürfe das "Übergewicht der parlamentarischen Gesetzgebung" nicht hinterfragt werden, befand das Gericht. Selbst wenn das Begehren in verschiedene Aspekte aufgeteilt würde, verstießen diese gegen das Demokratieprinzip. So schütze zum Beispiel eine festgelegte Mindestbeteiligung die Mehrheit vor einer gut organisierten Minderheit.

Wie das Urteil zu deuten ist, darüber gehen die Meinungen naturgemäß auseinander: Farid Müller, verfassungspolitischer Sprecher der Grünen, sieht  gleichzeitig die "direkte und parlamentarische Demokratie gestärkt". Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit (SPD) freute sich indes, dass die "Vorrangstellung der parlamentarischen Demokratie bestätigt" wurde, während Initiativensprecher Manfred Brand ebendiese "Vorrangstellung" kritisierte: Der Entscheid sei eine "Heiligsprechung der Parteiendemokratie".

Kürzungen bei der "Mopo"?

Es könnte um Jobs gehen bei der "Hamburger Morgenpost": Bis zu 17 Stellen seien in Gefahr, heißt es bei dem Branchendienst Meedia. Das wäre jede vierte in der Redaktion. Meedia bezieht sich dabei auf ein internes Papier des Betriebsrates. Konkret erwähnt wird die Möglichkeit, beim Layout und im Ressort Politik "Prozesse zu optimieren". Die DuMont-Mediengruppe erklärt allerdings, dass noch keine Entscheidungen gefallen seien. Die Hamburger Politik reagiert entsetzt. In einem gemeinsamen Statement appellieren die Bürgerschaftsfraktionen von SPD, CDU, Grünen und FDP, die journalistische Vielfalt zu erhalten und die Arbeit der Redaktion nicht zu gefährden. Da können wir uns nur anschließen.

Hamburg stimmt für Erbschaftsteuerreform

Heute wird im Bundesrat über die Erbschaftsteuerreform abgestimmt. Und Hamburg stimmt mit Ja – trotz der Bedenken von vielen Seiten. Bund und Länder hatten sich zuvor nach knapp zweijährigem Gerangel auf einen Kompromiss geeinigt: Firmenerben sollen auch künftig verschont bleiben, wenn sie das Unternehmen lange genug fortführen und Arbeitsplätze erhalten. Die Hamburger Linken sehen darin einen "Erfolg der Lobby der Vermögenden", auch unter den Grünen ist die Reform umstritten: Zu kompliziert und sozial ungerecht sei diese, weil große Erbschaften nicht genug besteuert würden – die Grünen im Bundestag lehnten die Reform gar als verfassungswidrig ab.

Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) erklärte uns, warum sie trotzdem mit zustimmt. Die Reform bleibe "weit von den grünen Vorstellungen für eine gute Erbschaftsteuerreform entfernt", räumt Fegebank ein, "wir stimmen nur zu, weil wir die Existenz der Erbschaftsteuer kurzfristig sichern wollen". Aber: Für eine "gute Erbschaftsteuerreform" müssten die Grünen "erst einmal wieder in die Bundesregierung", so Fegebank. Dieses Problem stellt sich der SPD bekanntermaßen nicht – doch auch die begründet ihr Ja zur Reform eher pragmatisch. "Es bestand die Gefahr, dass das Bundesverfassungsgericht die Erbschaft- und Schenkungsteuer komplett aussetzt. Das hätte für Hamburg einen Einnahmeverlust von rund 200 Millionen Euro jährlich bedeutet", so Jan Quast, finanzpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion. Hmm. Na gut. Kompromisse und Pragmatismus sind ja bekanntermaßen die Königsdisziplinen der Demokratie – nur Euphorie wäre manchmal auch ganz schön.

Vom Singen gegen Todesangst

Beim "Refugee Radio Network" machen Geflüchtete Radio – 24 Stunden, sieben Tage die Woche. Heute Abend stehen die Macher des Projekts auf der Kampnagel-Bühne: Die "Refugee Voices Show" ist ein Mix aus Polittalk, Comedy- und Musiksendung. Wir haben mit Larry Moore Macaulay, Gründer und Chefredakteur des Netzwerks, gesprochen.

Herr Macaulay, im Oktober 2014 haben Sie das "Refugee Radio Network" gegründet – welche Idee steckt dahinter?

Ich komme aus Nigeria, bin 2014 über Lampedusa nach Hamburg geflüchtet. Nach meiner Ankunft habe ich gemerkt, dass Flüchtlinge in Deutschland selten selbst zu Wort kommen. Diesen Menschen will ich eine Stimme geben – in meiner Heimat hatte ich schon als Journalist gearbeitet, und Radio ist ein ideales Medium, um Menschen selbst sprechen zu lassen.

Worüber berichten Sie?

Wir reden über Themen, die Flüchtlinge und Asylsuchende eben im täglichen Leben beschäftigen: Flüchtlingspolitik, Asylverfahren, Alltagsrassismus, Integration, der Zugang zum Bildungs- und Gesundheitssystem etwa. Dazu gibt es Nachrichten aus Deutschland oder Afrika. Wir senden in Englisch, Farsi oder Arabisch, bemühen uns aber, so oft wie möglich auch ins Deutsche zu übersetzen.

Inzwischen senden Sie rund um die Uhr im Internet, Radiosender aus ganz Deutschland, in Hamburg etwa Tide 96.0 und Radio FSK, übertragen einzelne Sendungen. Das klingt professionell – und sehr aufwendig.

Ja, doch zum Glück brauchen wir nicht viel. Wir sind ein festes Team Ehrenamtlicher, die am eigenen Laptop arbeiten oder Räume des FSK nutzen können. Das Geld fürs erste Equipment haben wir selbst aufgebracht, heute finanzieren wir uns durch Crowdfunding und werden unter anderem von der Nordkirche unterstützt.

Sind Flüchtlinge inzwischen denn medial präsenter?

Ja, es gibt immer mehr Medienprojekte von und für Flüchtlinge, wir stoßen auf großes Interesse, wurden gerade erst von Bundespräsident Joachim Gauck zu einem Treffen eingeladen. Es tut gut, endlich wahrgenommen zu werden.

Die "Refugee Voices Show" ist eine Live-Show in Kooperation mit Kampnagel, die später online und auf dem Sender "Alex Berlin TV" ausgestrahlt wird. Was steht auf dem Programm?

Thema sind die traumatischen Überfahrten auf den Flüchtlingsbooten und das Phänomen, dass diese oft von Gesängen begleitet werden – dazu gibt es eine Talkrunde und Musik: Ich habe etwa den Sänger eingeladen, der während meiner eigenen Überfahrt gegen die Todesangst angesungen hat.

Veranstaltungshinweis: "Refugee Voices Show", heute, 21.30 Uhr, Kampnagel, der Eintritt ist frei

Uni-Leben für Einsteiger

An den Hamburger Hochschulen beginnen die Vorlesungen wieder. Und das bedeutet auch: Lauter Neu-Hamburger Erstsemester müssen sich orientieren und all das herausfinden, was neben dem Lernen noch so wichtig ist: Wo gibt es das beste Mensa-Essen? Welche Bibliothek hat verwinkelte Ecken zum Knutschen? Mit welchem Trick findet man eine WG? Welche Fachschaft schmeißt die beste Party? Welcher Copyshop bindet kurzfristig Hausarbeiten? Kurz und gut, die älteren Semester sind gefragt: Was ist Ihr Geheimtipp für das Hamburger Uni-Leben? Egal, ob Sie schon fertig sind oder selbst noch studieren, schreiben Sie an hamburg@zeit.de – die besten Tipps drucken wir in der kommenden Ausgabe der ZEIT:Hamburg. Und natürlich wüssten auch wir in der Redaktion ganz gerne, wo es an der Uni den besten Kaffee gibt.

Mittagstisch

Halbierte Woks und Streetfood

Vietnamesisches Streetfood ist gerade sehr in – neu ist das Yùmi, welches sich in der Tradition der Kolonialküche mit ihren französischen Einflüssen sieht. Diese zeigen sich in Zutaten wie Baguette und Mayonnaise (im Banh-Mi-Sandwich für 4,50 Euro), aber die Mehrheit der Speisen ist klassisch vietnamesisch: Papaya- und Mangosalat, Sommerrollen (Fleisch oder vegan, 4 bis 5 Euro), Schüsselgerichte mit und ohne Fleisch für 11,50 Euro sowie Pho, die traditionelle Nudelsuppe (9 Euro). In der großen Schüssel schwimmen rote und Frühlingszwiebeln, Rinder- oder Hühnerfleisch, Sprossen und Bandnudeln. Die Chilis kommen extra. Vorsicht: Die Suppe wird minütlich schärfer. Was immer passt, ist der wunderbare Kaffee, dem man meditativ beim Tropfen durch den kleinen Kaffeefilter auf dem Glas zuschauen kann. Auf dessen Grund befindet sich gesüßte Kondensmilch. Oder man vertieft sich in die originelle Deko mit halbierten Woks als Lampen, umgekehrt über den Tischen hängenden (echten) Pflanzen oder den an die Decke geklebten indonesischen Filmplakaten.

Yùmi, Grindelallee 20, Mo.–Fr. 12 bis 22 Uhr

Christiane Paula Behrend

Was geht

Jazz wie Rotwein: Man sagt, die Musik von Uri Caine vereine mehr Aromen als ein exzellenter Rotwein. Der Pianist spielte bisher mit dem experimentellen Saxofon-Star John Zorn, aber auch mit klassischen Orchestern. Seine Inspiration zieht Caine aus Bach und Mahler, Fusion, Funk oder dem uramerikanischen Musical. Heute spielt er im Uri Caine Trio, zusammen mit Kontrabassist Drew Gress und Schlagzeuger Ben Perowsky. Die Künstler durchstreifen pianistisches Alt- und Neuland von Monk über Hancock bis hin zu ihrer eigenen Musikwelt.

Laeiszhalle, Kleiner Saal, 20 Uhr, ab 9 Euro

Aristoteles hat Hunger: Mit vollem Bauch lässt sich trefflich philosophieren – zum Beispiel über die aristotelischen Werte des Gemeinwohls. "Das Gemeinwohl-Frühstück" beschäftigt sich dementsprechend mit Leckereien und der rasanten Entwicklung des Gemeinwohl-Ökonomie-Modells. Die "1. Hamburger Wandelwoche" lädt ein zur Diskussion. Jeder Gast soll darüber hinaus "etwas Gehaltvolles und Fair-Sozial-Nachhaltig-Regionales" im Restaurant der Rathauspassage erwerben. Klingt ökologisch-intellektuell-anspruchsvoll. Hoffentlich schmeckt’s auch.

Rathauspassage, Unter dem Rathausmarkt 1, 10 bis 12 Uhr

Was kommt

Theater ohne Dialog: Peter Handkes "Die Stunde da wir nichts voneinander wußten" wirkt im Thalia absurd-komisch. Der Zuschauer wird Zeuge einer verstörenden europäischen Utopie: Ein Platz, zahllose Menschen kreuzen ihn, allein, zu zweit, in Gruppen. Sie hinterlassen ihre Spuren, schreiben die Geschichte ihres Europas. "Was du gesehen hast, verrat es nicht; bleib in dem Bild", stellt Handke seinem Text vorweg, der gänzlich ohne Dialoge auskommt.

Thalia, Alstertor, Samstag, 15. Oktober, 20 bis 22.15 Uhr, ab 10 Euro

Löten, hacken, programmieren: Bundesweit startet Samstag die "Code Week" der Körber-Stiftung. Kinder tauchen ein in die Welt der Programmcodes, probieren sich im kreativen Umgang mit Hard- und Software. Die Hamburger Uni etwa bietet ein Schnupperstudium Informatik an, das Physik-Schullabor programmiert mit Kids eine eigene Quiz-App. Roboter begegnen den Teilnehmern an der TU und vielleicht sichten einige Jugendliche nach Stunden am Bildschirm auch irgendwo E. T. "Code Week", Unternehmen und Institute in ganz Hamburg, 15. bis 23. Oktober, Teilnehmerzahl begrenzt – Anmeldungen online beim jeweiligen Anbieter

Klassik auf der Matte: Im Nachtkonzert präsentiert das Ensemble Ombra e Luce Werke des 17. Jahrhunderts. Dabei sind Stücke von Händel und J. S. Bach, aber auch weniger bekannte Melodien. Jetzt kommt der Clou: Zu den Tönen von Barockvioline, Laute oder Theorbe machen es sich die Zuhörer auf Kissen und Yogamatten bequem. Ohne Anzug und Etikette – einschlafen erlaubt.

Tschaikowsky-Saal, Tschaikowskyplatz 2, Samstag, 15. Oktober, 21 Uhr, 15 Euro

Puppenfreunde: Nuna ist ganz anders als Simon – spricht komisch, schläft komisch, isst komisch. Aber beide lieben Nudeln. Ob das für eine Freundschaft reicht? Das Maipipi Theater präsentiert das Figurentheaterstück "Simon und Nuna – Spaghetti, Sturm und Fahrradhelm". Die Geschichte handelt vom Glück, verschieden zu sein, und davon, wie schwer es ist, fern der Heimat ein Zuhause zu finden. Aktueller Stoff, aufbereitet für Kinder ab vier Jahren.

Hamburger Puppentheater, Bramfelder Straße 9, Sonntag, 16. Oktober um 11 und 15 Uhr, zwischen 5 und 15 Euro

Krokodile auf Eis: Wenn die Crocodiles Hamburg Sonntag gegen den Herner EV antreten, bauen sie auf den Heimvorteil. Der hat ihnen in der jungen Eishockeysaison schon zweimal den Sieg eingebracht. Damit liegen die Reptilien in der Oberliga Nord bisher auf dem sechsten Platz. Zähne fletschen, angreifen, zuschnappen.

Farmsener Turnverein von 1926 e.V., Berner Heerweg 187, Sonntag, 16. Oktober, 19 Uhr, ab 10 Euro

Elektrisierte Oper: In der Reihe "Stimme X" schlägt die Klangoper "Stimmimpressionen" von Vendula Nováková futuristische Töne an. Sopran und Klavier treffen auf elektronische Musik. Dazu gibt es dadaistische Stimmaufnahmen von unterschiedlichen Ecken Hamburgs. Der Komponist Sergio Vásquez Carrillo hat sie in einem Hörspiel vertont, entstanden ist eine moderne Klangoper für die ganze Familie.

Lichthof Theater, Mendelssohnstraße 15, Sonntag, 16. Oktober, 17 und 19 Uhr, 5 Euro

Schnack

Zwei zwölfjährige Jungen beobachten einen Alsterdampfer, der langsam eine Runde über den Stadtparksee fährt. Meint der eine Junge: "Ganz schön viel Aufwand, eine Fähre auf so einem kleinen See!"

gehört von Claus Ramm

Meine Stadt

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Ihre

Franziska Bulban

 

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