© Franziska Bulban

Guten Morgen,

keine Sorge, ich werde nicht wieder anfangen, Sie zu duzen – die meisten von Ihnen schätzen das ungefragte Du nämlich nicht. Aber längst nicht alle sprechen sich gegen das Du am Arbeitsplatz aus. So schreibt eine Leserin, es sei praktisch, wenn sich alle in der Firma duzten, weil dann nicht schon an der Anrede klar sei, wer miteinander befreundet ist – und außerdem müsse man so nicht immer lange überlegen. Andere bevorzugen es, gesiezt zu werden, weil die Distanz angemessener sei. Das Du ist dann oft eine Auszeichnung, die nur Freunde und guten Bekannten verliehen wird. Unsere LeserInnen, die schon einmal im Ausland gearbeitet haben, scheinen das Ganze übrigens recht locker zu sehen: Auch die Dänen, Briten und Schweden hätten schließlich durchaus Arten, Hierarchien zu klären, heißt es da. Stimmt. Aber was mich wirklich überrascht hat: Nur eine Leserin hat mich auf die eigentlich offensichtliche Lösung in unserer schönen Stadt hingewiesen, die kleine Zwischenform – das Hamburger Sie.

Not – nicht nur im Winter

Gestern wurde das Winternotprogramm für Obdachlose in Hamburg vorgestellt: Von November bis März gibt es 890 zusätzliche Schlafplätze, die die Menschen nachts vor der Kälte schützen sollen. Und diese Plätze werden sehr wahrscheinlich dringend benötigt. Niemand solle auf der Straße erfrieren, sagte Sozialsenatorin Melanie Leonhard, deshalb habe das Winternotprogramm eine lange Tradition in Hamburg. Denjenigen, die mit Obdachlosen arbeiten, kommt das aber etwas zu kurz gegriffen vor. "Wenn man mehrere Jahre in Folge so viele Plätze im Winternotprogramm braucht, muss man doch anfangen, das Problem bei der Wurzel zu packen", sagt Hinz-und-Kunzt-Mitarbeiter Stephan Karrenbauer. Er plädiert dafür, die Zahl der ganzjährigen Unterkünfte aufzustocken. Denn Winternotunterkünfte bieten vor allem einen Schlafplatz – um neun Uhr morgens müssen die Wohnungslosen wieder raus. "Da kann niemand zur Ruhe kommen", sagt Karrenbauer. Das sei aber wichtig, um Perspektiven zu gewinnen. Und auch Ulrich Hermannes, Geschäftsführer der Stadtmission Hamburg, spricht sich für mehr ganzjährige Wohnräume aus. "Die Bedürftigkeit ist in den vergangenen Jahren immer größer geworden", sagt er. "Viele Menschen kommen nicht als Wohnungslose, sondern als Arbeitssuchende." Hamburg sei wegen seiner Wirtschaftskraft ein beliebtes Ziel – und viele, aber eben nicht alle, fänden hier einen Job. "Wir müssen uns fragen, wie wir mit der Bedürftigkeit umgehen wollen, denn wir sehen ja: Der Versuch, sich abzuschotten, beeindruckt die Menschen nicht." Er befürchtet, dass Obdachlose ohne Anlaufstellen immer schwerer zu erreichen sein werden. Ein Schritt in die richtige Richtung könnte da die Ankündigung von Sozialsenatorin Leonhard sein, auch die Beratungsmöglichkeiten für Wohnungslose zu intensivieren. Unter anderem soll es Hilfe geben, wenn Menschen von Arbeitgebern ausgebeutet werden, wenn sie rechtliche Ansprüche auf Unterstützung hätten und wenn Wohnungslose aus dem Ausland in ihre Herkunftsländer zurückkehren wollen.

Vom Glück im Norden

Den Deutschen geht es echt gut – zumindest wenn man dem "Glücksatlas" glaubt, den die Deutsche Post jährlich in Auftrag gibt. Dort zeigen sich die Deutschen so zufrieden wie in den vergangenen zehn Jahren nicht, auf einer Skala von eins bis zehn liegen wir im Schnitt bei 7,11 Punkten. Ganz schön schön. Leider ging es für Hamburg im Vergleich zum Vorjahr wieder zwei Plätze runter, von allen Bundesländern liegen wir im Vergleich nun nur noch auf Platz sechs. Was daran besonders schmerzt: Unsere Nachbarn, Schleswig-Holstein und Niedersachsen, belegen die Plätze eins und drei. Im Grunde müssten wir also nur einmal kurz über die Landesgrenze und zack – deutlich mehr Glück! Als Gründe für das schwächere Abschneiden werden zum Beispiel die hohen Mieten und große Einkommensunterschiede in Hamburg genannt.

Über beide Punkte könnte man jetzt sehr lange und ausführlich nachdenken. Aber das macht nur unglücklich. Und weil wir ja im nächsten Jahr gewinnen wollen, hier ein paar freudige Erkenntnisse aus der Studie, die dieses Jahr einen Schwerpunkt auf "kulturelle Vielfalt" gelegt hat: 75 Prozent der Befragten halten Deutschland für ein weltoffenes Land, bei Menschen mit Migrationshintergrund steigt die Zahl sogar auf 80 Prozent. Und die Forscher haben vier Toleranz-Typen ermittelt und festgestellt: Wer besonders tolerant ist, ist oft auch besonders zufrieden. Was mich jetzt allerdings noch interessieren würde: Wie wirkt es sich eigentlich auf mein Glücksempfinden aus, wenn ich auf ein Päckchen zu Hause gewartet habe und am nächsten Tag einen Zettel im Briefkasten finde, der behauptet, ich sei nicht da gewesen? Wäre das nicht auch mal eine spannende Studie für die Post?

Positives Defizit?

Die Stadt Hamburg respektive Finanzsenator Peter Tschentscher (SPD) hat gestern das Ergebnis der ersten doppischen – oder etwas wohlklingender: kaufmännischen – Haushaltsrechnung vorgelegt. Danach beträgt das Defizit für den Etat 2015 insgesamt 862 Millionen Euro. Im Vorjahr lag es noch bei 947 Millionen Euro – für den Senat war die Verringerung des Defizits Anlass genug, einen Erfolg zu vermelden: Hamburg habe die Herausforderungen, die mit der Aufnahme, Unterbringung und Integration von Flüchtlingen einhergingen, "gut bewältigt und dabei ein besseres Ergebnis erzielt als für 2015 ursprünglich geplant", hieß es in einer Mitteilung. Die Verbesserung um 85 Millionen Euro auf Konzernebene, also die Bilanz einschließlich städtischer Beteiligungen, belege, "dass die öffentlichen Unternehmen gut gewirtschaftet und einen positiven Ergebnisbeitrag geliefert haben". Anders fiel die Lesart bei der Opposition aus. "Der Konzern Hamburg ist ein Sanierungsfall", wetterte der haushaltspolitische Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion, Thilo Kleibauer. "Trotz Rekordsteuereinnahmen und massiver Entlastung durch historisch niedrige Zinsen hat der Finanzsenator hohe Jahresfehlbeträge vorgelegt." Das gelte sowohl für die Kernverwaltung als auch für den Gesamtkonzern. Zudem seien die Verbindlichkeiten um 800 Millionen Euro ausgeweitet worden. "Diese Entwicklung ist besorgniserregend und muss gestoppt werden", so Kleibauer. Angesichts der Zahlen kritisierte die Vorsitzende der FDP-Bürgerschaftsfraktion, Katja Suding, "die zunehmende Verlagerung der Schuldenmacherei durch den Senat in Nebenhaushalte". Es brauche "dringend mehr Transparenz hinsichtlich der defizitären Unternehmensbeteiligungen der Stadt", forderte die Liberale. Ist eben auch immer Ansichtssache, so ein Jahresabschluss.

Asklepios-Ärzte schlagen Alarm

Sie seien überlastet, somit könne die Sicherheit schwerkranker Patienten nicht gewährleistet werden: Wie das "Hamburger Abendblatt" berichtet, haben 19 Ärzte der Asklepios-Klinik St. Georg in einem Brief an den Ärztlichen Direktor und die Unternehmensführung Alarm geschlagen.

Demnach unterzeichneten Mediziner der Abteilung für Hämatologie, Onkologie und Stammzelltransplantation bereits Ende September ein internes Schreiben. Eine Vorwurf: Der Behandlungsstandard für Krebs- und Leukämiepatienten könne nicht aufrechterhalten werden. So komme es regelmäßig vor, dass lediglich ein Arzt für die Betreuung von 24 teils schwerkranken Patienten verantwortlich sei. Während ein Asklepios-Sprecher dem "Abendblatt" mitgeteilt habe, die Klinikleitung habe bereits auf die Arbeitsbelastung reagiert und die Bettenzahl reduziert, bleibt die Lage laut einem Unterzeichner des Briefes zufolge weiterhin angespannt.

Mittagstisch

Fair Play am Herd

In der Schanze finden sich ganz unterschiedliche Küchen, von Kebab über Wan Tan bis hin zu Steak Frites und Steckrübeneintopf wie bei Großmutter in der Polokantine. Der Name erklärt sich durch den Hang der Besitzerin Katja, die alle Speisen zubereitet, zur englischen Lebensart. Gekocht wird saisonal, immer steht auch etwas Veganes und Vegetarisches zur Auswahl. Zum Draußensitzen ist es diesmal zu kalt. Also verzehrt man mit anderen Gästen, die fast alle mit Namen begrüßt werden, im winzigen stuhllosen Innenraum den Eintopf für 5,50 € und den hübschen bunten Herbstsalat mit gegrilltem Kürbis, Feta, Roter Bete, Tomaten, Walnüssen und Trauben für 6,50 €. Die angenehm würzig-scharfe Pasta mit Speck und Blumenkohl kostet ebenfalls 5,50 €. Begonnen hatte alles, als die Werberin für die eigene Mittagspause nichts Gutes im Viertel fand und selbst das anzubieten begann, was sie vermisste: bodenständige, frische Mahlzeiten zu Preisen, die fair wie die klassische englische Sportart sein sollten. Well done!

Schanzenviertel, Bartelsstraße 26, montags bis freitags, 12 bis 16 Uhr

Christiane Paula Behrend

Was geht

Löwenherzen: Der zehnjährige Kai liegt im Sterben, aber sein Bruder weiß ihn zu trösten – er verspricht, dass sich "Die Brüder Löwenherz" in Nangijala wiedersehen. Das Puppentheater Albersmann zeigt die zutiefst berührende Geschichte über Angst, Trost und Tod für Kinder ab sieben Jahren. Hamburger Puppentheater, Bramfelder Straße 9, 9.30 Uhr, 4,50 Euro

Einsteins Glanzstück: Wenn Raum und Zeit sich krümmen, entsteht Gravitation. Nicht verstanden? In seinem Vortrag "Einstein, relativ – Relativitätstheorie" erklärt Professor Peter Hauschilds die berühmten physikalischen Erkenntnisse für "Laien (fast) ohne Mathematik". Besucherzentrum der Hamburger Sternwarte, August-Bebel-Straße 196, 20–22 Uhr, Spenden erbeten

Talkshow vom Kiez: Der "TalkDOT #09" vereint fünf Locations, zwei Moderatoren, eine Hausband und viele Gäste. Als "Talk der offenen Tür" soll das Event Promis und interessante Menschen zum Reden bringen. Heute unter anderem: Autorin Ildikó von Kürthy. kukuun, Spielbudenplatz 22, 19 Uhr, 5 Euro

Krieg und Frieden: Ist ein demokratischer Regimewechsel mit Gewalt erlaubt? Welche Schuld tragen Europa und die Vereinigten Staaten am syrischen Bürgerkrieg? Antworten sucht Rechtsphilosoph Reinhard Merkel im Vortrag "Der Westen ist schuldig", ZEIT-Redakteur Jochen Bittner moderiert. SchauSpielHaus, FAQ-Room, Kirchenallee 39, 20 Uhr, 15 Euro

Hamburger Schnack

Ein Mann um die 70 erhebt sich von seinem Hocker und streckt sich. Er muss sich scheinbar lockern, nachdem er den Passanten an der U-Bahn-Station Hallerstraße mit seinem Akkordeon-Spiel den Weg zur Arbeit versüßt hat. Ab und zu verzieht er dabei vor Schmerz das Gesicht. "Beruflich", begründet der Musiker sein Tun. Wo er gearbeitet habe? "Hochseefischerei", sagt er, überlegt, zuckt mit den Schultern und fügt lächelnd an: "Der Romantismus war eben größer als die Vernunft."

Gehört von Folko Damm


Meine Stadt

Die Herbstsonne meint es gut mit dem Uni-Campus. © Foto: Jens Radder

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Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihre

Franziska Bulban


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