© Franziska Bulban

Guten Morgen,

na, haben Sie sich zufällig gerade die Zunge am Kaffee zum Mitnehmen verbrüht, weil man die Temperatur durch die kleinen Öffnungen im Plastikdeckel so schlecht regulieren kann? Das ist mein größtes Problem am Mitnehmkaffee. Stimmt nicht, das zweitgrößte. Denn seit ich einmal gesehen habe, wie der Künstler Chris Jordan im Projekt "Running the Numbers" den Kaffeebecherverbrauch der USA pro 15 Minuten auf eine Leinwand quetscht, lässt mich das Bild kaum noch los. So viel Müll. In einer Viertelstunde. Trotzdem bin ich, jaja, inkonsequent und liebe beim Spaziergang einen warmen Becher zwischen den Händen und an hektischen Tagen eine kleine Dosis Koffein zum Mitnehmen.

Weshalb die Aktion "Refill it HH" für genau solche Menschen wie mich gemacht scheint: In zwölf Hamburger Cafés und Bäckereien kann man sich jetzt Mehrweg-Pfandbecher geben lassen. Welche das sind, haben die Kollegen von der Mopo hier praktisch auf einer Karte verlinkt. Wenn Sie jetzt einwenden wollen, man könne doch genauso gut seinen eigenen Becher mitnehmen: Recht haben Sie! Nur leider ist mein Kopf vor dem ersten Kaffee noch nicht so weit, dass er an Kaffeebecher denkt. Teufelskreis! Also hoffe ich, dass sich so ein Pfandsystem verbreitet. Obwohl ich bereits eine nicht zu verachtende Glühweintassen-Sammlung zu Hause habe. Unfreiwillig.

Wann kommt der Geldsegen?

Integration ist kein einfaches Thema, und so lässt sich aus den verschiedenen politischen Positionen bisher vor allem eine Gemeinsamkeit ableiten: Wenn wir wollen, dass sie funktioniert, kostet das Geld. Dafür wurde im Juli der sogenannte Integrationsfonds mit einem Volumen von zehn Millionen Euro von der Bürgerschaft ins Leben gerufen. Jetzt werden nach und nach die Organisationen bekannt, die, so die Bürgerschaft es am 9. November beschließt, Anteile des Geldes bekommen sollen: Mit 424.840 Euro würde die Kleiderkammer von Hanseatic Help bei einem positiven Beschluss unterstützt werden, jeweils 200.000 Euro gingen an die Stiftung Wohnbrücke, die Geflüchtete bei der Suche nach privatem Wohnraum unterstützt, und den Dolmetscherpool für die psychotherapeutische Behandlung von traumatisierten und psychisch kranken Geflüchteten, weitere Kandidaten werden folgen. In der Regel seien das Projekte, die die zuständigen Behörden bereits auf dem Radar hatten, bei denen aber ein finanzieller Anschub gefehlt habe, um das Projekt zum Laufen zu bekommen, sagt Marie Dubois, Öffentlichkeitsreferentin von der SPD-Bürgerschaftsfraktion. Der Fonds soll außerdem vorhandene Strukturen stärken und Projekte dabei fördern, selbsttragend zu werden. Wie lange die Projekte dann noch warten müssen, bis das Geld tatsächlich auf den Konten eingeht, ist allerdings nicht abzusehen. Denn das ist wieder abhängig von der zuständigen Fachbehörde oder dem Bezirk.

Über Verbrechen, Petitionen und Revisionen

Ende vergangener Woche verkündete das Landgericht Hamburg das Urteil im Falle einer Gruppenvergewaltigung: Vier Jungen hatten eine 14-Jährige mit Alkohol gefügig gemacht, sie missbraucht, dabei gefilmt und anschließend bewusstlos in einem Hinterhof liegen lassen – bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Die Haftstrafen für die minderjährigen Täter wurden zur Bewährung ausgesetzt, lediglich ein 21-Jähriger muss direkt ins Gefängnis. Dieses Urteil empörte viele. Eine Petition, das Verfahren wieder aufzunehmen, wurde noch am gleichen Tag gestartet und hatte bis gestern Nachmittag rund 19.500 Unterstützer. Die Staatsanwaltschaft hatte aber, nach eigenen Angaben unabhängig von der Petition, schon am Freitag Revision eingelegt und wird das Urteil auf Rechtsfehler prüfen. Wir haben mit Daniela Klimke, 46, Professorin für Kriminologie an der Polizeiakademie Niedersachsen und Vorstand am Institut für Sicherheits- und Präventionsforschung, über den Fall und die Reaktionen gesprochen.

Elbvertiefung: Frau Klimke, warum kommen einem Urteile nach Jugendstrafrecht immer besonders milde vor?

Daniela Klimke: Jugendstrafrecht ist geschaffen, um zu erziehen, nicht um zu strafen. Denn erstens bringt der Abschreckungsgedanke bei Jugendkriminalität wenig: Die Taten werden oft aus Affekt begangen, häufig spielt Gruppendynamik eine Rolle, da denkt keiner an mögliche Folgen. Und zweitens ist das Ziel, eine Wiederholungstat möglichst zu vermeiden. Wenn Jugendliche aber formal bestraft werden, und das beginnt schon bei Schulverweisen, steigt die Rückfallquote.

Elbvertiefung: Aber die Schwere des Verbrechens muss doch eine Rolle spielen.

Klimke: Das tut sie ja auch. Es handelt sich hier auch nicht um eine durchschnittliche Jugendtat. Aber leider nutzt es auch nichts, wenn die Minderjährigen im Gefängnis weiter in subkulturelle und kriminelle Cliquen gedrängt werden. Die Bevölkerung erhofft sich durch die Strafe mehr, als diese leisten kann. Wir sehen übrigens seit Jahren eine steigende Straflust in der Öffentlichkeit.

Elbvertiefung: Woran liegt das Ihrer Meinung nach? Denn Jugendkriminalität ist ja beispielsweise rückläufig.

Klimke: Die Kriminalitätsentwicklung liefert keinen Grund. Kaum jemand erlebt heutzutage Kriminalität, sie ist für die meisten von uns in erster Linie Unterhaltung, fast wie die fiktionalen Formate – und das wird natürlich von Politikern und Medien genutzt. Dadurch bekommt Kriminalität eine Symbolfunktion und wird öffentlicher Diskussionsgegenstand. 

Elbvertiefung: Aber verbirgt sich dahinter nicht auch einfach eine legitime Gegenbewegung zu einer recht liberalen Rechtsprechung?

Klimke: Ja, man sieht, dass sich der Zeitgeist geändert hat. Bei einer Befragung, die jedes Jahr durchgeführt wird, sollen Jurastudenten im ersten Semester einen Mord beurteilen. Es zeigt sich: Sie werden immer strenger. Und früher war es peinlich, Rachegelüste öffentlich preiszugeben, heute bekommt man dafür Applaus. Aber Instinkte sind bei der Rechtsprechung kein guter Ratgeber. Juristisch maßzuhalten und wissenschaftlich fundierte Entscheidungen zu treffen entspricht nun mal nicht unseren Impulsen.

Das ist kein Spiel

"Sie leben von Hartz IV, rufen den Pizzaservice und pinkeln in eine leere Cola-Flasche, um den Computer nicht verlassen zu müssen. So sieht hartes Gaming aus", schreibt eine Autorin unter dem Pseudonym Mira Marcus in ihrem Text "Game over" auf den aktuellen Seiten der ZEIT:Hamburg. Es ist der persönliche Bericht einer Mutter, die ihren Sohn an den Computer verlor. Eine Geschichte, die von der lähmenden Ohnmacht der Mutter erzählt und von den Wutanfällen des Sohnes, von fliegenden Stühlen und Töpfen, von berstenden Türrahmen. Ihre Geschichte ist kein Einzelfall. Allein in Hamburg sind einer Studie zufolge sieben Prozent aller Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren computerspielsüchtig. Ihre Droge ist Dopamin, das Glückshormon, das beim Spiel freigesetzt wird. Es macht die Süchtigen zu Gefangenen in ihren eigenen vier Wänden, zur Geisel des Computers. "Mein Sohn vereinsamt, obwohl er Freunde hat. Sie erreichen ihn nicht mehr und gehen ihren Weg. Er hingegen steckt fest." Mira Marcus beschreibt ihre Suche nach Hilfe und wie sie in einer Welt, in der Computer und Smartphones längst zum Leben gehören, eine drastische Entscheidung traf.

Reederei Hanjin verlässt Europa

Die insolvente südkoreanische Reederei Hanjin will nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur (dpa) ihre Aktivitäten in Europa einstellen. Das träfe den Hamburger Hafen besonders, weil Hanjin hier seine Europa- und Deutschlandzentrale hat. Bereits seit Anfang September ist nicht mehr zu leugnen, dass sich das Unternehmen in ernsten Schwierigkeiten befindet: Wegen der Zahlungsunfähigkeit hatten Häfen angefangen, den Schiffen das Einlaufen zu verweigern, aus Sorge, die Gebühren könnten nicht bezahlt werden. Ein Vertreter der Hanjin Shipping Europe GmbH sagte der dpa allerdings, man sei bisher nicht über die Schließungspläne aus Südkorea informiert worden. Der Standort in Deutschland sowie die "Abteilungen" in Rotterdam und Le Havre seien bisher noch aktiv. "Die Kunden werden weiter betreut." Man werde aber im Ungewissen gelassen. Auch müsse noch die "Hanjin Gold" entladen werden, die auf dem Weg in die Hansestadt sei.

Mittagstisch

Fleisch vom Holzkohlegrill

Ein Restaurant, das seine Gerichte in der Speisekarte abbildet, ist zunächst suspekt: So was erinnert an Touristenfallen, bei denen das, was man später auf dem Teller hat, mit dem Abgebildeten nur wenig zu tun hat. Beim Köz Urfa ist das anders. Die Speisen sehen auf dem Teller ebenso appetitlich aus wie in der Karte – eine Entscheidung fällt schwer. Zielgruppe sind ganz klar Fleischesser: Rind, Lamm, Geflügel in allen Varianten auf Holzkohle gegrillt, mit Salat, Joghurt und Bulgur, Reis oder Pommes (10–19,50 Euro); das ist das Hauptangebot. Daneben gibt es ein paar Fischteller, Pfannengerichte und Aufläufe (zum Beispiel das sehr leckere Harran, 11 Euro), Döner (4 Euro), Lahmacun (3 Euro) Pizza-Pide (5–9,50 Euro), Suppen und Diverses mehr. Das vegetarische Angebot ist dünn. Die Qualität ist hoch, die Mengen üppig, der Service schnell, freundlich und effizient. Wer es privat mag, kann sich an einen kleinen Tisch in einen mit Vogelgezwitscher beschallten grottenähnlichen Gang setzen, der die beiden Restauranthälften verbindet.

Köz Urfa, Paul-Nevermann-Platz 2 (Altona), 8.00–3.00 Uhr

Thomas Worthmann

Was geht

Drogensumpf und Weltbühne: Sein Leben war die Hölle, die Klassik hat ihn gerettet; Pianist James Rhodes liest aus seiner Autobiografie "Der Klang der Wut". Dazu spielt der Brite bei "An evening with James Rhodes" Werke von Bach, Beethoven und Chopin.

Kampnagel, Jarrestraße 20, 20 Uhr, 42 Euro

Bramfelder Spielwelt: Je mehr Herbst, desto weniger Spielplatz – eine verdrießliche Kinder-Rechnung. Kreative Räume in der dunklen Jahreszeit bietet die "Ludothek Zusammenspiel". Hier warten Klassiker und Trendspiele auf Kids ab vier Jahren.

alsterdorf assistenz ost gGmbH, Steilshooper Straße 54, 16–19 Uhr, Eintritt frei

Lässiger Erfolg: Das Trio Nostalgia spaziert zurück zum swingenden Jazz der 50er und 60er Jahre. Posaunist Nils Wogram gilt als deutsche Hoffnung seines Genres. Er gewann dieses Jahr nicht nur einen Echo; Kritiker bejubeln ihn, weil seine Musik "alles in eine lässig angespannte Balance" bringt. Mitschwingen.

Golem, Große Elbstraße 14, 20.30 Uhr

Schnack

Vor dem Drogeriemarkt redet ein älterer Herr auf einen jungen Stromverkäufer ein: "Ich habe ja Festnetz bei der Telekom und Handy bei O2. Jetzt will ich aber beides zusammen haben." Der junge Verkäufer: "Hier können Sie aber nur den Stromanbieter wechseln." "Ja", so der Ältere, "die brauchen doch auch beide Strom."

Gehört von Andreas Schiemenz


Meine Stadt

Unverdächtige Haushaltsgegenstände werden hier in Hamburg ja gern mal zu politischen Symbolen, wie zum Beispiel die Klobürste, mit der gegen Gefahrengebiete demonstriert wurde. Da klang es stimmig, dass Künstler, Moderator und Satiriker Michel Abdollahi mit einem überdimensionalen Schwamm und dem Titel "Weg mit dem Schmutz" in der HafenCity ein Zeichen setzen wollte – gegen Rassismus und Rechtspopulismus, um durch Scheuern "den Kern freizulegen". Jetzt wurde das Werk von Brandstiftern zerstört. Und das einzig Positive an dieser Nachricht ist, dass man deshalb vielleicht umso mehr an Abdollahis Botschaft denken muss, wenn man Töpfe schrubbt. Immerhin.

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

 

Ihre

Franziska Bulban

 

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