Am Ende wollte der Rocker die Hand des Polizisten halten. Wimmernd lag er vor der Tür eines Mehrfamilienhauses, ein massiges, blutiges Bündel. Er konnte kaum noch sprechen, mühsam presste er die Worte heraus: "Sterbe ich jetzt?" Der Polizist, der zur Beruhigung die Hand nahm, wusste schon anhand der Aufschrift des blutdurchtränkten Pullovers, worum es ging. "Mongols" stand darauf: Vor sich hatte er das jüngste Opfer des Hamburger Rockerkrieges.

Es war der 2. Januar dieses Jahres, als der schwer verletzte Mongol K. nahe des Wandsbeker Krankenhauses aufgefunden wurde. Zu dem Zeitpunkt lieferten sich die Mongols mit den verfeindeten Hells Angels bereits seit Monaten eine Schlacht um die Vorherrschaft im Rotlichtmilieu – mit Schießereien auf offener Straße, Handgranaten und Macheten. 

Nun werden sich einige der Gegner im Gefängnis wiedersehen. Der frühere Mongols-Boss Ercan U. sitzt bereits für zweieinhalb Jahre in Haft. Ihm folgen die fünf Unterstützer der Hells Angels, die K. im Januar lebensgefährlich misshandelt hatten. Das Hamburger Landgericht hat sie wegen gefährlicher Körperverletzung und Freiheitsberaubung zu Gefängnisstrafen zwischen zweieinhalb und fünfeinhalb Jahren verurteilt. Eine Prostituierte, die als Lockvogel aufgetreten war, kommt mit einer Bewährungsstrafe davon. Die Tat stehe "höchstwahrscheinlich in Zusammenhang mit einer Fehde im Rockermilieu", sagte die vorsitzende Richterin.

In die Falle gelockt

K., ein schwergewichtiger Typ mit Halbglatze und Bart, war in eine Falle gelockt worden. Er hatte sich an jenem Abend offenbar auf Sex mit zwei Prostituierten gefreut. Gegen 22 Uhr schickte ein Bekannter, mit dem er mal zusammen im Gefängnis gesessen hatte, eine SMS. Ob man sich nicht treffen und zusammen abhängen wolle, er hätte zwei Frauen dabei. "Hast du Fotos von den Muschis?", fragte K. noch, dann fuhr er zum vereinbarten Treffpunkt in einer Gartenlaube nahe der Horner Rennbahn. 

Statt Sex bekam er Prügel. Kaum saß er in der Laube, stürmten vier maskierte Männer herein, schlugen und traten ihn und stachen mit einem Messer auf ihn ein. "Scheiß Mongols" sollen sie dabei gerufen haben, und: "warum geht der nicht tot?" Als er nur noch ein blutiges Bündel war, packten sie den bulligen Mann in den Kofferraum eines Wagens und setzten ihn in einer Wohnsiedlung aus.

Vier Tage lag K. auf der Intensivstation. Doch im Prozess, in dem er gegen seine Peiniger aussagen soll, erinnert er sich plötzlich an kaum etwas. Am 29. Juni sitzt er im Zeugenstand. Er spricht von den "Damen", die er in der Laube treffen wollte, von seiner Idee, er könne den Bekannten für die Mongols anwerben. Ansonsten lautet seine Antwort auf fast alle Fragen lautet: "Das weiß ich nicht."

Es scheint, als liefe die Auseinandersetzung zwischen den verfeindeten Gruppen weiter, sie ist spürbar im Saal, bei jeder Antwort, zu der K. ansetzt und bei der er dann doch wieder einen Rückzieher macht. Warum gerade er in die Laube bestellt wurde, fragt die Richterin. "Das weiß ich nicht". Ob vor dem Überfall über die Feindschaft der Hells Angels und Mongols gesprochen wurde? "Das weiß ich nicht." Schließlich fragt die Richterin ihn, ob er Angst habe, jemanden mit seiner Aussage zu belasten. "Werden Sie bedroht?", will sie wissen. "Jetzt? Hier? Nein."