Gibt es hier gleich eine Schlägerei? Zwei Touristenpärchen laufen eilig am Handy-Shop vorbei, ein paar Jugendliche weichen vom Eingang zurück. Drinnen schreit ein Mann, er droht zwei Verkäufern. Mit Mühe schieben einige Männer den aufgebrachten Gast aus dem Laden. "Ich komme aus Afrika, ich lasse mich nicht betrügen", schreit er.

Ein Verkäufer aus dem Dönerladen nebenan versucht den Streit zu schlichten, der aufgebrachte Kunde grölt – es geht um 3,50 Euro, die er zu viel bezahlt habe. Nach einigen Minuten beruhigt er sich wieder und zieht ab. Dienstagabend auf dem Steindamm. Viertel vor neun.

"Ach, das ist hier ganz normal", sagt ein Gast im benachbarten Dönerladen und spießt mit der Gabel Fleisch auf. Nur wenige Straßen in Hamburg haben einen derart schlechten Ruf wie der Steindamm und der benachbarte Hansaplatz. In den vergangenen Wochen berichteten verschiedene Boulevardzeitungen über die Lage in St. Georg hinter dem Hauptbahnhof: "In der Dämmerung wird die Straße für viele Frauen zur No-Go-Area", schrieb die MOPO, von "Urin-Geruch. Hupen, Pöbeln, Stinkefinger" die BILD.

Vieles deutet auf einen dramatischen Abstieg des Bahnhofviertels hin. Es ist allerdings nicht das erste Mal, regelmäßig wird über eine angebliche Kriminalisierung berichtet. Was ist also dieses Mal dran? Um das zu erkunden, muss man jene fragen, die das Viertel und die Menschen dort gut kennen.

Tatsächlich ist es in den vergangenen Monaten lauter geworden, auch schmutziger, es gibt mehr Bettler, die um Almosen flehen, und die Trinkerszene ist deutlich angewachsen, das berichten Anwohner und Geschäftsleute. Am Samstagabend liegt der Kantstein voller Müll und undefinierbaren organischen Resten. Der Krawall, das Elend, der Müll – all das beeinträchtigt das subjektive Sicherheitsgefühl.

Man darf nie vergessen, dass wir hier im Bahnhofsviertel sind.
Christin Schulte, Sozialarbeiterin für Prostituierte

Das sieht auch Christin Schulte so. "Zuletzt wurden viele Klagen über die Situation am Steindamm laut", sagt die Sozialarbeiterin der Diakonie, die seit Jahren in St. Georg unterwegs ist und Prostituierte in der Einrichtung Sperrgebiet betreut. Ihrer Meinung nach wird aber auch vieles aufgebauscht: "Man darf nie vergessen, dass wir hier im Bahnhofsviertel sind."

Schultes Kollege Johan Graßhoff, der sich um Obdachlose kümmert, befürchtet, dass die Schlagzeilen über St. Georg in die falschte Richtung führten. Es werde Aufmerksamkeit auf ein vermeintliches Sicherheitsproblem gelenkt und nicht auf die soziale Situation. "Wir stellen in den vergangenen Monaten in der Innenstadt, gerade rund um den Hauptbahnhof, eine große Verelendung fest", sagt Graßhoff. "Das gilt nicht nur für den Steindamm, sondern auch für die andere Seite des Hauptbahnhofs."

Aber führt die Verelendung auch zu einem Anstieg von Straftaten? Der Steindamm gehört zweifelsfrei zu den drei Straßen in Hamburg mit dem höchsten Kriminalitätsaufkommen. Laut Olaf Sobotta, Leiter des Polizeikommissariats 11, handelt es sich bei den meisten Straftaten aber um eher leichte Delikte: Ladendiebstahl, leichte Körperverletzung, Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz. Viel seltener kommt es zu schweren Körperverletzungen oder Raub.

"Steindamm und Hansaplatz liegen im Bahnhofsviertel – und da gibt es in Hamburg wie in jeder Großstadt gelegentlich Probleme: Wir haben hier Bettler, Süchtige und Drogenhändler, Prostituierte und Freier sowie andere Randständige", sagt Sobotta. Der Polizist beruhigt alle, die den Steindamm als Verbrechensmoloch sehen: "Ich rechne in diesem Jahr nicht mit einem Anstieg der Fallzahlen in der Kriminalitätsstatistik am Steindamm oder am Hansaplatz."

Sobottas Wache liegt direkt am Steindamm, in der Nähe der U-Bahnstation Lohmühlenstraße. Dort ist es ruhiger als am Anfang des Steindamms. Das angesehene Kabarett Polittbüro und das Savoy Kino sind nicht weit entfernt, große Ketten unterhalten in der Nähe Hotels und die Sparkasse eine Filiale. Hier sieht das Viertel so aus, wie es nach Meinung von Anwohnervertretern und Politikern überall sein sollte. Sie fordern vor allem eine Aufwertung des Hansaplatzes.