Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

der Michel, Hamburgs altes Wahrzeichen, hat einen neuen Teppich. Der alte war grün, der neue ist rot – Moment, haben wir nicht erst gestern Nacht im Fernsehen gesehen, wie sich dieses Rot unheilvoll über die Karte der USA ausbreitete? Reicht SEIN langer Arm heute etwa schon ins weltoffene, aufrechte, stets unpopulistische Hamburg, gar in ein Gotteshaus? ...

Nein, gemach, Gott sei Dank: Es ist nur eine Farbe. Einfach nur ein schönes Rot. "Rot wie die Liebe und warm wie ein Feuer", schreibt uns Ines Lessing von der Hauptkirche St. Michaelis. "Es wird eine wunderbare Atmosphäre entstehen, die die Leichtigkeit und Größe des Kirchraums erdet und jeden Besucher freundlich empfängt." 350 Spender haben für den Teppich rund 55.000 Euro gegeben, 67 Euro für den halben, 135 Euro für den vollen Meter. Fünf volle Spendenmeter kosteten 675 Euro. (Falls Sie nun kichernd drangehen, unsere stadtbekannten Rechenkünste nachzuprüfen, nur ein Hinweis: Sämtliche Zahlen stammen von der Hauptkirche St. Michaelis.)

Bei der "Premierenfeier", kündigt Frau Lessing an, dürfen die Teppichspender den Kirchenraum dann in seiner ganzen Pracht bewundern: "Rot ist seit alters her die Farbe der Schönheit und Macht: Noch heute wird stets ein roter Teppich ausgerollt, wenn prominente Gäste erwartet werden ..." Oh, an dieser Stelle fragt man sich im Nachwahlschock dann doch, ob die bessere Farbwahl nicht wieder Grün gewesen wäre, Grün, die Farbe der Hoffnung.

Aber zum Glück schreibt Ines Lessing weiter: Bei diesem roten Teppich werde es anders sein. "Wenn wir einen roten Teppich ausrollen, dann um jeden unserer Gäste einzuladen, dieses zu spüren: ›Fürchte Dich nicht!‹"

Dieses Rot werden sicher viele erleben wollen.

Funke for President?

Die Fassungslosigkeit über die Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten wirkt in Hamburg noch immer nach. "Die Kandidatschaft war schon ein Witz", sagt Alexa Lindsay-Frassa vom Deutsch-Amerikanischen Frauenclub in Hamburg. "Tja, jetzt ist es Realität, das kann man nicht glauben. Damit haben wir alle überhaupt nicht gerechnet." Nach der Wahl bleibe die Hoffnung, dass sich letzten Endes doch nicht so viel ändere, dass Trump die Flügel noch gestutzt würden. Auch Handelskammer-Präses Fritz Horst Melsheimer klammert sich an die Hoffnung, dass Trump seine "angekündigte wirtschaftliche Abschottungspolitik nicht eins zu eins umsetzen wird". Falls aber doch, so ist sich auch Werner Reinhard, Amerikanist und Präsident der Europa-Universität Flensburg, sicher, "gibt es einen Bruch". Befürchtungen, die viele teilen. So mahnte Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz schon kurz nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses eine Reform der EU an. Die müsse so erneuert werden, "dass sie eigenständig handlungsfähig wird". Eine schreitet direkt zur Tat: Bestsellerautorin Cornelia Funke. Sie will in den USA die Staatsbürgerschaft beantragen. Trotz Trump oder gerade seinetwegen. Funke sagt: "Was mir eine Lehre war, ist, dass ich elf Jahre mit einer Greencard in Amerika gelebt habe, ohne mir die Mühe zu machen, die Staatsbürgerschaft zu beantragen, und dadurch nicht wählen konnte." Künftig möchte sie sich verstärkt politisch engagieren. Ob sie wohl eine gute Präsidentin abgäbe?

Helmut Schmidt, ein großer Weiser

Heute vor einem Jahr ist Helmut Schmidt gestorben, Staatsmann und ZEIT-Herausgeber. Doch in der Erinnerung lebt der ehemalige Bundeskanzler weiter, und posthum ehrt man den laut einer Forsa-Umfrage von 2014 "coolsten Mann Deutschlands" an einigen Orten in der Stadt am Flughafen etwa öffnet heute die Ausstellung zum Lebenswerk der Eheleute Schmidt, die Deutsche Post gedenkt des Politikers mit einem Sonderstempel und einem Sonderbriefumschlag, den es in der Filiale in Othmarschen zu kaufen gibt (sofern diese geöffnet hat). Woher kam eigentlich all die Verehrung für diesen Mann, haben sich die Kollegen von ZEIT Geschichte gefragt – und unseren Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, der mit ihm regelmäßig fürs ZEITmagazin die legendären Gespräche "Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt" führte. Ein bisschen sollen Schmidts weiße Haare und seine sonore Stimme zu dessen Beliebtheit beigetragen haben. Und: "Er sagte auch, er sei ein exzellenter Staatsschauspieler. Offenbar gibt es in unserem Land eine große Sehnsucht nach Leuten, die das Gefühl vermitteln, sie wüssten, wo es langgeht", so di Lorenzo, der dieses Bedürfnis darauf zurückführt, dass die Welt komplexer geworden sei. "Es wächst der Wunsch nach den großen Weisen." Ein Politiker wie Helmut Schmidt, mit Durchsetzungsvermögen und Tatkraft, ein Intellektueller, der zum Volk sprechen könne, dieser Typus Politiker fehle heute, sagt di Lorenzo. Zu lesen ist das ganze Interview im ZEIT Geschichte-Sonderheft über den Ausnahmepolitiker Helmut Schmidt; jetzt am Kiosk.

Bye-bye, Türkei

Auch die Hamburgische Bürgerschaft hat vom Vorgehen Recep Erdoğans die Nase voll. In einer aktuellen Stunde verurteilten alle Fraktionen das Vorgehen des türkischen Staatspräsidenten als inakzeptabel. Mit den Angriffen auf Pressefreiheit, Demokratie und Rechtsstaat entferne sich die Türkei weiter von Europa, sagte der SPD-Abgeordnete Sören Schumacher. Man war sich einig: Setzt Erdoğan seinen Kurs fort, ist ein EU-Beitritt der Türkei undenkbar. Die Türkei befinde sich auf dem Weg in eine Diktatur, so die Fraktionsvorsitzende der Linken, Sabine Boeddinghaus. Die EU-Beitrittsverhandlungen müssten nicht ausgesetzt, sondern abgebrochen werden, forderte CDU-Fraktionschef André Trepoll. "Sollte die Türkei ihren eingeschlagenen Weg der Entdemokratisierung unbeirrt weitergehen, dann muss die EU (...) über Sanktionsmöglichkeiten nachdenken", sagt er. Die Hamburgische Bürgerschaft zeigt sich zunächst in einer Resolution fraktionsübergreifend solidarisch mit den türkischen Demokratiebefürwortern und fordert die türkische Regierung auf, "umgehend alle Inhaftierten zu entlassen, den Ausnahmezustand aufzuheben, die Menschenrechte und vor allem die Meinungsfreiheit zu beachten und zu respektieren." Wir sind gespannt auf die Reaktion.

U5 Ost: Mitreden heißt nicht entscheiden

Die U5 Ost kommt. Das steht fest. Wo exakt ihre Trasse verlaufen wird und die Haltestellen liegen werden, ist aber noch unklar. Die Hochbahn ist noch in der Planungsphase. Das aber schürt bereits Unwillen. Die Bürgerinitiative für einen lebenswerten Hartzloh spricht sogar von "unmenschlichen Planungen" und davon, dass man Mensch und Umwelt aus den Augen verlöre. Auslöser für den Unmut der Barmbeker ist die geplante Trassenführung der U5 durch Barmbek und die in ihren Augen ungenügende "Form der Bürgerbeteiligung" bei dem Großprojekt. Die Bürgerinitiative kritisiert auch die "massiven gesundheitlichen Belastungen der Anwohner durch jahrelange Großbaustellen", den Verlust von Baumbestand und Schrebergärten, den Wegfall von Wochenmarkt- und Spielplatzflächen durch die Baustelle. Die Baugrube im Hartzloh solle "bis zu einen Meter an die Wohnbebauung heranreichen", das sei beispiellos. Den Vorwurf der Ignoranz weist Christoph Kreienbaum von der Hamburger Hochbahn zurück. Zu vier Veranstaltungen entlang der Strecke der U5 Ost und damit zur Bürgerbeteiligung hat die Hochbahn bereits geladen. Es würden zahlreiche Varianten für den Bau geprüft – "unter anderem auch verschiedene Varianten, die uns von der Initiative gegeben wurden". Allerdings – und das sei ein Missverständnis – gehe es bei Bürgerbeteiligung nicht um Mitbestimmung, sagt Kreienbaum. "Wir wollen mit möglichst wenig Frustration auf beiden Seiten das beste Ergebnis erzielen." Es sei Aufgabe der Hochbahn, einen Plan vorzulegen, der die bestmögliche Variante für Hamburg biete. Die endgültige Entscheidung aber werde "auf politischer Ebene gefällt".

Sowas von im Film

Der Hamburger Kiez. Ein Ort, an dem die einen aufblühen, die anderen untergehen. An dem Drogen an Straßenecken vertickt werden und bis zum Morgen die Schuhsohlen durchgetanzt werden, wo Obdachlosigkeit und Yuppietum nebeneinander existieren. St. Pauli ist unverwechselbar, oder nicht? Regisseur Jakob Lass hat die Reeperbahn kurzerhand verlegt, in den Osten, ins Gewerbegebiet von Hammerbrook. Selbstverständlich nur für die Kamera, keine Sorge. Lass verfilmt "Sowas von da", den Kiezroman von Tino Hanekamp, ehemaliger Betreiber des Clubs Weltbühne und Mitgründer des Uebel & Gefährlich. Hanekamp nimmt die Leser mit durch die letzte Nacht eines Abrissclubs auf der Reeperbahn. Im Buch schreibt er: "Um zu verstehen, was hier vor sich geht, muss man vollkommen fertig sein, körperlich am Ende, aber geistig hellwach." Lass muss diese Party umsetzen. Kollege Oskar Piegsa hat sich für die neue ZEIT:Hamburg (hier auch digital) beim Dreh unters Partyvolk gemischt und beobachtet, wie es ist, "wenn Statisten in Kinofilmen auf Anweisung – ›Kamera, Klappe, Action!‹ – Tanz, Rausch und Enthemmung spielen". Wer Teil des Films werden will, kann sich für die Drehtage am 11. und 18. noch als Statist anmelden.

Mittagstisch

Zuflucht vor der Weihnachtsdeko

Wer sich noch nicht gewappnet fühlt für die Weihnachtszeit, der kann Zuflucht finden in der Ersten Liebe Bar. Zwar leuchten die weißen Zelte des gerade aufgebauten Fleetweihnachtsmarkts auch hier durch die verglaste Vorderfront herein, aber man kann sich so auf einen der eleganten Barhocker setzen, dass der Blick auf das reduzierte Design aus poliertem Beton und schwerem Holz oder auf die noch bis Ende November ausgestellten Meeresbilder des Fotografen Jan KB fällt. Auf der täglich wechselnden Mittagstischkarte stehen Currywurst (6 Euro), Penne mit Tomatenpesto (6,50 Euro) oder Salat mit Ziegenfrischkäse (8,30 Euro). Auch Halb-Halb kann bestellt werden (Pasta und Salat, 6,80 Euro) – eine wunderbare Idee! Zum Cappuccino kommt ein Stückchen Schokolade. 60-prozentige aus Italien. Und ausgewickelt erinnert das kleine Quadrat mit dem Stern darauf überraschend an den Schokoladenadventskalender aus der Kindheit … Vielleicht wird das ja doch noch ganz nett mit Weihnachten.

Erste Liebe Bar, Michaelisbrücke 3, Mittagstisch von 12 bis 15 Uhr

Elisabeth Knoblauch

Was geht

Kunstausstellung: "Messersteck" heißt die Ausstellung von Ellen Sturm und Peter Loeding, nach dem fast vergessenen Hamburger Hinterhofspiel. Aus zwei Perspektiven beschäftigt sich das Paar mit seinen Kindheitserinnerungen und der Nachkriegszeit – eindrucksvoll dargestellt durch die sich überlagernden Schichten des Holzschnittdrucks. Heute wird die Ausstellung eröffnet.

Freie Akademie der Künste, Klosterwall 23, 18 Uhr, Eintritt frei, nach der Vernissage 5 Euro, dienstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr

"Bloody Niggers!" Am Anfang steht die Idee, das Übel seien immer die anderen. Am Ende eskaliert der Fremdenhass in Gewalt. Wie kommt es so weit, welche Diskurse befeuern den Rassismus? Mit der Deutschlandpremiere des Stücks "Bloody Niggers!" von Dorcy Rugamba rückt das Sprechwerk ein brandaktuelles Thema in den Fokus.

Sprechwerk, Klaus-Groth-Straße 23, 20 Uhr, 22 Euro. Weitere Vorstellungen am 11.11., 19.11. und im Dezember.

Julian Barnes liest: Morgen bekommt der britische Schriftsteller den Siegfried-Lenz-Preis, eine der renommiertesten und höchstdotierten Literaturauszeichnungen. Warum? Davon können sich Besucher des Thalia Theaters heute Abend ein Bild machen: Der Autor liest auf der Bühne aus seinen Werken, unterstützt vom Schauspieler Matthias Leja.

Thalia, Alstertor, 20 Uhr, 9 bis 18 Euro

Noch ein Kiezfilm:Christian Hornung porträtiert den Hamburger Kiez und seine Menschen im Dokumentarfilm "Wir hatten Krokodile" und zeigt dabei, wie der Wandel St. Paulis von den Anwohnern erlebt wird. Bei der Premiere des Films im Abaton-Kino heute Abend sind der Regisseur und Mitglieder des Filmteams zu Gast.

Abaton, Allendeplatz 3, 20 Uhr

Schnack

Im Fischerhus am Fischmarkt bestellen wir eine Fischplatte. Meine Freundin aus Stuttgart möchte dazu ein Radler trinken. Der Kellner echt empört: "In Hamburg haben wir die Alster."

Gehört von Renate Schächinger

Meine Stadt

Auch im Sommerpalast wird es mal Herbst. © Antje Stokman

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

 

Ihr

Mark Spörrle

 

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