Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

meine Frage gestern morgen in der Konferenz für diesen Letter: "Müssen wir nicht noch was zum HSV machen?"

Entsetztes Schweigen. Dann alle Anwesenden im Chor: "Nein!"

Ich: "Aber ist das nicht irre? Erst die sportliche Krise. Dann diese Suche nach einem Sportdirektor mit einem Fehlschlag nach dem anderen: Erst klappt es nicht mit Nico-Jan Hoogma, Sportchef bei Heracles Almelo, dann scheitert der Deal mit Ex-Schalke-Manager Horst Heldt, und am Wochenende stellte sich jetzt heraus, dass auch Christian Hochstätter nicht kommt, weil der VfL Bochum eine zu hohe Ablöse will ... "

Der Chor gähnte gelangweilt bis desinteressiert.

"Auch Felix Magath hat kein Interesse an dem Job!", rief ich. "Gestern Abend sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland ganz offen: Es gab keinen Anruf, und ich warte auch nicht darauf."

Eine Kollegin warf mir einen genervten Blick zu, stand auf und öffnete das Fenster. Der Meteorologe begann, in Zeitlupe mit zwei Zimtsternen zu jonglieren.

Klar ist eins: Langsam übertreibt es der HSV. Wenn jetzt noch Vorstandschef Dietmar Beiersdorfer geht…

Aber zurück zur Ausgangsfrage: Wir haben dann eben nichts zum HSV gemacht.

Gefährliches Leben im Jobcenter

622-mal seien Mitarbeiter des Hamburger Jobcenters im vergangenen Jahr von ihren Kunden verbal angegriffen worden, berichtete das "Hamburger Abendblatt" gestern. Die Tendenz sei zwar fallend – im Jahr 2013 verzeichnete man noch 719 Vorfälle –, doch das Jobcenter gilt immer noch als die meistattackierte Behörde der Hansestadt. "Die meisten Menschen, die zu uns kommen, befinden sich in einer prekären wirtschaftlichen Situation", sagte uns Dirk Heyden, Geschäftsführer vom Jobcenter team.arbeit.hamburg. Deshalb seien Zwischenfälle nicht immer vermeidbar. Doch er betont: "Wir dulden und tolerieren keine Gewalt, Bedrohung oder Beschimpfung." Um die Sicherheit der Mitarbeiter zu gewährleisten, gibt es nicht nur bauliche Maßnahmen wie Fluchtwege oder einen Alarmknopf. Die Hamburger verfügen auch als einziges Bundesland im Norden über ein eigenes Schulungscenter im Jobcenter in dem die Berater Deeskalationsstrategien und Kommunikationstechniken erlernen. Zusätzlich werden seit Kurzem die Eingangszonen aller 16 Standorte komplett umgebaut. Die Wartebereiche sind nun großzügiger gestaltet und wurden mit Loungemöbeln sowie einer Kinderspielecke ausgestattet. Zwei zusätzliche Schalter verkürzen die Warteschlange bei der Anmeldung. Trotzdem ist in Hamburg immer ein Sicherheitsmann anwesend. Komplett einmauern will man sich jedoch nicht. "Wir brauchen bei unserer Arbeit eine Vertrauensbasis zu den Kunden", sagt Dirk Heyden. Dem stünden dicke Plexiglasscheiben eher im Wege.

Vogelgrippe? Mahlzeit!

Seit Sonntag wurden auf einem Geflügelhof in Schleswig-Holstein 30.000 Hühner gekeult, im gesamten Bundesland sowie in Hamburg gilt für Geflügel Stallpflicht, weitere Bundesländer ziehen nach. War's das also mit der Weihnachtsgans? Keine Panik. Laut Bundesinstitut für Risikobewertung ist eine Übertragung des aktuellen Erregers H5N8 über infizierte Lebensmittel "theoretisch denkbar, aber unwahrscheinlich", für die Möglichkeit einer Infektion des Menschen durch rohe Eier oder Rohwursterzeugnisse mit Geflügelfleisch von infizierten Tieren gibt es bisher keine Belege. "Für den Hamburger Verbraucher ändert sich überhaupt nichts", beruhigt Rico Schmidt, Sprecher der Hamburger Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz, noch bevor man das Wort Vogelgrippe fertig ausgesprochen hat. "Wenn man die üblichen Hygienevorschriften beachtet, kann überhaupt nichts passieren." Wichtig sei, so Schmidt, alle Küchenutensilien, die mit rohem Geflügel in Kontakt kommen, gründlich zu reinigen und nicht auf demselben Schneidebrett auch noch die Gurke für den Salat zu schneiden. Außerdem solle Geflügelfleisch immer durchgegart werden – auch wenn eine Hühnerbrust dann nur noch mit sehr viel Sauce runterzubekommen ist. Um die Weihnachtsgans muss sich jedenfalls niemand Sorgen machen, die liegt vermutlich schon seit Wochen im Tiefkühler. Auch die Alsterschwäne, die ja bereits am Donnerstag eingesammelt worden waren, hätten sich noch bis gestern ihrer Freiheit erfreuen dürfen. Für sie als Wildtiere, sagt Schmidt, gelte die Aufstallpflicht überhaupt nicht. Und essen will sie ja auch niemand – oder?

Jugendliche saufen weniger – aber spielen zu viel

Laut einer Studie der Krankenkasse DAK haben sich im vergangenen Jahr deutlich weniger Hamburger Jugendliche ins Koma getrunken als in den Jahren zuvor. Nach einer Erhebung des Statistischen Landesamtes kamen im vergangenen Jahr noch 172 Jugendliche mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus, 19,6 Prozent weniger als noch 2014. Wie kommt das? Wir sprachen mit Sucht- und Drogenforscher Theo Baumgärtner von Sucht.Hamburg, einer Fachstelle für Suchtfragen.

Elbvertiefung: Ist das Komasaufen unter Jugendlichen in Hamburg vorbei?

Theo Baumgärtner: Nein, auf keinen Fall. Aber wenn man sich die Zahlen der Jugendlichen, die wegen Alkoholmissbrauchs ins Krankenhaus eingeliefert wurden, ansieht, zeigt sich eine Trendwende. Das belegen auch die Daten aus unserer SCHULBUS-Untersuchung unter 14- bis 17-Jährigen. Das sogenannte Binge Drinking, also das Trinken von fünf und mehr Standardgläsern Alkohol pro Trinkgelegenheit, ist zurückgegangen.

EV: Wie kommt es, dass die Alkoholexzesse seltener werden?

Baumgärtner: Alkoholkonsum unterliegt, wie alle anderen Konsumformen, typischen Schwankungen, dabei geht es auch um Lifestyle und Moden. Jedes Jahrzehnt hat seine Droge. Heroin war in den 70ern in, Kokain in den 80ern, Ecstasy in den 90ern, Cannabis in den 2000ern und später dann Alkohol. Dass dessen Missbrauch jetzt wieder als breites Phänomen zurückgeht, ist sicher auch auf die Politik und Prävention zurückzuführen. Es wurde viel Aufklärung betrieben, das Flatrate-Saufen wurde verboten und die Steuern auf Alcopops wurden erhöht. All das zusammen zeigt auch irgendwann seine Wirkung.

EV: Trinken ist also nicht mehr cool?

Baumgärtner: Fest steht, dass Jugendliche mittlerweile eine kritischere Haltung gegenüber Alkohol haben, das hat auch etwas mit der Aufklärung zu tun. Wie beim Rauchen, da ist es ähnlich. Das Image von Drogen kann beeinflusst werden. Jungs, die Mädchen im betrunkenen Zustand anbaggern, kommen längst nicht mehr so cool rüber, wie sie selber glauben.

EV: Was machen die Jugendlichen stattdessen? Gibt es Ersatzdrogen?

Baumgärtner: Ein Problem sind die sogenannten NPS: Neue psychoaktive Substanzen, Designerdrogen, Kräutermischungen oder Research Chemicals. Die Zahlen in Hamburg sind zwar eher gering, etwa 1000 Jugendliche haben im letzten Jahr eine dieser Substanzen konsumiert. Aber insgesamt stellen wir eine Verlagerung fest: vom sogenannten Substanzkonsum hin zu nicht substanzgebundenen Formen suchtgefährdenden Verhaltens, beispielsweise zum Internet, zu PC-Spielen und Glücksspielen. Da steigen die Zahlen leider an.

Alle mal lesen!

Hamburg liest. Ach was, ganz Deutschland liest. Und zwar beim Bundesweiten Vorlesetag, der am kommenden Freitag zum 13. Mal stattfindet. Die Initiatoren von ZEIT, Stiftung Lesen und der Deutschen Bahn Stiftung wollen damit die Begeisterung für das Lesen wecken. Vorleser sind unter anderem Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, der Autor Paul Maar und die Journalistinnen Maybrit Illner und Marietta Slomka. In Hamburg lesen Justizsenator Till Steffen, Star-Köchin Cornelia Poletto und derMann mit der wahrscheinlich mitreißendsten Stimme der Stadt, Schauspieler Marek Erhardt. Unser Chefredakteur Giovanni di Lorenzo ist ebenfalls dabei. Aber auch sonst haben sich schon jede Menge Vorleser gefunden; beiRedaktionsschluss der Elbvertiefung waren es bundesweit 119.616, damit ist der Rekord aus dem letzten Jahr geknackt, und wenn Sie noch mitmachen und sich bis Freitag, 18. November hier anmelden, werden es noch mehr. Viele der Lesungen sind öffentlich zugänglich, in Hamburg kann man zum Beispiel beim Open-Mike-Abend im ABC-Magazinladen zuhören und auch selbst lesen, eigene "Tagebucheinträge, Alltagsanekdoten, tiefschürfende Gedankengänge, Gedichte oder journalistische Texte …, an diesem Abend ist alles erlaubt und erwünscht". Alle, die sich als Vorleser anmelden, werden übrigens wieder namentlich auf einer Doppelseite in der übernächsten Ausgabe der ZEIT verewigt.

Zu viel der goldene Ehre?

Quizfrage: Was haben Papst Franziskus, Jogi Löw und Udo Lindenberg gemeinsam? Dass sie die Massen zum Ausrasten bringen? Ja, vielleicht auch. Und: Sie alle werden am Donnerstag mit einem Bambi geehrt. Der Papst wird allerdings bei der Verleihung des Medien- und Fernsehpreises von Hubert Burda Media in Berlin nicht persönlich anwesend sein, er hat den Bambi bereits vergangene Woche in Rom entgegengenommen. Dabei wäre sein Auftritt wirklich eine schöne öffentlichkeitswirksame Überraschung gewesen. Überraschend ist aber die Ehrung Udo Lindenbergs, denn der hat bereits seit 2010 ein kleines goldenes Rehkitz im Hotelregal stehen. Damals wurde er für sein Lebenswerk ausgezeichnet. War das vielleicht etwas verfrüht? Hat die Jury beim Lebensstil des Panikrockers etwa nicht mit weiteren sechs Jahren auf der Bühne gerechnet? Na, wir wollen nichts unterstellen. Aber braucht Udo denn noch einen Bambi? Oder ist es vielleicht andersrum, braucht der Bambi Stars wie Udo Lindenberg oder gar den Stellvertreter Gottes auf Erden? In den letzten Jahren musste die Preisverleihung einigen Image-Verlust in Kauf nehmen. Vor fünf Jahren wurden schon Rufe laut, man solle den Bambi ganz abschaffen. Spätestens wenn das Rehlein beim nächsten Mal schon wieder an Papst Franziskus verliehen werden sollte, wäre klar, dass da etwas nicht stimmt …

Mittagstisch

Vor Besuch Wasserstandsmeldung lesen!

Bevor man sich zur Hafenkante aufmacht, kann man auf der Internetseite nachlesen, wie der Wasserstand des mittleren Hochwassers ist. Nach positiver Auskunft trockenen Fußes zu dem kleinen Lokal am Fischmarkt gelangt, hat man die Wahl zwischen den auf einer dezenten elektronischen Anzeigentafel aufgeführten Gerichten des Tages – vorzugsweise saisonal und regional gekocht: Kalbsragout mit Kürbis in Estragon-Senfsoße (9,50 Euro), zwei Pasta-Variationen (7–8 Euro), Salat mit geschmälzten Maultaschen für 7,80 Euro. Das liest sich großartig, schmeckt dann aber "nur" gut, die hausgemachte Ingwer-Limette-Limo ist sehr lecker. Der Ausblick aus dem großen Fenster geht auf das Kopfsteinpflaster des Platzes in schönster stimmungsvoller Hafenlage, die schlichten Tische erinnern an geschrubbte Decksplanken, das Besteck steht in einer Konservendose mit aufgedruckter alter Weltkarte, auf der Rückseite der Menü-Seiten auf einem Klemmbrett befinden sich Seekarten, und die Bedienung trägt Matrosenmütze zum Vollbart. Das Ganze wirkt klar, schlicht und geradlinig, ein sorgsam modernisiertes maritimes Ambiente, ganz ohne Hans-Albers-Nostalgie.

Hafenkante, Fischmarkt 11, Mittagstisch Montag bis Freitag 12 bis 14.30 Uhr

Christiane Paula Behrend

Was geht

Auge um Auge: Der "Psychoanalytische Salon" untersucht Wege der Vergeltung. Ist Rache ein Mittel zur Selbstreparation oder ein krankhafter Zug? Pastor Ulrich Hentschel und Psychoanalytiker Torsten Maul nähern sich dem Thema wissenschaftlich an.

Golem, Große Elbstraße 14, 20.30 Uhr, Eintritt frei

Blick über die Reeling: "Wenn dir die Nacht zu lang vorkommt, mach sie kürzer", fordert Künstlerin Višnja Sretenović. Zum Beispiel mithilfe ihres Projekts "Schlag die Sorgen mit der Feier! Eine performative Installation". Zum kreativen Glas Wein schaukelt’s auf der Stubnitz.

Stubnitz, Kirchenpauerkai 26, 22 Uhr, Eintritt frei

Designte Lesung: Früher entwarfen Designer Gegenstände. Heute widmen sie sich praktisch allem: dem Klima, Prozessen, Flüchtlingslagern. Architekt Friedrich von Borries liest aus "Weltentwerfen – eine politische Designtheorie".

Sautter + Lackmann Fachbuchhandlung, Admiralitätstraße 71/72, 19 Uhr, Eintritt frei

Was kommt

Backstube aus Glas: Nacht für Nacht formt Bäckermeister Norbert Klemme mit seinem Team bis zu 2000 Brote und 800 Brötchen. Donnerstag öffnet er seine Backstube auf dem Gut Wulksfelde und zeigt, wie aus Getreide lecker Stullen entstehen.

Gut Wulksfelde, Donnerstag, 17. November, 20 Uhr, Anmeldungen unter 040/6442510

Schnack

In der U-Bahn Richtung Ochsenzoll ertönt mitten auf der Strecke die Durchsage: "Bei der nächsten Haltestelle bitte alle aussteigen. Endstation." Irritierte Blicke unter den Fahrgästen. Alle bleiben sitzen. Nach wenigen Minuten fährt die U-Bahn wieder an, vorbei an dem mit Menschen gefüllten Bahnsteig. "Da haben wir ja Glück gehabt", entfährt es einem Fahrgast, und eine Dame um die 60 ruft freudig: "Ätsch, und wir sitzen drin!"

Gehört von Elke Wellmann

Meine Stadt

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

 

Ihr

Mark Spörrle

 

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