Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

sicher schon wieder Lufthansa-Streik, denken Sie nun, immer nur Lufthansa-Streik, und sehnen sich der Abwechslung halber fast schon danach, dass der keksessende Meteorologe endlich mal wieder so richtig runtergeputzt wird. Vielleicht dafür, dass Sie es immer noch nicht geschafft haben, die Pflanzen auf dem Balkon vor Kälte zu schützen, zumal mit jedem weiteren kalten Tag zu befürchten steht, es könnte Frühling werden, noch bevor Sie Noppenfolie und Jutesäcke aus dem Keller gekramt haben.

Aber nun doch, Sie haben es befürchtet, ganz kurz zum Lufthansa-Streik: Es gibt heute keinen. Jedenfalls kündigte das die Piloten-Gewerkschaft Vereinigung Cockpit gestern an. Es soll auch keine Streik-Spätfolgen geben. Bevor Sie nun hemmungslos zum Computer stürzen und alle Flüge nachbuchen, die Sie in den letzten Tagen unterlassen haben, noch ein Hinweis: Da die Positionen in dem Tarifkonflikt weiterhin verhärtet sind wie Beton, drohen am Dienstag und Mittwoch weitere Streiks.

Einer unserer fleißigsten Lesermail-Schreiber hat mit den Ausständen allerdings schon seinen Frieden gemacht, und zwar so tiefenentspannt, dass er Ende letzter Woche ganz andere Dinge sah: "Dank Lufthansastreik herrliche Morgenruhe auch im fluglärmgeplagten Villengebiet der Elbvororte. Nur die Teslas huschen lautlos ins Kontor oder zum Bäcker oder zur Kita oder zur katholischen Grundschule – halt, nein, dort leider nur SUVS, deren Fahrerinnen mittlerweile mit zwei (!) Smartphones am Steuer – gehalten wie ein Skatblatt – telefonieren."

Nach Messehallen-Anschlag: Anwohner sind wütend

Elf Tage vor dem OSZE-Ministertreffen hat eine linksgerichtete Gruppe am Samstag einen Brandanschlag auf die Messehallen verübt Zeugen zufolge haben 30 bis 50 vermummte Gestalten am Abend Barrikaden in Brand gesetzt und einen Eingang des Kongresszentrums stark beschädigt. Man lehne das in der Messe geplante "Herrschaftstreffen" am 8. und 9. Dezember ab, hieß es tags darauf in einem online veröffentlichten Bekennerschreiben, weitere Anschläge sollen folgen. Die Echtheit des Schreibens ist noch unklar, der Staatsschutz ermittelt – aber umstritten war das OSZE-Treffen auch vorher schon, der geplanten strengen Ausweiskontrollen und Straßensperrungen im Karolinenviertel wegen. Der Anschlag dürfte nun nicht gerade dabei helfen, die Lage zu entspannen, findet Anwohnerin Theresa Jakob: "Gewalt ist kein Mittel der Auseinandersetzung. Dass das OSZE-Treffen mitten in unserem Wohngebiet stattfindet, finde ich zwar auch nicht gut – doch Mülleimer von Anwohnern anzuzünden, trägt ganz sicher nicht zur Deeskalation bei!" Viele Anwohner seien wütend auf die Randalierer und verurteilten den Anschlag, weil sie nun weitere Einschränkungen fürchteten: "Gestern Abend wurden Teile des Viertels bereits weiträumig abgesperrt." Sie selbst habe während des OSZE-Treffens eine friedliche politische Versammlung anmelden wollen, sagt Jakob, "nun denke ich aber noch einmal darüber nach – denn wenn die Stimmung weiter eskaliert, wird friedlicher Protest schwierig". Will da jemand genau das?

Auf die Plätze für die Bundestagswahl

Die Bundestagswahl rückt näher – und auch die Hamburger Fraktionen bringen sich so langsam in Stellung. Bei den Grünen steht das Spitzenduo für den Bundestagswahlkampf fest: Anja Hajduk und Manuel Sarrazin treten auf Platz 1 und 2 der Landesliste an. Keine Überraschung, beide galten als Favoriten und hatten keine Gegenkandidaten – dass allerdings die Landesvorsitzende Anna Gallina bei der Abstimmung um Platz drei gegen die (bisher eher unbekannte) Bergedorfer Kreisvorsitzende Jennifer Jasberg unterlag, ist sehr wohl eine. Anja Hajduk machte dann noch deutlich, dass die Grünen sowohl für eine Koalition mit der CDU wie auch mit den Linken offen seien. "Wir sollten nicht so dumm sein und irgendwelche Varianten ausschlagen – nicht im Wahlkampf und auch nicht nach dem Wahltag", so Hajduk. Womit die Grünen die Kritik befeuern dürften, dass ihre Partei vor allem nach Regierungsbeteiligung strebe. Auch bei der Hamburger SPD gibt es Neuigkeiten. Auf dem Parteitag der Duisburger SPD brachte SPD-Chef Sigmar Gabriel den amtierenden Bürgermeister Olaf Scholz für die Kanzlerkandidatur ins Spiel, indem er sagte: "Was ich unfair finde: Die vergessen, dass wir noch einen Dritten im Bunde haben, Olaf Scholz." Ob ihn das Amt reizen könnte oder nicht, dazu schwieg Scholz gestern eisern.

Tchibo bekommt Nachhaltigkeitspreis

Am Freitag wurde der Deutsche Nachhaltigkeitspreis verliehen, der besondere ökologische und soziale Leistungen honorieren soll. Neben dem Schauspieler Nicolas Cage (ausgezeichnet fürs soziale Engagement) und der Stadt Nürnberg ("nachhaltigste Großstadt") bekam auch der Tchibo-Konzern einen Preis als "Deutschlands nachhaltigstes Großunternehmen". Soso – und was heißt hier "nachhaltig"? Der Konzern wolle "Verantwortung für Mensch und Umwelt" übernehmen, erklärt uns Markus Conrad, Vorstandsvorsitzender von Tchibo. Man arbeite in den Kaffeeanbauländern mit NGOs zusammen, um die Existenzgrundlage der Bauern zu sichern, auch der Kaffee selbst werde nun immer öfter "nachhaltig" und ohne Pestizide angebaut – über 50 Prozent der Tchibo-Kaffeesorten seien entsprechend zertifiziert. Bei der Produktion von "Gebrauchsartikeln" (Sie wissen schon: "Jede Woche eine neue Welt") verbessere man die Arbeits- und Brandschutzbedingungen in den Textilfabriken, und heute sei Tchibo weltweit drittgrößter Anbieter von Textilien aus Biobaumwolle. Bleibt die Frage, warum der Konzern dann bei seiner neuen per Smartphone steuerbaren Kaffeemaschine Qbo dennoch auf Kunststoffkapseln setzt. "Wir verteufeln Kaffeekapseln nicht. Für kleine Haushalte, in denen man lieber mal eine Tasse als eine ganze Kanne Kaffee trinkt, sind sie ideal", sagt Konzernchef Conrad. Und wenn die Technik so weit sei, wolle Tchibo ohnehin nur noch biologisch abbaubare Biokunststoffe verwenden.

Die Frau, die Bäume zum Leuchten bringt

Weihnachten rückt näher, Saskia Blümel hat viel zu tun: Die 27-Jährige aus dem niedersächsischen Moisburg ist die amtierende deutsche Weihnachtsbaumkönigin. Vergangene Woche hat sie die Lichter an der Alstertanne zum Leuchten gebracht. Was macht sie sonst so?

Elbvertiefung: Frau Blümel, wie wird man Weihnachtsbaumkönigin?

Saskia Blümel: Mein Vater verkauft seit dreißig Jahren Tannenbäume, ich arbeite jeden Winter im Marketing und Verkauf. Ich bin mit Weihnachtsbäumen aufgewachsen und kenne mich aus – da lag es nahe, mich zu bewerben, als der Bundesverband der Weihnachtsbaum- und Schnittgrünerzeuger so wie alle zwei Jahre eine Königin suchte. Durch den Job kann ich viel reisen und mich in der Branche vernetzen, das ist super!

EV: Und jetzt sind Sie im ganzen Land unterwegs, um Lichterketten anzuknipsen?

Blümel: Mehr als das: Ich will den Leuten näherbringen, dass viel Arbeit in der Baumzucht steckt, persönliche Beratung beim Kauf wichtig und der Weihnachtsbaum ein wichtiger Teil unserer Kultur ist. Ich habe 30 bis 40 offizielle Termine im Jahr, von November bis Februar gebe ich Interviews, bin bei Saisoneröffnungen und Messen wie der Grünen Woche in Berlin dabei. Highlight dieser Woche ist ein Termin in Hannover, da übergebe ich dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil einen Weihnachtsbaum.

EV: Und was trägt die Königin so bei den Außeneinsätzen in der Kälte? Abendkleid, Schneeanzug – tannengrüne Krone, Flügel …?

Blümel: Die Farbe kann ich wählen, festlich sollte es sein. Meine Arbeitsuniform ist ein roséfarbenes Abendkleid mit Schärpe, dazu trage ich ein Zepter, oben ist ein kleiner Tannenbaum dran. Winterjacke oder Arbeitsschuhe dürfen es schon manchmal sein, die sieht man unter dem langen Kleid ja nicht.

EV: Sie als Expertin müssen es ja wissen: Welcher Weihnachtsbaum ist 2016 besonders angesagt?

Blümel: Die Nordmanntanne ist und bleibt der Evergreen. Kein Wunder, der Baum ist lange haltbar, seine Nadeln sind besonders dick und grün. Die Blaufichte ist zwar im Kommen und riecht schöner, aber die Nadeln piksen sehr – das schreckt viele Kunden ab.

EV: Weil Sie so baumaffin sind, machen Sie sicher nicht den einen Fehler, den viele machen: Wenigstens Sie besorgen sich Ihre Weihnachtstanne doch wohl rechtzeitig …?

Blümel: Von wegen! Den Baum hole ich mir auf den letzten Drücker vom Feld meiner Eltern. Vor den Feiertagen ist einfach zu viel zu tun – besonders für eine Weihnachtsbaumkönigin … Notfalls könnte ich den Baum auch selbst fällen: Einen Motorsägeschein habe ich ja – und Trecker fahren kann ich auch.

Marion Dönhoff Preis für Hanseatic Help und Navid Kermani

Am 4. Dezember vergeben die ZEIT, die ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius und die Marion Dönhoff Stiftung den Marion Dönhoff Preis 2016. Unter den Preisträgern ist der Verein Hanseatic Help. Entstanden aus einer ehrenamtlichen Initiative im Zuge der Flüchtlingswelle im Herbst 2015, ist der Verein heute höchst professionell aufgestellt: Seit August 2015 haben Helfer bereits über fünf Millionen Sachspenden angenommen, allein im vergangenen Winter wurden 100.000 Winterjacken verteilt. 150 Unterkünfte und Organisationen im Großraum Hamburg beliefert Hanseatic Help regelmäßig – aber auch Hilfsorganisationen aus aller Welt: bisher 64 Hilfstransporte gingen in Krisenregionen wie den Irak, Syrien, die Ukraine, Kenia und Haiti. Überreichen wird den Preis Aydan Özoğuz, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Bei der Feierstunde im Hamburger Schauspielhaus wird außerdem der deutsch-iranische Schriftsteller und Publizist Navid Kermani geehrt – er erhält den Preis für internationale Verständigung und Versöhnung. Die Laudatio auf Navid Kermani wird der EU-Parlamentspräsident (und baldige Kanzlerkandidat?) Martin Schulz halten.

Mittagstisch

Von Stars und Bolognese

Der Star beugt sich herab, das Handy schießt ein Foto, zwei Frauen kreischen. Leise. Denn man ist in einem Restaurant. Als gehöre es dazu, dass hier auch Selfies mit dem Inhaber geschossen werden, essen die anderen Gäste in Ruhe weiter. Til Schweiger kommt durch den hellen Raum, sein Gang ist weich, ohne Frage: Das hier, das ist sein Ding. Vier Wochen hat das Barefood Deli nun geöffnet, Zeit zu fragen, wie es denn so läuft. Schon am Tag der Eröffnung war der Laden gefüllt mit Neugierigen und Hungrigen, die Bolognese (11,50 Euro) oder Südtiroler Schinkenspeck mit Bergthymian im Brot (7,50 Euro) probieren wollten. "Ich hab die Menschen, die hier arbeiten, nicht danach ausgesucht, was für eine Ausbildung, sondern was für eine Ausstrahlung sie haben", erklärt Schweiger. Deswegen läuft der Service noch nicht reibungslos. "Aber die Leute verzeihen uns das, wenn das Essen mal kalt auf den Tisch kommt." Würde Nick Tschiller hier selbst essen gehen?, fragt man. "Absolut", antwortet Schweiger. "Hier fühlt sich jeder wohl."

Barefood Deli; Lilienstraße 5–9; Mittagstisch 11.30 bis 15 Uhr

Elisabeth Knoblauch

Was geht

Hollywoods Nachwuchs: Von A wie Atmen bis C wie Choreografie – beim Workshop Alles nur Theater lernen Kids ab 10 Jahren allerlei Schauspieltricks. Ein netter Nebeneffekt: Selbstbewusstsein tanken für den Alltag gehört auch dazu. Esche Jugendkunsthaus, Eschelsweg 4, 18 Uhr, Eintritt frei, Anmeldungen unter kontakt@esche.eu

So fließt das Geld: Nach erfolgreicher Arbeit landet nur was auf dem Konto, wenn Angebot, "Vertrag und Rechnung" korrekt aufgesetzt sind. Wie frischgebackene Selbstständige professionell abrechnen, erklärt Rechtsanwalt Gero Brugmann im Rahmen der Vortragsreihe "Butter bei die Fische". Bildkunst Akademie, Raum 6, Mendelssohnstraße 15 b, 18 Uhr, Eintritt frei

Konzert für Bildung: Beethoven, Strauss, Tschaikowsky – das Simeon Orchester spielt in St. Jacobi zum Benefizkonzert der Hoffnungsorte Hamburg/Verein Stadtmission auf. Die Spenden kommen dem Schulhafen Hamburg zugute, einer Volkshochschule für Wohnungslose und Menschen ohne Papiere. Hauptkirche St. Jacobi, Jakobikirchhof 22, 19 Uhr, Spenden erbeten

Haarsträubende Komik: 80 Minuten Intensivberatung beim Friseur – schicke Haare gibt es trotzdem nicht. Dafür sorgt Dennis Grundt für prämierte Stand-up-Comedy: Er gewann 2016 unter anderem den zweiten Platz beim NDR Comedy Contest. Bei der Vorpremiere "Ein Friseur dreht auf" gibt es bitterböse Anekdötchen. Hauptsache, die Haare liegen. East Hotel, Simon-von-Utrecht-Straße 31, 20 Uhr, 10 Euro

Die Wahrheit liegt auf dem Platz

Aimen Abdulaziz-Said schreibt bei ZEIT ONLINE die HSV-Kolumne

"Der HSV wartet nach nun zwölf Spieltagen weiterhin auf den ersten Saisonsieg, Im Nordderby gegen Werder Bremen reichte es für den Tabellenletzten trotz einer engagierten Offensivleistung und zwei Treffern von Michael Gregoritsch nur zu einem 2:2-Unentschieden. Immerhin: Die Formkurve der Hamburger zeigt nach oben. Vielleicht klappt es ja schon nächsten Sonntag in Darmstadt mit dem ersten "Dreier".

Erik Hauth bloggt über den FC St. Pauli

"Zehn Spiele in Folge konnte der FC St. Pauli nicht mehr gewinnen, auch in Heidenheim nicht. Das war zwar auch nicht zu erwarten, aber dass dem FC Heidenheim 20 Minuten Spielzeit und ein Elfmeter reichten, um St. Pauli mit 2:0 zu schlagen, das ist erschreckend. Während die Boys in Brown ungebremst und ohne Gegenwehr gen Abstieg trudeln, üben sich die Fans im Galgenhumor: ›Immerhin kein Eigentor‹, lese ich bei Twitter nach dem Spiel."

Meine Stadt

Eins a Suppe tanken in der Bahrenfelder Straße © Foto: Caspar Schuller

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle


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