Hamburg im Winter, die Kälte kriecht irgendwann selbst durch Handschuhe, Wollmütze und Thermojacke. Eis liegt auf den Frontscheiben der parkenden Autos in der City. In den Schaufenstern brennt Weihnachtsbeleuchtung. 8.30 Uhr. In einem Raum mit breiter Fensterfront sitzen acht Männer auf einfachen Stühlen. Sie halten weiße Keramikbecher mit Kaffee in den Händen.

Die Heizung bollert, es ist eigentlich viel zu warm. Aber die Männer wollen die Kälte der Nacht aus den Knochen bekommen. Sie sind wohnungslos. Manche übernachten in Einrichtungen des Winternotprogramms, die anderen sind ganz obdachlos, sie müssen sich draußen durchschlagen.

Aus einem Radiogerät dringt die Stimme eines Nachrichtensprechers. Drei Grad werde es heute. "Ach, das ist ja der reinste Sommer", ruft Bernhard S., abgewetzte Lederjacke, Falten im Gesicht, eingefallene Wangen, Tätowierung auf der Hand. Der Knast, harte Drogen; das Leben auf der Straße hat S. gezeichnet. 59 Jahre alt, mehr als ein Drittel seines Lebens verkauft er schon die Obdachlosenzeitung Hinz & Kunzt, genauso lange schlägt er sich irgendwie durch.

Die Stadt will schärfer kontrollieren, wer bedürftig ist

Seit sieben Uhr sitzt Bernhard S. hier im Stützpunkt der Caritas am Klosterwall. Hier gibt es auch Schließfächer. In einer Stahlbox verwahrt er seine persönliche Habe auf, alles, was ihm wichtig ist, passt hinein: ein paar Fotos, einige Dokumente, Musik-CD's. Spuren seines alten Lebens. Betonbauer gelernt, als Maurer gearbeitet, gutes Geld, ehrliches Geld verdient. Dann kamen die Drogen, eine kaputte Partnerin.

Bernhard S., 59 Jahre © Arne Mayntz

Vor einem Vierteljahrhundert zog Bernhard S. aus der gemeinsamen Wohnung mit der Freundin aus, floh aus seinem alten Leben, wohnte in einer städtischen Unterkunft, hielt die Enge und den Lärm dort aber nicht aus, floh wieder: diesmal auf die Straße. S. ist niemanden verpflichtet. Er führt ein sehr hartes Leben, aber auch ein freies.

"Hamburg will bei Bettlern aus Osteuropa härter durchgreifen", tönt es aus dem Radio. "Das wird aber auch Zeit", ruft Bernhard S. "Da muss ich dir widersprechen", sagt ein junger Mann, der hinter einem Tisch steht, der hier als eine Art Tresen dient: "Jeder hat ein Recht auf einen Schlafplatz." Johan Graßhoff kümmert sich um Wohnungs- und Obdachlose in Hamburg. Ihn interessiert nicht die Nationalität, nicht die Herkunft. Sein "Klient" wird jeder, der Hilfe braucht. Graßhoff, 28 Jahre alt, arbeitet für die Diakonie als Straßensozialarbeiter.

So leicht gibt Bernhard S. sich aber nicht geschlagen. "Das Notprogramm ist aber doch nicht für Leute da, die woanders ein eigenes Haus haben", sagt er verbittert. Auch ganz unten in der Gesellschaft läuft ein harter Konkurrenzkampf. Die sozialen Einrichtungen in Hamburg vermelden steigenden Bedarf: 10.500 Wohnungslose soll es in der Stadt geben, die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein.

Aus Rumänien, Bulgarien und Polen kommen viele Menschen zum Geldverdienen nach Deutschland. Mancher, der mit seinen Plänen scheitert, landet im Winternotprogramm, in den Stationen im Schaarsteinweg (350 Plätze) oder in der Münzstraße (400 Plätze). Die Unterkünfte reichen oft nicht für alle. Die Stadt will nun schärfer kontrollieren, wer wirklich bedürftig ist.

Straßensozialarbeiter wie Johan Graßhoff befürchten, dass viele Menschen, die Anrecht auf Hilfe hätten, aussortiert werden: "Die Lage spitzt sich zu. Selten war die Situation am Wohnungsmarkt und in der öffentlichen Unterbringung so prekär. Es werden immer mehr Menschen obdachlos, kommen aber nicht in die Unterkünfte, weil diese voll sind", sagt er.