Absperrungsgitter wie vor dem Fußballstadion, die Kunden drängen in einem breiten Strom zum Eingang, vor dem Betreten drücken uns Mitarbeiter riesige, wäschebeutelartige Einkaufstaschen in die Hände, dann kann es losgehen. Wir sind bei Primark, dem sagenumwobenen irischen Modediscounter mit den unschlagbaren Preisen.

Am Donnerstag der vergangenen Woche hat die erste Hamburger Filiale des Modediscounters eröffnet, Hunderte verstopften schon in den frühen Morgenstunden die Flure des Billstedt-Centers, es war so voll, dass eine Mutter ihren Kinderwagen über die Köpfe der Wartenden tragen lassen musste, um das Terrain verlassen zu können. Crowdsurfing im Schnäppchenparadies.

Primark ist billig wie Kik, aber modisch wie H&M oder Zara – das ist die Erfolgsformel, die das suchtartige Massenverhalten auslöst. Auch am Samstagmittag, drei Tage nach Eröffnung, ist der Wahnsinn noch lebendig. 6.000 Quadratmeter auf drei Etagen, vollgestopft mit Menschen, die zum Vollstopfen gekommen sind: Daunenjacken für 18 Euro, Herrenoberhemden für sechs Euro, Skinny Jeans für zwölf Euro, Bomberjacken für 18 Euro, weiße Lederturnschuhe für 16 Euro, Bettlaken für sechs bis acht Euro, von Strümpfen, Unterwäsche, T-Shirts, Unterhemden, Strumpfhosen oder Schals ganz zu schweigen – alles irgendwo zwischen 1,50 und vier Euro. Nimm mit, egal, rein in den Wäschepuff!

Unsere Arbeit ähnelt der von Ochsen und Pferden.
Botschaft, die angeblich von Näherinnen in Primark-Kleidung eingenäht wurde

Ein Herrenjackett, schmal geschnitten, für 38 Euro – kann das sein? In welchen Lohn- und Arbeitsverhältnissen müssen die an der Herstellung Beteiligten gehalten werden, um einen solchen Preis zustande zu bringen? Primark-Kunden haben 2014 in ihren frischgekauften Kleidungsstücken Zettel gefunden, die angeblich chinesische Näherinnen dort eingenäht hatten, um auf unmenschliche Produktionsbedingungen aufmerksam zu machen. "Wir arbeiten 15 Stunden am Tag. Unser Essen ist noch schlimmer als das von Schweinen und Hunden. Unsere Arbeit ähnelt der von Ochsen und Pferden", soll auf einem Zettel gestanden haben. Da ist es doch nur recht und billig, dass auch das Shopping dieser Produkte unter unerquicklichen Umständen stattfindet.

Die drängelige Enge, die Hitze, die vielen greinenden Kinder, auf der Rolltreppe stößt eine der Verkäuferinnen einen tiefen Seufzer aus. Ist es so schlimm, hier zu arbeiten? Geht so, meint die Frau in gebrochenem Deutsch, die Leute seien verrückt, aber sie kenne das, sie habe drei Jahre in der Frankfurter Primark-Filiale gearbeitet. Ach, interessant – und wo benehmen sich die Kunden besser? "Hamburg viel besser!" ruft die Frau aus und verschwindet mit zwei Armladungen Kleiderbügeln im Gewühle. Sieh an, im Norden sind die Schnäppchenjäger weniger ruppig!

Hedonismus und frohgemute Transzendenz

Und eine Entwarnung gibt es auch: Kein Modegeschäft in der Schanze oder Eppendorf muss sich Sorgen um den Umsatz machen. Die irische Discounterhölle von Billstedt, so sieht es jedenfalls an diesem Samstagnachmittag aus, ist fest in migrantischer Hand, biodeutsche Hipster oder Elbletten sind weit und breit nicht zu sehen.

Aber ist es überhaupt die Hölle? Ist es nicht auch Verführung, Verschwendung, Verrücktheit? Wer es schafft, seinen Blick von der Preisschild-Pornografie abzuwenden und ihn schweifen zu lassen, kann auch Hedonismus und frohgemute Transzendenz im Primark finden. Zum Beispiel die Superman- und Batman-Overalls, die gleich hinter der Herrenabteilung mit den 38-Euro-Jacketts hängen. Ja, warum eigentlich nicht? Wenn schon der Sack voller irrwitzig billiger Polyesterhemden und Zwei-Euro-T-Shirts ist, da passt doch das auch noch rein. Raus aus der engen Shoppingcenter-Wirklichkeit, hinein in die Welt der Superhelden. Kostet auch nur 20 Euro. Rein in den Sack!