Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

wissen Sie schon, wo Sie den Abend verbringen werden? Gehören Sie zu den erlauchten Gästen, die gemeinsam mit Kanzlerin Merkel und Bundespräsident Gauck bei der Eröffnung der Elbphilharmonie die Korken knallen lassen werden oder planen sie doch eher aus der Distanz vor dem heimischen Fernseher oder mit google maps und durch die dicke Brille der virtuellen Realität ab 18.30 Uhr das Glas zum Prosit zu hebe?

Nach knapp zehn Jahren des Wartens ist es also soweit – gäbe es nur nicht ständig diese miesen Vorfreude-Hemmer. Nachdem schon der Kartenvorverkauf für Ärger sorgte, erst wegen der gefühlt ungleichen Verteilung von Schnäppchenkarten in den Stadtteilen, dann, weil die Server wiederholt dem Käuferansturm nicht standgehalten hatten, wurde gestern eine weitere Schwachstelle publik: Mit einem Trick soll es laut der Nachrichten-Webseite "heise Security", möglich gewesen sein, Tickets, die andere im Online-Shop gekauft hatten – noch einmal herunterzuladen.

Unschön, was? Da hat man den Server niedergerungen, ein heißbegehrtes Ticket ins Musikparadies ergattert, und muss am Ende vielleicht sogar damit rechnen, dass sich jemand so empört vor einem aufbaut, als säße man in irgendeinem schnöden ICE  ("das ist MEIN Platz!"). Aber keine Sorge: Einer von Ihnen beiden hat schließlich seine Karte auf dem Schwarzmarkt gekauft, was man tunlichst lassen sollte. Und der andere – natürlich sind das Sie – sollte zum Konzertabend einfach seine Buchungsbestätigung mitbringen, Sie haben doch eine ...?

Immerhin heute Abend wird das den prominenten und illustren Besuchern keine Probleme bereiten. Die Polizei sichert mit vielen Einsatzkräften das Gelände ab, stellt Betonpoller auf und patrouilliert mit Sprengstoff-Spürhunden, auch Wasserschutzpolizei und Staatsschutz sind involviert. Die Fahrrinne soll gesperrt werden, die Mahatma-Gandhi-Brücke ebenso, Fähren halten nicht, Autos dürfen nicht halten.

Die stolze Elphilharmonie ist also, haben es böse Zungen nicht prophezeit?, quasi nur aus der Luft zu erreichen. Oder auch ganz bequem mit dem Shuttle-Bus. Konzertgäste parken am "Hamburg Cruise Center" in der Hafencity; von dort fährt der Shuttle-Bus alle fünf Minuten und setzt einen – geht doch! – direkt vor der Tür des Kulturtempels ab. Die Abendgarderobe bleibt trocken, die Frisur sitzt.

Immer? Nein, bloß zur Eröffnung.

Weihnachtsmann-Prügelbilder: FDP will Staatsvertrag mit Muslimen auflösen

Der Staatsvertrag mit den muslimischen Verbänden aus dem Jahr 2012 galt einst als Pionierleistung: Als erstes Bundesland regelte Hamburg darin seine Beziehungen zu den großen Islamverbänden DITIB, Schura und dem Verband der islamischen Kulturzentren. Heute sorgt der Staatsvertrag für Streit: Die Hamburger FDP-Opposition fordert seine Auflösung, ein Antrag dazu soll am 18. Januar in der Bürgerschaft beraten werden. Die Kritik richtet sich vor allem gegen die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB): DITIB-Jugendgruppen hatten Zeichnungen im Internet verbreitet, die einen mutmaßlich muslimischen Mann zeigten, der einen Weihnachtsmann verprügelte – für die Liberalen ein Affront gegenüber der westlichen Kultur. DITIB selbst distanzierte sich von den Bildern, man werde die Fälle prüfen und Konsequenzen ziehen, hieß es. "Diese Bilder sind geschmacklos und durch nichts zu rechtfertigen", sagt auch Norbert Müller, Vorstandsmitglied der Schura Hamburg. Den Staatsvertrag nun aufzulösen sei jedoch keine Option: "Der Vertrag hat das gesellschaftliche Klima und den interreligiösen Dialog in der Stadt verbessert. Ihn zu kündigen wäre ein schlechtes Zeichen". Allerdings fordert auch Müller die DITIB-Anhänger auf, sich kritischer mit Prozessen in der Türkei auseinanderzusetzen.  Dem Verband wird eine große Nähe zum türkischen Religionsministeriums nachgesagt. Die Islamverbände sollten dazu anregen, eine eigene islamische Identität in Deutschland zu entwickeln – "ohne die Einflussnahme anderer Staaten."

Hamburg und Schleswig-Holstein rücken zusammen – quasi

Beim Neujahrsempfang der Unternehmensverbände Nord (UVNord) war der Tenor gestern eindeutig: Hamburg und Schleswig-Holstein werden künftig enger zusammenarbeiten – zumindest sicherten sich die Regierungsvertreter beider Länder, der Kieler Ministerpräsident Torsten Albig und Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz, dies gegenseitig zu. Was damit gemeint ist, soll noch in diesem Jahr im Nordosten der Stadt zu sehen sein: Auf 39,5 Hektar entsteht dort das erste länderübergreifende Gewerbegebiet – ein Teil liegt in Wandsbek, der andere in der Gemeinde Stapelfeld (Schleswig-Holstein). Richtungsweisend für die Energieversorgung in ganz Deutschland könnte auch das geplante nationale LNG-Terminal in Brunsbüttel werden: Wo Elbe und Nord-Ostsee-Kanal zusammenfließen, soll eine Anlage für den Import von verflüssigtem Erdgas (LNG) gebaut werden. Noch ist die Finanzierung allerdings ungeklärt. UVNord-Präsident Uli Wachholtz hatte zuvor "mehr Verantwortung für zukünftige Generationen", also mehr Investitionen, von der Politik gefordert. "Der neue frische Wind in der länderübergreifenden Zusammenarbeit ist bitter nötig. Wir brauchen im Norden ein starkes Gegengewicht zu den süddeutschen Bundesländern", sagte uns Wachholtz. "Wir müssen aufholen bei Zukunftsinvestitionen in Bildung, Verkehr, Kinderbetreuung und dem Gelingen der Energiewende. Aber die Vergangenheit lehrt uns, dass es das eine ist, sich zu etwas zu bekennen und ein anderes, dem auch Taten folgen zu lassen…." Stimmt. Wo bleibt beispielsweise, in Hamburg ist ja bekanntermaßen zu wenig Platz, das erste länderübergreifende Wohngebiet?

U-Bahnen werden barrierefrei, Aufzüge nicht unbedingt

Oft ist es nur eine Stufe oder eine Bordsteinkante  – wer körperlich eingeschränkt ist, dem können selbst kleine Hindernisse ein Fortkommen unmöglich machen. Die Hochbahn baut deswegen das U-Bahnnetz nach und nach behindertengerecht aus, bis 2020 soll das noch dauern. Aktuell bekommt die U3-Haltestelle Hoheluftbrücke einen Aufzug und ein Leitsystem für Blinde, auch der Bahnsteig wird erhöht, um Rollstuhlfahrern den Einstieg zu erleichtern. Im Frühjahr 2018 soll der Umbau beendet sein. 59 von insgesamt 91 U-Bahnhaltestellen sind inzwischen barrierefrei, 2017 folgen acht weitere Stationen. "Noch vor ein paar Jahren war es für Gehbehinderte quasi unmöglich, die Bahn zu nehmen", sagt Claas Dewoss vom Behindertenverband Autonom Leben, "das ist heute wesentlich leichter". Obwohl das Engagement der Bahn in Sachen Barrierefreiheit zu begrüßen sei – ein Problem gäbe es da noch. "Die Fahrstühle in den Stationen sind ständig kaputt. Da nützt auch der Umbau nichts, wenn ich nicht zum Bahngleis komme", sagt Dewoss. Laut Hochbahn-Sprecher Christoph Kreienbaum seien die Ausfälle etwa auf "planmäßige Wartungs- und Instandsetzungsmaßnahmen" zurückzuführen – und wenn ein Fahrstuhl kaputt sei, würden Hochbahn-Mitarbeiter mit anpacken, beziehungsweise externe Firmen mit der Reparatur beauftragt. Immerhin: Wer auf einen Aufzug angewiesen ist, kann sich auf der Homepage des HVV per "Live-Auskunft" alle aktuell defekten Fahrstühle anzeigen lassen. Und am Ende vielleicht doch lieber ein Taxi nehmen ...

Hamburger Extremsegler bricht Weltrekordversuch ab

Einmal im Segelboot um die Welt reisen – was für viele Menschen wohl in die Kategorie "unerfüllter Lebenstraum" oder "grandiose Ideen beim zweiten Glas Wein" fällt, wollte Jan Hamester einfach in die Tat umsetzen. Ende Oktober startete der Hamburger unter den Jubelrufen hunderter Zuschauer an den Landungsbrücken mit dem Ziel, als schnellster Mensch allein in einem 40-Fuß-Segelboot die ganze Welt zu umrunden. Der Rekord für Rundreisen dieser Art liegt bei 138 Tagen. Nun aber, mehr als zwei Monate später, musste der Extremsportler seine Tour abbrechen: Eine Verletzung am linken Bein, die Hamester sich während der Fahrt zugezogen hatte, wollte nicht abheilen. Die Wunde entzündete sich, Antibiotika waren nicht an Bord. Einfach die Segel zu streichen war für Hamester zunächst nicht in Frage gekommen. Er harrte aus, ließ sich von einem türkischen Frachtschiff mit Medikamenten versorgen – bis das verletzte Bein wieder Probleme machte. Aus der Traum! Hamester beendete den Weltrekordversuch in der Nähe der brasilianischen Stadt João Pessoa,wo er jetzt in einem Krankenhaus medizinisch versorgt wird. Es war offenbar eine gute Entscheidung, den Hafen anzusteuern. Auf seiner Facebook-Seite vermeldete der 52-Jährige: "Ich hätte mein Bein verloren, wenn ich nicht abgebrochen hätte". Zuweilen ist "aufgeben" eben doch die richtige Option.

Mittagstisch

Verlockend klingende Speisen

An diesem kleinen, ruhig gelegenen Eckrestaurant, schlicht nach der Adresse Kleine Brunnenstraße 1 genannt, besticht das dezent-stilvolle Ambiente – Holzfußboden, warmes Lampenlicht, engstehende Tischchen, rote Bistrovorhänge vor dem unteren Fensterteil halten die Kälte ab. Auf der wöchentlich wechselnden Karte finden sich acht verlockend klingende Speisen, darunter sämiges Räucherfischsüppchen mit Birne für 7,80 Euro oder duftender Ibérico-Rücken mit Chili-Aprikosen, Ofenpaprika und Mandelpolenta für 17,80 Euro. Zusätzlich steht noch ein Tagesgericht auf der Tafel. Das Dessert besteht leider aus einer unbefriedigenden Joghurt-Zitronencreme mit Himbeermark für 6,50 Euro. Der feine offene Weißburgunder ist ab 0,1 Liter zu bekommen, was lobenswert ist. Leider wird kein Menü angeboten, sodass sich am Ende die Rechnung auf knapp 40 Euro beläuft. Warum sich die freundliche Kellnerin nach dem Hauptgang trotz spärlich belegter Plätze längere Zeit nicht mehr sehen ließ, blieb allerdings ein Rätsel.

Ottensen, Kleine Brunnenstraße 1; Kleine Brunnenstraße 1, Mittagstisch Montag bis Freitag von 12 bis 15 Uhr

Christiane Paula Behrend

Was geht

Bilderbuchkino: Wenn die Großen einen Piepmatz jagen, kann ein Kleiner nur stören. Oder? In "Pssst! Wir haben einen Vogel!" finden Kids ab vier Jahren heraus, dass die Jüngsten manchmal die besten Ideen haben.

Bücherhalle Wandsbek, Wandsbeker Allee 64, 16 Uhr, Eintritt frei

Türkische Romanfigur: Frauen haben die Literaturlandschaft der Türkei schon immer geprägt. Die öffentliche Vorlesung "Der türkisch-islamische Roman und die Frauen – eine irritierende Geschichte" von Dr. Béatrice Hendrich untersucht interessante Folgen.

Universität Hamburg, Flügel Ost, Raum 221, Edmund-Siemers-Allee 1, 18.15 Uhr

Talk statt Show: Er hört nicht zu? Sie will’s nicht verstehen? Vielleicht bringt der Kurs "Hilfreich miteinander sprechen" Erlösung.

Hauptkirche Sankt Petri, Bei der Petrikirche 2, 19 Uhr, Anmeldung unter 040 32 50 38 78

Pauli-Jazz: Was haben die Bands von Jan Delay, Fettes Brot und Studio Braun gemeinsam? Als "Hamburgs beste Jazzmusiker" jammen sie in der "Count Pauli Big Band". Das 17-Mann-Ensemble verneigt sich vor amerikanischen Big Bands der 50er ebenso wie vor modernen Stücken.

Knust, Neuer Kamp 30, 21 Uhr, 9,40 Euro

Hamburger Schnack

Zwei Damen fortgeschrittenen Alters steigen in die U1 am Klosterstern. "Krebs ... und kürzlich ist sie dann verstorben. So eine nette Frau und noch so jung, dass ist so traurig! Allerdings hat sie bis zuletzt noch geraucht!", sagt die eine. "Ach, das heißt ja nichts. Der Helmut Schmidt, der hat doch auch immer geraucht, und wie alt ist der geworden … ", antwortet die andere. Energischer Widerspruch:"Bei dem war das etwas GANZ anderes! Der hat immer nur Menthol-Zigaretten geraucht!"

Gehört von Katharine Rhein

Meine Stadt

Immer schön das Kleingedruckte lesen. © Foto: Chris Riewerts

SCHLUSS

Von einem ruhigen Dienstagabend konnte gestern in der Innenstadt nicht die Rede sein – die war zeitweise komplett lahmgelegt. Schuld war der Fund einer Fliegerbombe mit noch aktivem Zeitzünder in Hammerbrook. Diverse Hauptverkehrsstraßen wurden gesperrt, rund um den Fundort am Nagelsweg wurde eine Sperrzone eingerichtet. Zwar durften etwa 3000 Menschen – positiv ausgedrückt –  deswegen früher Feierabend machen; wie das "Hamburger Abendblatt" erfahren haben will, soll es aber dennoch schwierig gewesen sein, einige Angestellte zum Verlassen ihrer Büros zu bewegen. Vielleicht hatten die schon gehört, dass es mit dem Heimkommen auch nicht leicht sein würde: bei den U-Bahnen 2, 3 und 4 gab es auch Probleme. Wegen eines Brandes in einem Technik-Raum an der U-Bahnhaltestelle Berliner Tor fuhr bis Betriebsschluss im Innenstadtbereich auf den Gleisen dieser Linien nichts mehr. "Die ganze Stadt steht", sagte ein Sprecher der Hochbahn. Und viele hupten.

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr Mark Spörrle

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.