Die Universität Hamburg sei auf einem "guten Weg", darauf konnten sich am Ende alle einigen. Die Uni, die Wissenschaftsbehörde – und letztlich auch der Wissenschaftsrat, der die Uni unter die Lupe genommen hat. Lächelnd präsentierten Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank und Unipräsident Dieter Lenzen am Montag ein Gutachten, erstellt von einem der wichtigsten deutschen Wissenschaftsgremien. Nachdem sich der Wissenschaftsrat vor einem Jahr mit den Naturwissenschaften befasst hatte, hat er nun auf Bitten der Stadt auch seine Meinung zu den Geistes- und Sozialwissenschaften der Universität vorgestellt. Auf den ersten Blick mit Lob: Es gebe in diesen Bereichen einige exzellente Wissenschaftler.

Das ist allerdings nur bedingt überraschend – und um die Beurteilung der wissenschaftlichen Qualität gehe es in dem Gutachten auch nicht, da habe man lediglich bekannte Daten zur Einordnung verwendet, erklärte Professor Jörg Rüpke vom Wissenschaftsrat. Begutachtet haben die Experten die Strategie der Universität, außerdem geben sie Empfehlungen für die Weiterentwicklung der Sozial- und Geisteswissenschaften. Und hier kommen sie zwar zu dem Ergebnis, dass die Uni auf einem Weg ist, aber noch eine weite Strecke vor ihr liegt. Obwohl mehr als die Hälfte der Professoren der Universität in den Geisteswissenschaften arbeiten, sei der Bereich deutlich weniger sichtbar als die Naturwissenschaften– und hinke diesen zehn Jahre nach harten Kürzungen in der Forschungsleistung deutlich hinterher.

In seiner Expertise wirft der Wissenschaftsrat einige Fragen auf, die es zu debattieren lohnt:

1. Wer hat an der Uni das Sagen?

Der Wissenschaftsrat formuliert meist ausgesprochen vorsichtig, bisweilen bürokratisch. Eine zentrale Kritik lässt sich wohl salopp zusammenfassen: Eigentlich weiß keiner so recht, wer das Sagen an der Uni hat. Im Jargon des Wissenschaftsrats heißt das, die "Prozesse der Entscheidungsfindung" seien an der Uni nicht klar ausgestaltet, es gebe Spannungen zwischen dem Anspruch der Hochschulleitung und der Autonomie der Hochschule, außerdem mangele es an "institutionalisierten Steuerungsinstrumenten". Das habe zur Folge, dass "stringente, effiziente und für die betroffenen Akteure nachvollziehbare Strategieformulierung und -umsetzung erschwert" werde. Als vor einem Jahr die naturwissenschaftlichen Fächer begutachtet wurden, formulierten es die damaligen Experten etwas konkreter: "Während des Ortsbesuchs fiel auf, dass die Kommunikation zwischen den verschiedenen Ebenen der Universität nicht immer reibungslos funktioniert."

2. Ist das zentrale Konzept der Uni zu schwammig?

Die Uni vermarktet sich selbst als "Universität der Nachhaltigkeit", nach innen und nach außen. Der Wissenschaftsrat urteilt darüber, das Konzept eigne sich zwar, den vielen Teilbereichen ein gemeinsames Profil zu geben. Es berge aber auch die Gefahr, als "Leerformel" wahrgenommen zu werden. Er müsse daher konkreter und differenzierter definiert werden. Auch sonst ist er skeptisch bei den von der Hochschulleitung vorgegebenen Strategien. Diese seien teilweise zu komplex. Die strategischen Maßnahmen müssten konzentriert werden.

3. Wie werden starke Bereiche gezielt gefördert?

Der Wissenschaftsrat lobt, dass die Sozial- und Geisteswissenschaften in den vergangen Jahren deutlich mehr Forschungsgelder akquiriert hätten. Allerdings konzentriere sich das bisher auf einzelne Projekte, insgesamt gebe es noch deutliches Potenzial, gerade im Vergleich zu den Naturwissenschaften. Von den sieben Forschungsschwerpunkten der Uni werde nur einer maßgeblich von den Geisteswissenschaften getragen: die Erforschung von Manuskripten. Es gebe zwar einige als aussichtsreich identifizierte Forschungsschwerpunkte, es bleibe allerdings unklar, was dieser Status eigentlich bedeute, also wie diese Bereiche gezielt weiter gefördert werden.

4. Braucht es so viele Studiengänge?

Von den 170 Studiengängen der Uni gehören 130 zu den Geistes- und Sozialwissenschaften. Einige davon werden nur von einer Handvoll Studenten gewählt (etwa Koreanistik oder Ethiopian Studies). Einige sind schon im Bachelor so spezialisiert, dass die Experten des Wissenschaftsrats sich sorgen, ob die Absolventen damit Jobs finden. Außerdem erscheine in einigen Fächern die Personalausstattung zu gering, um ein Angebot auf "gleichermaßem hohen Niveau zu verantworten", schreiben die Experten. Und fordern, die Universität solle eindeutige Kriterien für die Einrichtung, Abschaffung und Änderung von Studiengängen entwickeln. Einer gelungenen Profilbildung in den Geistes- und Sozialwissenschaften stehe "ein eher am Status quo festhaltendes Verständnis über die konkrete Ausgestaltung der erforderlichen fachliche Breite einer Volluniversität im Weg", schreiben die Experten.

Brechen zu viele Studenten ihr Studium ab?

5. Brechen zu viele Studenten ihr Studium ab?

Wie viele Studenten in Hamburg ihr Studium abbrechen, wird statistisch nicht erfasst. Aber es gibt eine beunruhigende Zahl: Die Universität hat seit einigen Jahren doppelt so viele Studienanfänger im Bachelor wie Absolventen. Das deute auf "Probleme im Studienverlauf" hin, schreibt der Wissenschaftsrat. Es sei deswegen erforderlich, aussagekräftige Daten zum Studienerfolg zu erheben und zu analysieren – um zu schauen, ob es dort ein Problem gibt. Die Universität hat erklärt, am Beginn des Semesters ein entsprechendes Projekt gestartet zu haben. Ergebnisse soll es in vier Jahren geben.

6. Erhalten Lehrer noch eine ausreichende wissenschaftliche Ausbildung?

In den Lehramtsstudiengängen betreut ein Professor so viele Studenten, dass der Wissenschaftsrat fürchtet, die Studenten könnten nicht in ausreichendem Maße an die wissenschaftlichen Grundlagen des Faches herangeführt werden". Eine Aufstockung der Gelder für den Studiengang solle geprüft werden, empfiehlt der Wissenschaftsrat.

7. Sollte die Universität sich stärker um Kooperationen kümmern?

Als der Wissenschaftsrat vor einem Jahr seine Expertise zu den technischen und naturwissenschaftlichen Fächern der Hamburger Hochschulen vorstellte, war der zentrale Kritikpunkt: Es gebe zwar viele hervorragende Wissenschaftler in Hamburg, aber bisher kooperierten diese zu wenig. Auch die Verbindungen von Wirtschaft und Wissenschaft müssten gestärkt werden. Dieser Punkt findet sich auch in dem neuen Gutachten: Für die Wirtschaft seien die Geistes- und Sozialwissenschaften nur von nachrangiger Bedeutung, heißt es. Möglichkeiten für Kooperationen würden zudem nicht hinreichend genutzt. "Die Universität sollte daher Transfermöglichkeiten mit Partnern aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Politik stärker als bislang in den Blick nehmen und gezielt vorantreiben." Dazu zähle auch, "anderen Akteuren weitaus stärker als bisher konstruktive Angebote zur Kooperation machen". Die Universität hat angekündigt, eine stärkere Transferstrategie ausarbeiten zu wollen.

Ab Donnerstag lesen Sie in der Printausgabe der ZEIT:Hamburg ein Interview mit Unipräsident Dieter Lenzen zu den Vorschlägen des Wissenschaftsrats.