Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

nicht aus Not, sondern der Neigung wegen verzichtet ein Teil der Bevölkerung beim Wandern auf Kleidung. Einem anderen Teil der Bevölkerung gefällt das offenbar gar nicht. Um einen Nacktwanderweg in der Lüneburger Heide tobte ein bizarrer Schilderstreit, der, schreibt das "Hamburger Abendblatt", nun vor dem Lüneburger Verwaltungsgericht endete. Nachdem ein von den Naturisten selbst aufgestelltes Schild zum Wegeverlauf, das verhindern sollte, dass die Nackten sich unversehens bekleideten Bauern oder Touristen gegenübersehen, mehrfach entfernt worden war, wollte die Gemeinde Undeloh den Weg selbst ausschildern. Dies habe der Kreis Harburg abgelehnt, so das "Abendblatt". Die Richter dagegen sahen, wird berichtet, keinen Grund, der Gemeinde das Anbringen von Wanderwegsmarkierungen "in Form von zehn Zentimeter großen gelben N’s an Bäumen mit Forstmarkierungsfarbe" zu untersagen.

Überlastete – oder lediglich schlecht organisierte? – Gerichte hin oder her: Der Gerechtigkeit, hier in der Lüneburger Heide ward ihr Genüge getan. Anlass genug, Ihnen noch einmal den legendären Text des ZEIT-Kollegen Michael Allmaier ans Herz zu legen, der vor mehr als zehn Jahren zum Wandern selbst die Kleider abstreifte.

Klinikpersonal soll heute endlich Pause machen

In den Hamburger Krankenhäusern fehlen mindestens 4200 Vollzeitstellen, schätzt die Gewerkschaft ver.di, bundesweit seien es sogar 162.000 Stellen, davon allein 70.000 im Pflegebereich. Deshalb ruft ver.di heute das Klinikpersonal zur Aktion "Mach mal Pause!" auf. Wieso das? Ganz einfach: Jedem Arbeitnehmer steht laut Arbeitszeitgesetz eine Ruhepause von mindestens 30 Minuten zu. Doch "in allen Hamburger Kliniken ist die Personalausstattung so dürftig, dass viele Beschäftigte auf ihre Pausen verzichten müssten, um die Patienten pflegen und versorgen zu können", sagt Arnold Rekittke von ver.di Hamburg. Deshalb soll das Klinikpersonal die ihnen zustehenden Pausen heute (ausnahmsweise) "vollständig nehmen", wie Rekittke sagt, "um sich von belastender Arbeit zu erholen und gleichzeitig ihr Recht auf Pausen zu unterstreichen." Sollte es dadurch zu Engpässen und Störungen im Betriebsablauf kommen, so sei das "bedauerlich". Patienten sollten sich allerdings bei der jeweiligen Klinikleitung beschweren, das sei, sagt Rekittke, die richtige Adresse. Der Pausenaufruf richtet sich an Angestellte privater, öffentlicher, frei gemeinnütziger und kirchlicher Krankenhausträger.

Hamburg wird größer

Am 1. März bekommt die Metropolregion Hamburg Zuwachs: Wir begrüßen nun auch Schwerin und den Altkreis Parchim in unseren Reihen. Klingt gut – aber was bringt das eigentlich, fragten wir uns, und haben uns bei Marion Köhler, Sprecherin der Metropolregion Hamburg, erkundigt. "Manches merken die Bürger nicht", gibt sie zu. "Im Prinzip geht es darum, dass Städte und Umland zusammenarbeiten." Ein großer Teil des jährlich 2,7 Millionen Euro umfassenden Fördertopfes wird beispielsweise in Park+Ride- und Bike+Ride-Anlagen an Bahnhöfen investiert, um den Individualverkehr in Hamburg zu reduzieren. (Wie gut das klappt, dazu ein anderes Mal.) Vergangene Woche stellte die Metropolregion eine Potenzialanalyse für Radschnellwege vor, mit denen man das Pendeln mit dem Fahrrad auch über längere Distanzen fördern will. (Vielleicht lässt man sich auch etwas gegen den fiesen Hamburger Regen einfallen?) Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt soll verhindern, dass Firmen in andere Bundesländer abwandern. "Da sitzen alle Beteiligten an einem Tisch und überlegen, wer gute Flächen hat", sagt Köhler. Und im Rahmen des Projekts "Biotopverbund" investiert die Metropolregion Hamburg gemeinsam mit Partnern knapp eine Millionen Euro in grüne Infrastruktur. Dabei soll auch ermittelt werden, welches Potenzial in einer engeren Zusammenarbeit der Biosphärenreservate steckt – von denen der Norden übrigens die höchste Dichte im gesamten Bundesgebiet hat. Also Kooperation statt Konkurrenz – während andere Mauern bauen.

"Der Hauptbahnhof ist chronisch überlastet"

Senk ju for traewelling: Der Hamburger Hauptbahnhof wird zum Problemkind der deutschen Bahn. Am Sonntag fiel eine Oberleitung auf einen einfahrenden ICE, gestern Morgen gab es wieder einmal eine Signalstörung bei der S-Bahn. Wir fragten Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband Pro Bahn, was da los ist.

Elbvertiefung: Signalstörungen, Fahrgäste, die stundenlang in einem ICE ausharren müssen – wieso geht am Hauptbahnhof derzeit so viel schief?

Karl-Peter Naumann: Er ist chronisch überlastet, das ist ein Riesenproblem. Der Bahnverkehr nimmt laufend zu, aber am Hauptbahnhof hat man gerade mal einen Bahnsteig verlängert, sonst ist nicht viel passiert. Das System funktioniert in der Theorie gut, aber nicht, wenn es ständig an der Kapazitätsgrenze fährt.

Elbvertiefung: So schön es ist, dass immer Menschen mit der Bahn fahren: Man kann ja den Hauptbahnhof nicht einfach verdoppeln, oder?

Naumann: Es gibt ein paar Reserven. In der Mitte befinden sich zwei Gleise, die früher als Rangiergleise für die Post gebraucht wurden. Wenn man da eines mit einem Bahnsteig überbauen würde, hätte man ein paar zusätzliche Kapazitäten gewonnen. Aber die Politik muss mal richtig nachdenken, was man tun kann.

Elbvertiefung: Ist der Hauptbahnhof schlecht gewartet? Überaltet?

Naumann: Das sind zum Teil noch Modernisierungsrückstände aus der Mehdorn-Ära. Anfang des Jahrtausends war in Hinblick auf den Börsengang manches zurückgestellt worden. Das rächt sich nun. Es ist aber auch ein deutsches Problem: Man geht davon aus, dass es schon funktionieren wird und hat dann zu wenige Rückfallebenen.

Elbvertiefung: Gehörte die Oberleitung am Sonntag auch zu diesem Rückstand?

Naumann: Das war Pech, die Einfahrt zu Gleis 8 ist immer kritisch, weil sie über viele Weichen geht. Aber das Krisenmanagement funktioniert nicht immer.

Elbvertiefung: Angeblich musste eine Lok aus Hannover geholt werden, um den Zug vollends in den Bahnhof zu schieben.

Naumann: Wenn es keine nähere Lok gegeben haben sollte, ist das ein Skandal. Aber man hatte auch noch den nötigen Kupplungsadapter nicht dabei! Und das darf nicht passieren. Für solche Fälle muss es Reserven geben!

Elbvertiefung: Hätte man die Fahrgäste, die Stunden im hinteren Teil ausharren mussten, nicht auch schon früher evakuieren können?

Naumann: Hunderte Reisende samt Gepäck über eine wackelige Leiter aussteigen lassen – das ist nicht ganz ohne. Man muss ja auch das Umfeld weiträumig absperren, damit die nicht vor einen Zug laufen. Dass man hier nicht flexibler reagieren kann, liegt auch am rechtlichen Rahmen, der ist viel komplexer geworden. Es gibt Absurditäten im Eisenbahnrecht, da fasst man sich an den Kopf.

Erneuerbare Lesetage

Hamburgs Musikliebhaber haben ja in den kommenden Wochen mehr Abende frei, als ihnen lieb ist. Vielleicht wollen sie auf Literatur umsatteln, und das noch dazu ohne Kampf um rare Tickets? Bei "Lesen ohne Atomstrom" gibt es ebenfalls Weltstars zu sehen, manche von ihnen stammen sogar aus der internationalen Opernszene. Eröffnet wurde das Literaturfestival gestern Abend von Thomas Quasthoff, der zwar nicht gesungen, aber dafür mit seiner berühmten Stimme gemeinsam mit der Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch aus deren Buch "Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft" gelesen hat. Wie das klang, kann man sich auf der Facebook-Seite Lesen ohne Atomstrom ansehen und anhören. Bis zum 13. März lesen und diskutieren unter anderen noch Benjamin Lebert ("Crazy") und Katharina Hagena ("Der Geschmack von Apfelkernen") oder Nina Petri und David Bennent. Erstmals bringt das Festival auch ein Buch heraus: Tomohiko Suzuki wird nicht nur "der japanische Wallraff" genannt, er präsentiert auch gemeinsam mit dem deutschen Wallraff sein Werk "Inside Fukushima", in dem er über seine Arbeit in dem japanischen Atommeiler berichtet. Der Eintritt ist immer frei, aber für die Abschlussveranstaltung, ein literarisches Konzert auf der MS Commodore, sollte man frühzeitig auf den Landungsbrücken sein.

Wenn der Staat mal wieder unfair war

Den Politikern mal die Meinung geigen über lange Wartezeiten auf den Ämtern, ungerechte Behandlung durch das Parkraummanagement und die ewig gesperrten U-Bahnrolltreppen – das wollen Sie endlich auch mal? Dann ist die Sprechstunde des Eingabenausschusses der Bürgerschaft heute Nachmittag genau das richtige für Sie. Dreimal im Jahr soll die Stunde Hamburgern helfen, ihre Probleme persönlich loszuwerden. Ansonsten kann man den Ausschuss auch das ganze Jahr über schriftlich kontaktieren. Im vergangenen Jahr arbeiteten die 22 Mitglieder des Ausschusses 951 Anträge ab, was nur auf Anhieb beeindruckend klingt. Denn 603 Petitionen wurden für "nicht abhilfefähig" erklärt, ein Großteil davon, weil die Klärung "nur auf dem Rechtsweg" möglich war, oder dem Begehren "nach Sachlage nicht entsprochen werden" konnte. Wie auch immer: Ihr Anliegen können Sie persönlich vortragen oder in schriftlicher Form überreichen. Unddie Wartezeit ist angeblich nicht mit jener in den Hamburger Kundenzentren zu vergleichen: Zu den letzten Sprechstunden kamen jeweils nur etwa fünfzehn Antragsteller. Ob es sich dabei immer um dieselben Personen handelte, das trauten wir uns nicht zu fragen.

Bezirksamt Hamburg-Mitte (Saal der Bezirksversammlung, 1. Stock), Klosterwall 4, 20095 Hamburg, 15.30 bis 17 Uhr.

Kaffeepause

Familienrezepte in Wohnzimmeratmosphäre

Hinter der tiefen Fensterfront liegt eine Mischung aus Salon und Wohnzimmer, nur der Teppich fehlt. Vor schönen Tapeten und im gedämpften Licht eines Kronleuchters und verschiedener alter Stehlampen stehen biedermeierliche Stühle und Tische mit Kerzen und Blumen darauf. Valentinas Backsalon unterscheidet sich aber nicht nur optisch und akustisch (klassische Musik) von den meisten Cafés. Der Clou hier ist, dass vier pensionierte Damen und bald auch ein Herr nach Familienrezepten die Kuchen, Torten und Kekse backen, die an der Theke unter Glasglocken stehen. Inhaberin Katrin Rauser hatte die Idee, das Wissen alter Menschen zu bewahren, sie vor der Isolation zu bewahren, ihnen einen Zusatzverdienst zu ermöglichen und gleichzeitig Gäste mit den leckeren Backerzeugnissen zu erfreuen. Oft sitzen die Bäckerinnen mit den Kunden zusammen, ohnehin kommt man hier leicht ins Gespräch. Und der saftige Himbeer-Streuselkuchen mit frisch geschlagener Sahne (3 Euro) zum Filterkaffee (2 Euro) mundet ausgezeichnet.

Valentinas Backsalon; Grindelviertel, Schlüterstraße 79, dienstags bis samstags 11.30 bis 17.30 Uhr, sonntags 12.30 bis 17.30 Uhr

Christiane Paula Behrend

Was geht

Planet der Kinder: Ein Stern reist durch die Milchstraße, begegnet roten Riesen und Explosionen. Nebenbei lernt er die Planeten des Sonnensystems kennen. "Kleiner Stern im großen All", galaktisches Abenteuerfür Kinder ab fünf Jahren.

Planetarium Hamburg, Otto-Wels-Straße 1, 10 Uhr, 11 Euro

Vortrag zum Einschlafen: Warum muss der Mensch schlafen? Wieso braucht er den "Zustand der Ruhe, in dem die Augen geschlossen, das Bewusstsein ausgeschaltet, Körperfunktionen herabgesetzt sind" (Duden)? Pastor Rolf-Dieter Seemann spricht über "Schlaf – bestinvestierte Lebenszeit".

Hauptkirche St. Petri, Saal im St. Petri Haus, Bei der Petrikirche 2, 14.30 Uhr

45.000 Meilen über das Meer: Die Hamburgerin Mareike Guhr hat mehr als vier Jahre auf hoher See verbracht. Im Bildvortrag "Eine Frau wagt Meer – Unter Segeln um die Welt" erzählt sie von Abenteuern wie Frühstückspausen mit Mantarochen.

Freizeitzentrum Schnelsen, Wählingsallee 16, 19 Uhr, 10 Euro

Was bleibt

Komponist und Schelm: Der "Karneval der Tiere" gehört zu einer der bekanntesten Suiten für Kammerorchester. Camille Saint-Saëns veröffentlichte das Werk nicht zu Lebzeiten – weil er um seinen Ruf fürchtete. Er hatte im "Karneval" mehrere seiner Kollegen veralbert (Jacques Offenbach bei den Schildkröten und Hector Berlioz beim Elefanten). Dürfte beim Zielpublikum (Schülern) gut ankommen.

Jugendmusikschule, Miralles Saal, Mittelweg 42, Mittwoch bis Freitag, 9.30 Uhr und 11 Uhr

Hamburger Schnack

Unlängst bei einem Konzert in der Laeiszhalle: Die Pianistin legt sich mächtig ins Zeug und hebt bei den lauten Akkorden immer etwas von der Klavierbank ab. Aus der Reihe hinter mir murmelt jemand: "Ich wusste gar nicht, dass diese Tasten so schwergängig sind…"

Gehört von Kevin Kroll

Meine Stadt

Für dieses Foto haben »Gala« und »Bunte« Millionen geboten, aber bei uns sehen Sie es weltexklusiv! Wir präsentieren: den ersten öffentlichen Auftritt von Rolf und Maria nach ihrer langen Trennung! (Zumindest gibt es mehrere Leute, die Stein und Storchenbein schwören, dass es sich nicht um diese Chantal handelt!) Noch steht das Paar recht planlos auf seinem Horst herum, als ob es nicht wüsste, was sein Millionenpublikum von ihm erwartet. Doch immerhin unser Jugendschutzbeauftragter ist maßlos erleichtert. Wenn wir hier Tierpornos zeigen wollen, wird er immer etwas nervös. © Georg Bednorz

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle

 

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