Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

zwei Neuigkeiten von einem der umstrittensten Bauwerke dieser Stadt – nein, ich meine den geplanten Radweg am Övelgönner Elbstrand. Der polarisiert ja heftig: Radfahrer argumentieren, wenn es erst die knapp sechs Meter breite Bikerroute an der Strandperle vorbei gebe, dann würden sie endlich nicht mehr beim Versuch ausgebremst, ihre Arbeitsstätte in der City umweltfreundlich zu erreichen. Andere Anwohner, Strandschützer und Fußgänger wenden ein, durch das asphaltierte Monstrum gehe der Allgemeinheit ein Viertel des Strandes verloren. Nun haben sich, berichtet NDR 90.3, SPD und Grüne im Altonaer Verkehrsausschuss einem Antrag widersetzt, das umstrittene Projekt zu kippen.

Und, das ist die zweite News, der Architekt Christian Hajda regte in einigen Medien an, man könne besagten Radweg, statt ihn eng an den Chillern und Sonnenanbetern vor der Strandperle entlangzuführen, an dieser Stelle doch einfach über eine Brücke leiten. Und das vielleicht sogar auf den gesamten 900 Metern, auf denen die Lücke im Elberadweg geschlossen werden soll – als Hochplateauradweg.

Wir warten auf weitere Ideen. Abgesehen von unserer natürlich, die einen Radtunnel mit Helmpflicht vorsieht. 

Alle wollen nach Hamburg – wenn auch nur vorübergehend

Wir Einheimischen wissen es schon. Nun aber entdecken auch immer mehr Touristen, wie schön es hier ist. 13,3 Millionen Übernachtungen verzeichnete die Stadt im vergangenen Jahr und stellte damit nicht nur einen neuen Rekord auf, sondern legte auch gleich mal doppelt so stark zu wie Durchschnittsdeutschland. Die meisten Fans hat Hamburg in Dänemark (die haben’s ja auch nicht so weit), gefolgt von der Schweiz und Großbritannien. Trotzdem machen Ausländer nur 25 Prozent der Besucher aus, auch wenn Hamburg hier "schon kräftig zugelegt" habe, wie Sascha Albertsen von Hamburg Tourismus sagt. Und wo wir gerade bei beeindruckenden Zahlen sind: Jährlich statten nicht weniger als 86 Millionen Menschen der Stadt immerhin einen Tagesbesuch ab. Diese Gäste geben pro Tag 38 Euro aus – 210 Euro sind es hingegen bei den Übernachtern. "Hier liegen eindeutig die größeren Wachstumspotenziale", sagt Albertsen. Den typischen Hamburg-Besucher gibt es übrigens nicht. O-Ton Albertsen: "Der heutige Gast liebt die kontrastreichen Erlebnismöglichkeiten in unserer Stadt." Auf Deutsch: Wer wegen eines Musicals kommt, sieht sich danach auch die Speicherstadt an, klettert zur Elbphilharmonie-Plaza hinauf und sieht sich zum Schluss noch ein Feuerwerk an der Alster an. Ach so: Alle, die jetzt schon immer gewusst haben, dass es diese Touristen sind, die uns alle Elphi-Konzerttickets wegschnappen, können beruhigt sein. Oder eben nicht: "Die Kooperation mit Reiseveranstaltern", sagt Albertsen, "ist noch gar nicht angelaufen."

Der Hauptbahnhof chillt

In unserer geheimen Serie "Unbekannte Verschwörungstheorien" wollen wir heute eine besonders perfide Form der Manipulation behandeln: die Musikbeschallung am Hauptbahnhof. Seit die Musik 2002 erstmals aus den Lautsprechern dudelte, glauben vor allem ältere Stadtbewohner immer noch fest daran, dass sie zur Vertreibung der Obdachlosen und Drogenkonsumenten dienen soll. Die Bahn selbst dagegen beteuert auf Nachfrage, die Musikeinspielung sei "im Zuge der Verbesserung der Aufenthaltsqualität" eingeführt worden, um "eine angenehme Atmosphäre und eine positive Grundstimmung für die Kunden" zu schaffen. Doch nach unserem gestrigen Interview mit Pro-Bahn-Sprecher Karl-Peter Naumann ("Der Hauptbahnhof ist chronisch überlastet") wissen wir jetzt natürlich, was wirklich dahintersteht: die Kalmierung von aufgebrachten Bahn-Reisenden, wenn wieder einmal ein Signal gestört ist oder eine gerissene Oberleitung den Zugverkehr lahmgelegt hat. Die Indizien sind erdrückend: Bis 2014 erschallte am Hauptbahnhof nämlich anregende, bei manchen als elitär geltende klassische Musik. Dann wurde – vorausdenkend? – auf den jetzigen Lounge-Ambient-Mix umgestellt, der die Reisenden "von der Hektik wegholen" soll. Passt doch. Denn wir fragen Sie: Wer fordert eher seine Rechte als verspätet abgelieferter Bahn-Kunde ein – ein klassisch angeregter Elitist – oder ein auf Entspannung runtergechillter Fahrgast, der nichts weiter will, als nur noch in seine Jogginghose zu schlüpfen? Eben! Dass man aber, als am Sonntagabend ein paar Hundert Fahrgäste erst nach Stunden aus dem stehen gebliebenen ICE evakuiert wurden, die Chillmusik flugs lauter stellte, das können wir nicht bestätigen.

"Hören wir diese Vorurteile nicht auch über die heutige Jugend?"

Am Donnerstag findet zum zweiten Mal die Bildungsmesse "Markt der Möglichkeiten" statt. Sie bietet Informationen für alle, die sich für eine Berufsaus- oder Weiterbildung interessieren. Wir haben die Organisatorin Susanne Horn vom Jobcenter team.arbeit.hamburg nach speziellen Angeboten für Flüchtlinge gefragt.

Elbvertiefung: Die Messe versucht unter anderem, Flüchtlinge, die erste Sprach- oder Integrationskurse absolviert haben, in Ausbildungsberufe zu vermitteln. Wie genau soll das gelingen?

Susanne Horn: So individuell wie die Menschen müssen auch die Wege sein. Nicht jeder ist für schulisches Lernen zu begeistern. Die Berufsschulinhalte einer Ausbildung werden viele Menschen mit Deutsch als Zweitsprache als sehr herausfordernd erleben. Wichtig ist, für jeden ein Berufsfeld zu finden, das zu den eigenen Fähigkeiten und Neigungen passt, das erleichtert auch das Lernen. Was wir als Jobcenter nicht wollen, ist, dass Flüchtlinge im erstbesten Arbeitsangebot "verschwinden", aus dem sie schnell wieder arbeitslos werden. Wir möchten den Berufseinstieg so gestalten, dass sich eine langfristige berufliche Perspektive entwickelt.

Elbvertiefung: Dennoch haben manche Arbeitgeber Probleme mit Flüchtlingen bezüglich Disziplin, Pünktlichkeit oder aufgrund von Mentalitätsunterschieden. Was entgegnen Sie den Kritikern?

Susanne Horn: Ist das ein Flüchtlingsproblem, oder hören wir diese Vorurteile nicht auch über die heutige Jugend? Ich glaube, in einem guten Betriebsklima kann man viele Themen freundlich und deutlich ansprechen, und zu erleben, wie es etwa die Kollegen machen, vermittelt mehr als Vorträge im Integrationskurs. Aber ja, es wird auch Probleme geben, das bleibt nicht aus, wenn Menschen erst lernen müssen, aufeinander zuzugehen.

Elbvertiefung: Auf der Messe wird es "interaktive Ausprobiermöglichkeiten" geben. Sind diese auch ohne fließendes Deutsch nutzbar?

Susanne Horn: Ja, unbedingt! Es gibt ein Memory-Spiel für die Arbeiten im Gartenbau, an einem kleinen Kran können Sie die Arbeit im Hafen simulieren, am Pflegebett werden Tätigkeiten erläutert, die zur Pflege gehören, und einen PC können Sie auch aufschrauben. Das geht in der Verständigung auch mit wenig Vokabeln.

Elbvertiefung: Auf Facebook haben Sie gezielt in mehreren Sprachen auf die Veranstaltung aufmerksam gemacht. Wie ist die Resonanz?

Susanne Horn: Wir sind selbst überrascht von der Menge der Likes. Über 10.000 Weiterleitungen an Freunde signalisieren uns, dass wir mit der Messe einen echten Informationsbedarf decken.

"Da kann es sehr wohl brennen, ohne dass man von außen etwas sieht"

Gestern berichtete das "Hamburger Abendblatt" über eine Kleine Anfrage des CDU-Abgeordneten Dennis Gladiator, der den Senat nach den "Zielerreichungsgraden" der Hamburger Feuerwehr gefragt hatte. Auf Deutsch: Schafften es die Einsatzkräfte, innerhalb von acht Minuten mit einer bestimmten Mannschaftsstärke am Brandort einzutreffen? Dies gelang im Jahr 2016 nur zu 69,6 Prozent. "Wenn auch nur ein Feuerwehrmann fehlt", sagt Feuerwehr-Sprecher Torsten Wessely, "können wir das Schutzziel nicht erreichen." Der aufmerksame Hamburger denkt sich da sofort: Wieso rückt die Feuerwehr dann bei jedem piepsenden Rauchmelder (mit vielleicht nur leerer Batterie) gleich in voller Stärke aus? "Weil das unser Job ist", antwortet Wessely. "Wir schicken standardmäßig zu jeder Feuermeldung ein Löschfahrzeug mit Drehleiter sowie ein Vorausfahrzeug." Und das auch, wenn alle Zeichen auf Fehlalarm deuten. Wenn aber – "deshalb fragen wir immer, wie viele Rauchmelder piepen und wie lange schon!" – die Nachbarn schon seit Tagen vom Schlafen abgehalten werden, das Haus aber immer noch steht, aktiviert auch die Feuerwehr nur zwei Mann, die "fachmännisch kontrollieren, was los ist". Denn: Fehlender Rauch bedeute noch lange keinen Fehlalarm. "Moderne Häuser sind so gut isoliert", sagt Wessely, "da kann es sehr wohl brennen, ohne dass man von außen etwas sieht." Trotzdem legt er nahe, vor dem Urlaub die Batterien zu erneuern und einen Wohnungsschlüssel beim Nachbarn zu deponieren. Denn ob mit Rauch oder ohne: Wenn niemand zu Hause ist, muss auf jeden Fall die Wohnungstür aufgebrochen werden!

Der Goldene Pudel lebt!

Die gute Nachricht des Tages betrifft den Golden Pudel Club. Gestern trafen sich Vertreter der rot-grünen Koalition am Hafen vor der Baustelle, die früher einmal der Golden Pudel Club war, und beschlossen, seinen Wiederaufbau mit 200.000 Euro zu unterstützen. Insgesamt soll der Wiederaufbau 850.000 Euro kosten (ein Tausendstel der Kosten für die Elbphilharmonie). Der Bezirk Altona wird sich mit 100.000 Euro beteiligen. Den Großteil erbringen allerdings die Betreiber, darunter die Mara und Holger Cassens Stiftung, durch Eigenleistungen. Durch Spendenaktionen und Solidaritätsveranstaltungen sollen weitere Mittel zusammenkommen. "Nächsten Mittwoch wird die Bürgerschaft das Geld beschließen", sagt der medienpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Hansjörg Schmidt. Mit einer Eröffnung darf im kommenden Jahr gerechnet werden. Und an dieser Stelle verweisen wir jetzt sicherheitshalber nicht auf die Elbphilharmonie.

Mittagstisch

Griechische Extravaganzen

Doch, so wird man gern begrüßt: Auf die Frage, ob sie denn schon geöffnet hätten – mit Blick auf die noch leeren Tische kurz nach zwölf –, antwortet der Mann hinter dem Tresen lachend: "Wenn nicht, dann machen wir jetzt auf." Im vergangenen Dezember eröffnet, bietet The Greek am Hafen nun auch einen Mittagstisch an. Besitzer Michalis Josing, der auch das Dionysos am Eppendorfer Weg betreibt, verspricht ein "griechisches Restaurant der Spitzenklasse" – Gyros wird man hier vergeblich suchen. Neben Kabeljaufilet mit Gemüse (11,50 Euro) stehen frische Tagliatelle auf der täglich wechselnden Mittagstischkarte (als Businesslunch dreigängig für 18 Euro). Die Pasta ist al dente, die Soße aus Spinat und Ziegenkäse fein abgeschmeckt (9,50 Euro). Das Brot sei hausgemacht, tadelt die Bedienung fröhlich, als sie sieht, dass man es noch nicht angerührt hat. Und in der Tat, man sollte es unbedingt probieren. Das Interieur ist edel-chic, ohne aufdringlich zu wirken, aus den Boxen strömt jazzige Musik, und unweit der bodentiefen Fenster liegt die Cap San Diego. Vielleicht sollte man des Abends wiederkommen und einen der 85 griechischen Weine probieren, die auf der Karte stehen.

The Greek; Portugiesenviertel, Vorsetzen 53, Mittagstisch 12 bis 16 Uhr

Elisabeth Knoblauch

Was geht

Puppentheater über Wolken: Der kleine "Schnuddel baut ein Wolkenhaus". Es soll einzigartig und unzerstörbar sein. Ob Musikzimmer, Balkon und Kaninchenstall tatsächlich allen Widrigkeiten standhalten, erfahren Kids ab drei Jahren beim Theaterfest.

Fundus Theater, Hasselbrookstraße 25, 10 Uhr, ab 7,50 Euro

Kunstvolle Wolga: Cellosonate trifft auf Text, Dimitri Schostakowitsch auf Daniil Charms. Den Musiker und den Off-Theater-Artist verbindet nicht nur das Leid unter Stalins Terror, sondern auch die Kunst. "Die Melodie muss fließen wie die Wolga: Feierabendkonzert im Oberhafen".

Halle 424, Stockmeyerstraße 43, Tor 24, Imbiss ab 17 Uhr, Konzert 18 Uhr, 12 Euro

(Un)Sinn Unesco: Fluch oder Segen – welchen Beitrag kann die Unesco noch leisten, um kulturhistorisches Erbe zu bewahren? Dr. Mechthild Rössler hinterfragt im Vortrag "Unesco: Welterbe und Städte" Sinn und Zweck der Institution.

HafenCity InfoCenter im Kesselhaus, Am Sandtorkai 30, 18.30 Uhr

Literatur-Stars: Ihre Debüts "Der Geschmack von Apfelkernen" und "Crazy" erreichten Millionenauflagen. Können die aktuellen Bücher von Katharina Hagena und Benjamin Lebert da mithalten? Beim Festival "Lesen ohne Atomstrom" (siehe auch die gestrige "Elbvertiefung") diskutieren die Autoren ihr Werk.

Theatersalon 2te Heimat, Max-Brauer-Allee 34, 19.30 Uhr, Eintritt frei

Schnack

Ein älteres Ehepaar schlendert durch Karstadt. Beim Blick auf die Faschingskostüme fragt sie: "Gibt es den Trump eigentlich schon als Horrormaske?" Er: "Hoffentlich!"

Gehört von Katrin Weibezahn

Meine Stadt

Eine gut zu verteidigende Position © David Huber

SCHLUSS

Bis sich bei Rolf und Maria endlich wieder etwas Berichtenswertes tut, können wir entweder über den armenHund einer älteren Dame berichten, den skrupellose Elemente entführt hatten und nur gegen Zahlung eines Lösegeldes von 10.000 Euro wieder rausrücken wollten (die 16- und 18-jährigen mutmaßlichen Gangster wurden bei der Hundeübergabe in Schnelsen festgenommen), oder storchentreu bei Rolf und Maria bleiben und die Wartezeit mit etwas (überhaupt nicht chilliger) Musik überbrücken. Bereits im Sommer 2004 schrieb der Liedermacher, Moderator und Schirmherr über den NABU-Storchenschutz, Rüdiger Wolff, den Weißstörchen das Lied "Segeln mit dem Wind" auf den gefiederten Leib. Der Verkauf der CD kommt direkt dem Storchenschutz zugute. Lied und Text für den nächsten Karaoke-Abend finden Sie hier. Und jetzt warten wir auf Ihre Kommentare an elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr Mark Spörrle

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.