Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

gehören Sie zufälligerweise auch zu den Unglücklichen, die eigentlich gleich morgen, am ersten Tag der deutschlandweit bekannten (und beneideten) Hamburger Skiferien, mit der Familie gen Süden wollten, zum Sonnen oder tatsächlich zum Skifahren – und gerade merken mussten, dass ihr Personalausweis abgelaufen ist? Bis vorgestern hätte das noch das tränenreiche Aus für den Urlaub bedeutet; man kennt ja die Lage in den Hamburger Kundenzentren.

Doch gestern änderte sich alles: Das erste Bezirksamt machte Ernst mit – Sie erinnern sich? – dem ambitionierten 11-Punkte-Plan der Stadt zur Verbesserung der (Warte-)Situation in den Kundenzentren! Hamburg-Mitte eröffnete ein "temporäres Unterstützungskundenzentrum", halleluja! Mit unglaublichen Öffnungszeiten:von Montag bis Freitag von 7.00 Uhr bis 19:00 Uhr (!). Kommen darf man zwar nur mit Termin (über Telefon 115 oder www.hamburg.de/kundenzentrum). Aber gestern war für heute noch was frei (!!). Wenn Sie also den Urlaub noch nicht abgesagt haben – das ist Ihre Chance!

Okay, man sollte ein wenig Zeit mitbringen: Das Unterstützungskundenzentrum befindet sich nicht direkt in Hamburg-Mitte, sondern vielmehr in Meiendorf, Bargkoppelweg 60. Insofern machen die extra langen Öffnungszeiten auch deshalb Sinn; aber was tut man nicht alles, um eine Scheidung wegen abgesagten Urlaubs zu vermeiden!

Nur, und ohne die Großartigkeit dieser Maßnahme in Zweifel ziehen zu wollen: Hätte man nicht auch die Öffnungszeiten des normalen Kundenzentrums Mitte (Dienstag und Freitag bis 13 Uhr, Montag bis 16 Uhr, Mittwoch geschlossen!) einfach verlängern können?

Alle planen für G20

Die Polizei rüstet auf: Für den kommenden G20-Gipfel am 7. und 8. Juli entsteht in einem Harburger Großmarkt eine Gefangenensammelstelle. Diese Woche zäunte man das ehemalige Fegro-Gebäude mit Stacheldraht ein, Objektschutz nannte das Polizeipressesprecher Timo Zill im Gespräch mit NDR 90,3. In der riesigen Halle sollen 150 Container-Einzelzellen aufgebaut werden, außerdem weitere Container für Staatsanwälte und Richter, die dort ihre Urteile fällen sollen, und für Dolmetscher und Konsulatsvertreter. Schließlich rechnet die Polizei mit Tausenden zum Teil gewaltbereiten Demonstranten, auch aus dem Ausland. Die Demonstranten ihrerseits bereiten sich auch vor, weniger martialisch. Es wird eine Großdemonstration geben,  angekündigt von einem breiten Bündnis aus Organisationen, das von Attac bis zum Entwicklungsdienst der Nordkirche reicht. Und bei einer zweiten Aktionskonferenz Anfang April (die erste war im Dezember) steht die gemeinsame Choreografie der Protestaktionen auf der Tagesordnung. Daneben gibt es noch viele weitere Info-Abende und Soli-Partys in allen Teilen Deutschlands (Termine hier) auch in Hamburg. Ob die hier zwischenzeitlich geplante Anti-Trump-Demo links herum um die Alster tatsächlich stattfinden wird, konnten wir nicht erfahren. Dafür gibt es zum Beispiel heute einen Anti-G20-Bier-ohne-Bundeswehr-Barabend.

Niendorf kämpft um Flüchtlinge

Anwohner, die darum kämpfen, dass Flüchtlinge bei ihnen wohnen bleiben? Genau das geschieht gerade in Niendorf, wo die Unterkunft in der Paul-Sorge-Straße beim Tibarg-Center Ende April geschlossen werden soll. Im Moment leben dort etwa 90 Menschen, ein Drittel davon sind Kinder und Jugendliche. "Die Bewohner sind sehr gut integriert, man grüßt sich. Wir wollen zumindest erreichen, dass die Familien nicht über alle Bezirke verstreut werden – und das mitten im Schuljahr", sagt Ernst Ludwig Galling, der gegenüber wohnt und sich ehrenamtlich als Sporttrainer engagiert. Deshalb hat er zusammen mit Florian Wietz eine Online-Petition gestartet. Mehr als 300 Unterstützer gibt es bislang. Adressat der Petition ist Kay Gätgens, Leiter des Bezirkamts Eimsbüttel. Dort kennt man das Problem – und die engagierten Ehrenamtlichen. "Auch wenn das Bezirksamt nicht direkt für die Unterbringung zuständig ist, sehen wir uns als Vermittler", sagt der Sprecher Andreas Aholt. Für Montag habe man zu einem Termin eingeladen, bei dem sich alle Beteiligten zusammensetzen. "Wir wollen eine vernünftige Lösung, gerade für die Familien mit Kindern im schulpflichtigen Alter. Da hängen wir auch nicht dogmatisch am 30. April als Umzugstermin", so Aholt. Na, das klingt doch gut! Vielleicht hat also die Petition schon etwas gebracht, Aufmerksamkeit nämlich. Auch für dieses schöne Beispiel von Integration.

Gangster-Revival

Früher war auch nicht alles besser. In den Achtzigern heizten rivalisierende Gangs die Stimmung im Kiez auf: die Streetboys und die Breakers mit ihren Bomberjacken, die Löwen-Hooligans, die Rockabilly-Teds, die Mods in Anzügen auf Vespa-Rollern. Hätte man sich damals getroffen, die Begegnung hätte vermutlich in einer Schlägerei geendet. Dass man sich irgendwann friedlich zusammensetzen würde – undenkbar! Auf die Idee eines gemeinsamen Treffens kam Michael Ruge von den Breakers, der die Feinde von damals auf Facebook kontaktierte. Auf welcher Plattform sonst sollten sich die starken Jungs von früher auch treffen? Ganz so sicher, ob das alles klappt, war sich Ruge vor dem ersten Treffen im vergangenen Jahr aber trotzdem nicht: "Ich konnte die Nacht vorher nicht schlafen, weil ich dachte, oh Gott, hoffentlich knallt es nicht", erzählt er den ZEIT:Hamburg-Kollegen Oliver Hollenstein und Sebastian Kempkens beim gemeinsamen Gespräch mit vier anderen ehemaligen Gangmitgliedern, inzwischen alles Männer um die 50. Heute ist den Gegnern von einst die Gemeinsamkeit klar: die Stadt. "Alle haben denselben Dialekt, den gleichen Humor", sagt Cihan Yilmaz, Mitbegründer der Streetboys. Damals bestand ein großer gemeinsamer Nenner in Gewalt und Brutalität. "Ich habe oft erlebt, dass zehn Mann auf einen losgegangen sind. Da habe ich schwer geschluckt", sagt einer. Und ein anderer: "Ich fühlte mich richtig scheiße, weil da einer gestorben ist! Ich konnte aber mit niemandem drüber reden." Warum die Gangs trotzdem ihren Reiz hatten und wie die Männer heute leben, darum geht es im Interview in der aktuellen Ausgabe der ZEIT:Hamburg oder hier digital.

BUND will Ruhe am Flughafen

Der Kampf um den Fluglärm geht in die nächste Runde: Der BUND hat am Mittwoch eine Volkspetition gestartet, mit dem Ziel eine konsequente Nachtruhe für den Flughafen durchzusetzen – und zwar von 22 bis 6 Uhr, an Sonn- und Feiertagen soll die Ruhe sogar bis 8 Uhr anhalten. Das Schlüsselwort dabei ist "konsequent", denn ein echtes Nachtflugverbot gibt es im Moment nicht. Nur eine Beschränkung von 23 bis 6 Uhr. Bis Mitternacht sind außerdem weitere Ausnahmen möglich, wenn es unvermeidbare Gründe gibt wie das Wetter oder technische Probleme. Und irgendwas ist ja immer ... Im vergangenen Jahr betraf das im Schnitt täglich zwei Flieger. Und das obwohl den Airlines dann ein Aufschlag von 300 Prozent auf das normale Entgelt berechnet wird. Geht man davon aus, dass "normal" rund 3700 Euro sind (diese Gebühr hat der Bundesverband der Deutschen Fluggesellschaften für das Jahr 2015 für einen Airbus 320 errechnet), macht die Strafe immerhin mehr als 10.000 Euro aus. Kein Hinderungsgrund, wie es scheint. Während wir uns fragen, was die Not leidende Luftfahrtbranche denn eigentlich pro Flug verdient, teilt der Flughafen mit, dass die Zuschläge dieses Jahr noch mal deutlich erhöht werden. Und dann bleibt immer noch die eben gestartete Petition. 10.000 Unterschriften will der BUND sammeln, dann müsste sich die Bürgerschaft damit befassen. Denn die Stadt ist Mehrheitseignerin des Flughafens – und könnte für eine Betriebserlaubnis mit konsequenter Nachtruhe sorgen.

Lesevertiefung

Drei Buchempfehlungen fürs Wochenende ...

 

Belletristik Unser Lieblingsbuch im Frühjahr. Ein Buch für alle, die keine Angst vor nicht ganz leichten Themen haben – es geht um Sterbebegleitung und eine schwierige Vater-Sohn-Beziehung. Hiervon wird auf humorvolle und gleichzeitig berührende Weise erzählt. Großartig. Susann Pásztor: Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster; Kiepenheuer & Witsch, 20 Euro

 

Sachbuch Einer der angesehensten Intellektuellen und Journalisten Amerikas schreibt einen Brief an seinen Sohn, um ihn vor der alltäglichen Bedrohung (aktuelles Thema: Polizeigewalt) zu warnen, der Schwarze immer noch oder gerade wieder in den USA ausgesetzt sind. Ta-Nehisi Coates: Zwischen mir und der Welt; Hanser Berlin, 19,90 Euro; aus dem Englischen von Miriam Mandelkow

 

Jugendbuch Ein Mut machendes Buch über zwei Außenseiter, Daniel und Sara, die gemeinsam ihre Ängste besiegen und dabei auf eindrucksvolle Art zeigen, dass im Leben Freundschaft und Loyalität wichtig sind. Witzig und spannend für Jungs und Mädchen ab 12 Jahren. Wesley King: Daniel is Different; Magellan, 17 Euro; aus dem Englischen von Claudia Max


Ausgewählt von Jörg Johannsen, Sachsentor Buchhandlung, Bergedorf


Was geht

Kirchenmäuse: Wie begreifen Babys und Kleinkinder den christlichen Glauben? Spielend, hofft die Evangelische Familienbildung. Bei "Kirchenmäuse – Kirche mit allen Sinnen erfahren" gibt es Frühstück und einen Mitmachgottesdienst für Kinder zwischen null und drei Jahren.

Evangelische Familienbildung Eppendorf,Tewesstieg 8, 10–12 Uhr, 5 Euro, Anmeldung unter 46 07 93 19

Hamburg singt mit Portugal: Es lebe die Musik – "Viva a música!" Schüler der Jugend-Opern-Akademie sorgen für klangvolle Völkerverständigung. Auf der Bühne musizieren sie mit Gästen des Conservatório de Música Calouste Gulbenkian aus Braga.

Miralles Saal, Mittelweg 42, 19.30 Uhr, Spenden erbeten

Hildegard auf der Bühne:Heike Feist und Michael Ihnow spielen einen aufmüpfigen Lebenslauf fernab von Heilkräutern und Dinkelbrot nach. "Die schon wieder!: Hildegard von Bingen", ein Abend, "so rasant und intelligent wie Hildegard selbst", versprechen die Veranstalter.

Schloss Reinbek, Schlossstraße 5, 20 Uhr, 18 Euro

Düstere Feier: Das Festival trägt so schwarz auf wie seine Headline – Dark Forest sind etwa dabei, Night Viper und Grave Miasma. Viele weitere Bands bringen die Finsternis zum Hell Over Hammaburg. Es werde Nacht.

Markthalle Hamburg, Klosterwall 11, Freitag, ab 16 Uhr, Samstag, ab 15.30 Uhr, 65 Euro für zwei Tage

Was kommt

Hand am Ball: Schon bei der letzten Partie im vergangenen Oktober schlugen die Jungs vom Handball Sportverein Hamburg den OHV Aurich mit acht Punkten Vorsprung. Auf ein Neues!

Sporthalle Hamburg, Samstag, 18.30 Uhr, ab 12 Euro

Impro in Echtzeit: Wenn Luv + Lee improvisieren, gibt es für die alleinerziehende Gisela und Hans, den Postboten, ein Happy End – oder auch nicht. Kritiker loben "dramatische oder verzweifelt anmutende Momente, bis ins Groteske zugespitzte Dialoge".

Echtzeit Studio, Samstag, 20 Uhr, 14 Euro

Prinz trifft Fuchs auf Leinwand: Alter Stoff in neuem Kleid – im Animationsfilm "Der kleine Prinz" freundet sich ein alter Pilot mit einem kleinen Mädchen an. Weise Fantasiereise für Kids ab vier Jahren.

Haus Drei e.V., Hospitalstraße 107, Sonntag, 11 Uhr, ab 0,80 Euro

Hakuna Matoma: Die ganz großen Namen stehen bereits auf der Remix-Liste von Norwegens Electro-Star Matoma. Seine Erfolge lesen sich wie sprühende Party-Ansagen, etwa "Wonderful Life", "Hotter than Hell" und "Paradise". Wir hätten jetzt gern "Endless Summer" bitte!

Übel & Gefährlich, Sonntag, 20 Uhr, 22,70 Euro

Schnack

Morgens in der U3. Wir nähern uns der Haltestelle Baumwall. Der Waggon ist voller müder und schlecht gelaunter Menschen, die gleich zur Arbeit müssen, mittendrin eine Schulklasse.

Kind 1: "Ohhh ... Da ist die Elbphilharmonie!"

Kind 2: "Nein! Die ist im Miniaturwunderland!"

Die ganze Bahn kichert.

 

Gehört von Karolina Holeksa

 


Meine Stadt


Schluss

Es geht weiter mit der Storchen-Romanze, nur leider mit einer ungeahnt tragischen Wendung. In der Nähe des Nests von Internet-Storchstar Rolf (Sie wissen schon, der mit der Kamera...) wurde ein toter Storch gefunden. Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich dabei um Rolfs Partnerin Maria, teilte der Nabu gestern mit. Seit Dienstag war die Storchdame nicht mehr gesehen worden, und das nach der eben erst sehnlichst vom Publikum erwarteten und teilweise beobachteten Wiedervereinigung. Rolf scheint mit dem tragischen Todesfall nichts zu tun zu haben, unter Verdacht steht eine Stromleitung. Die Todesursache wird analysiert (und in Folge 23 und 24 unserer Storchenserie veröffentlicht). Und nun herrscht Trauer. Aber wie geht es jetzt weiter? "Wir hoffen, dass Rolf für diese Brutsaison eine neue Partnerin findet", sagt Ilka Bodmann vom Nabu. Die Chancen stünden nicht schlecht, weil Rolf sehr früh aus dem Winterquartier zurückgekehrt sei. Noch ist genug Zeit für eine andere Storchendame, verlockend auf dem Nestrand zu landen. Aber was, wenn Rolf seine Maria doch nicht vergessen kann? Wir bleiben dran ...

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende. Stauen Sie sich nicht zu sehr! Am Montag lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr Mark Spörrle

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.