Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

eine Frauenquote in Aufsichtsräten kann zu besseren Entscheidungen führen: Sie mildert die Folgen der Männerdominanz ab oder gleicht sie sogar aus. Dies fanden, passend zum Weltfrauentag, Verhaltensökonomen des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) heraus. Je höher der Anteil männlicher Mitglieder einer Gruppe nämlich sei, so die Kieler Wissenschaftler, desto riskanter falle eine gemeinsame Entscheidung aus. Besteht eine Gruppe von Entscheidungsträgern nur aus Männern, sind diese der Studie zufolge sogar zu höherem Risiko bereit, als es jedes einzelne Gruppenmitglied für sich allein gewesen wäre – die Jungs hypen sich gegenseitig. Wir wussten es insgeheim schon immer, aber können nun endlich wissenschaftlich fundiert darüber spekulieren, was mit einer Frauenquote im Vatikan oder beim HSV anders liefe. Oder ob uns allen die sündteure Pleite der HSH Nordbank nicht erspart geblieben wäre.

Eine offensichtlich rein männliche Entscheidung (seine oder die seines Staatspräsidenten) war die des türkischen Außenministers Mevlüt Çavuşoğlu, unbedingt nach Hamburg kommen zu wollen. Nachdem ihm ein Auftritt in Wilhelmsburg aus Brandschutzgründen verwehrt blieb und ein Saalbetreiber in Norderstedt nicht wollte, landete Çavuşoğlu in der Residenz des türkischen Generalkonsuls in Hamburg. Immerhin kamen genug jubelnde Anhänger für eine Balkonrede (siehe weiter unten).

Als Gipfel des männlichen Allmächtigkeitswahns mag dann wohl die Aufforderung an sein Gegenüber gelten, einen doch einfach als "Gott" anzusprechen: Mit "Just Call Me God" bringt Hollywoodstar John Malkovich ("Being John Malkovich") heute im Großen Saal in der Hamburger Elbphilharmonie mit Sophie von Kessel ein Stück über Gewaltherrschaft und Manipulierbarkeit zur Uraufführung.

Ob der Erdoğan-Clan wohl noch Tickets bekommen hat?

Wahlkampf in der Villa

Das Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei ist angespannt, die türkischstämmige Gemeinde hier ist gespalten, der gestrige Besuch des türkischen Außenministers Mevlüt Çavuşoğlu macht die Lage keineswegs besser. Schon im Vorfeld gab es heftige Kritik an seinem Wahlkampfauftritt für die türkische Regierungspartei AKP und Rufe nach einem Verbot. Çavuşoğlu seinerseits bemühte, wie zuvor Präsident Recep Tayyip Erdoğan, die Nazi-Keule. Gestern Abend sprach er dann in der Residenz des türkischen Generalkonsuls in Uhlenhorst, einer cremefarbenen herrschaftlichen Villa, bewacht von Hunderten Polizisten, vor etwa 300 Erdoğan-Anhängern. Etwas weniger kamen, um gegen den Auftritt zu protestieren. Çavuşoğlu nutzte die Gelegenheit, um Deutschland "systematische Propaganda gegen unsere Veranstaltungen" vorzuwerfen. Türkische Staatsbürger würden in Deutschland systematisch unterdrückt. Vielleicht sorgt das heutige Frühstück mit seinem, so Çavuşoğlu, "Freund" Sigmar Gabriel, zu dem Çavuşoğlu im Anschluss nach Berlin reisen wollte, für etwas Entspannung. Vielleicht wird es auch Zeit, über einen anderen Flüchtlingsdeal nachzudenken. ZEIT-Kollegin Miray Caliskan war vor Ort (im Konsulat, nicht beim Frühstück). Wie sie den Auftritt des türkischen Außenministers erlebt hat, können Sie heute auf ZEIT ONLINE nachlesen. Gestern Abend hat sich "Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt in einem offenen Brief an den türkischen Staatschef gewandt und um Freilassung seines Korrespondenten Deniz Yücel gebeten. "Das augenblickliche Verhältnis spiegelt nicht wider, was unsere beiden Länder verbindet", schrieb Poschardt. "Sie können das ändern. Sie vor allem. Die Freilassung von Deniz Yücel wäre ein Signal."

Ein Tag ohne Frauen

Sind Sie ein Mann? Okay: Wie viele Frauen begegnen Ihnen denn so den Tag über? Möglicherweise geht es schon am Frühstückstisch los, der gedeckt auf Sie wartet. Und wer füllt Ihnen dann den Coffee-to-go-Becher auf dem Weg zur Arbeit? Wer fährt den Bus, der Sie dorthin bringt? Wem legen Sie Ihre Konzepte vor, um sie absegnen zu lassen – sind da vielleicht ein paar Frauen darunter? Gut. Und jetzt stellen Sie sich mal vor, die wären heute alle nicht "im Dienst" – wie sähe Ihr Tag dann aus? Das ist der Gedanke, der hinter dem "Day without a woman" steht, der heute, am Weltfrauentag, Frauen in der ganzen Welt zum Generalstreik aufruft. Inspiriert vom Women’s March in den USA und Frauenstreiks in Polen und Argentinien, hat sich die Idee bis nach Hamburg verbreitet. Auch hier werden heute Frauen und andere Feministen (vielleicht sogar mit rosa Strickmütze oder roter Kleidung) für Frauenrechte auf die Straße gehen. Die Aktionen hat das Feministische Netzwerk hier zusammengetragen. Und wozu das alles? Genau: weil man oft erst merkt, wie wichtig jemand ist, wenn er nicht mehr da ist. Auch die Elbvertiefung würde nicht in dieser Form in Ihrem Postfach landen, wären da nicht Frauen, die denken, recherchieren, schreiben, korrigieren und produzieren. Beendet wird der Tag des weiblichen Generalstreiks in Hamburg übrigens mit einer Abschlussveranstaltung ab 19 Uhr im Centro Sociale. Auf der Website heißt es: "Alle sind eingeladen (außer Arschlöcher)."

Und natürlich außer den Kolleginnen dieses Letters, die heute Dienst haben.

Heiße Spuren in kalten Fällen

Gestern hat die Hamburger Polizei eine neue Einheit vorgestellt – die Cold Case Unit. Vier Kriminalbeamte aus unterschiedlichen Fachbereichen widmen sich seit Oktober letzten Jahres ausschließlich ungelösten Kriminalfällen. Darf man sich das so vorstellen wie in den amerikanischen Serien? "Kommt auf das Format an, das Sie vor Augen haben", sagt Heike Uhde von der Polizeipressestelle. "Tatsächlich schauen sich die Kollegen noch mal alle Spuren von damals an, befragen erneut Zeugen, und auch in der Forensik hat sich in 40 Jahren viel verändert. Heute gibt es ganz andere technische Möglichkeiten." So können beispielsweise mit neuen DNA-Spuren alte Fälle gelöst werden. Meistens solche, die eingestellt wurden: "Mord, versuchte Tötungsdelikte und Vermisstenfälle, bei denen vermutet wird, dass das Opfer getötet wurde", so Uhde. Vorteil der Kollegen der neuen Einheit: Anders als die Kollegen der Mordkommission können sie losgelöst vom Tagesgeschäft ermitteln. Gerade arbeiten sie an sechs Fällen parallel, Ergebnisse haben sie auch schon vorzuweisen: In einem Mordfall von 1978 hat eine erneute rechtsmedizinische Untersuchung einen Verdächtigen wieder als Täter ins Gespräch gebracht – bei den damaligen Ermittlungen hatte ihn die festgestellte Todeszeit entlastet. Aber die wurde nun revidiert. Also ein Erfolg? So halb. Der mutmaßliche Täter wird trotzdem nicht angeklagt werden – er ist mittlerweile verstorben.

Mexikaner trinken gegen Trump

Unter dem Hashtag #NoG20 formiert sich Protest gegen den im Juli in Hamburg stattfindenden G20-Gipfel. Eine besondere Aktion gegen den Besuch des derzeit noch amtierenden US-Präsidenten Donald Trump hat Björn Rosteck jetzt mit Hamburger Kneipenwirten auf St. Pauli ins Leben gerufen: den Soli-Mexikaner. Gegen den Mann, der an der Grenze zu Mexiko eine Mauer bauen will, kann man nun mit Schnaps protestieren – eben mit Mexikanern (Sie erinnern sich, dieses rote, scharf gewürzte, tomatensaft- und kornhaltige Getränk). Das Konzept: Wer in einer der beteiligten Kneipen Soli-Mexikaner bestellt, unterstützt damit finanziell den G20-Protest. Auch die Aktionskonferenz, die im April im Ballsaal des Millerntorstadions stattfindet, soll von den Soli-Mexikanern finanziert werden, erzählt Rosteck. In Workshops arbeiten die G20-Gegner hier Ideen für Blockaden und kreative Proteste wie eine Nachttanzdemo aus. Man benötige Geld für Technik und Flyer. "Und allein die Raummiete für den Ballsaal kostet mehrere Tausend Euro." Aber ist das nicht ein bisschen einfach: Schnaps kaufen und dafür ein reines Gewissen haben? "Natürlich sollen sich die Leute im Juli auch auf die Straße begeben und dann nicht am Tresen sitzen", sagt Rosteck. Wo überall der Soli-Mexikaner verfügbar ist, lesen Sie hier. Die Beziehung von Alkohol und linkem Protest hat übrigens eine längere Geschichte. Und im Rausch steckt mehr als primitiver Protest, erläutert Kollege Kilian Trotier in der noch aktuellen ZEIT:Hamburg – ja, Alkohol kann sogar helfen. Wie genau, erfahren Sie noch heute am Kiosk (nein, aus der ZEIT!) oder hier digital.

"Joko und Klaas wollten einfach eine Goldene Kamera haben"

Als am Wochenende der Fernsehpreis Goldene Kamera in Hamburg verliehen wurde, waren alle Augen auf Ryan Gosling gerichtet, der den Preis für seine Rolle im Film "La La Land" entgegennahm. Nur war das nicht der echte Hollywoodstar, sondern ein fast zehn Jahre jüngeres Double aus München, Ludwig Lehner, eingeschleust von den TV-Spaßvögeln und Moderatoren der ProSieben-Sendung "Circus HalliGalli", Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf. Wir fragten das Gosling-Double, wie das ging.

Elbvertiefung: Herr Lehner, wie haben Sie sich bei der Goldenen Kamera eingeschmuggelt?

Lehner: Wir sind mit drei VW-Bussen und acht Sicherheitsleuten, einer Visagistin und einem Manager vorgefahren, die alle fließend Englisch gesprochen haben. Am Eingang gab’s die VIP-Bänder, auf meinem steht "Ryan Gosling". Im Backstageraum haben wir dann erst mal gefeiert, dass wir so weit gekommen sind, und Bier bestellt.

Elbvertiefung: Den Schwindel hat wirklich niemand durchschaut?

Lehner: Ich habe mir eine Winterjacke über den Kopf gestülpt, und keiner hat sich getraut, mir ins Gesicht zu gucken, auch nicht die Sicherheitsleute der Goldenen Kamera. Die Agentur hatte auch vorher schon angekündigt, dass es Ryan Gosling nicht so gut geht und dass er direkt wieder fahren würde, nachdem er auf der Bühne war. Ich hatte echt Angst, dass vorher Endstation ist. Als es dann hieß, in zehn Minuten seid ihr dran, ging mir die Pumpe.

Elbvertiefung: Während Moderator Steven Gätjen dann Ryan Gosling anmoderiert hat, haben Sie hinter der Bühne gewartet ...

Lehner: Ich stand im Gang vor der Bühne. Das waren nur zwei Minuten, aber gefühlt zwei Jahre. Als die Tür aufging, habe ich gedacht: Was zum Teufel machst du da eigentlich? Ich bin rausgesprungen, direkt zu Steven Gätjen hin, hab den Pokal anvisiert, dann zum Mikro, habe meine Rede gehalten und bin wieder raus. Die Trophäe habe ich gleich an eine Kollegin weitergegeben, und wir sind zügig direkt zu den Autos. Während ich noch auf der Bühne stand, haben die Fahrer schon den Motor angeworfen, dann sind wir losgefahren. Und haben geschrien, gelacht, gefeiert, das war nicht nur Kino, das war eine Riesengaudi für uns! Laut einer Kollegin von mir soll jemand gesagt haben: Lasst ihn laufen.

Elbvertiefung: Aber das war nicht alles. Der Auftritt war gründlich vorbereitet

Lehner: Die Produktionsfirma hat schon vor zwei Monaten die Firma Conrad, Hertz & Gravemann gegründet, abgekürzt CHG, so wie Circus HalliGalli. Eine Fake-Booking-Agentur, die angeblich Prominente vermittelt. Die hat sich dann an die Veranstalter der Goldenen Kamera gewendet und angeboten, dass Ryan Gosling auftreten könnte. Auch die Rede haben wir vorher in einem Theater geprobt, wo Joko und Klaas das Publikum gespielt haben. Klaas hat mir gezeigt, wie ich auf die Bühne springen soll, das mit den ausgestreckten Armen habe ich dann improvisiert.

Elbvertiefung: Und warum haben Sie das überhaupt gemacht?

Lehner: Joko und Klaas haben noch nie eine Goldene Kamera bekommen, und sie wollten einfach eine haben. Jetzt steht zwar "La La Land" drauf, aber das stört ja nicht.

Elbvertiefung: Wir verstehen. Trotzdem: Es klingt, als wäre das alles ganz schön viel Aufwand gewesen. Steckt vielleicht doch ein tieferer Sinn hinter der Aktion? Eine Art Gesellschaftskritik vielleicht?

Lehner: Joko und Klaas sind ja für solche verrückten Aktionen bekannt. Und da die beiden mit der Sendung aufhören, wollten sie zum Abschluss noch mal einen dicken Knaller raushauen und die Fernsehwelt erschüttern. Das ist uns wohl geglückt.

Mittagstisch

Zitronengras und Avocadoshake

Es gibt Branchen, da ist es wenig von Vorteil, wenn man schüchtern ist. Eine Servicekraft in einem Restaurant beispielsweise sollte nicht verdruckst zurückwinken, wenn ein Gast auffordernd winkt. Dabei hatte man nur noch einen vietnamesischen Kaffee bestellen wollen als Krönung eines überaus gelungenen Mittagstischs. Gao heißt ein neuer Laden in der Langen Reihe, und der Name – Reis – ist hier Konzept. Die Reisnudeln mit gebratenem Zitronengras, Rindfleisch, Salat und Kräutern in Chili-Limetten-Sauce (8,50 €) sind fein. Der Avocadoshake (3,50 €) dazu ist frisch und so gehaltvoll, dass man ihn allenfalls zur Hälfte austrinken kann. Die Betondecke ist freigelegt, was dem Raum Größe verschafft, herab baumeln schwarze, innen golden ausgeschlagene Lampen. Die Wände leuchten taubengrau, in hellen Holzrahmen finden sich allerlei Impressionen aus dem asiatischen Land. Immerhin: Als man schließlich selbst an die Theke tritt, um zu bezahlen, und erklärt, man hätte doch eigentlich noch gerne was bestellen wollen, da wird sich entschuldigt und der Gast vertröstet auf ein besseres Gelingen beim nächsten Mal.

Gao; St. Georg, Lange Reihe 81, Mittagstisch Montag bis Freitag 11–17 Uhr

Elisabeth Knoblauch

Was geht:

Bilderbuchkino: Ist er wirklich groß, zottelig und muffig, "Der schaurige Schusch"? Eine lustige Geschichte über Vorurteile für Kinder ab vier Jahren.

Bücherhalle Bramfeld, Herthastraße 18, 15.30 Uhr, Eintritt frei

Stunde der Kirchenmusik:Johanna Rabe (Flöte) und Albrecht Buttmann (Tuba) spielen Werke von Telemann und Bach. Auf dem Programm steht unter anderem die Arie "Komm in mein Herzenshaus" – und bring doch bitte Sonne mit.

Hauptkirche St. Petri, Bei der Petrikirche 2, 17.15 Uhr, Eintritt frei

Satire vom Schiff: Business-Typ mit Burn-out, Reality-Doku-Opfer und Tante Erika – sie alle schunkeln auf dem Kreuzfahrtschiff umher. In ihrer Mitte kredenzen Frowin & Kilian in "Aussteigen für Einsteiger" eine Mischung aus Satire und Chanson.

Theaterschiff, Holzbrücke 2 / Nikolaifleet, 19.30 Uhr, ab 25 Euro

Quiz mit Buch: "Ich habe so viele Ideen, wie Ratten Orgasmen haben." Na, von wem stammt dieses Zitat? Klar: Patricia Highsmith. Der "Salon des Questions" lädt ein zum "Fünften Hamburger Literaturquiz".

Literaturhaus, Schwanenwik 38, 19.30 Uhr, 10 Euro

Hamburger Schnack

Niendorfer Gehege, in der Nähe des Ponyhofs: Großmutter, Mutter und das etwa zweijährige Töchterchen sind zusammen unterwegs. Die Kleine sitzt stolz auf den Schultern der Mutter, und eine entgegenkommende ältere Dame kommentiert: "Es muss ja nicht immer ein Pony sein!"

Gehört von Christa Schoeniger

Meine Stadt

War das Pumuckl, am Fußweg Sandtorkai? Oder ist etwa der Name des Fotografen Programm? ;) © Bengt Riese

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr Mark Spörrle

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.