Ein Jahr ist es her, dass Nicole B. von einem Nachbarn im Hinterhof in Hamburg-Harburg gefunden wurde. Wimmernd lag das Mädchen in einer Ecke. Es war Januar, die Temperaturen lagen um den Gefrierpunkt, doch die 14-Jährige hatte nur Unterwäsche an. Vier Männer hatten sie reihum vergewaltigt und mit Gegenständen malträtiert, eine 15-Jährige hatte alles mit ihrem Handy gefilmt. Dann hatten sie sie wie Müll in den Hinterhof geschleift. Wäre Nicole B. nicht rechtzeitig gefunden worden, wäre sie erfroren.

Ein Jahr später sieht das Leben von dreien der vier Täter so aus, als wäre nie etwas gewesen. Nur ein 21-Jähriger, der einzige Erwachsene, sitzt im Gefängnis. Die drei jugendlichen Täter, zwischen 14 und 17 Jahre alt, sind in Freiheit. Das Hamburger Landgericht hatte sie im Oktober zu Bewährungsstrafen verurteilt. Damit kamen sie aus der Untersuchungshaft frei.

Die Staatsanwaltschaft will das nicht hinnehmen. Sie will einen neuen Prozess. Und vor allem: ein neues Urteil. Die Chance, dass es dazu kommen wird, ist nun erheblich gestiegen. Der Generalbundesanwalt in Karlsruhe, die oberste Strafverfolgungsbehörde, hat sich der Revision in vollem Umfang angeschlossen. Auch er zweifelt die rechtliche Würdigung der Tat durch das Hamburger Landgericht an und auch er will eine höhere Strafe. Sollte die Revision vor dem Bundesgerichtshof (BGH) Erfolg haben, wird der Prozess vor einer anderen Strafkammer des Hamburger Landgerichts neu aufgerollt.

Großkotzige junge Männer im Gerichtssaal

Die Geschichte um die Harburger Gruppenvergewaltigung liest sich wie eine Aneinanderreihung von Skandalen. Erst das Verbrechen selbst, das in seiner Grausamkeit nur fassungslos machen kann. Dann das Verhalten der Angeklagten: Zu ihrem Prozessauftakt Ende August waren sie wie Sieger in den Gerichtssaal eingezogen. Sie hatten vor dem Zuschauerraum posiert und Victoryzeichen gemacht, hatten selbstbewusst gegrinst und sich von ihren Angehörigen bejubeln lassen. Keine Reue, sondern Siegesgewissheit. Keine kleinlauten Angeklagten, sondern großkotzige junge Männer, fern von jeder Selbstkritik. Vor dem Spiegel dieses Auftritts konnte das Urteil im Oktober nur als weiterer Skandal erscheinen. Der erwachsene Täter kommentierte seine Verurteilung sogar anscheinend belustigt mit Kopulationsbewegungen.

Doch was dazwischen geschah, das weiß niemand außer den Beteiligten selbst. Die Öffentlichkeit wurde nach Verlesung der Anklage ausgeschlossen und erst wieder zum Urteil hereingelassen. Zwischendurch müssen die Angeklagten ein anderes Bild von sich gezeichnet haben. Sie hätten die Tat gestanden, hieß es im Urteil, und Scham gezeigt. "Die Strafen mögen einem Teil der Öffentlichkeit milde erscheinen", sagte der Vorsitzende Richter. "Daran aber hat sich die Kammer nicht zu orientieren." Im Jugendstrafrecht würden andere Regeln gelten. Jugendliche Straftäter dürften nicht bestraft, sondern sollten erzogen und auf den rechten Weg zurückgeführt werden.

Womöglich doch noch Gefängnisstrafen

Erziehung also. Doch wie sieht es genau aus mit der Erziehung und Resozialisierung der drei jungen Männer? Sie hatten im Urteil die Auflage bekommen, eine Therapie zu beginnen. Und machen sie die inzwischen? "Darüber haben wir keine Erkenntnisse. Fragen Sie bitte bei Gericht nach", heißt es bei der Staatsanwaltschaft. "Bis zur Rechtskraft der Verurteilung und der Bewährungsbeschlüsse gibt es keine Rechtsgrundlage für das Gericht, den Aufenthaltsort der Verurteilten zu überwachen", lautet die Antwort bei Gericht. Mit anderen Worten: Niemand weiß, wie es mit den drei jungen Vergewaltigern weitergegangen ist. Der Skandal, so scheint es, setzt sich weiter fort.

Die Staatsanwaltschaft hatte ursprünglich sogar wegen versuchten Mordes gegen die Täter ermittelt. Verurteilt wurden sie nur wegen schweren sexuellen Missbrauchs einer widerstandsunfähigen Person. Am Mordvorwurf hält auch die Staatsanwaltschaft nicht mehr fest. Sie will aber zumindest, dass die Männer noch wegen Aussetzung bestraft werden, weil sie das 14-jährige Mädchen einfach im Hof liegen ließen. Auch eine zusätzliche Verurteilung wegen einer gefährlichen Körperverletzung mit lebensbedrohender Behandlung käme in Betracht. Sollte der BGH das Urteil also aufheben und ans Hamburger Landgericht zurückverweisen, würden die jugendlichen Täter womöglich doch noch ins Gefängnis kommen.