Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz hat gestern bestürzt auf den Sprengstoffanschlag in Hamburgs Partnerstadt St. Petersburg reagiert. Bei der Explosion einer Bombe in einer fahrenden U-Bahn unter dem Zentrum der Fünf-Millionen-Stadt starben mindestens neun oder zehn Menschen; rund 50 wurden verletzt. Die russische Staatsanwaltschaft ermittelt wegen "Terroranschlags". Olaf Scholz und Hamburgs Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit drückten ihr Mitgefühl mit den Opfern und Angehörigen aus. Morgen wollen Scholz und Veit in St. Petersburg die 14. "Deutsche Woche" eröffnen. Laut Stand gestern Abend sollte die Reise wie geplant stattfinden.

Knapp 100 Tage vor dem G20-Gipfel in Hamburg hat die Polizei eine Karte veröffentlicht, die Informationen zu Zugängen, Sicherheitszonen und Absperrungen rund um das Messegelände liefern soll. Werktags zwischen 8 und 16 Uhr kann man dazu unter 08000/42 86 50 auch das Polizeitelefon anrufen. Polizeisprecher Timo Zill sagte, auf die Hamburger würden während des Gipfels, wie schon während der OSZE-Konferenz im Dezember, "leider erneut Verzögerungen und Umwege" zukommen. Und betonte, man wolle "die Belastungen für die Hamburger Bevölkerung so gering wie möglich halten" und "das Recht auf friedlichen Protest gewährleisten".

Noch ein Hinweis, apropos Dezember: Wollten Sie zufälligerweise auch zu Silvester das Feuerwerk an der Alster sehen und waren enttäuscht, dass es nicht stattfand? Falls Sie wissen wollen, warum nicht  – und wieso wir das erst jetzt erfahren –, empfehle ich Ihnen mein aktuelles "Warum funktioniert das nicht?" in der ZEIT oder hier digital. Kleiner Tipp: Es hat mit Geld zu tun.

G20: Wird die Notfallversorgung kollabieren?

Sind Hamburgs Notaufnahmen ausreichend auf den G20-Gipfel vorbereitet? Laut Auskunft des Senats habe es "noch keine Gespräche mit den Krankenhäusern gegeben, um über die Versorgung von Verletzten zu sprechen", berichtete der Radiosender NDR 90,3 gestern. Zwei der großen Hamburger Krankenanstalten sehen dem Gipfel jedoch ruhig entgegen. "Das UKE bereitet sich grundsätzlich auf in Hamburg anstehende Großereignisse vor", erklärt uns Saskia Lemm vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. "Dazu gehört auch der G20-Gipfel, für den wir alle notwendigen Vorkehrungen treffen. Dies beinhaltet vor allem die Dienst- und Kapazitätsplanungen in den Kliniken sowie der zentralen Notaufnahme." Auch für Mathias Eberenz von den Asklepios-Kliniken wird sich der Gipfel aus notfallärztlicher Sicht nicht von Schlagermove, Christopher Street Day oder Extremwetterlagen wie Glatteis unterscheiden. "Insbesondere unsere zentral in der Innenstadt gelegene Klinik St. Georg kümmert sich dann beispielsweise um doppelte Dienstbesetzungen. Für den G20-Gipfel wird es sicherlich auch eine besondere Bevorratung von Notfallmedikamenten und Blutkonserven geben." Dank regelmäßiger unangekündigter (!) Übungen sind Hamburgs Krankenhäuser ohnehin für schlimmere Szenarien gewappnet. "Vom radioaktiven Unfall bis zur entgleisten U-Bahn mit 150 Passagieren haben wir alles schon geübt", sagt Eberenz. Die meisten der bei Demonstrationen typischen Verletzungen "kennen wir auch von Volksfesten". Immerhin wird auf den G20-Demos wohl weniger getrunken.

Werft- und Hafenarbeiter demonstrieren gegen Digitalisierung

Mit Fahnen und Plakaten hat sich gestern ein Demonstrationszug vom Werkstor der Werft Blohm + Voss durch den Alten Elbtunnel bis auf den Rathausmarkt geschlängelt. Es demonstrierten rund 900 Beschäftigte aus der Schifffahrtindustrie, angeführt von den Gewerkschaften IG Metall Küste und ver.di. Anlass war die zehnte Maritime Konferenz, die heute in der Handelskammer stattfindet und zu der neben Spitzenvertretern der deutschen Reedereien auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries und Verkehrsminister Alexander Dobrindt erwartet werden. Thema dort soll vor allem die Digitalisierung sein, mit deren Hilfe Reeder ihre Schiffe wirtschaftlicher managen und ihre Besatzungen organisieren. Auch um komplett autark fahrende Schiffe soll es gehen. "Digitalisierung ist nicht nur eine technische Frage", rief Meinhard Geiken, Bezirksleiter der IG Metall Küste, den Demonstranten auf dem Rathausmarkt zu: "Hier geht es um Arbeitsplätze." Laut Verband für Schiffbau und Meerestechnik ist allein bei den Werften die Zahl der Beschäftigten von rund 25.000 im Jahr 2000 auf rund 18.000 im vergangenen Jahr zurückgegangen. Und der Stellenabbau geht aktuell weiter: So sollen bei Blohm + Voss 300 Stellen wegfallen, knapp ein Drittel der Arbeitsplätze. "Eine Reihe von Werften wartet auf Entscheidungen der Bundesregierung. Ein Grund für die schwierige Situation bei Blohm + Voss und anderen Betrieben ist, dass sich die angekündigten Milliardenaufträge für die Marine verzögern", sagte Geiken.

Drohne falsch gelandet

Wozu kauft man sich für über 1000 Euro eine Drohne mit mehreren Kilometern Reichweite, obwohl man sie ja doch nicht ohne direkten Sichtkontakt fliegen darf? Das wird sich heute wohl auch der Betreiber jenes "unbemannten Luftfahrtsystems" denken, dessen Fluggerät gestern Nacht eher ungeplant auf dem Fernsehturm landete. "Da sind ein paar Dinge zusammengekommen", verriet uns ein Polizeisprecher über den Hobbypiloten. Der hätte auch nicht mehr nach Einbruch der Dunkelheit fliegen dürfen, und schon gar nicht höher als 50 Meter (der Heinrich-Hertz-Turm misst immerhin 280). Zwar benötigte er – theoretisch – keine Erlaubnis der Verkehrsbehörde, da sein Spielzeug weniger als fünf Kilogramm wiegt und er nicht rund um den Flughafen Fuhlsbüttel aktiv war. Trotzdem zeigt auch dieser Fall, dass die vom Bundesverkehrsministerium geplante Drohnenverordnung, die Jedermann-Flugobjekte mit kommerziellen Drohnen gleichsetzt, doch einen Sinn hat. Ohnehin wird der Luftraum über Hamburg immer voller. Gab es 2012 nur 17 Anträge auf Flugerlaubnis von gewerblichen Drohnenbetreibern, waren es im vergangenen Jahr bereits 678. Die meisten wollen mit ihren Geräten Film- oder Fotoaufnahmen machen. Auch der gestrige Drohnenpilot plante laut Polizei "Panoramaaufnahmen" – bei tiefschwarzer Nacht. Was sagt dazu die Deutsche Flugsicherung? Verboten ist auch "Fliegen unter Alkohol- oder Drogeneinfluss".

Ein Megamarsch um die Stadt

100 Kilometer zu Fuß in 24 Stunden? Klingt irre? Wird aber für die Teilnehmer des ersten Hamburger Megamarschs am Wochenende Realität. "Das sind schon eher Leute, die eine sportliche Herausforderung suchen", sagt Marco Kamischke, der mit seinem besten Kumpel Frederick Hüpkes die Aktion ins Leben gerufen hat. Eigentlich wollten die beiden die Sache nur mal selber ausprobieren und suchten ein paar Leute zum Mitgehen. Doch die Resonanz war so groß, dass ihnen schon beim ersten Testlauf im Herbst in Köln nur die Rolle der Organisatoren blieb. Rund ein Viertel der Teilnehmer schaffte es damals ins Ziel. In Hamburg wird Start- und Endpunkt der Altonaer Volkspark sein, die Route führt auf dem zweiten Grünen Ring durch Parks, Kleingärten und Waldgebiete. Um durchzukommen, muss man 4,2 Kilometer pro Stunde schaffen, kann also gehen und muss nicht rennen. Alle 20 Kilometer gibt es eine Verpflegungsstation mit Obst, Müsliriegeln, Wasser und meistens auch heißer Brühe. Und los geht es am Samstag um 16 Uhr. Warum so spät? "So geht es frisch in die Nacht", erklärt Kamischke. "Mit der Sonne am Morgen bekommt man noch mal Energie und hat die größten Chancen durchzuhalten." Jetzt noch mitmachen ist schwierig, der Megamarsch ist mit 1000 Teilnehmern ausgebucht.  Aber man kann den Grünen Ring natürlich auch mal auf eigene Faust abwandern. Vorsicht: Verpflegungsstationen gibt es dann wahrscheinlich nicht.

Wie schmeckt Hamburg?

Denkt man an den Urlaub, fällt es einem meist leicht, Orten einen bestimmten Geschmack zuzuordnen. Der Sommer an der Atlantikküste? Moules frites! Das verlängerte Wochenende in Rom? Hauchdünne, knusprige Pizza! Der Tag im Freibad? Pommes rot-weiß! Aber wie schmeckt die Stadt, die einen fast das ganze Jahr umgibt? Gar nicht so einfach, oder? ZEIT ONLINE-Kollege Johan Dehoust hat sich mit dieser Frage an Hamburger gewandt, die es wissen müssen: an Köche. Er hat sie gebeten, ihm ein Rezept zu verraten, das für Hamburg steht. Zwei Folgen seiner kleinen Serie sind bereits erschienen – mit, nun ja, speziellen Ergebnissen: Für Starköchin Cornelia Poletto schmeckt die Stadt wie Spaghetti alla Carbonara mit Räucheraal und für den Food-Blogger Olaf Deharde wie Rote-Bete-Hummus mit Blumenkohl und Rinderherzspießen. Um sich diese Kreationen besser vorstellen zu können, dürfte es Ihnen helfen, dass Dehoust die Rezepte an Illustrations-Studentinnen der HAW Hamburg weitergeleitet hat, die aus ihnen wundervoll animierte Videos gebastelt haben. Vielleicht fühlen Sie sich ja anschließend zum Nachkochen animiert – oder mögen uns verraten, wie für Sie die Stadt schmeckt. Die nächste Folge kommt übrigens morgen: Thomas Martin, Chefkoch im Louis C. Jacob, verrät sein Rezept zur Stadt.

Kaffeepause

Nichts für Banausen

Rechts geht es um Fußball, um Trainer, um Sponsoring, es wird getuschelt, alles geheim, geheim bei frisch gepresstem Orangensaft und vielen leeren Kaffeepötten. Auch links stecken die Köpfe konspirativ bei Gesprächen über Tinder-Romantik zusammen. Zwei Minuten nachdem der Platz an der langen Tafel des Elbgold erspäht wurde, ist man mittendrin im Leben der anderen. Volle Konzentration auf die Karte. Und die hat es in sich. Im Elbgold werden Edelbohnen aus der ganzen Welt geröstet und kredenzt, wer mag, kann sich auch an süßen Leckereien laben. Feine Näschen der Kaffeejunkies wittern die Kaffeearomen aus Guatemala, Indien oder Ruanda Hunderte Meter gegen den Wind. Wie man als Laie die richtige Wahl treffen soll? Gute Frage. Vielleicht einen sortenreinen Kaffee (ab 3,50 Euro)? Oder doch einen Plantagenkaffee (bis 9,90 Euro)? Einen Standard (zum Beispiel einen großen Café Crème für 2,30 Euro)? Eigentlich ganz egal, denn könnte der Gaumen lächeln, er täte es nach dem ersten Schluck so oder so.

Café Elbgold; Schanzenviertel, Lagerstraße 34c (weitere Standorte: Mühlenkamp 6a und Eppendorfer Baum 26), Mo–Fr 8–19 Uhr, Sa 9–19 Uhr, So 10–8 Uhr

Tina Pokern

Was geht

Einen Reim drauf machen: Wie schön die arabische Sprache klingen kann, können Kinder von 1 bis 3 Jahren heute in der Zentralbibliothek hören. Da werden nämlich "Gedichte für Wichte auf Arabisch" vorgelesen. Dazu gibt es Fingerspiele, Lieder zum Mitsingen und eine Menge Bilderbücher anzugucken. Am besten mit neuen Freunden hin!

Kinderbibliothek, Hühnerposten 1, 11 Uhr, Eintritt frei

Kolonien – wir doch nicht? Doch! Bis heute profitiert Hamburg vom Imperialismus des Deutschen Reiches. Christian Russau vom Forschungs- und Dokumentationszentrum Lateinamerika und Christian Stephan, Pfarrer in Paraguay, informieren darüber in ihrem Vortrag "Hamburg kolonial".

W3 – Werkstatt für internationale Kultur und Politik, Nernstweg 32–34, 19 Uhr, Eintritt frei

Klang formen: Beim Konzert von Andi Otto und MD Pallavi werden aus Gesten Töne – mithilfe elektronisch erweiterter Musikinstrumente. Was dabei herauskommt, klingt wie eine Mischung aus Bollywood und Kraftwerk. Kaum zu glauben? Zu sehen und zu hören sind die zwei heute Abend, unterstützt von DJ Jeanette Trèsbien.

Nachtasyl, Alstertor 1, 22 Uhr, 6 Euro

Hamburger Schnack

Bei Karstadt treffe ich eine junge Frau mit etwa dreijährigem Sohn, der nicht sehr fröhlich aussieht. Auf meine Bemerkung, da habe aber jemand schlechte Laune, antwortet die Mutter: "Ja, Männer und einkaufen, ist eben so."

Gehört von Ursula Plamböck

Meine Stadt

Fixe Kröten in Lemsahl-Mellingstedt © Michael Mertens

Schluss

"Komm in die Gänge": Beim Stichwort Gängeviertel denken viele Hamburger wohl erst einmal an die gleichnamige Kulturgenossenschaft, die seit 2009 ein Häuserensemble am Valentinskamp bespielt. Tatsächlich prägten die eng bebauten Wohnquartiere nicht nur dort, sondern vielerorts das Bild der Alt- und Neustadt. Als mit der Industrialisierung immer mehr Menschen in die Städte strömten, lebte die arme Bevölkerung in den Gängevierteln unter unzumutbaren hygienischen Zuständen – bis 1892 die Cholera ausbrach. "Eure Hoheit, ich vergesse, dass ich in Europa bin. Ich habe noch nie solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungskeim angetroffen wie hier", schrieb der Arzt Robert Koch damals an den Kaiser. Dieses gruselige Bild der Gängeviertel lässt sich seit gestern im Dungeon erleben. "Ich wünsche Ihnen ein fröhliches Verrecken!", begrüßt Schauspielerin Berta die Besucher. Wem das zu viel Geisterbahn und zu wenig Geschichte ist, dem empfehlen wir die Krameramtsstuben beim Michel. In der engen – zugegebenermaßen aber auch hübsch renovierten – Fachwerkgasse lässt sich das Leben in den Gängevierteln eher realistisch nachempfinden.

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle

 

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