Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

es ist nicht das fröhliche Fest zum 60-jährigen Bestehen der Städtepartnerschaft: Nach dem Bombenanschlag in St. Petersburg reisten Bürgermeister Olaf Scholz und Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit nunmit Beileidswünschen in die russische Stadt, um die 14. Deutsche Woche zu eröffnen. Auf dem Programm stehen politische Gespräche zur Digitalisierung und Stadtentwicklung und die Präsentation von Hamburgs neuem Wahrzeichen, der Elbphilharmonie, als interaktives Minimodell. Doch zunächst gedachte man in einer Schweigeminute der Opfer des U-Bahn-Attentats am Montag; mittlerweile beläuft sich die Zahl der Toten auf mindestens 14. Am Hamburger Rathaus wurde Trauerbeflaggung angeordnet.

Zur Überraschung geriet die Bilanz des HVV. Nicht wegen der neuen Fahrgastrekordzahlen, sondern weil der Verkehrsverbund künftig einen ganz besonderen Service anbieten will, die Rettung potenzieller Fahrgäste in Hollern-Twielenfleth, Barsbüttel oder Waltershof: Wer bisher bar jedes Transportmittels, fernab von jeglichem ÖPNV, auf sich allein gestellt die urbane Ödnis beziehungsweise ländliche Idylle durchmessen musste, um irgendwann den nächsten Bahnhof zu erreichen – der kann sich, so ein geplantes Pilotprojekt, künftig mittels digitaler Technik retten lassen: Man gibt Standort und Ziel in eine App ein und wird schließlich von einem Bus eingesammelt. "Der fährt genau dann und genau da, wo er gebraucht wird", kündigt HVV-Sprecher Rainer Vohl an. Unabhängig vom Linienverkehr – also völlig individuell, HVV on demand? "Denkbar wäre sogar, dass man sich direkt mit einem Minibus abholen lassen kann", erklärt Vohl. "Aber es ist nicht so angelegt, dass es eine Art Taxidienst zum HVV-Tarif gibt." Die Fahrgäste sollen zunächst nur zur nächsten Bahnstation befördert werden. Immerhin. Testgelände sollen erst mal der Hafen und das Gewerbegebiet Billbrook werden.

"Die 100-prozentige Gerechtigkeit kriegt man nicht hin!"

Wo in der Stadt gibt es eigentlich Platz für Flüchtlinge? Und wie verteilt man sie gerecht? Gestern stellten die Initiative "Hamburg für gute Integration" und die Stadt den neuen, gemeinsam ausgehandelten Orientierungs- und Verteilungsschlüssel zur Flüchtlingsunterbringung vor. Dafür wurden die "statistischen Gebiete" der einzelnen Viertel – allein Othmarschen besteht aus acht – unter die Lupe genommen, anhand der Kriterien Einwohner, Fläche und Sozialmonitoring, aus dem sich der Orientierungs- und Verteilungsschlüssel für die Unterkünfte ergibt. Dann überprüfte man die für die Integration wichtige Infrastruktur: Wo ist die nächste Grundschule? Die nächste Polizeidienststelle? Wie steht es um die hausärztliche Versorgung? Wenig Infrastruktur bedeutet aber nicht automatisch wenig Flüchtlinge. Am Ende bleibe es eine Fall-zu-Fall-Entscheidung, hieß es – die immer noch vor allem von zur Verfügung stehenden freien Flächen abhängig sei. "In manchen Bereichen wie St. Pauli gibt es vielleicht eine gute Infrastruktur, aber eben keinen Platz", sagt Daniel Posselt vom Zentralen Koordinierungsstab Flüchtlinge. So kommt es auch, dass, gemäß dem neuen Verteilungsschlüssel, Bergedorf bislang fast genauso viele Geflohene zu viel aufgenommen hat wie Eimsbüttel zu wenig – rund 2000. "Die 100-prozentige Gerechtigkeit kriegt man nicht hin!", meint Posselt. Und der Schlüssel gilt nur für künftige Verteilungen. Immerhin sollen die Behörden in Gebieten mit schwächerer Infrastruktur nun prüfen, ob nicht nachgebessert werden kann. Das wäre ja für alle Anwohner nicht schlecht.

Die Grünen: Politische Trendsetter

Jens Kerstan redet gern von Vögeln. Von Wanderfalken beispielsweise, die in den Industrieanlagen ihre Kreise ziehen, vom Uhu in Curslack oder vom Roten Milan, denn die Vögel sind für das, was der grüne Umweltsenator in Sachen Windenergie in Hamburg in den vergangenen Jahren durchgesetzt hat, immer von Bedeutung gewesen. Während andere mit Schlagworten wie Integration und Globalisierung um sich werfen, prüft Kerstans Behörde, wie hoch der Uhu fliegt. Wen, zum Kuckuck, das interessiert? Kaum einen. Dabei betrifft es uns alle. Denn unterm Strich hat diese Umweltpolitik zu einer Wende in Sachen Energie geführt. Seit die Partei Teil der Regierungskoalition ist, hat sie einiges mehr in Bewegung gesetzt als Windräder. Die Energiepolitik wurde umgemodelt, nun plant Kerstan gar die "Wärmewende", denn die Fernwärme soll in Zukunft nicht mehr neu erzeugt, sondern schlicht recycelt werden – aus der aufgeheizten Elbe. Ob das klappen kann, weiß keiner so genau. "Es ist nicht klar, welche Technologien sich am Ende durchsetzen werden", sagt Kerstan selbst. Das Risiko aber nimmt er in Kauf. Klappt es, profitiert die Regierung. So ist es auch in Sachen Verkehr. Dank der Grünen hatHamburg am Radwegenetz gearbeitet, es gibt Pläne für neue U-Bahnen – politische Wende Numero zwei. Aber bringt das die Grünen auch bei den Wählern voran? Kollege Frank Drieschner hat sich mit dem Umweltsenator getroffen. Seinen Text lesen Sie in der aktuellen ZEIT:Hamburg, am Kiosk oder digital hier.

Giga wird’s nicht?

Sie wohnen in Hafennähe, teilen sich den Arbeitsweg mit Brummis – und treffen neuerdings auf schier endlose Vehikel? Dann kennen Sie ihn schon: den Gigaliner. Der Lastkraftgigant ist Verkehrsministers neuer Liebling, gerade noch Pilotprojekt, heute schon auf freier Fahrt – nach der leidigen Maut-Debatte wollte Alexander Dobrindt wohl endlich mal durchregieren. Auch für die A7 und den Hamburger Hafen hat der Gigaliner grünes Licht, wie Anwohner in Stellingen, Eidelstedt und Schnelsen schon bemerkt haben dürften – von den Veddelern ganz zu schweigen. Doch nun klagen die Verbände Allianz pro Schiene, BUND und Deutsche Umwelthilfe gegen die Zulassung der Giganten: Die bis zu 25,25 Meter langen und 44 Tonnen schweren Lang-Lkw seien eine Gefahr für Mensch und Klima. Ganz so schwarz sieht es der ADAC Hansa zwar nicht – Lärm und Abgase fielen beim Gigaliner "auf dem Papier" sogar geringer aus, sagt Sprecher Hans Duschl. In puncto Sicherheit ist man jedoch auch beim ADAC Hansa gespannt. Es sei denkbar, dass im regulären Verkehr die Ladung mal schwerer ausfällt als erlaubt. Auch die "Brandlast" sei beim Gigaliner höher. Da müsse die Politik prüfen, ob etwa im Elbtunnel die Sicherheitsvorkehrungen reichen. Und darüber hinaus bleibt immer noch die Frage, wieso der Verkehrsminister sich als Kraftfahrzeug-Lobbyist betätigt – statt den Güterverkehr umweltfreundlich auf die Schiene zu bringen.

#FreeNaki, #FreeDeniz

Er heißt Deniz, macht sich stark für die Rechte von Kurden, hat deshalb jetzt massiven Ärger in der Türkei und viele Fans in Hamburg ­– und heißt mit Nachnamen wie? Zwei Antworten sind möglich, wie wachsame Fans des FC St. Pauli und Leser dieses Letters wissen: Neben dem inhaftierten Journalisten Deniz Yücel ist nun auch wieder Deniz Naki, ehemals Kiez-Stürmer, zum Staatsfeind der Türkei erklärt worden. Ihm, nicht dem "Welt"-Korrespondenten, wie es hier gestern hieß, galt die Flagge der Solidarität, die gestern über dem Millerntor gehisst wurde – was aber nicht ausschließen soll, dass die Pauli-Fans beiden Deniz’ gleichermaßen Respekt zollen und beiden das Beste wünschen. Wieso die türkische Justiz das Verfahren gegen den Fußballer plötzlich wieder aufrollt, erklärt Tim Beyer auf ZEIT ONLINE Und für die Freilassung von Deniz Yücel demonstrierten gestern Abend in Altona wieder rund 150 Menschen.

Wir erklären die Bahn: Gestörtes Stellwerk

Neues Futter für unsere unregelmäßige Reihe "Wir erklären die Bahn": Eine Stellwerkstörung sorgte am Mittwochmorgen dafür, dass sich Pendler zwischen Bergedorf und Hauptbahnhof die Füße plattstanden, S-Bahnen fielen aus oder fuhren mit bis zu 20 Minuten Verspätung. Wir haben bei Bahn-Sprecher Egbert Meyer-Lovis nachgefragt. Die Erklärung ist logisch: Bei einer Stellwerkstörung handelt es sich um ein Problem im Kontrollzentrum, dort, wo entweder noch mechanisch mit beeindruckenden Hebelreihen oder mit elektronischer Hilfe Signale gesteuert und Weichen umgestellt werden. Was genau gestern um 6.57 Uhr die Störung verursachte? "Der Grund dafür kann ganz banal sein, beispielsweise eine Sicherung, die herausgeflogen ist oder ein Relais, das ausgetauscht werden musste", erklärt Meyer-Lovis. Egal, wie klein die Störung sei, bei einer Fehlermeldung bleiben die Ampeln bis zur Klärung auf Rot, sicher ist sicher. Am Mittwochmorgen verstrichen 44 Minuten, bis S2 und S21 wieder störungsfrei auf den Gleisen unterwegs waren. Übrigens: Bei einem Drittel aller knapp 3400 Stellwerke der Bahn gilt die "technische Lebensdauer" längst als überschritten.

Refuburg verhilft Flüchtlingen zum Job

Kristina Kaba, 29, PR-Beraterin aus Hamburg, wird morgen von Angela Merkel für ihr ehrenamtliches Engagement für Geflüchtete geehrt. Kaba hat 2015 die Initiative Refuburg gegründet, ein kleines, noch nicht sehr bekanntes Projekt. "Bei uns geht es mehr um Qualität als Quantität", sagt Kaba. Gemeinsam mit acht jungen Medienschaffenden porträtiert sie Flüchtlinge auf ihrem Blog, erzählt deren Geschichte, gibt ihnen ein Gesicht. Und dann, so Kaba, "bilden wir die Brücke: Wir gehen sehr zielgerichtet auf Unternehmen zu, sprechen mit möglichen Arbeitgebern. Dabei erzählen wir auch, wie wir die Menschen wahrgenommen haben", erklärt sie. Das funktioniert, freut sich Kaba und erzählt von zwei Syrern: "Der eine ist bei der Stadtreinigung als Entsorger angestellt. Der andere hat beim Bewerbungsgespräch um eine Praktikantenstelle so gepunktet, dass er stattdessen eine Ausbildungsstelle als Verkäufer angeboten bekommen hat. Mit 36 Jahren hat er noch einmal angefangen!" Während Refuburg in Berlin gefeiert wird, wurden der Initiative in Hamburg Mittel aus dem Integrationsfonds verwehrt, erzählt Kaba. Die könnte sie aber gerade gut brauchen: Zusammen mit dem Verein challengeMi unterstützt man mit dem Pilotprojekt "Pro In – Berufliche Integration Geflüchteter" seit Januar 20 minderjährige unbegleitete Flüchtlinge und junge Erwachsene auf ihrem Weg in den Beruf.

Mittagstisch

Im vietnamesischen Teehaus

Die vietnamesische Küche zeichnet sich durch einen subtilen und vielfältigen Einsatz von Kräutern und Gewürzen aus, so auch im Garduong in Eppendorf. Das schummrige Innere wirkt wie ein Teehaus mit Hüttenwänden und -dächern, auf dem Boden Blumenbeete, von der Decke hängen Bambuslampen. Die Stühle sind recht unbequem, also Konzentration auf den Suppenklassiker Phô mit Rind- und Hühnerfleisch und genau einer Garnele (8,90 Euro). Die lange gekochte Brühe, gewürzt mit Kardamom, Sternanis, Zimt und geröstetem Ingwer, hat der Koch wunderbar kräftig komponiert, der Ingwertee mit Süßholzwurzel bringt, ebenso wie der scharfe Mango-Salat mit Erdnuss (5,50 Euro), noch zahlreiche andere Aromen ins Spiel. Einen ebenfalls sehr befriedigenden und nicht zu süßen Abschluss bildet der warme Klebreis mit Nussaroma und Kokosfleisch in Kokosmilch (3,90 Euro) – dazu ein guter vietnamesischer Kaffee (auf Kondensmilch). Einziger Kritikpunkt ist die Musikbeschallung: Weniger wäre hier wirklich mehr.

Garduong; Hoheluft-West, Eppendorfer Weg 200, Mo–Do von 11.30–22.30 Uhr, Fr–So ab 12 Uhr

Christiane Paula Behrend

Was geht

Theaterfestival:ZEIT REISEN und das Theaterfestival "Theater der Welt" möchten alle Leser der Elbvertiefung einladen, zum ermäßigten Preis am Eröffnungswochenende in Hamburg teilzunehmen. Gemeinsam mit dem Thalia Theater und in Kooperation mit Kampnagel Hamburg gibt es ein vielfältiges Bühnenprogramm. Höhepunkte sind die Festivaleröffnung mit der Uraufführung von Lemi Ponifaso "Children of Gods", die Deutschlandpremiere des Stückes "Ishvara" von Tianzhuo Chen und die Premiere "Die Weber" von Gerhart Hauptmann. Außerdem stehen Begegnungen mit Kuratoren und Künstlern an, und natürlich können Sie auch einen Blick hinter die Kulissen des Thalia Theaters und des Kampnagel Hamburg werfen. Das Ganze begleitet der Hamburger Künstler und Kulturwissenschaftler Tomas Kaiser.

"Theater der Welt", verschiedene Spielorte, Eröffnungswochenende vom 25. bis 28. Mai. Unter dem Stichwort "Elbvertiefung" erhalten Sie diese ZEIT-Reise ohne Übernachtung statt für 690 Euro pro Person für 490 Euro. Die Reise kann telefonisch unter 040/328 04 55 oder per Mail unter zeitreisen@zeit.de gebucht werden.

Buddeln mit Nachbarn: Ein Gemeinschaftsgarten für Menschen und Hühner soll in Winterhude entstehen. Zum ersten Ideenaustausch in Sachen Urban Gardening treffen sich alle Interessierten heute in der Matthäuskirche. Dazu gibt es Erfahrungsberichte und Tipps von anderen urbanen Gärtnern und Hühnerhaltern.

Matthäuskirche, Ecke Krohnskamp/Gottschedstraße, 17 Uhr, Eintritt frei

300 Jahre im Musikbusiness: Was keine Band der Welt schafft, ist dem Fleischer-Cembalo aus dem Hamburg-Museum gelungen. Unter den Händen von Anke Dennert und begleitet von Gabriele Steinfeld an einer ebenfalls historischen Geige bringt das Instrument "Klingende Hamburgensien" hervor. Heute ist das Record-Release-Konzert für die neue CD, der Eintritt kommt der Altersvorsorge des Cembalos zugute.

Museum für Hamburgische Geschichte, 18.30 Uhr, 18 Euro

Zurück ins Grindelviertel: Der jüdische Salon eröffnet die Ausstellung "Ach schau an, und wer küsst mir?" mit Zeichnungen von Marion Baruch – ursprünglich ein Hochzeitsgeschenk an die Schwester, heute ein Zeitzeugnis über jüdisches Leben im Grindelviertel der zwanziger und dreißiger Jahre.

Galerie Morgenland, Sillemstraße 79, 19.30 Uhr, Eintritt frei

Schnack

Wilhelmsburg. Der Lieferant der türkischen Bäckerei betritt, bepackt mit zwei großen, prall gefüllten Tüten voll Fladenbrot, den Dönerladen. Er grüßt mit einem breiten "Maahlzeit".

Gehört von Sabine Dippner

Meine Stadt

Ein generationsübergreifendes Projekt? © Dr. Marion Traus

SCHLUSS

Tempo 30 vor der Haustür

Man kennt diesen Moment, wenn man morgens schlaftrunken die Straße überqueren möchte und dabei beinahe vom Nachbarn umgefahren wird, der, weil er mal wieder zu spät dran ist, den Bleifuß aufs Gaspedal gestellt hat. Schluss damit! Tempo 30 zu jeder Uhrzeit, das wär’s, dachten sich mehr als 400 Hamburger und haben bei der Online-Aktion "Läuft" des ADFC gegen Lärm und Abgase mitgemacht und per Mausklick die Errichtung einer solchen Zone vor ihrer Haustür beantragt. Mit der Aktion will der ADFC den Druck auf die Stadt erhöhen – "weil die Stadt die Emissionsprobleme ignoriert". Mittel zum Zweck: Erleichterte Antragstellung mittels Webtool. Wo sich die Hamburger die umwelt- und menschenfreundlichen Zonen gewünscht haben, lässt sich jetzt auf einer interaktiven Karte nachsehen.

Ob aus der einen oder anderen Zone auch wirklich was wird, entscheiden allerdings die Behörden.

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr Mark Spörrle

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.