Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

die Obstbauern im Alten Land fürchten die kommenden eisigen Nächte – die Hamburger sorgen sich um den Sonnabend. Nur ein knappes Viertel der über 900 Teilnehmer unserer spontanen kleinen Umfrage bekannte sich dazu, lieber "Samstag" zu hören oder zu lesen – "wegen des Sams" oder wegen "Wie hört sich denn Sonnabendmorgen oder Sonnabendabend an?!" Die überwältigende Mehrheit votierte klar für Sonnabend, weil es so heimisch, gemütlich, feierlich klinge, trotz aller Probleme, die das Abkürzen mit sich bringe: "Ich kämpfe im Bekanntenkreis seit Jahren für Sa = Sonnabend ..." 

Allerdings warnten einige auch vor den Folgen eines zwanghaften Gebrauchs des "Sonnabend": "Nur weil ich als Kind schon regelmäßig von extremistischen Sonnabendbefürwortern zu dessen Verwendung ermahnt wurde, lehne ich diesen Begriff ab", bekannte ein Umfrageteilnehmer. Eine andere sprach sich dafür aus, "es jedem ganz ›demokratisch‹ selbst zu überlassen, ob er Samstag oder Sonnabend sagen bzw. schreiben möchte. Wir sehen ja gerade, wie es mit der Ent-Demokratisierung in anderen Ländern – und bedingt auch bei uns – zugeht. Bewahren wir uns doch auch bei solchen Petitessen die demokratische Wahl des Einzelnen."

Das klingt doch ganz vernünftig. Zugleich verspreche ich feierlich, dass in diesem Letter der Sonnabend (klingt er nicht auch nach Sonne?) künftig viel häufiger eine Chance bekommen wird.

"Wir dürfen die Türkei nicht weiter abdriften lassen"

Der türkische Präsident Erdoğan hat Oberwasser: Sein Machtzuwachs ist auch dank Hamburger Stimmen in greifbare Nähe gerückt. Was andere davon halten, lässt der Mann am Bosporus demonstrativ an sich abperlen. Ist Erdoğan noch erreichbar? Nein, finden neben CDU- und FDP-Fraktion in der Bürgerschaft auch viele Leser dieses Letters. "Alles, was die Türkei betrifft, sollte auf Eis gelegt werden, EU-Verhandlungen, alle Zahlungen einstellen, die deutschen Soldaten sollten an einem anderen Ort stationiert werden, und wer Erdoğan toll findet, soll dort hingehen, wo er ist", schreibt uns etwa Herr J. Für die Hamburger Wirtschaft dagegen wird der Schwebezustand zur Belastung. "Die türkischen Unternehmen selber gelten als verlässliche Partner mit hoher Vertragstreue", erläutert Corinna Nienstedt, Leiterin des Geschäftsbereichs International bei der Handelskammer. Die innenpolitische Lage im Land behindere jedoch seit geraumer Zeit die Geschäfte. "Dadurch wurden geplante Investitionen aufgeschoben, Firmen, die neu auf den türkischen Markt wollen, warten erst einmal ab." Zudem schwächelt die türkische Lira, die Menschen können sich weniger leisten.

Klare Verhältnisse zu schaffen würde also helfen – auch gesellschaftlich, wie Mesut Sipahi von der Türkischen Gemeinde Hamburg betont: "Wir dürfen die Türkei nicht weiter abdriften lassen." Um Erdoğan weiter an den Verhandlungstisch zu binden, wären ihm sogar wirtschaftliche Sanktionen recht. Erdoğans Anhänger in Hamburg zu erreichen erscheint dabei deutlich schwieriger – da weiß auch Sipahi, dessen Gemeinde sich klar gegen das Präsidialsystem stellt, nur vagen Rat. Ein Ansatz wäre, "integrationshemmende Arbeit" in den Moscheegemeinden besser im Blick zu behalten. "Als größter Verband der türkischen Community wollen wir da gerne gemeinsam an Lösungen arbeiten."

Eimsbüttel 2040: Die Zukunft liegt auf der Straße

Was sich die Eimsbüttler wünschen, wenn sie an die Zukunft denken? Um die 800 Vorschläge gingen bei der Bürgerbeteiligung zum Leitbild "Eimsbüttel 2040" ein. Denn dass der Bezirk weiter wächst in den kommenden Jahren, ist klar, die Frage ist nur, wie. Das Thema, das den Menschen dabei offenbar am meisten unter den Nägeln brennt, heißt Mobilität. Rund die Hälfte aller Einsendungen befasst sich mit schnelleren Verkehrsmitteln, mit neuen S-Bahn-Routen, Fahrradwegen, Carsharing-Angeboten, aber auch mit schiefen Gehwegplatten. Um mehr Parks und Grünflächen, um Spielplätze und Hundeauslaufflächen ging es ebenfalls. Noch läuft die Auswertung, die Ergebnisse sollen im Juni vorgestellt werden. Politik und Verwaltung in Eimsbüttel haben mit Blick in die Zukunft vor allem ein Problem: Wohin mit all den Menschen? Anders gesagt: Wo lässt sich, so ein Insider, "ohne das Niendorfer Gehege plattzumachen", noch Wohnraum schaffen? Eine Idee, die Bezirksamtsleiter Kay Gätgens gerade in einem Interview mit NDR 90,3 thematisierte, sind höhere Häuser, gerade entlang der Hauptstraßen. Fünfstöckige Gebäude sollen alte Einfamilienhäuser ersetzen, zum Beispiel an der Kieler Straße, der Kollau- und der Koppelstraße. In einem ersten Schritt könnten dazu die Eigentümer angeschrieben werden, mit der Frage, ob sie sich vorstellen könnten, höher zu bauen – oder zu verkaufen.

Erzbischof will Erstwähler motivieren

"Ich weiß noch, wie bewegend das für mich war, als ich damals nach meinem 18. Geburtstag zum ersten Mal an die Urne gehen konnte. Ihr könnt es sogar ein bisschen früher tun. Deshalb herzlichen Glückwunsch zu dieser großen Möglichkeit", sagt der Hamburger Erzbischof Stefan Heße in einem einminütigen YouTube-Video, das sich an die Erstwähler in Schleswig-Holstein wendet. Erstmals dürfen sich dort am 7. Mai auch 16-Jährige an der Wahl des Landtags beteiligen. Die mehr als 13.000 katholischen Erstwähler hat der Erzbischof außerdem in einem Brief kontaktiert. Er appelliert darin, sich mit den Wahlprogrammen der Parteien auseinanderzusetzen und die Politiker direkt anzusprechen und auszufragen. "Hinterfragen Sie, wie beispielsweise der Umgang mit Menschen auf der Flucht aussieht", schreibt der Erzbischof. "Und prüfen Sie, wo die Parteien beim Thema Umweltschutz, der Bewahrung unserer Schöpfung, stehen." Warum dieser Vorstoß? "Nein, mit der aktuellen politischen Lage hat das nicht direkt etwas zu tun. Es ist auch nicht neu, dass die Kirche aufruft, wählen zu gehen", sagt Beate Bäumer, Leiterin des Katholischen Büros in Schleswig-Holstein. Neu sei allenfalls der Fokus auf die jungen Wähler und die Video-Form. Wie wichtig das Internet und die sozialen Medien sind, weiß auch der Erzbischof. "Posten und schreiben Sie Ihren Freunden über Snapchat, Twitter, Facebook, WhatsApp usw. Auch auf diese Weise kann die Wahlbeteiligung gesteigert werden, weil sich viele anstecken lassen", schreibt er – vielleicht auch schon mit Blick auf die jungen Wähler in Hamburg und die Bundestagswahl im Herbst. Nur an seiner eigenen Follower-Zahl muss der Erzbischof noch arbeiten: Das Video wurde bis gestern Abend nur 62-mal aufgerufen.

Ein neuer Name für die Esso-Hochhäuser muss her

Nomen est omen: Das weiß auch die Bayerische Hausbau, die auf dem Areal der ehemaligen Esso-Hochhäuser an der Reeperbahn ein Quartier mit 200 Wohnungen, Läden, einem Hotel und einem Musikclub bauen lässt. Weil dem so ist, sind jetzt die Kiez-Bewohner aufgerufen. "Gib den Häusern einen Namen" steht auf den 13.000 Flyern, die an alle Haushalte gingen und außerdem in Kneipen und Läden ausliegen. Wer jetzt in einem Anflug von Nostalgie einfach "Esso-Hochhäuser" schreibt, hat leider keine Chance. "Esso" darf als geschützter Markenname nicht mehr verwendet werden. "Der Name leitet sich ja auch ab von der Tankstelle, die es nicht mehr gibt. Insofern ist ein neuer Name schon sinnvoll", sagt Bernhard Taubenberger, Sprecher der Bayerischen Hausbau. Gerade weil übergangsweise alle noch von den Esso-Hochhäusern sprechen, sei es wichtig, dass der neue Name gut und einprägsam ist und aus dem Stadtteil kommt. "Das darf kein so ein Marketingsprech sein, sondern muss nach St. Pauli klingen", betont Taubenberger, also der Mann vom Immobilienunternehmen mit Sitz in München. Die Namensvorschläge können bis 15. Mai eingereicht werden (übrigens mit kompletter Adresse auch unter hamburg@hausbau.de), dann tagt eine sechsköpfige Jury, und Anfang Juni wird der neue Name präsentiert. Damit dieser sich schnell verbreitet, ist anschließend ein kleiner Wettbewerb geplant, bei dem ausgewählte Kiez-Künstler ein Logo entwerfen sollen. Nein, nicht mit dem Esso-Tiger!

Die Favoriten der Filmfachfrau

Heute startet die 14. Dokumentarfilmwoche. Mehr als 40 Filme sind bis Samstag im Metropolis, B-Movie, Lichtmess und Gängeviertel zu sehen – darunter kleine, abseitige Streifen, ebenso wie Höhepunkte der Festivalszene und regionale Produktionen. Welche sich besonders lohnen? Lili Hartwig ist Film- und Medienwissenschaftlerin, arbeitet im Festival-Team der Dokumentarfilmwoche – und stellt uns hier ihre Favoriten vor.

1. Mirr

Um was geht es? Um Landraub in Kambodscha. Ein Stamm wird von einem großen Konzern enteignet. Warum lohnt sich das? Die Menschen bekommen eine Stimme, indem sie ihre eigene Geschichte inszenieren – quasi als Theater im Film. Für wen ist das was? Für politisch Interessierte, die sich auch abseits der bestimmenden Krisen mit dem Leid der Globalisierung beschäftigen wollen.

Metropolis, Donnerstag, 18.30 Uhr

2. Moghen paris – und sie ziehen mit

Um was geht es? Um den Aschermittwochsumzug in einem Dorf auf Sardinien, bei dem die Bewohner mit schwarz bemalten Gesichtern eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Warum lohnt sich das? Der rauschartige Zustand des Rituals nimmt den Zuschauer mit auf einen Trip, der immer mehr ausartet. Man wird einfach Teil des Umzugs. Für wen ist das was? Wer Kino als einen Erfahrungsraum begreift, ist hier richtig. Die Bilder laden dazu ein, sich fallen zu lassen.

B-Movie, Freitag, 22.30 Uhr

3. ER SIE ICH

Um was geht es? Die Filmemacherin Carlotta Kittel interviewt ihre Eltern, die nie ein Paar waren. Es geht darum, wie sie sich an die gemeinsame Vergangenheit erinnern. Warum lohnt sich das? Weil es faszinierend ist, wie aus den getrennten Gesprächen ein Dialog entsteht, einfach nur durch den guten Schnitt. Für wen ist das was? Für alle, die was fürs Herz suchen und menschliche Geschichten über moderne Familien mögen.

Metropolis, Sonntag (der Tag nach Sonnabend!), 16 Uhr

Mittagstisch

Noch nicht ganz wahr gewordener Männertraum

So stellt man sich einen wahr gewordenen Männertraum vor: ein großer Raum, in der Mitte eine dicke Theke, viel Holz und Leder, sehr schicke rockige Musik – alles passend zum Thema: Bier und Fleisch. Dem Mann von heute aber ist die Oberfläche nicht genug, Bier ist nicht gleich Bier. Er kann philosophieren über das Aroma von Hopfen, wenn es nicht mitgekocht, sondern gestopft wird, über die Bittereinheiten (IBU) eines IPA (Indian Pale Ale) und die Vorzüge des Selberbrauens. Im Braugasthaus Altes Mädchen wird die Herstellung des Biers zelebriert, neben 60 Sorten aus der ganzen Welt gibt es das Ratsherrnbier, das wenige Meter entfernt gebraut wird. Zu essen gibt es Biofleisch, auf der täglich wechselnden Mittagstischkarte steht ein Grillteller mit Kroketten (13,50 Euro). Der Mann konstatiert, das Fleisch sei einen Tick zu lange gebraten. Auch das Fleisch des Burgers vom Bio-Freilandrind im Briochebrötchen mit Cheddar, Chinakohlsalat, Dorito-Crunch und Schanzensoße (13,50 Euro) ist ziemlich fest. Es scheint, als müsse das Braugasthaus noch ein wenig nachlegen, um – vor allem bei diesen Preisen – vollends zu überzeugen.

Braugasthaus Altes Mädchen; Schanzenviertel, Lagerstraße 28b, Mittagstisch 12–16 Uhr

Elisabeth Knoblauch

Was geht

Great again? Nach 100 Tagen Präsidentschaft Donald Trumps zieht die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit eine erste Bilanz zwischen "total desaster" und "absolutely fantastic". Fachleute diskutieren über Risiken, aber auch Chancen der transatlantischen Beziehungen.

Amerikazentrum Hamburg, Am Sandtorkai 48, 19 Uhr, Eintritt frei

Karma auf dem Kassenband: Nichts prägt unser Selbstverständnis als moralische Akteure so stark wie unser Konsum, behauptet der Kulturwissenschaftler Dr. Wolfgang Ulrich. Wie Werte und Einkaufsverhalten ineinandergreifen, erläutert er in seinem Vortrag "Über die Käuflichkeit von Moral" für die Heinrich-Böll-Stiftung.

Rudolf-Steiner-Haus, Kurze Straße 1, 19 Uhr, Eintritt 5 Euro

Lady sings the Blues: Sari Schorr gilt als neuer Stern am amerikanischen Blueshimmel, Produzent Mike Vernon soll für die Sängerin sogar aus dem Ruhestand zurückgekehrt sein. Heute Abend spielen Sari Schorr & The Engine Room in Hamburg.

Downtown Blues Club, Otto-Wels-Straße 2, 20 Uhr, Eintritt 18,30 Euro VVK

Hamburger Schnack

Zwei Frauen in Bergedorf in der Fußgängerzone, eine davon mit Kinderwagen. Die Mutter zu ihrer Freundin: "Also, ich wähle nicht die SPD, die hat so dröge Personen. Ich überlege, ob ich FDP wähle, die müssten mal wieder in den Bundestag. Oder Sahra Wagenknecht von den Linken." Dann verschwanden sie in eine Boutique.

Gehört von Ralf Dorn

Meine Stadt

In Eppendorf scheint es schon ganz sommerlich. © Delia Stadler

SCHLUSS

Liebe Freunde der Elbphilharmonie, bitte jetzt ganz tapfer sein: Der Große Saal der Lübecker Musik- und Kongresshalle (MuK) kann sich akustisch nicht nur mit dem Großen Saal unseres Konzerthauses messen – er klingt sogar besser. Sagt zumindest Karlheinz Müller vom Akustikbüro Müller-BBM, das in Lübeck nach Abschluss der dortigen teuren Deckensanierung Klangmessungen durchführte. Ergebnis: Die Akustik der MuK sei weicher, wärmer und weniger direkt als in der Elbphilharmonie, so Müller. Bleibt nur noch zu sagen, dass  ­– na dann – das Büro Müller-BBM schon beim Bau der MuK für die Akustik verantwortlich war ...

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr Mark Spörrle


PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gerne weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.