ZEIT ONLINE: Frau Neitmann, Sie haben gemeinsam mit Ihrem Architekten-Kollegen Bruno Brandi und anderen die Initiative Lebenswerte HafenCity gegründet, unter anderem weil Sie sich an den Plänen für das Einkaufszentrum im südlichen Überseequartier stören. Was ist daran so schlimm?

Iris Neitmann: Das städtebauliche Konzept ist einfach nicht angemessen für den Ort. Es widerspricht in vielem dem, was die Stadt hier eigentlich vorhatte. Hamburg wollte aus diesem Quartier etwas ganz Besonderes machen und jetzt wird etwas sehr Beliebiges daraus, ein Shoppingcenter.

ZEIT ONLINE: Jahrelang wurde gelästert, dass zu wenig Leute in die HafenCity kommen. Gastronomen und Händler mussten aufgeben. Jetzt könnte ein Einkaufszentrum die Menschen bringen und nun ist es auch nicht recht.

Neitmann: Dass das Viertel nicht funktionieren kann, wenn hier noch niemand wohnt und die Büros leer stehen, ist doch klar. Nun sind aber immer mehr Menschen auf der Straße, besonders seit die Elbphilharmonie fertig ist. Es ist unstreitig, dass die HafenCity im Süden eine Ergänzung braucht. Nur ist das Überseequartier mit dem Shoppingcenter, so, wie es jetzt geplant ist, dafür nicht geeignet.

ZEIT ONLINE: Warum?

Neitmann: Externe Stadtplaner haben dieses Zentrum als Ufo bezeichnet. Ein Ufo ist ein fremdes, geschlossenes System, das irgendwo landet. Unten ist eine kleine Öffnung zum Ein- und Aussteigen. Das Gleiche wird hier passieren: Das Center ist völlig auf sein Inneres orientiert, Zugänge von außen für die Läden sind nicht vorgesehen, die gesamte Außenfläche bleibt abgeschottet. Die Leute kommen mit dem Auto her, fahren in die Tiefgarage, shoppen, essen vielleicht etwas, fahren wieder weg. Das war’s. Die Prognosen zeigen zudem, dass die aktuelle Planung so viel Verkehr produziert, dass die HafenCity daran ersticken wird.

Iris Neitmann, Architektin und Bewohnerin der HafenCity © privat

ZEIT ONLINE: Die Argumente erinnern an den Streit um die Ikea-Filiale im Stadtteil Altona. Heute ist die Große Bergstraße lebendiger als früher und den viel beschworenen Verkehrsinfarkt gab es auch nicht.

Neitmann: Das Shoppingcenter im Überseequartier soll so groß werden wie die Spitaler- und die Mönckebergstraße zusammen! Das ist eine ganz andere Dimension, dagegen ist Ikea niedlich. Außerdem: An der Großen Bergstraße gibt es neben vielen anderen Läden auch Ikea. Von der an Ikea interessierten Laufkundschaft profitieren auch die Geschäfte in der Umgebung. Davon kann man bei einem in sich geschlossenen Klotz nicht ausgehen.

ZEIT ONLINE: Meckern ist ja immer einfach. Haben Sie auch Lösungsvorschläge?

Neitmann: Ja! Die Gäste kommen in die HafenCity wegen der Elbe, wegen der Elbphilharmonie, wegen der schönen Plätze am Wasser. Attraktivität kann hier entstehen, wenn die wunderbare Besonderheit dieses Ortes, seine Nähe zu Elbe und Hafen, erlebbar bleibt. Eine spannende zentrale Kultureinrichtung, wie das gerade entwickelte, meteorologiebasierte Science Center, könnte zum Beispiel ein Ziel für Besucher sein.