Ralf W. wird schon wütend, wenn er frühmorgens Vogelgezwitscher hört. Dann ist der Tag für ihn eigentlich schon gelaufen, sagt er. Er stürmt dann auf den Balkon seiner Lebensgefährtin im Hamburger Stadtteil Alsterdorf, reckt die Fäuste nach oben, pöbelt und stellt sich vor, wie er Elstern und Tauben von den Bäumen schießt. Er hat sich sogar schon solche Videos im Internet angesehen, aber irgendwie fand er das dann doch eklig.

Der 54-Jährige sitzt an diesem Dienstag auf der Anklagebank im Hamburger Amtsgericht. Er ist ein großer, kräftiger Mann mit grauem Haar und leicht schielendem Blick. Seine Hände zittern, als er Stichworte von einem vorbereiteten Blatt abliest. Dieses Mal aber ist es nicht Wut, sondern offensichtlich Angst, die ihn erbeben lässt. Ralf W. hat mehrere Wochen in Untersuchungshaft gesessen. Die Polizei hat ursprünglich wegen versuchten Mordes gegen ihn ermittelt.

An jenem verhängnisvollen Julitag war es Tim, der ihn ausrasten ließ. Tim, 13 Jahre alt, ein blonder Junge aus der Nachbarschaft, glühender Fan des HSV. Ein Junge, den Ralf W. persönlich nicht einmal kannte, aber das war egal, es war einfach dieser Junge und hätte auch jeder andere sein können, den die Wut des Mannes traf.

Mit Zielfernrohr und Schalldämpfer

Tim spielte Fußball auf dem Bolzplatz. Er trainierte Freistöße, schoss immer wieder auf das Tor. Manchmal traf der Ball den Zaun dahinter, das gab ein schepperndes Geräusch. Irgendwann pöbelte Ralf W. wieder vom Balkon, aber Tim bezog das nicht einmal auf sich. Plötzlich brach er zusammen, einfach so. Im Krankenhaus operierte man ihm das Projektil eines Luftgewehrs aus dem Bauch.

"Ich wollte den Jungen gar nicht verletzen. Ich wollte nur meine Ruhe haben", sagt Ralf W. zum Prozessauftakt in Hamburg. Er gesteht die Schüsse, verleugnet aber eine Tötungsabsicht. Ja, sagt er, er habe auf den Jungen geschossen – ihn aber gar nicht treffen wollen. Und ja, das Gewehr hatte ein Zielfernrohr – durch das habe er aber gar nicht geschaut. Er hatte sogar einen Schalldämpfer aufgesetzt, als er auf Tim anlegte. Dennoch sollen die Schüsse eine Art Warnung gewesen sein. "Einen Warnschuss", hält die Richterin ihm vor, "hätte das Kind doch gar nicht hören können."

Die Polizei hatte ursprünglich wegen versuchten Mordes gegen Ralf W. ermittelt. Jetzt ist er zwar nur noch wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt, immerhin aber vor dem Schöffengericht. Das heißt: Ihm droht Haft in einer Dauer, die nicht mehr zur Bewährung ausgesetzt werden kann. 

Ralf W. will nicht als Täter, sondern ein bisschen auch als Opfer gelten. In sein Geständnis schleicht sich immer wieder ein selbstmitleidiger Ton. Er kann sich nicht verkneifen, andauernd diesen Lärm zu erwähnen, der ihm so zugesetzt haben soll. Von "ätzenden Geräuschen" ist da die Rede, von "verbalem Getöse", vom "Krakeele" der Elstern am Morgen.