"Wo ist denn der Angeklagte?", fragt eine Zuschauerin, als sie den Gerichtssaal betritt. Dort, wo er zu vermuten wäre, sitzt ein biederer 56-Jähriger im gebügelten weißen Hemd mit Krawatte. Er trägt eine schwarze Kunststoffbrille, am Handgelenk eine teure Uhr. Ein Anwalt, könnte man denken, der sich nur noch schnell die Robe überziehen muss. Doch es wird niemand mehr aus der Untersuchungshaft hereingeführt. Als die Strafkammer einzieht, ist klar: das ist der Angeklagte.

Armin B. hat seiner Ehefrau Salzsäure ins Gesicht gekippt. Er wollte sie verunstalten, auf ewig, nie wieder sollte ein anderer Mann sie begehren. Er war damals 56 Jahre alt, verlassen worden, eifersüchtig. Am Morgen des 7. Novembers 2016 war er offenbar rasend vor Wut. Er fuhr in das Büro seiner Frau, sie arbeitete im Jobcenter Wandsbek, rief noch: "Hier, damit du auch mal weißt, was Schmerzen sind", und schüttete ihr das säurehaltige Putzmittel ins Gesicht. Seine Frau hatte schwere Verätzungen im Gesicht, an den Augen und im Rachen. Für zwei Tage musste sie ins künstliche Koma versetzt werden. Sie drohte zu ersticken.

Was ist das für ein Mann, der so etwas tut? Es gab in Hamburg bereits einen ähnlichen Fall in jüngerer Vergangenheit. Erst diesen April hat das Landgericht einen 50-jährigen Mann wegen heimtückischen Mordversuches verurteilt. Er hatte seine Frau mit heißem Öl übergossen. Er wollte sie für andere Männer entstellen, hatte er selbst ausgesagt. Sie habe ihn als Mann nicht genug respektiert, beim Sex am Morgen sich nicht genug um ihn bemüht. Er wollte "seine Besitzansprüche durchsetzen und sie disziplinieren", sagten die Richter in ihrem Urteil. Der Mann hatte seine Frau zuvor auf Schritt und Tritt überwacht. Sie durfte nie ohne ihn das Haus verlassen.

In dem Prozess, der heute vor dem Landgericht eröffnet wurde, ist der Hintergrund ein anderer. Armin B. führte bis die grausame Tat geschah ein nach außen völlig unauffälliges Leben. Wie seine Frau Sonja arbeitete auch er in einem Jobcenter, ein klassischer Verwaltungsjob. Das Paar war seit Jahren verheiratet. Die Eheleute haben zwei Söhne, elf und dreizehn Jahre alt.

Drohungen und Eifersuchtsattacken gab es schon vor der Tat

Doch irgendwann hatte sie einen anderen Mann. Seit wann – darüber gehen die Versionen der beiden auseinander, sagt der Gerichtssprecher. Es kam zu Streit. Eifersuchtsattacken. Dann die Trennung, irgendwann im Frühjahr 2016. Auch wann sie offiziell als Paar auseinander gingen, schilderten die beiden den Ermittlern unterschiedlich.

Spätestens ab diesem Moment war das alte Leben von Armin B. vorbei. Schon im September gab es einmal eine Szene, in der er wie von Sinnen war. Da stand er vor dem Wohnhaus in Rahlstedt, in dem seine Ehefrau mit den beiden Söhnen lebt, und bedrohte sie lautstark. Er werde ihrem neuen Freund die Kehle aufschlitzen, brüllte er. Außerdem würde er ihm "die Eier abschneiden und ins Maul stopfen".

Trotz dieser Drohungen war sie völlig arglos, als er in ihrem Büro auftauchte, es war um die Mittagszeit, gegen 13 Uhr. Als ihr der Empfang meldete, dass ihr Mann da sei, ließ die 46-Jährige ihn sogar noch herein. Kurz zuvor hatte er ein Schreiben von ihrem Rechtsanwalt bekommen. Darin ging es um Geld, der Anwalt stellte für seine Mandantin eine Forderung. "Er dachte, er sollte von seiner Frau finanziell fertig gemacht werden", sagte der Gerichtssprecher. Mit der Fassung des Angeklagten war es damit endgültig vorbei. Er griff nach einem Reinigungsmittel, das 30 Prozent Salzsäure enthielt. Er füllte es in ein Honigglas um und fuhr los. Im Büro knallte er seiner Frau das Anwaltsschreiben auf den Tisch. Als sie sich herunterbeugte, um es zu lesen, schüttete er ihr die Säure ins Gesicht.

Die Arbeitskolleginnen der Frau reagierten schnell

Zum Prozessauftakt äußert sich Armin B. zu den Vorwürfen nicht. Er blättert in den Akten, als die Staatsanwältin die Anklage verlesen hat, und nickt dem Vorsitzenden Richter aufmerksam zu, als der ihn zu seinen Personalien befragt. Er kündigt aber an, später im Prozess eine Erklärung abzugeben.

Auch seine Frau wird vor dem Gericht aussagen. Sie ist für den 10. Mai geladen. Der Auftritt dort "steht ihr sehr bevor", sagt ihre Anwältin, die sie als Nebenklägerin in dem Verfahren vertritt. Immerhin, die Frau hatte noch Glück. Ihre Kollegen im Jobcenter reagierten nach dem Säureattentat schnell, zogen ihr die verätzten Klamotten vom Körper und wuschen die Säure ab. Dadurch trägt die Frau offenbar keine schweren Spätfolgen davon.