Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

schön, wieder bei Ihnen zu sein! Obwohl: Jetzt ist sie auch wieder da, die Draußenzeit samt Risiken und Nebenwirkungen. Sonnenbrand? Heuschnupfen? Nein: Rauchschwaden, die einen zuverlässig einhüllen, sobald man vor einem Café oder Restaurant sitzt. Oder auch nur auf einer Parkbank. Und flüchtet man entnervt auf den heimischen Balkon, weht der Qualm auch dort vorbei. Vom Nachbarn, der den empörten Blick mit ostentativem Unverständnis erwidert, denn er fühlt sich diskriminiert, seit in Deutschland das Rauchverbot gilt, am Arbeitsplatz, in öffentlichen Einrichtungen und Restaurants.

Nur eben nicht davor. So bleiben sommers viele, die keine Lust auf Konflikte um die Lufthoheit oder gar gleich auf Passivraucherkrebs haben, den Stühlen und Tischen unter freiem Himmel fern, kapitulierend vor der gefühlten rauchenden Mehrheit – die in Wirklichkeit eine Minderheit ist:

Um die 30 Prozent der Hamburgerinnen und Hamburger rauchen, paffen, ziehen sich eine rein, nennen es wie auch immer, jedenfalls: schädigen sich und andere, erklärt die Gesundheitsbehörde zum heutigen Weltnichtrauchertag (Motto: "Rauchen kostet. Nichtrauchen kostet nichts!"). Und informiert hier über Angebote, die Gutwillige bei der Rauchentwöhnung unterstützen. Denn: "Die meisten Raucherinnen und Raucher sind mit ihrem Status als Raucher nicht zufrieden und würden gerne aufhören."

Ein Befund, der manchen überraschen mag, der eben noch beim Pizzaessen vom Qualmer am Nebentisch genüsslich eingenebelt wurde. Auch in Finnland glaubt man nicht mehr allein an den guten Willen, sondern will nachhelfen: Bis 2040, vielleicht schon bis 2030, sollen Tabakprodukte dort komplett verschwunden sein.

Noch kurz zu dem Thema, das manchen von Ihnen längst nervt, zu G20. Das Verkehrschaos gestern in Teilen der Stadt war Absicht, die Polizei übte mal wieder eine Schleusung vom Flughafen in die Innenstadt. Das ist nur professionell. Zweck der Übung sei, so war zu erfahren, einen Konvoi mit Staatsgästen so schnell ans Ziel zu bringen, dass die mitreisenden Personenschützer "nicht nervös" würden. Nervosität allerdings wäre bei Personenschützern äußerst unprofessionell, erst recht in einer dicht bewohnten Stadt. Des Weiteren übten auf der Elbe Beamte Speedbootfahren. Und in nördlichen Teilen Hamburgs fiel der Strom aus. Letzteres, beteuerte man bei Stromnetz Hamburg, war keine Absicht.

Hamburgs größter Pflegedienst steht zum Verkauf

Die Verkaufssperre ist abgelaufen, jetzt werden die Karten neu gemischt. Nein, es geht nicht um Transfergerüchte beim HSV, sondern um Pflegen und Wohnen, Hamburgs größten Pflegedienst. Zehn Jahre nach der Privatisierung rücken neue Kaufinteressenten an den Verhandlungstisch. Dass bereits Gespräche mit einem Interessenten laufen, bestätigt ein Sprecher der derzeitigen Eigentümer, der Andreas-Franke-Gruppe und der Vitanas Holding. Es handle sich um ein international tätiges Unternehmen mit Erfahrungen in der Immobilien- und Gesundheitswirtschaft. Eine Einigung sei noch nicht abzusehen. Dennoch spitzen Arbeitnehmervertreter die Ohren. "Nach der letzten Privatisierung haben wir einen sehr langen Arbeitskampf geführt – eine Erfahrung, die wir nicht gerne wieder machen würden", sagt Hilke Stein, Fachbereichsleiterin für Gesundheit und Soziales bei ver.di. Dass ein privater Investor Pflegedienste aufkaufe, um Rendite zu erwirtschaften oder zu spekulieren, sei zwar der schlimmste anzunehmende Fall, aber keine Seltenheit. "Was dann als Erstes genannt wird: Die Beschäftigten sind zu teuer." Auch Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) zeigt sich alarmiert: "Alten- und Pflegeeinrichtungen sollten keine Spekulationsobjekte sein." Die Grünen wollen Grundstücke von Pflegen und Wohnen als Gemeinbedarfsflächen ausweisen, die Linke fordert gar einen Rückkauf des Pflegedienstes. Ver.di konzentriert sich nun auf den Erhalt der vertraglich zugesicherten Arbeitsbedingungen. Der mit Arbeitsniederlegungen im Jahr 2012 hart erstrittene Tarifvertrag gilt vorerst bis Ende 2018. "Daran kann nicht gerüttelt werden."

Planten un Blomen soll wachsen

Planieren geht über Flanieren – so ließe sich die Stadtraumgestaltung Hamburgs in den vergangenen Jahren zusammenfassen. Das Ziel Wohnungsbau jedenfalls hat die einstige Umwelthauptstadt Hamburg ganz erkennbar neue Prioritäten setzen lassen. Es wird asphaltiert, betoniert und gebaut, was das Zeug hält. Nur am CCH keimt nun ein ganz anderes Vorhaben. Die Tiefgaragen-Zufahrt über die Marseiller Straße, heute ein toter Winkel zwischen Planten un Blomen und Wallringpark, soll begrünt werden, auch der Dag-Hammarskjöld-Platz am Bahnhof Dammtor wird Teil des Parks. Gut für die Besucher von Planten un Blomen, die hektarweise zusätzlichen Auslauf bekommen. Gut für die Bucerius Law School, die mit einer Erweiterung liebäugelt. Und gut für Jens Kerstan, der den Stadtplanern nun zeigen kann, was eine Harke ist. "Es kommt selten vor, mitten in der Innenstadt eine Betonwüste zur Grünfläche zu machen", sagt der grüne Umweltsenator. Ist das eine historische Stunde, erleben wir die Trendwende zur grünen Stadt? Nach Angaben von Behördensprecher Jan Dube: eher nein. "Wir schauen laufend, welche neuen Dachflächen wir begrünen können", sagt Dube zwar, da gebe es das Gründach-Programm, den St.- Pauli-Bunker, der nun ausgebaut und mit Grünpflanzen dekoriert werden soll, sowie einige Urban-Gardening-Projekte, die die Stadt fördere, sagt Dube. Flächenmäßig aber ist das alles nicht so viel. Und weitere versiegelte Innenstadtflächen seien vorerst nicht zur Begrünung vorgesehen.

Letzte Chance für die Reederei Rickmers

Da würde Rickmer Rickmers dicke Backen machen: Die Zeiten der ruhmreichen Schiffsbauer- und Reederdynastie, deren Gründer als pausbäckige Galionsfigur den gleichnamigen Dreimaster ziert, sind passé. Nachfahre Bertram Rickmers steht kurz vor der Insolvenz. Heute muss er seine Gläubiger von dem Sanierungskonzept für die Rickmers Group überzeugen. Gelingt das nicht, läuft die Charterreederei endgültig auf Grund. Für Bertram Rickmers, den bisherigen Alleinaktionär, geht es ums Ganze – denn selbst wenn er mit seinem Plan durchkommt, wird er in seiner traditionsreichen Firma nicht mehr viel zu sagen haben, wie ZEIT:Hamburg-Kollegin Hanna Grabbe unlängst analysierte. Immerhin wird sich der Abstieg des Familienunternehmens in Hamburg optisch nicht ganz so drastisch bemerkbar machen wie in Rickmer Rickmers’ Heimatstadt Bremerhaven: Dort ist vom einst imposanten Werksgelände der Rickmers-Werft mit einem Karree von Arbeiterwohnungen und dem Wohnsitz des Patriarchen in der Mitte nur noch das Prunkportal übrig – dahinter liegt heute das Arbeitsamt. Hamburgs Zierde aus dem Hause Rickmers dagegen, der grüne Dreimaster an den Landungsbrücken, wird bleiben – versichert Joachim Stratenschulte, Vorstandsmitglied und Geschäftsführer der Stiftung des Vereins Windjammer für Hamburg. Der Stiftung gehört das Schiff. "Mit Bertram Rickmers haben wir institutionell nichts zu tun. Egal was mit der Reederei passiert – wir sind davon nicht abhängig", sagt Stratenschulte. Trotzdem wünscht er dem Unternehmer alles Gute. "Wir sind ihm namentlich verbunden, er ist unser Freund und hat uns Hilfe nie versagt."

Nicht der letzte Einhorn-Bus?

Einhorn-Schokolade erzielt dreistellige Summen auf eBay, Einhorn-Toilettenpapier findet reißenden Absatz – nun satteln die Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein auf den Trend noch eins drauf: Der Einhorn-Bus geht viral durch die sozialen Netzwerke und verzückt Hipster und Touristen in Lübeck. Wie es so weit kommen konnte und wo Einhorn-Fans auch in Hamburg fündig werden, erklärt die stellvertretende Pressesprecherin der VHH, Angelika Schoder, die den Hamburger Prototyp ins Rollen brachte.

Elbvertiefung: Ein pinkfarbener Bus mit Regenbogenteppich und rosa Haltestangen – Frau Schoder, was haben Sie sich nur dabei gedacht?

Angelika Schoder: Der Einhorn-Bus sollte eigentlich nur ein Aprilscherz sein. Wir haben einen normalen Bus fotografiert, den ein Kollege dann über Photoshop bearbeitet hat. Das Bild haben wir am 1. April auf Instagram und Facebook gepostet und damit gleich einen Reichweitenrekord erzielt. Das hat uns erst darauf gebracht, den Bus wirklich umzusetzen – dass der so gut ankommt, haben wir nie erwartet...

EV: Sind Sie privat auch Einhorn-Fan?

Schoder: Ich finde Einhörner ganz großartig! Als Botschafter für Fantasie und Toleranz ist das Einhorn ein tolles Wappentier.

EV: Warum hat Lübeck denn eigentlich jetzt so einen tollen Bus und nicht Hamburg? Schließlich ist die Idee ja hier entstanden.

Schoder: Die Firma Bosign aus Lübeck, die unseren Bus beklebt hat, hat auch gemerkt, wie gut der ankommt. Und die wollten dann einen eigenen haben. Der fährt jetzt eben in Lübeck. Aber wie gesagt: Wir haben in Hamburg ja auch einen Einhorn-Bus. Der fährt auf verschiedenen Linien; da es ein Schenefelder Fahrzeug ist, vor allem im Westen der Stadt, zum Beispiel auf der Linie 2.

EV: Wir halten die Augen offen. Wird dieser Bus das letzte Einhorn im Fuhrpark der VHH bleiben?

Schoder: Hoffentlich nicht! Wenn eine Firma mit einem Einhorn-Bus mit noch mehr Glitter und Glamour in Hamburg werben möchte: Wir sind jederzeit bereit, Buchungen entgegenzunehmen. Wir freuen uns immer über verrückte Buswerbung. Wir hatten auch mal eine Werbebuchung für Winterreifen. Dazu wurde ein ganzer Bus mit Kunstschnee eingeschäumt.

Korrektur

Eine Korrektur zum Prozess um den Ex-SPD-Pressesprecher, Ex-Bürgerschaftsabgeordneten und Ex-Hoffnungsträger der Hamburger SPD, Bülent Çiftlik, über den wir gestern berichteten: In diesem Verfahren ist Çiftlik nicht, wie irrtümlich vermeldet, wegen Fälschung von Briefwahlunterlagen angeklagt. Wir bitten um Entschuldigung.

Mittagstisch

Gastro statt Wursttheke

 

Anfang des Jahres schloss die Traditionsmetzgerei Beisser in der Ottenser Hauptstraße ihr Türen. Vor Kurzem eröffnete sie unter dem Namen Billy the Butcher neu, eine Steak- und Burger-Bar mit Frischfleischtheke. Warum? Der Verkauf von Wurstwaren lohne sich bei den Mieten nicht mehr, erzählt die Bedienung. Wer diesen Standort halten wolle, müsse von Einzelhandel auf Gastro umsatteln. Das Konzept habe sich im Alsterhaus bewährt. Nun denn: Auf der Mittagskarte stehen Burger, Steaks und Chili con Carne. Wer mag, kann aber auch von der allgemeinen Karte bestellen, die Edelfleisch aller Art bietet, zum Beispiel Dry Aged Steaks ab 27,50 Euro. Durchdesignt und schick ist es, aber nicht sehr gemütlich, vor allem die kalten Metallhocker könnten ein Sitzkissen vertragen. Der Chicken-Burger (9,50 Euro) ist dafür sehr lecker und überrascht mit Räucheraromen. Außerdem wird ein Teller mit drei kleinen Steaks, Pommes und Salat (13,50 Euro) bestellt. Angekündigt waren Lamm, Schwein und Rind, auf dem Teller war allerdings statt Rind Hähnchenbrust. Schade. Dennoch gibt es an der Qualität keinen Zweifel: Die ist hoch. An Grill und Pfanne versteht man hier sein Handwerk.

 

Ottensen, Billy the Butcher, Ottenser Hauptstraße 9, Di–Sa 12–17 Uhr

 

Thomas Worthmann

Was geht

Hoffnung Hafen: Es ist der Hafen, der das Selbstverständnis Hamburgs prägt – er öffnet mitten in der Metropole ein Tor zur Welt. Beim Kongress "Hafenstadt neu ausgelotet" referieren Experten und diskutieren mit dem Publikum: heute unter anderemKlaus Schlottau mit dem Thema "Belästigungen, Gefährdungen und Risiken: Arbeitsplätze und Umweltwahrnehmung im Hafen" sowie Professorin Ingrid Breckner, "Wie aus Hafen Stadt wird".

Thalia Ballsaal, Foyer, Gaußstraße 190, 17.30 Uhr

Historisches Futter: Ein Drittel seiner Lebenszeit verbringt der Mensch mit Essen – manche mehr, manche weniger. Jürgen Bönig von der Stiftung Historische Museen Hamburg fragt nach: "Wer hat wo und wie für unsere Nahrungsmittel gearbeitet?" Öffentliche Vorlesung.

Universität Hamburg, Hauptgebäude, Hörsaal M, Edmund-Siemers-Allee 1, 18 Uhr

Feine Texte, freie Natur: Metaphern lauern hinter Hecken, Worte stürzen aus Rosenbeeten, Töne klingen durch die Gräser. Bei einem Glas Wein und kulinarischen Kleinigkeiten lesen und spielen im Planten un Bloomen Autoren, Schauspieler und Musiker für ihre Picknickgäste: "Wortpicknick im Mai".

Planten un Blomen, Musikpavillon, Jungiusstraße, 20 Uhr

Was bleibt

Gezeichnetes Leben: Von Mitte der 1930er-Jahre bis zu seinem Tod 1979 zählte Günther T. Schulz zu den erfolgreichsten Zeichnern Hamburgs. Sein Lebenswerk umfasst Buchillustrationen und gebrauchsgrafische Arbeiten, die heute fast vergessen sind. Ausstellung: "G.T.S. – ein Markenzeichen. Grafiken, Illustrationen und Aquarelle von Günther T. Schulz".

Handelskammer, Adolphsplatz 1, Eröffnung heute um 18.30 Uhr, Ausstellung vom 1.6.–18.8., Anmeldung zur Eröffnung unter kultur@hk24.de

Hamburger Schnack

Sommerliche Hochzeitsfeier im Garten. Gute Stimmung, die ersten Bierkästen sind geleert, das Buffet ist eröffnet. Ein Gast mit Bierflasche vor seinem Teller wird gefragt: "Willst du zum Essen Wasser trinken?" Er: "Bist du verrückt, das würde mich um Stunden zurückwerfen!"

 

Gehört von Holger Kersten

Meine Stadt

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr Mark Spörrle

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern an 100 Freunde weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.