Ralf W. schwankt. Er hält die Augen geschlossen, während die Richterin ihr Urteil spricht. Es sieht aus, als würde er beten. Bis zuletzt hatte er gehofft, dass er doch nicht ins Gefängnis muss. Dass er mit einer Bewährungsstrafe davonkommt, wie sein Verteidiger es in seinem Plädoyer verlangte. Doch dann fällt das Urteil im Amstgericht Hamburg, und er erstarrt. Drei Jahre Haft. Wegen gefährlicher Körperverletzung und Verstoßes gegen das Waffengesetz.

Ralf W., 54 Jahre alt, hat ein Kind angeschossen. Vorigen Juli hat er auf den 13-jährigen Tim gezielt, als der auf einem Bolzplatz in Alsterdorf spielte. Der Ball traf manchmal den Zaun hinter dem Tor. Das gab ein schepperndes Geräusch, und Ralf W., zu Besuch bei seiner Freundin, war genervt. Erst pöbelte er vom Balkon, was Tim nicht einmal hörte. Dann griff er zum Luftgewehr und schoss. 30 Meter entfernt brach Tim blutend zusammen. Ein Projektil steckte unter seinen Rippen fest.

"Zum Glück ist es dort steckengeblieben", sagt die Richterin. Man merkt ihr die Erschütterung über den Fall an. Es sei ein wunderbarer Sommertag gewesen, sagt sie. Tim hätte Ferien gehabt. Was wäre gewesen, fragt sie den Angeklagten, wenn Sie die Halsschlagader des Jungen getroffen hätten? Oder die Schläfe? Tim hätte einen Schutzengel gehabt.

Es sei ein Warnschuss gewesen, behauptet der Angeklagte

Das Projektil war ein sogenanntes Diabolo-Geschoss, wie es bei der Jagd eingesetzt wird. Beworben wird es mit dem Spruch: "Diese Diabolos durchschießen alles, was sich ihnen in den Weg stellt." Wäre es nicht im Fettgewebe steckengeblieben, hätte es Tims Leber treffen können. Dann wäre der Junge womöglich verblutet.

Der Angeklagte hat bis zum Schluss beteuert, er habe Tim gar nicht treffen wollen. "Ich wollte einfach meine Ruhe haben", sagte er. Es sei ein Warnschuss gewesen, behauptete er. Dagegen sprach, dass er einen Schallschutzdämpfer auf das Gewehr gesetzt hatte. Einen Warnschuss hätte Tim also gar nicht gehört. "Sie haben gezielt auf den Jungen geschossen", hält die Richterin ihm daher in ihrer Urteilsbegründung vor. 

"Man könnte ein versuchtes Tötungsdelikt diskutieren"

Ursprünglich stand sogar der Vorwurf des versuchten Mordes im Raum. Die Staatsanwaltschaft hatte in diese Richtung ermittelt. Auch der Haftrichter, der für Ralf W. nach seiner Festnahme Ende Juli Untersuchungshaft anordnete, ging von einem Tötungsvorsatz aus. Das Landgericht aber widersprach und entließ den Täter aus der Untersuchungshaft. Es ist offensichtlich, dass die Amtsrichterin, die nun zusammen mit zwei Schöffen über die gefährliche Körperverletzung urteilen musste, an dem Punkt anders entschieden hätte. "Wir sind der Auffassung, man könnte ein versuchtes Tötungsdelikt durchaus diskutieren", sagt sie.

Das Opfer selbst ist während der Urteilsverkündigung nicht im Gerichtssaal. Dem Jungen geht es heute noch schlecht. Auf den Bolzplatz traut er sich nicht mehr. Fußball spielt er nur noch im Schutze seines Vereins. Sein Vater aber ist zum Gericht gekommen. Er ist Nebenkläger im Prozess. Konzentriert beobachtet er den Angeklagten. Danach sagt der Vater, dass er über die Verurteilung erleichtert sei. Und dass vor allem Tim sich darüber freuen werde. "Er sagt immer: Ich will diesem Mann nie wieder begegnen. Ich will, dass er weggesperrt wird."

Der Verteidiger von Ralf W. kündigte bereits an, in Berufung zu gehen, um doch noch eine Bewährungsstrafe zu erreichen.