Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

der Stromausfall im Hamburger Norden am Dienstag war für viele ein einschneidendes, wenn nicht gar: elementares Erlebnis. "Es gab kaum ein anderes Thema hier oben", berichtet Leserin Katrin Morig aus Langenhorn, die neun Stunden stromlos war. "Dank Festivalerfahrung hat mich eine Dose kalter Ravioli ernährt, denn weder ein Einkauf auf dem Markt (keine Kühlung der Ware) noch im Supermarkt (keine Kühlung, keine Kasse, keine offene Tür) noch eine Flucht in die hippen Stadtteile (keine Rolltreppe, kein Fahrstuhl, kein U-Bahn-Verkehr) waren eine Lösung."

Auch andere litten am Strommangel: Berufstätige vermissten das WLAN, Laptoparbeiter fluchten umso lauter, je mehr ihr Akku zur Neige ging, aus Badezimmern drang das Heulen und Zähneklappern ehemaliger Warmduscher. Eltern fragten sich, woher sie heißes Wasser zum Anrühren der Babynahrung bekommen sollten – wohl denen, die einen nicht elektrischen Grill hatten oder zumindest einen Nachbarn mit einem solchen. Und apropos und überhaupt: Man unterhielt sich. Face to face. Mit Nachbarn, mit Fremden ("wissen Sie, was passiert ist?"), sogar mit dem Ehepartner – was sollte man auch sonst machen: Nicht nur der Fernseher versagte, auch das Mobilfunknetz war gestört. Sicher, mancher konnte sich auch im persönlichen Gespräch leichte Tippbewegungen mit Daumen und Zeigefingern nicht ganz verkneifen. Aber am Ende, wird berichtet, nahm man sogar Bücher in die Hand.

"Kurz gesagt, es war hier Ausnahmezustand", schloss auch unsere Leserin Katrin Morig, bevor sie sich auf den Weg in den Supermarkt machte, um zu retten, "was dort noch zu retten ist. Angeblich sollen Berge von Wurst, Milchprodukten, Fleisch und Fisch weggeschmissen werden. Vielleicht gibt es ja angetautes Eis umsonst?!" Und den nächsten Stromausfall werde sie dazu nutzen, "die diversen Ausgaben der ZEIT zu lesen, die hier noch rumliegen". Nein, Frau Morig – so lange sollten Sie nicht warten!

Blackout-Gefahr?

Wer oder was war schuld daran, dass am Dienstag in Langenhorn, Poppenbüttel und Hummelsbüttel und auch im angrenzenden Norderstedt die Lichter ausgingen, Ampeln und U-Bahn ausfielen, Kliniken auf Notstrom umstellten und sich 20.000 Haushalte und 1300 Gewerbebetriebe mehr als acht Stunden im Ausnahmezustand befanden? Es waren Bauarbeiter, die beim Baggern in einem Gewerbegebiet in Poppenbüttel drei Stromleitungen beschädigt hatten. Das setzte eine Kettenreaktion in Gang, das Netz war teilweise überlastet, der Schaden weitete sich aus. Folgen: siehe oben. Wie kann es sein, dass es so einfach ist, ganze Stadtteile lahmzulegen? "Grundsätzlich vermeiden lassen sich solche Vorfälle nicht", sagt uns Anette Polkehn-Appel, Sprecherin von Stromnetz Hamburg. "Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht. Das betrifft aber die gesamte kritische, also immens wichtige Infrastruktur: Gas, Wasser, Strom", sagt sie. Und vergisst dabei nicht zu betonen, dass ein Schadensausmaß wie am Dienstag die Ausnahme ist. Zeit, um sich über spekulative Was-wäre-wenn-böse-Menschen-blöde-Ideen-haben-Szenarien Gedanken zu machen, hat man bei Stromnetz Hamburg nicht. Dort muss nun erst einmal geklärt werden, wie mit eventuellen Schadensersatzansprüchen Betroffener umgegangen wird, die auch Stromnetz Hamburg selbst haben könnte – gebaggert hat schließlich ein anderer.

"Am Ende wird die Stadt stolz sein"

Mag sein, dass einige von Ihnen überhaupt keine Lust mehr haben, permanent mit dem G20-Gipfel konfrontiert zu werden. Er kommt trotzdem, und das bald! Auf den aktuellen ZEIT:Hamburg-Seiten ist der Event nun Schwerpunktthema. Charlotte Parnack und Frank Drieschner haben Olaf Scholz zum Interview gebeten und einen Bürgermeister getroffen, der sich betont entspannt gibt und sich dabei auch ziemlich weit aus dem Fenster lehnt. "Dass Hamburg einen G20-Gipfel mit der Kultur eines demokratischen Rechtsstaats und mit hohem Respekt vor der Versammlungsfreiheit organisiert, ist gut", sagt er. Und malt ein Bild von konstruktiv beratschlagenden Regierungschefs und friedlichen Kundgebungen, geht gar davon aus, dass ein Großteil der Hamburger von dem Gipfel kaum etwas mitbekommen werde. "Am Ende wird die Stadt stolz sein", ist er sich sicher. Mehr noch: Die Hamburger könnten durch den G20-Gipfel auch etwas lernen: Ruhe zu bewahren, oder in Scholz’ Worten: "Dass wir unsere traditionelle hanseatische Gelassenheit noch etwas vertiefen." Was sich Hamburgs Bürgermeister außer dieser bürgertherapeutischen Wirkung von dem Gipfel sonst noch erhofft, lesen Sie hier. Außerdem haben die Kollegen für Sie die wichtigsten Fakten rund um G20 zusammengetragen, inklusive einer Übersichtskarte zu Sicherheitszonen und Demonstrationszügen. Sollten Sie die ZEIT sträflicherweise nicht zu Hause haben: All das finden Sie wie gewohnt am Kiosk oder digital hier.

Hochgebildete Vollzeitmutter – riskantes hanseatisches Lebensmodell

Kind oder Karriere? Auffallend viele Hamburger Akademikerinnen stellen sich diese Frage – und bleiben zu Hause. Im Ländervergleich der berufstätigen Mütter mit Hochschulabschluss belegt Hamburg nur den drittletzten Platz, wie Christina Boll, Forschungsdirektorin am Hamburger Weltwirtschaftsinstitut (HWWI), feststellt. Mehr top ausgebildete Vollzeitmütter gibt es nur im Saarland und in Bayern. Dabei helfe der Hamburger Kita-Ausbau vielen berufstätigen Eltern, verkündeten Sozialbehörde und HWWI diese Woche erfreut. Aber warum nutzen das nicht mehr hochgebildete Hanseatinnen? "Das liegt auch daran, dass manche sehr gut gestellt sind", sagt Boll. Ob die Kombination von Kind und Karriere attraktiv sei, hänge von vielen Faktoren ab. "In Hamburg folgen doch recht viele Akademikerinnen nach der Geburt eines Kindes der bürgerlichen Vorstellung: Ich muss nicht arbeiten, wenn mein Mann gut verdient." Trotzdem müsse man differenzieren: Jüngere Akademikerinnen mit Kindern unter drei Jahren zeigten durchaus mehr beruflichen Ehrgeiz. "Da scheint sich eine Trendwende abzuzeichnen." Viele Mütter – nicht nur in Hamburg – machten heute eine recht kurze Familienpause und wollten danach wieder weiterarbeiten. Dafür biete Hamburg auch gute Voraussetzungen. Zumal reich verheiratete Vollzeitmütter riskant lebten. "Wenn da eine Trennung dazwischenkommt, stehen diese Frauen mit ihren sehr geringen Absicherungen unter Umständen gar nicht mehr gut da."

Bund-Länder-Finanzen: Undank ist Olaf Scholz’ Lohn?

Eigentlich hätte (aus politischer Sicht) gestern bei der Aktuellen Stunde der Bürgerschaft zur Neuordnung der Bund-Länder-Finanzen alles so schön sein können, waren doch die Fraktionen weitgehend einverstanden mit dem Ergebnis. Immerhin soll die Neuordnung rund 176 Millionen Euro mehr in die Hamburger Kassen bringen. Unmut gab es dann trotzdem in der Hamburgischen Bürgerschaft. Auslöser dafür war der Bürgermeister selbst. Der hat die Verhandlungen für die Länder geführt und sei darauf wohl, so interpretiert es die Opposition, ein bisschen zu stolz. Statt sich jetzt wochenlang feiern zu lassen, solle Olaf Scholz sich endlich wieder auf seine Arbeit konzentrieren, urteilte FDP-Fraktionschefin Katja Suding. Unterstützung bekam sie von CDU-Kollege André Trepoll: "Der Volksmund sagt: Eigenlob stinkt." Anstelle eines zufriedenen Schulterklopfers gab es also mal wieder den Nackenschlag. Zum Unmut von SPD-Fraktionschef Andreas Dressel: Schließlich sei nun die finanzielle Handlungssicherheit Hamburgs über Jahrzehnte gesichert. Dagegen hatte auch der Linken-Haushaltsexperte Norbert Hackbusch nichts einzuwenden, finanziell sei das Ergebnis gut – allerdings leide es an einem erheblichen Demokratiedefizit. Die Einigung, auf die Scholz so stolz sei und die laut dem Bürgermeister dem Bau von Wohnungen, Schulen und U-Bahnen zugutekommen solle, bedeute in Wirklichkeit, so Hackbusch, ein Konjunkturprogramm für wenige Baukonzerne, Versicherungen und Banken. Heute will der Bundestag die nötigen Verfassungsänderungen für die Neuordnung beschließen, morgen, bei der Bundesratsentscheidung, wolle Hamburg dann dazu, so Dressel, "aus vollem Herzen ja sagen".

City-Hochhäuser: Geheimniskrämerei bis zuletzt

Die Zukunft der denkmalgeschützten City-Hochhäuser respektive des City-Hofs bleibt bis zuletzt ein Mysterium. Obwohl das Ende des Wettbewerbs naht, am Freitag die Fachjury entscheidet, welcher der verbliebenen sieben Entwürfe das Rennen um das Gelände in Hauptbahnhofnähe gemacht hat, geben sich die Akteure große Mühe, möglichst wenige Informationen nach außen dringen zu lassen. Bereits am Dienstag wurden die Finalistenentwürfe erstmals öffentlich gezeigt. Wer sie allerdings sehen wollte, musste eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben. Offizielle Begründung: der Wettbewerb sei noch nicht abgeschlossen, eine Beeinflussung der Jury solle ausgeschlossen werden. Ganz so einleuchtend ist diese Geheimniskrämerei nicht. Schließlich wurde die Ausstellung auch initiiert, um Bürgern die Möglichkeit zu geben, ihre Meinung zu den Entwürfen der Finalrunde zu äußern. Diese sollen der Jury am Freitag gesammelt vorgetragen werden und in die Entscheidungsfindung einfließen, so heißt es zumindest. Spektakulär sollen, wie uns zugetragen wurde, die Entwürfe jedenfalls nicht sein. Handele es sich doch bei sechs von sieben Vorschlägen um massive Monumentalbauten aus Backstein – upps, haben wir da schon zu viel verraten? Auch Marco Hosemann vom Verein City-Hof, der das Verfahren um die Umgestaltung des Areals kritisch verfolgt, hat sich die Entwürfe angesehen und sagt: "Es ist schlimmer als erwartet." Er befürchtet, dass Neubauten, wie vorgeschlagen, dazu führen könnten, dass es vor Ort lauter und schattiger wird. Wer sich noch schnell ein eigenes Bild machen möchte: Heute stellen in den Räumen der Hongkongstudios in der HafenCity die Architektenbüros ihre Ideen vor. Klar, wer kommt, muss seine Verschwiegenheit zusichern …

Mittagstisch

Tapas, nordisch interpretiert

 

Im Schluck& Happen – der Innenraum stilvoll in Gold-, Beige- und Brauntönen gehalten, vor der Tür eine großzügige Terrasse – werden Tapas, die kleinen spanischen Häppchen, aus regionalen Zutaten norddeutsch interpretiert. Auf der Karte zum Ankreuzen findet sich – neben einigen Hauptgerichten – eine spannend klingende Auswahl: z. B. Blutwurst, Labskaus, Matjesfilet oder eine süße Variante mit Hamburger roter Grütze. Mittags bekommt der Gast eine Überraschungsauswahl, je nach Tag "vegetarisch", "Fisch" oder "Fleisch", für 7,90 bis 9,90 Euro. Das vom überaus zugewandten Service gereichte selbst gebackene Brot mit scharfer Paprikacreme, die Edelfischsuppe mit Knobi-Dip (8,90 Euro) und der hausgemachte Eistee (4,90 Euro) schrauben die Erwartung hoch, doch die vegetarischen Happen des Tages – ein Dreierlei von Maisfladen, im Ofen gerösteten Kartoffeln mit Quark und Möhren-Ziegenkäse-Quiche – enttäuschen. Sie sind dröge in beiden Bedeutungen des Wortes, nächstes Mal wird "Fisch" probiert.

 

Eppendorf, Schluck & Happen, Abendrothsweg 55, Mittagstisch Di–Fr 12–14 Uhr

 

Christiane Paula Behrend

 

 

 

Was geht

Talk auf dem Kiez: Eine ordentliche Portion Lokalkolorit und Rock ’n’ Roll verspricht TalkDOT. Zu Gast bei Produzent und Regisseur Christian Böge und den beiden Kiezkultmoderatoren Astrid Rolle und Peter G. Dirmeier sind "Deutschlands erster Superstar" Alexander Klaws, Hockey-Olympiasieger Moritz Fürste, Sportmoderator Gerhard Delling sowie Poet Bernd Begemann. Wer genau da wohl für den Rock ’n’ Roll zuständig ist?

Kukuun, Klubhaus Sankt Pauli, Spielbudenplatz 21–22, 20 Uhr, 10 Euro

Musik statt Überstunden: Gitarre und Akkordeon malen musikalische Landschaften zwischen Bücherregalen, inspiriert von den Gesängen der Andenvölker. Brasilianisches Liedgut von Heitor Villa-Lobos klingt durch die Bibliothek, ebenso argentinischer Tango von Máximo D. Pujol. Das Lux Nova Duo lädt zum After-Work-Konzert ein. Tür zu, Büro raus, abschalten.

Zentralbibliothek, Hühnerposten 1, Eventbereich Musikabteilung, Ebene 2, 17.30 Uhr, Eintritt frei

Das Kreuz mit dem Internet: Der digitale Wandel verändert grundlegend, wie Öffentlichkeit entsteht; die Grenze zwischen privater und öffentlicher Kommunikation verschwimmt. Prof. Christian Stöcker zeigt im Vortrag "Fake News, Algorithmen und Filterblasen: Journalismus und Öffentlichkeit im Zeitalter der Digitalisierung" Probleme und mögliche Lösungen auf.

Forum Finkenau, Kunst- und Mediencampus Hamburg, Finkenau 35, 18 Uhr

Lesung mit Zeit: Die Menschen in Deutschland leben immer länger. Sie hätten also Grund, sich Zeit zu lassen – aber wem gelingt das schon? Die wortwörtliche Hetzjagd durch Anforderungen und Angebote hat sich zum Markenzeichen unserer Gesellschaft entwickelt. Autor Christian Schüle liefert in "Wir haben die Zeit" keine Patentrezepte, aber Anstöße zum Umdenken.

KörberForum, Kehrwieder 12, 19 Uhr, Anmeldung online

Was singt denn da? Alle, die noch nie unterscheiden konnten, welcher Vogel vor dem Fenster zwitschert, ob nun Spatz oder doch Meise, nimmt der Nabu heute Abend auf einen Spaziergang um den Schüberg mit. Bei der Vogelführung mit Jürgen Berg wird genau darauf gehört, wer da piept, und geschaut, welcher Vogel welches Nest baut.

Haus am Schüberg, Wulfsdorfer Weg 33, 18 Uhr, eine Anmeldung ist nicht nötig

Was bleibt

US-Medienkünstler (nicht Trump!): Bill Viola interessiert sich vor allem für die zentralen Themen des Lebens – Geburt, Tod, Liebe, Spiritualität. Mystische Traditionen aus Christentum, Zen-Buddhismus und Islam verpackt er in moderne Klang-Video-Slow-Motions. Die Ausstellung "Bill Viola – Installationen" zeigt bis zu zehn Meter hohe Werke und verwandelt die Halle für aktuelle Kunst in eine Kathedrale des 21. Jahrhunderts.

Deichtorhallen, Halle für aktuelle Kunst, Deichtorstraße 1, Eröffnung heute um 19 Uhr, Ausstellung vom 2.6. bis 10.9.

Schnack

Zwei ältere Damen, beide um die 70, treffen sich auf einer Bank in Planten un Blomen. Die Gehstöcke stellen sie beiseite, bevor sie sich förmlich die Hand geben. "Also liebe Margarethe, wissen Sie, also heute freue ich mich besonders, Sie zu sehen!", sagt die eine. Und holt einen Autoschlüssel aus ihrer Handtasche. Sie wedelt damit kokett vor der Nase der anderen und fährt fort: "Den Gehstock lassen wir Damen heute einmal sein bei dem Wetterchen. Heute nehmen wir den Porsche!"

Gehört von Lila Engemach

Meine Stadt

In trauter Zweisamkeit © Ursula-Rosa Neuschild-Kiesel

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr Mark Spörrle

 

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