Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

wie wird der G20-Gipfel werden? Ein friedliches Demo-Festival, wie es sich Innensenator Andy Grote wünscht, oder aber geprägt von Anarchisten, Extremisten und Auseinandersetzungen? Die ersten Demos der Gipfelzeit am Wochenende waren zwar friedlich, aber zum Festival fehlte die Entspanntheit. Vielleicht lag es am Polizeiaufgebot. Die rund 430 Menschen, die am Sonnabend unter dem Motto "GeSa to Hell" gegen die Gipfel-Gefangenensammelstelle (GeSa) protestierten, wurden von mehreren Hundert Uniformierten begleitet. Am Nachmittag waren etwa 700 Demonstranten, ebenfalls gut begleitet, für eine andere Flüchtlingspolitik auf die Straße gegangen (rund 11.000 Läufer machten dagegen beim Halbmarathon mit). Derweil geht der Krach um das geplante Protestcamp im Stadtpark in die nächste Runde: Nachdem das Hamburgische Oberverwaltungsgericht das demonstrative Lagern im Grünen nun doch verboten hat, legten die Protestler Beschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht ein.

Und Sie können bis heute Mittag, 12 Uhr noch an unserer Umfrage teilnehmen! "G20: Das halten wir doch aus – oder?", haben wir gefragt. Sehen Sie eher Chancen für Hamburg, überwiegen für Sie die Probleme, ist Ihnen der ganze Zirkus egal? Auch wenn Sie fest vorhaben, das Gipfelwochenende vor dem Esbitkocher auf einem mecklenburg-vorpommerischen Campingplatz zu verbringen, umkreist von hungrigen Nandus hier können Sie schnell noch mitmachen.

Alles im grünen Bereich

Kein Gezanke, kein Gezeter – bei der Landesmitgliederversammlung zeigten sich die Hamburger Grünen am Wochenende von ihrer vorbundeswahlkampflichen, friedlichen Seite. Da kam nicht einmal eine kleine G20-Kontroverse auf. Stattdessen sagte die Partei Ja zu Grünflachen: für Demonstranten, für das Protestcamp. Voraussetzung dafür: zuverlässige Veranstalter, Gewährleistung von Sicherheits- und Hygienestandards. Die Überlegung dahinter: Wo sollen die ganzen Demonstranten stattdessen unterkommen?! Ob die Grünen noch nicht von der Online-Bettenbörse gehört haben, die Attac ins Leben gerufen hat? Wie dem auch sei, die Grünen waren bester Laune, feierten ihre Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt, die bei der Bundestagswahl in drei Monaten ein zweistelliges Ergebnis holen möchte: "Am 24. September werden viele staunen, und wir werden feiern." Erreichen will sie das unter anderem, indem sie den Klimaschutz beim Wahlkampf in den Fokus rückt. Ob nun die Grünen tatsächlich nach CDU und SPD drittstärkste Partei im Land werden oder nicht, gefeiert hat beim Parteitreffen eine schon jetzt: Anna Gallina. Mit 80 Prozent der abgegebenen Stimmen wurde die 34-Jährige als Vorsitzende des Landesverbandes bestätigt – mit 24 Prozentpunkten mehr als bei der letzten Wahl!

Türkische Konflikte auf Hamburger Boden?

Jetzt will die "Welt am Sonntag" ("Wams") auch noch erfahren haben, dass Hamburg Austragungsort für Konflikte zwischen Anhängern und Gegnern des türkischen Regimes werden könnte. Das Blatt beruft sich auf einen Lagebericht des Bundesamts für Verfassungsschutz (BFV). Dem zufolge könnten sich auch "türkische Linksextremisten und insbesondere kurdische Gruppierungen, vor allem die PKK" an den Protesten beteiligen sowie andererseits das regierungsnahe nationalistisch-türkische Spektrum. Markus Beyer-Pollok, Pressesprecher des BFV, möchte sich uns gegenüber zum Thema nicht äußern oder die Aussagen gar bestätigen; er sagt nur: "Es schwingt immer ein gewisses Risiko mit, wenn interne Papiere vor dem Ereignis an die Öffentlichkeit gelangen." Wer etwa wirklich Gewalttätigkeiten plane, würde so gewarnt. "Wir haben viele Szenarien durchgespielt und stehen dem G20 insofern gelassen gegenüber", sagt Timo Zill, Hamburger Polizeisprecher; eins dieser Szenarien könne auch ein kurdisch-türkischer Konflikt sein. Man habe auch schon mit den Delegationen aus dem Ausland über den bundesdeutschen Gesetzesrahmen gesprochen: Sicherheitskräfte, die auf Demonstranten einprügeln, wie es Begleiter des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in den USA taten, wolle in Hamburg keiner sehen. Sollte es tatsächlich zu solchen Übergriffen kommen, verspricht Zill noch einmal, "wird die Hamburger Polizei nicht zusehen, sondern die Auseinandersetzung konsequent beenden!"

Bikers from hell mit 115 Dezibel

Als gestern um die 8000 Motorradliebhaber bei der 33 Kilometer langen Abschlussparade der Harley Days die Straße entlangknatterten, stand Sönke Diesener, Referent für Umweltpolitik beim Nabu, zwischen den Schaulustigen am Rand, Lärmschutz auf den Ohren, und hielt den Bikern sein Lärmmessgerät entgegen. "Es war extrem laut, zum Teil schmerzhaft", sagte er danach. Spitzenwerte von 115 Dezibel habe erteilweise gemessen – von wegen Rücksicht auf die Einwohner: Mit diesem Wert haben die lederbejackten Röhrer und Knatterer sich im Vergleich zum Vorjahr, da waren es maximal 110 Dezibel, lärmtechnisch sogar noch gesteigert. Für den Nabu sind die Messwerte alarmierend. "Ab 85 Dezibel muss am Arbeitsplatz ein Gehörschutz getragen werden, ab dieser Lautstärke können bereits kurzfristige Belastungen zu dauerhaften Gehörschäden führen", sagt Diesener. Bei 115 Dezibel könne von reellen Gesundheitsgefahren gesprochen werden, gerade für Kinder: Hörstürze und Knalltraumata seien möglich. Und der Krach sei dabei nur das eine Gesundheitsrisiko – das andere seien die Abgase. Er habe sich nach einigen Minuten ein Tuch vor den Mund gehalten, um sich zu schützen, sagt Diesener: "Durch die Abgase stellt sich eine gewisse Benommenheit ein, ein Schwindelgefühl." Ist die scheinbare Coolness der Biker also in Wirklichkeit ein Zustand der Sediertheit? Senat und Bezirk müssten die Genehmigung des Events dringend überdenken, empörte sich Alexander Porschke, Vorsitzender des Nabu. Die aktuelle Strategie scheint eher zu lauten: abwarten, bis sich die Sache altershalber von allein erledigt. Obwohl: Harley Davidson baut sicher auch motorisierte Rollstühle.

Weg da! Fußgänger versus Radfahrer

Flugs zum nächsten Krisenherd im Straßenverkehr: Können Fußgänger und Radfahrer auf dem Bürgersteig miteinander? Oft darf man daran zweifeln. Wo? An der Schanzenstraße etwa, wo sich Handel und Gastronomie nach draußen ausbreiten, Fußgänger laufen Slalom, auf dem Radfahrstreifen schlängeln sich die Radler. Grenzverletzungen passieren ständig, es wird geschimpft, gedrängelt, geklingelt. Oder einen Radhelmwurf weiter, dort, wo die Radfahrer aus der ausgebauten Osterstraße mit Schwung bergab gen Bundesstraße rasen, über Rot und oft nur Zentimeter an Fußgängern vorbei, Motto: Wer bremst, verliert! Es ist zu eng auf vielen Fußwegen, findet auch der Verein FUSS, der die Hamburger Minderheit der Fußgänger vertritt. Das Flanieren auf den Gehwegen müsse wieder ohne ständigen Schulterblick möglich sein, auf dem Weg zur Fahrradstadt Hamburg dürfe man die Fußgänger nicht vergessen: "Nachdem den Radlern auf der Fahrbahn eine angemessene Fläche zur Verfügung gestellt wird, sollten Bordstein-Radwege zurückgebaut und die Fläche wieder ausschließlich den Fußgängern zur Verfügung gestellt werden", verlangt Sonja Tesch, Sprecherin von FUSS. Der Verein fordert außerdem mehr Polizeikontrollen auf den Gehwegen (für viele Hamburger Radfahrer wäre das eine völlig neue Erfahrung). Auch der ADFC Hamburg übrigens verlangt seit Jahren: Radfahrer auf die Straße! "Wo es geht, wird das bereits probiert", sagt Sprecher Dirk Lau. "Wenn die Fahrbahn zu eng ist, wie in Ottensen, müssen andere Maßnahmen her", meint er, "da muss der Autoverkehr rausgenommen werden"!

Lendenschurz los!

Das Make-up sitzt, die Mähne ist gekämmt, die Stimmen fürs Geheul geölt – die Indianer sind los! Seit dem Wochenende wird im hohen Norden mit "Old Surehand" wieder Wild, Wild, West gespielt – ausgerechnet von Tarzan. Aber in Bad Segeberg bei den 65. Karl-May-Spielen ist alles möglich. Da schwingt sich Ex-Tarzan Alexander Klaws als Musicaldarsteller – nein, nicht auf die Liane, sondern auf den Gaul und ist schwups der Titelheld: Lendenschurz ist Lendenschurz – auch wenn der in diesem Fall zum Lederhemd wurde… Unser Lieblingssatz im Stück stammt allerdings aus dem Mund von Mathieu Carrière, der den Bösen spielt: "Ein mieser Charakter im Weißen Haus - wer glaubt denn so was?!"

Worauf ich mich diese Woche freue

Gerhard Henschel © Jochen Quast

… verrät uns Gerhard Henschel

"Ich freue mich auf die gemeinsame Lesung ›Literatur Ahoi!‹ mit Ada Dorian und Stefan Beuse an Bord der ›MS Commodore‹ am 27. Juni. Wir werden dabei die Elbe bereisen, was mir die willkommene Gelegenheit bietet, meinen Status als Seebär zu heben. Ich habe bereits eine Hafenrundfahrt absolviert sowie einen zweitägigen Segeltörn auf der Ostsee und einen zwanzigminütigen auf der Außenalster, zwei waghalsige Schlauchbootfahrten auf der emsländischen Hase und außerdem mehrere Passagen auf den Fähren zwischen dem Festland einerseits und den Inseln Borkum, Amrum, Spiekeroog, Juist, Norderney, Wangerooge, Helgoland, Schiermonnikoog und Texel andererseits, und ich bin nie seekrank geworden, aber mir scheint, dass in dieser Liste noch ein wenig ›Luft nach oben‹ ist, solange man mich noch nicht in einem Atemzug mit Käpt’n Ahab, Käpt’n Hook und Käpt’n Nemo nennt. Doch das wird sich ja nun ändern. Leinen los!"

Gerhard Henschel ist Schriftsteller und Übersetzer

Mittagstisch

Reise in den Osten

 

Dem Aufruf einiger Leser dieses Newsletters folgend, sich doch einmal im Osten der Hansestadt nach Mittagstischen umzuschauen, geht die Reise nach Billstedt. Reise, richtig! So fühlt es sich an, denn in Horn spätestens liegt die Stadt hinter einem, muten die Straßen fremd und kleinstädtisch an. Endlich am Ziel angekommen, ist man überrascht. Sattes Grün vor bodentiefen Fenstern, das Ambiente urban – die Palastküche nimmt den Gast auf der Stelle für sich ein. Auf der Mittagstischkarte stehen zwei Gerichte aus der internationalen Küche (6,90 oder 8,50 Euro), dazu Suppe und Tagespizza. Die Leitung des Anfang des Jahres eröffneten Restaurants liegt in der Hand von Jana Belling (ehemals Fillet of Soul), gekocht wird von Lutz Landmann. Gut abgeschmeckt ist das Chili con Carne, das hausgebackene, noch warme Brot dazu duftet herrlich nach Hefe, ins Glas kommt ein Samova Ice Tea (2,80 Euro). Vor der langen Reise zurück gönnt man sich noch eine Pannacotta mit Erdbeersoße (3,50 Euro) und spielt mit dem Gedanken, bald einmal wieder nach Billstedt zu fahren.

 

Billstedt, Palastküche im Kulturpalast Hamburg, Öjendorfer Weg 30 a, Mittagstisch 12–15 Uhr

 

Elisabeth Knoblauch

Was geht

Verlosung: Wenn Sie sich nicht auf die Sonne (oder unseren Meteorologen) verlassen möchten: Gehen Sie am nächsten Mittwoch lieber zur Vorpremiere des weltweit gefeierten Musicals "Billy Elliot". Zur von Elton John komponierten Musik können Sie dem kleinen Billy dabei zusehen, wie er entgegen allen Konventionen seine Liebe zum Ballett entdeckt. Von 2005 bis 2016 lief das Stück im Londoner West End, nun kommt es für vier Wochen auch nach Hamburg. Sie möchten dabei sein? Wir verlosen 3-mal 2 Tickets. Senden Sie Ihren Namen und den Namen Ihrer Begleitung bis morgen 12 Uhr an elbvertiefung@zeit.de unter dem Stichwort "Billy Elliot". Viel Glück!

Vorpremiere "Billy Elliot – The Musical", MEHR! Theater am Großmarkt Banksstraße 28, Mi, 19.30 Uhr

Prost mit Seife: Sonne, Elbstrand, Lavendel-Limo – das kleine Hamburger Unternehmen Cucumis zaubert Limonade aus ungewöhnlichen Zutaten. Vegan und bio küsst Gurke Basilikum, Kamille umarmt Zitrone, Lavendel Bergamotte. Wem das zu sehr nach Seife klingt, der stelle seine Geschmacksnerven bei der altonale-Verkostung auf die Probe. Im Zweifel ist wenigstens die Zunge sauber.

Mercado Ottensen, Erdgeschoss, Ottenser Hauptstraße 10, 10–20 Uhr

Leben vor der Flucht: Wie lebten Geflüchtete in ihrer Heimat? War ihr Alltag zwischen Wohnung, Arbeit, Familie und Nachbarn dem der Deutschen ähnlich? Die syrischen Schriftsteller Lina Atfah, Ramy Al-Asheq und Aref Hamza berichten vom Weg- und Hiersein. Ihre "Literarische Reise nach Syrien" nimmt Zuhörer mit in ein verlassenes Zuhause – Lesung in arabischer und deutscher Sprache.

KörberForum, Kehrwieder 12, 19 Uhr, Anmeldung online

Marks Melancholie: Er war Kopf der Grunge-Ikonen The Screaming Trees und Teil der Queens Of The Stone Age. Seit einer Weile tourt der 52-Jährige schlicht unter seinem eigenen Namen: Mark Lanegan Band. Sein aktuelles Album "Gargoyle" klingt nicht nur wie der Fiesling bei den Schlümpfen. Es bietet passend dazu dunklen Blues, viel Melancholie und Retro-Elektronik. Würde Gargamel gefallen.

Grünspan, Große Freiheit 58, 20 Uhr, 36,95 Euro

Schmetterlinge im Buchbauch: Der Popmusik zufolge gibt es kein süßeres Alter als 17 – rosa Träume, Lollis, Sommernächte. Die Schriftsteller Lena Gorelik und Jan Schomburg sehen das anders, "Mehr Schwarz als Lila". So heißt Goreliks neuer Roman, bei dem ein Kuss auf der Fahrt nach Auschwitz Verwirrung stiftet. Nur gut, dass Schomburgs "Das Licht und die Geräusche" Ruhe ins Gefühlschaos bringt. Es soll"unaufgeregt" und doch "besonders" sein, sagt Pubertätsexpertin Helene Hegemann. Statt Pop gibt’s dann Walzer?

Haus 73, Schulterblatt 73, 20 Uhr, 10 Euro

Was kommt

Benefiz-Rap: Dass eine altehrwürdige Dame ein Hip-Hop-Festival promotet, ist eher ungewöhnlich. Die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano erklärt ihr Engagement bei "Rap for Refugees" so: "Es ist ein Projekt zur Integration junger Geflüchteter, aber auch zur Vergegenwärtigung dieser weltweiten Thematik." Die Einnahmen fließen in Integrationsprojekte.

Markthalle, Klosterwall 11, Mi, 20 Uhr, 20 Euro

Schroeders Satire: "In Zeiten, in denen Politiker Satire machen und Satiriker Politik machen, wird es allerhöchste Zeit für einen Abend, an dem Ordnung ins Chaos gebracht wird", erklärt Florian Schroeder. In der Show "Florian Schroeder wählt… Peer Steinbrück" verrät er dem Publikum, wer die Bundestagswahl gewinnt, und rückt die Welt wieder gerade. Endlich!

Laeiszhalle, Großer Saal, Johannes-Brahms-Platz, So, 20 Uhr, ab 35,25 Euro

Hamburger Schnack

Im Shuttlebus auf dem Weg zum Konzert im Volkspark unterhalten sich zwei Kolleginnen über eine Fahrt nach Dresden, die eine der beiden unternehmen möchte. Die andere schwärmt von Dresden: "Du musst unbedingt auf die andere Seite des Flusses, da ist es ganz toll. Wie heißt der Fluss noch mal? Rhein? Nee, der Rhein war’s nicht. Ach, weiß ich jetzt auch nicht." Die Elbe gehört eben zu Hamburg …

 

Gehört von Heidi Palm

 

Meine Stadt

Politik mit Superkräften? Dieses Wahlversprechen scheint nicht sonderlich vertrauenswürdig. Gesehen in der Parteizentrale der Hamburger Grünen © Simon Paul Balzert


Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr Mark Spörrle

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.