Von einer Massenentlassung kann Beate Finnern nur träumen. So wie neulich bei Motorola, als das Werk in Flensburg geschlossen wurde und 700 Menschen ihren Job verloren. Was für andere ein Albtraum ist, stellt für die Niederlassungsleiterin der Zeitarbeitsfirma Randstad in Hamburg-Norderstedt eine Chance dar. Sie hat Jobs zu vergeben, und ihr fehlen die Bewerber.

Es ist ein grauer Samstag, neun Uhr früh. Heute ist Jobtag. Finnern hat Anzeigen geschaltet, und ihre Mitarbeiter haben Handzettel verteilt. 200 blaue Luftballons mit dem Firmenlogo markieren den Weg über die Treppe zu den Büroräumen im ersten Stock eines Einkaufscenters. Sie sollen Passanten anlocken, die eigentlich nur kurz beim Bäcker ein paar Brötchen zum Frühstück holen wollen. Wenn das Konzept aufgeht, kommen die Einkäufer mit einem neuen Job nach Hause.

50 offene Stellen wollen Beate Finnern und ihre sieben Kollegen den Besuchern schmackhaft machen. Sie suchen Schlosser, Schweißer und Fertigungsmechaniker genauso wie Teamassistenten, Buchhalter und Schifffahrtskaufleute. Hatten noch vor zwei Jahren Arbeitssuchende selbst über Zeitarbeitsfirmen Probleme, eine Stelle zu finden, hat sich die Lage inzwischen umgekehrt.

Zeitarbeit gilt als Frühindikator der Konjunktur: Bevor der Aufschwung den gesamten Arbeitsmarkt erfasste, stellten die Unternehmen vorsichtshalber erst einmal Leiharbeiter ein, die sie notfalls schnell wieder loswerden konnten. Seit Juni 2006 ist die Branche laut einer Untersuchung des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln (IW) um mehr als 30 Prozent gewachsen. Demnach sind gegenwärtig rund 791000 Menschen bei Zeitarbeitsfirmen beschäftigt. Doch der Mangel an Bewerbern droht das Wachstum der Branche zu bremsen. Für das zweite Halbjahr prognostiziert das IW nur noch ein Plus von etwas mehr als 10 Prozent. "Es ist unheimlich schwer, gut ausgebildete Fachkräfte zu finden", sagt Beate Finnern. Auch die Zusammenarbeit mit der Bundesagentur helfe da nicht immer weiter.

Randstad versucht es deshalb heute einmal mit einer Mischung aus Frühschoppen und Kindergeburtstag: In Grüppchen stehen die Disponenten in ihrem Großraumbüro und unterhalten sich. Auf den Schreibtischen haben sie rote Pappschalen mit kleinen Schokoriegeln platziert. In der Raummitte steht ein Biertisch mit Keksen und Knabberzeug. Schminke-Clown Manuela hält sich bereit, um aus Kindern Tiger, Schmetterlinge und Prinzessinnen zu machen, damit sich die Eltern so lange in Ruhe um ihre berufliche Zukunft kümmern können. Im Nebenraum hat ein Fotograf sein Studio aufgebaut: Daran, dass die Bilder fehlen, soll die Bewerbung nicht scheitern.

Es ist zwanzig vor zehn, als sich plötzlich alle Blicke zum Eingang wenden. Ein Mann mittleren Alters steht da, mit rötlichem Haar, in Bluejeans, Hemd und Sakko. Sofort stürmt ein Mitarbeiter auf ihn zu und begrüßt ihn. Er sei fest angestellt, sagt der Mann, aber er wolle wechseln.

"Na, dann kommen Sie mal mit!", sagt der Mitarbeiter und lächelt. Er bringt einen Pappbecher mit Kaffee, und beide setzen sich an einen Tisch. Der Kunde passt genau ins Beuteschema: ein Facharbeiter, der mit seiner derzeitigen Stelle unzufrieden ist. Seit einem halben Jahr arbeite er in einem Metall verarbeitenden Betrieb, erzählt der Mann, und am liebsten würde er gleich wieder kündigen: Statt in seinem erlernten Beruf als Blechschlosser zu arbeiten, sei er jetzt Metalldrücker. "Das ist eine Drecksarbeit", schimpft er, "ich putze den ganzen Tag Aluminium und habe abends schwarze Hände. Dafür muss ich keinen Facharbeiter haben!"