Arbeitszeit Arbeitsmarkt: Schuften für den Aufstieg
Die Deutschen machen wieder mehr Überstunden. Ungerecht ist das nur bedingt.
Drei Milliarden Überstunden haben die Deutschen im vergangenen Jahr angehäuft, meldet die Bild -Zeitung an diesem Montag, prominent auf Seite eins. Immer mehr Deutsche müssten demnach länger arbeiten, als es ihr Arbeitsvertrag vorsieht. Damit nicht genug: Jede zweite Überstunde werde von den Unternehmen nicht bezahlt. Ein weiterer Beleg dafür, dass die Unternehmen ihre Mitarbeiter auspressen - oder?
Eher nicht. Denn die Meldung ist eine halbe Ente. Zwar steigt nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg die Zahl der Überstunden, die die Deutschen leisten, seit zwei Jahren wieder leicht an. Heute liegt die Summe aller geleisteten Überstunden um rund 100 Millionen pro Jahr über dem Stand von 2005. Das aber hat nach Ansicht von Eugen Spitznagel, Arbeitsmarktexperte des Instituts und einer der Autoren der Studie, auf die Bild sich stützt , vor allem "konjunkturelle Gründe" und ist demnach völlig normal.
Seit Jahren schon folgt die Zahl der Überstunden in der Tendenz einer einfachen Logik. Wächst die Wirtschaft wie in diesen Tagen, müssen alle mehr arbeiten. Befindet sie sich im Abschwung, gibt es weniger zu tun. So stieg die Zahl der Überstunden schon im letzten Aufschwung an, um danach wieder leicht zurückzugehen. In den meisten Fällen werden diese Überstunden mit Freizeit ausgeglichen. Arbeiten die Beschäftigten heute mehr, bekommen sie morgen zusätzlich frei.
Auf die lange Sicht ist die
Bild-
Meldung ganz falsch. Denn heute müssen die Deutschen weitaus weniger Mehrarbeit abliefern als noch vor 30 Jahren. Machte der durchschnittliche Arbeitnehmer nach Untersuchungen des IAB 1970 noch 160 Überstunden im Jahr, waren es 2005 nur noch 58. Gegenwärtig arbeitet ein durchschnittlicher Arbeitnehmer jede Woche nur noch rund eine Stunde mehr, als es sein Arbeitsvertrag vorsieht. Ein Grund: Viele Unternehmen haben Arbeitszeitkonten eingeführt, die es erlauben, ihre Mitarbeiter flexibler einzusetzen. Rund 40 Prozent aller deutschen Beschäftigten arbeiten mittlerweile nach solchen Regeln. Weswegen simple Mehrarbeit überflüssig wird.
Anders sieht die Sache hingegen bei Überstunden aus, die unbezahlt bleiben. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin schätzt, dass die Zahl der unbezahlten Überstunden wächst; mittlerweile komme auf jede bezahlte Stunde Mehrarbeit eine nicht bezahlte, fand das Institut unlängst heraus. Doch auch hier liegt die Sache etwas anders, als es Bild seinen Lesern weismachen will.
Denn es sind keineswegs einfache Arbeitnehmer, deren Mehrarbeit in Deutschland nicht bezahlt wird. "Die meisten unbezahlten Überstunden fallen bei Leistungsträgern an – nicht bei einfachen Arbeitern", sagt Silke Anger, Arbeitsmarktexpertin des DIW,
die das Phänomen der unbezahlten Mehrarbeit in Deutschland untersucht hat
. Ihr Ergebnis: Vor allem Manager, Ingenieure, Wissenschaftler und Informatiker neigen zu Mehrarbeit, die nicht vergütet wird. Sie arbeiten also freiwillig länger.
Diese Menschen aber haben mit jenen Arbeitern, die bezahlte Überstunden ableisten, nichts gemein. "Wer bezahlte Überstunden macht, macht meistens keine unbezahlten - und umgekehrt. Wir reden hier über vollkommen verschiedene Gruppen", sagt Anger. So bekamen nach Untersuchungen der Wissenschaftler nur vier Prozent aller Hilfskräfte für ihre Überstunden kein Geld. Anderes gilt hingegen für hochqualifizierte Arbeitnehmer. Fast 50 Prozent aller Manager, schätzt Anger, arbeiteten in Deutschland ohne zusätzliche Bezahlung mehr, rund 30 Prozent aller Wissenschaftler und etwa 10 Prozent aller Mitarbeiter in technischen Berufen.
Die US-Wissenschaftler N.F. Bell und Robert Hart haben vor neun Jahren Überlegungen angestellt, was Manager dazu bewegt, so viel zusätzlich zu arbeiten.
Ihre These: Vor allem Führungskräfte müssen einspringen, wenn sich in Unternehmen die Arbeit stapelt. Bell und Hart erklären das mit einem zunehmenden Leistungsdruck, der in vielen Unternehmen herrscht. Arbeiten die Manager mehr, empfehlen sie sich für höhere Aufgaben und können langfristig mit mehr Gehalt rechnen.
Die Überstunden sind aus Sicht der betroffenen Leistungselite also eine Investition in die Zukunft. Unbezahlte Mehrarbeit ist für sie eine Gefälligkeit an das Unternehmen, welches ihnen im Gegenzug in Zukunft den Aufstieg ermöglichen soll. Für diese Klientel aber dürfte die Bild- Zeitung kein Mitleid übrig haben.
© ZEIT online
- Datum 04.03.2008 - 02:37 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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