Das Phänomen ist vermutlich jedem, der einer regelmäßigen Arbeit nachgeht, bekannt: Irgendwann kommt eine Phase, in der man den Job am liebsten hinschmeißen und sich zuhause vergraben oder nach Neuseeland auswandern möchte! Die Wenigsten tun das aber tatsächlich. Entweder, weil diese Phasen üblicherweise schnell wieder vorbei sind, oder aus Existenzangst oder weil die große Mehrheit mit dem Job eigentlich doch ganz zufrieden ist.

Umso erschreckender ist das Ergebnis einer Studie der Unternehmensberatungsgesellschaft Gallup. Danach waren im Jahr 2003 nur zwölf Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland engagiert bei der Arbeit und zufrieden mit ihrem Job (im Jahr 2002 waren es immerhin noch 15 Prozent). Dagegen machen 70 Prozent der Arbeitnehmer nur "Dienst nach Vorschrift" und 18 Prozent haben bereits innerlich gekündigt. Untersuchungen, die der Wirtschaftspsychologe Ralf Brinkmann zusammen mit dem Psychologieprofessor Kurt Stapf von der Universität Tübingen durchführte, haben ergeben, dass in Deutschland inzwischen sogar "von einem Drittel innerlich gekündigter Arbeitnehmer auszugehen ist". Diese Mitarbeiter befinden sich frei nach dem Psychologen Brinkmann im "Larvenstadium". Die "Larven" in Betrieben und Organisationen wollen auf keinen Fall auffallen, sie widersprechen nicht und erledigen ihren Job, oberflächlich betrachtet, zufriedenstellend. Schwachen Vorgesetzten sind solche scheinbar pflegeleichten Mitarbeiter vielleicht gerade recht, denn sie tun ja, was ihnen gesagt wird, und machen keinen Ärger.

Wirklich glücklich mit dem Larvenstadium können weder Vorgesetzte noch die Unternehmen noch die Arbeitnehmer selbst sein. Was aber führt zur inneren Kündigung? Als mögliche Ursachen für die Unzufriedenheit nennt Gallup langwierige Einstellungsverfahren und geringe Aufstiegsmöglichkeiten. Friedrich-Wilhelm Bojens, Vorsitzender der Geschäftsführung der Personalberatung Egon Zehnder, räumt ein, dass sich viele Unternehmen in wirtschaftlich schwächeren Phasen mehr Zeit lassen bei der Einstellung neuer Mitarbeiter. Das selbe gelte für Beförderungen innerhalb von Unternehmen. Dass Angestellten in Deutschland generell zu wenig Verantwortung übertragen wird, kann Bojens nicht bestätigen: "Die Unternehmenskultur in Deutschland hat sich sehr entwickelt, hin zu flachen Hierarchien und kurzen Entscheidungswegen". Also alles bestens und kein Grund für die große Zahl an inneren Kündigungen?

"Teilweise leiden Menschen an der gesamtwirtschaftlichen Situation", sagt Bojens. Befinde sich ein Unternehmen in einer schwierigen Phase, so übertrage sich das sehr schnell auf die Mitarbeiter: "Da fehlt es den Menschen dann an der Gewissheit, dass es wieder vorangeht". In diesen Phasen seien die Mitarbeiter selbst, aber auch die Vorgesetzten gefordert. "Vorgesetzte müssen offen klar machen, dass die Situation schwierig ist", sagt Bojens. Sie müssten auch zugeben, was passieren könnte, wenn das Geschäft nicht wieder anzieht. Sehr wichtig sei auch die Vorbildfunktion: "Wenn Unternehmensleitungen sich schnell noch Gehaltserhöhungen zukommen lassen, dann sind sie sicher kein Vorbild". Vor allem, wenn sie gleichzeitig ihre Mitarbeiter kurz halten.

Doch solche Fälle sind die Ausnahme. Darüber hinaus gibt es Deutschland auch viele Branchen wie etwa die Autoindustrie oder Maschinenbau, die sich wirtschaftlich nicht beklagen können. Doch unzufriedene Mitarbeiter gibt es selbst in diesen Branchen. Liegt der Frust vielleicht in der Psyche unserer Gesellschaft, an Anspruchsdenken und Kultur des Jammerns? Die Empfehlung des Personalberaters: "Jeder Mitarbeiter sollte sich ein realistisches Bild von der Branche machen und sich fragen, wo steht das Unternehmen und wo stehe ich", sagt Bojens. Meist sei das Ergebnis dann gar nicht mehr so trübe. Aber soviel Ehrlichkeit, "das ist vielleicht etwas viel verlangt vom Menschen".

Weitere Informationen zur Umfrage:
http://www.gallup.de

Viele Firmenseiten bieten inzwischen Informationen um das Thema innere Kündigung: http://www.zuerich.de/services/infothek_unternehmer/innere_kuendigung/index.jsp http://www.teschinkasso.de/news/mai2003/Januar_2003_Innere_Kuendigung.htm