Spätestens seit der Veröffentlichung von "Das Methusalem-Komplott", dem neuen Buch des FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher, ist das Thema in aller Munde: die Diskriminierung der Alten in unserer Gesellschaft. In Werbung und Medien grassiert der Jugendwahn und über 40-Jährige finden keine Jobs mehr.

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel der Supermarktkette Netto mit ihrem 45+-Markt in Berlin-Lichtenberg. Wer die gelbe, einstöckige Filiale in der Elfriede-Tygör-Straße betritt, wird zunächst keinen Unterschied zu anderen Discount-Supermärkten feststellen können. Das Angebot reicht von Tiefkühlkost über frisches Obst und Gemüse bis hin zu den wöchentlichen wechselnden Aktionsangeboten, die auf den branchenüblichen Wühltischen angeboten werden.

Die Besonderheit liegt darin, dass die neun Angestellten dieses Netto-Marktes alle über 45 Jahre alt sind: der jüngste Mitarbeiter ist exakt 45, die Älteste 60. "Ansonsten gibt es keine Besonderheiten", sagt Eberhard Schröder (59), der stellvertretende Marktleiter, nach kurzem Überlegen. "Auffällig ist vielleicht der niedrige Krankenstand." Nach seinen Worten kommen die Leute auch mal mit einem Schnupfen zur Arbeit, weil keiner den mühsam ergatterten Arbeitsplatz unnötig gefährden will. Bei der Arbeit selbst könne auf das Alter keine Rücksicht genommen werden. "Von der Warenannahme dreimal die Woche bis zum Kassieren macht hier jeder alles." Seine Kollegin Marion Thieme (49) fügt hinzu: "Ein großes Plus ist die Erfahrung, die alle Kollegen aus langjähriger Tätigkeit im Einzelhandel mitbringen." Das wirke sich auf die ganze Atmosphäre im Laden aus, weshalb gerade ältere Kunden gerne hier einkauften. "Wenn man selbst schon älter ist, kann man auch besser auf die Bedürfnisse älterer Kunden eingehen."

Eine Einschätzung, die die Kunden bestätigen. Stammkundin Karin Wittkowski kauft gern hier ein, weil man "so freundlich behandelt wird". Auch das 45+-Konzept findet sie sinnvoll: "Bei vielen Leuten ist doch heute schon mit 40 Jahren das Arbeitsleben vorbei." Dieter Weller sieht das ähnlich, während er sorgfältig die Preise beim Obst vergleicht: " Wenn ältere Arbeitnehmer hier eine Chance erhalten, ist das doch toll. Die stehen doch alle noch voll im Saft!"

Eine These, die sich auch wissenschaftlich untermauern lässt: Eine Studie des Instituts für Sozialforschung und Sozialwirtschaft im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung hat ergeben, "dass es keine signifikanten Unterschiede zwischen der Arbeitsleistung älterer und jüngerer Arbeitnehmer gibt, wenn als Maßstab das erbrachte Arbeitsergebnis zu Grunde gelegt wird."

Deswegen will man bei Netto-Deutschland, einem Joint-Venture von Dansk Supermarked und der Spar Handels AG, auch weiterhin ältere Mitarbeiter einstellen. Das Unternehmen hat im vergangenen Jahr noch einen zweiten 45+-Markt in Neuruppin eröffnet, weitere Filialen sind aber nicht geplant. "Das 45+-Konzept ist eine Idee unseres dänischen Mutterkonzerns. Wir setzen in Zukunft auf einen gesunden Mix von älteren und jungen Arbeitnehmern in unseren Märkten", sagt Margit Kühn, die zukünftige Geschäftsführerin von Netto-Deutschland. "Davon profitieren beide Seiten, da die Alten ihr Know-how und ihre Erfahrungen an die Jungen weitergeben können, während diese neue Ideen und neuen Elan mitbringen."

Vielleicht sollte sie das 45+-Konzept aber noch einige Jahre in der Schublade aufbewahren. Aufgrund der demografischen Entwicklung werden bis zum Jahre 2030 neue 45+-Filialen von ganz alleine entstehen, oder auch 65+, wenn sich Schirrmachers Vorschlag, die Lebensarbeitszeit zu verlängern, durchsetzt. Vielleicht setzt Netto dann aber auch einen neuen Trend: den ersten 35-Minus-Markt für die Randgruppe der jungen Erwachsenen.