Arbeitsunfähigkeit: Rechte im Krankheitsfall

von Yvonne Globert

Hohe Ozonwerte, verdorbene Speisen, Grippeviren, die zwischen Klimaanlage und mediterranen Temperaturen leichtes Spiel haben - noch nie musste unser Immunsystem solche Hochleistungen erbringen wie in diesem Sommer. Wer krank wird, arbeitet dennoch. Denn immer weniger Beschäftigte wagen den Gang zum Arzt, um sich arbeitsunfähig schreiben zu lassen. Der Grund: Kränkelnde Arbeitnehmer fürchten, gleich für immer aus dem Arbeitsleben scheiden zu müssen. Dabei ist die Angst vor dem Jobverlust meist unberechtigt. Wer sich an die geltenden Regeln im Krankheitsfall hält, muss nicht mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen rechnen. Erlaubt ist, was der Gesundheit dient.

Die Zahlen sprechen für sich: Neun von zehn Beschäftigten zwischen 16 und 65 Jahren schleppen sich nach einer Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK krank zur Arbeit. Laut BARMER und DAK hat sich die Zahl der krank gemeldeten Versicherten dabei inzwischen auf rund drei Prozent eingependelt und damit laut Bundesgesundheitsministerium den niedrigsten Krankenstand seit der Wiedervereinigung erreicht. Gesundheitsexperten betrachten diese Entwicklung nicht unbedingt wohlwollend. Sie fürchten, dass die Versicherten Krankheiten verschleppen und dem Gesundheitssystem langfristig enorme Kosten bescheren. Als Hauptgrund für ihre Zurückhaltung bei der Krankmeldung geben 74 Prozent der Befragten in der AOK-Studie die Angst davor an, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. So wundert es nicht, dass ausgerechnet in Krisenbranchen wie Versicherungen, Datenverarbeitungsbetrieben und Banken die niedrigsten Krankenstände registriert werden. "Niemand möchte ausgerechnet dort auffallen, wo gerade viel Personal abgebaut wird", bestätigt Sigrid Betzen den Trend. Die Sorge, im Krankheitsfall aus dem Betrieb geworfen zu werden, hält die Geschäftsleiterin des Deutschen Bankangestellten-Verbandes allerdings für unbegründet. "Wegen einer normalen Erkrankung kommt es eher selten zu Schwierigkeiten im Betrieb. Vielmehr bringt es dem Arbeitgeber auf Dauer nichts, wenn sich Mitarbeiter nicht auskurieren."

Schwierigkeiten bekommen Arbeitnehmer erst, wenn sie ihren Arbeitgeber nicht unverzüglich, also am ersten Krankheitstag, über ihre Arbeitsunfähigkeit informieren. Sind sie selbst dazu nicht in der Lage, kann dies zum Beispiel ein Familienmitglied erledigen. Setzt die Erkrankung sie länger als drei Tage außer Gefecht, ist vom behandelnden Arzt eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung auszustellen. Diese muss dem Arbeitgeber spätestens am vierten Tag der Arbeitsunfähigkeit zugestellt werden. "Der Arbeitgeber kann die AU-Bescheinigung im Einzelfall aber auch schon früher verlangen", so Harald Popken vom AOK- Bundesverband. Deshalb lieber noch mal einen Blick in den Arbeitsvertrag werfen. Achtung: Jeder Kalendertag zählt. Wer an einem Freitag erkrankt, muss seine Bescheinigung somit spätestens am darauffolgenden Montag vorlegen. Der Arzt prognostiziert dabei zunächst die Dauer der Arbeitsunfähigkeit, die in den Folgebescheinigungen verlängert werden kann. Nur in Ausnahmefällen kann ein Mediziner die AU-Bescheinigung rückdatieren, maximal ist dies für zwei Tage möglich.

In der Regel beziehen erkrankte Mitarbeiter - darunter fallen Arbeiter genauso wie Angestellte und Azubis - sechs Wochen lang ihr normales Gehalt. "Der Arbeitsvertrag kann für den Zeitraum der Entgeltfortzahlung dabei aber auch unterschiedliche Regelungen etwa für einfache und leitende Angestellte vorsehen. Eine Abweichung von den Vorschriften des Entgeltfortzahlungsgesetzes zu Ungunsten des Arbeitnehmers ist dabei aber nicht möglich", so die Bremer Fachanwältin für Arbeitsrecht, Karin Hummes-Flörke. Ab der siebten Woche zahlen die Krankenkassen Krankengeld aus, das maximal 70 Prozent des letzten Bruttogehalts und höchstens 90 Prozent des letzten Nettogehalts entspricht. Um dieses beziehen zu können, muss der behandelnde Arzt auf einem so genannten Auszahlschein die Arbeitsunfähigkeit bestätigen und der Arbeitgeber eine Entgeltbescheinigung ausstellen. Auch die Krankenkasse muss innerhalb der ersten Woche der Erkrankung über die Arbeitsunfähigkeit in Kenntnis gesetzt worden, sonst "ruht" das Krankengeld. Das heißt: Es gilt als bezogen, wird dem Versicherten aber nicht ausgezahlt. Krankengeld wird dabei in der Regel maximal 78 Wochen innerhalb von drei Jahren bezahlt, in denen es aufgrund ein und derselben Erkrankung immer wieder zur Arbeitsunfähigkeit kommt. "Eine Arbeitsunfähigkeit, die durch eine anders geprägte Erkrankung ausgelöst wurde, wird dagegen neu berechnet", so Harald Popken. Ist die Erwerbsfähigkeit eines Versicherten stark eingeschränkt oder dauerhaft gefährdet, fordert die Krankenkasse ihn auf, innerhalb von zehn Wochen einen Antrag auf Rehabilitationsleistungen zu stellen, zu denen etwa Kuren und Umschulungsmaßnahmen zählen. Lässt er die Frist verstreichen, wird ihm das Krankengeld so lange gestrichen, bis er den Antrag gestellt hat.

Zieht sich die Arbeitsunfähigkeit über einen längeren Zeitraum hin, kann es zudem sein, dass die Krankenkasse die Erfolgsaussichten der bestehenden Behandlung überprüfen lassen möchte. Dafür bittet sie den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) um ein Gutachten. Der Versicherte wird meist aufgefordert, sich vom MDK untersuchen zu lassen. Tut er dies nicht oder lehnt er eine Behandlung ab, von der die Krankenkasse eine Besserung seines Gesundheitszustandes erwartet, verletzt er seine "Mitwirkungspflichten". In diesem Fall kann ihm das Krankengeld ebenfalls entzogen werden. Ferner kann auch der Arbeitgeber von der Krankenkasse verlangen, eine Stellungnahme des MDK einzuholen. Sorge vor der Gesundheitskontrolle durch den MDK muss dabei niemand haben. Denn eine Überprüfung ist nur vertretbar, wenn berechtigte Zweifel an der Arbeitsunfähigkeit bestehen. Etwa dann, "wenn der Arbeitnehmer auffällig häufig arbeitsunfähig ist, der Beginn der Arbeitsunfähigkeit oft auf einen Arbeitstag zu Beginn oder Ende der Woche fällt oder sie von einem Arzt festgestellt worden ist, der dafür bekannt ist, AU-Bescheinigungen auffällig häufig auszustellen", so Karin Hummes-Flörke. Kontrolliert wird in der Praxis dabei eher selten. "Wir überprüfen gerade mal drei Prozent aller AU-Fälle", so Holger Berg, Geschäftsführer des MDK Westfalen-Lippe.

Aus arbeitsrechtlicher Sicht ist dabei nicht die Erkrankung selbst entscheidend, sondern der Grad, indem sie die Arbeitsfähigkeit des Betroffenen einschränkt. Rechtshänder, die im Büro arbeiten, können ihre Korrespondenz in der Regel weiter erledigen, wenn sie sich den linken Arm gebrochen haben. Ein Lkw-Fahrer ist in diesem Fall dagegen aufgeschmissen. "Gleiches gilt für eine Stewardess, die schon mit einem Schnupfen nicht zur Arbeit gehen kann", so BARMER-Sprecher Thorsten Jakob. So unterschiedlich die Kriterien bei der Einstufung der Arbeitsunfähigkeit ausfallen, so individuell entscheidet der Arzt, was im Krankheitsfall möglich ist und was nicht. "Wer etwa an Diabetes leidet oder einen Herzinfarkt hinter sich hat, gehört eben nicht - wie oft vermutet - ins Bett, sondern an die frische Luft", so Harald Berg. Entsprechend müssen Beschäftigte, die beim Spaziergang ausgerechnet ihrem Chef begegnen, keine arbeitsrechtlichen Schritte fürchten. Gleiches gilt im Falle einer Kur oder eines Urlaubs in der Zeit der Arbeitsunfähigkeit, sofern es aus medizinischer Sicht zur Genesung beiträgt. "Auf jeden Fall sollte vorher eine Einschätzung des Arztes eingeholt werden. Er kann zum Beispiel abklären, ob ein Arbeitnehmer Behandlungstermine ausfallen lassen kann, ohne eine Therapie dabei unnötig zu verlängern", so Thorsten Jakob. Für Auslandsaufenthalte gilt allerdings eine Sonderregelung: Hier lässt die Krankenkasse das Krankengeld ruhen.

Der umfassende Fehlzeitenreport 2003 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK erscheint im kommenden Herbst:
B. Badura/H. Schellschmidt/C. Vetter (Hrsg.), Fehlzeiten-Report 2003 - Wettbewerbsfaktor Work-Life-Balance. Betriebliche Strategien zur Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Privatleben. Zahlen, Daten, Analysen aus allen Branchen der Wirtschaft. Springer-Verlag, 29,95 Euro.
Eine kurze Zusammenfassung gibt es bereits im Internet:
www.wido.de/Aktuelles/PI_krm062003.pdf

Weitere Gesundheitsreports haben die Deutsche Angestellten Krankenkasse und die BARMER auf ihren Internetseiten zusammengestellt.
www.dak.de/content/dakgesundleben/gesundheitsreport2003.html
www.barmer.de/barmer/web/Site/Contentsatellit/Unternehmen/News_20und_20Tr ends/News/content_20Analyse_20Gesundheitsreport.html

Der Bund-Verlag bietet im Internet ein ausführliches Infopaket rund ums Arbeitsrecht an. Er nennt Adressen von Fachanwälten, veröffentlicht regelmäßig neue Gerichtsurteile und zeigt, wie Musterverträge aussehen. Auf der Homepage finden sich auch eine juristische Linksammlung und Literatur-Tipps. Ausführliche Informationen gibt es etwa zum Thema "Krankheitsbedingte Kündigungen".
www.arbeitsrecht.de

Ähnlich strukturiert ist das Internetportal der Haufe Mediengruppe, auf dem News zur gesetzlichen Entwicklung im Bereich Arbeits- und Sozialrecht veröffentlicht werden.
www.personal-office.de

Aktuelle Meldungen und Gerichtsurteile sowie Seminare zum Thema stellt die Zeitschrift "Arbeit und Arbeitsrecht" regelmäßig online. Die Redaktion gibt zudem einen Überblick über Fachanwälte in Großstädten wie Berlin und Frankfurt am Main.
www.arbeit-und-arbeitsrecht.de

Die Möglichkeit, sich einen Musterarbeitsvertrag herunterzuladen, finden leitende Angestellte auf der Internetseite des Verlags für die Deutsche Wirtschaft AG. Auch hier lassen sich regelmäßig aktuelle Nachrichten aus dem Arbeitsrecht abrufen.
www.personalverlag.de

Informationen rund um das Thema Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall hat die Techniker Krankenkasse als Download-Version bereitgestellt.
www.tk-online.de

Wer einen Medizinischen Dienst in seiner Nähe sucht, findet eine Übersicht unter
www.mdk-net.de
Hier wird auch erklärt, wie ein Begutachtungsverfahren im Einzelnen abläuft.

Allgemeine Informationen rund um den Themenkomplex Arbeitsmedizin hat die Fachärztin Claudia Setter auf einer Homepage zusammengefasst. Sie nennt Adressen von Arbeitsschutzämtern und arbeitsmedizinischen Fakultäten und informiert über Berufskrankheiten.
www.info-arbeitsmedizin.de

Ausführliche Informationen zu betrieblichem Gesundheitsschutz finden Arbeitgeber, Betriebsräte, Betriebsärzte und Arbeitnehmer zudem auf der Internetseite
www.ihr-betriebsarzt.net

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