Existenzgründer Im Zweifel lieber arbeitslos
Wenn die Arbeitslosigkeit steigt, nimmt in Deutschland die Zahl der Existenzgründer zu. Viele sind auf die Selbstständigkeit schlecht vorbereitet
©Oli Scarff/Getty Images

Ich bin jetzt mein eigener Chef und mache nur noch, was ich möchte. Der Traum vieler Selbständiger
Sven Börchers ist gut im Geschäft. Der freie Journalist arbeitet für mehrere Hörfunkprogramme, Tageszeitungen und Magazine. Das war nicht immer so. "Die Freiberuflichkeit war nie meine erste Wahl", sagt er. Börchers hat sich aus der Not heraus selbstständig gemacht. Als sein Vertrag als Festangestellter Anfang des Jahres auslief, schrieb er vergeblich Bewerbungen. Er fand nichts, wurde arbeitslos. Einziger Ausweg: Existenzgründung.
"Die Arbeitslosigkeit dominiert das Gründungsgeschehen in Deutschland", erklärt Marc Evers, Existenzgründungsexperte der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK). Der Verband hat das Gründungsverhalten der Deutschen analysiert. Ergebnis: Bis Herbst 2008 waren die Existenzgründungen in Deutschland auf Talfahrt, mit der Wirtschaftskrise und den zunehmenden Entlassungen stieg die Anzahl der Gründungsinteressierten. Die IHKs sind für sie die erste Anlaufstelle.
- Gründungszuschuss
Der Gründungszuschuss wird in zwei Phasen geleistet: Für neun Monate gibt es den Zuschuss in Höhe des zuletzt bezogenen Arbeitslosengeldes. Danach können Gründer für sechs weitere Monate 300 Euro für ihre soziale Absicherung bekommen – jedoch nur, wenn sie mit ihrem Unternehmen Einnahmen erzielt haben. Anspruch auf den Gründungszuschuss haben alle, die bis zur Gründung noch mindestens 90 Tage Arbeitlosengeld I bekommen hätten.
- Einstiegsgeld
Wer vor seiner Gründung Arbeitslosengeld II bezogen hat, bekommt das sogenannte Einstiegsgeld. Über die Genehmigung entscheidet der Arbeitsberater. Die Höhe wird nach der monatlichen Regelleistung des Arbeitslosengeld II berechnet.
Mehr Unternehmensgründungen täten Deutschland eigentlich gut. Wirtschaftsexperten predigen seit Jahren, dass das Land eine Gründungswüste sei und die Volkswirtschaft innovativer wäre, gäbe es mehr Start-ups. So kommt auch der jährliche Global Entrepreneurship Monitor (GEM), eine internationale Erhebung, zu dem Ergebnis, dass die Deutschen risikoscheu seien. Die Angst, mit einem Unternehmen zu scheitern, halte sie von einer Gründung ab. In anderen Ländern, den USA oder Norwegen beispielsweise, kennen die Menschen solche Ängste nicht.
Wer schon arbeitslos ist, hat weniger Angst. "Oder keine Alternative. Jedenfalls haben 56 Prozent der Gründungsinteressierten angegeben, dass sie sich selbstständig machen wollen, weil sie sonst arbeitslos wären", sagt Marc Evers. Die meisten dieser Gründungen sind nicht von langer Dauer. Sei es, dass die Gründer früher oder später doch einen festen Job finden und ihr Geschäft wieder aufgeben oder sie schlicht scheitern. Zurück bleiben häufig viele Schulden. Daher ist es vielleicht von Vorteil, dass die Banken derzeit hohe Hürden für Gründerkredite schaffen.
Noch ein Faktor stimmt nachdenklich: Fast 40 Prozent der arbeitslosen Gründer können ihre Geschäftsidee nicht klar beschreiben. "In vielen Fällen raten wir diesen Leuten von der Gründung ab", sagt Marc Evers. Es habe keinen Sinn, Menschen zur Selbstständigkeit zu raten, die dafür gar nicht in der Lage sind, fügt Uwe Mählmann von der Arbeitsagentur Berlin hinzu.
Gegenteiliges erlebte jedoch Sebastian Hohmann bei der Arbeitsagentur in Freiburg. Der Architekt machte sich ebenfalls aus Mangel an Alternativen selbstständig. Nach dem Studium hatte er einige befristete Jobs in Büros in Hamburg und Hannover ausgeübt. Als seine Freundin beruflich nach Freiburg wechselte, zog er mit, ohne dort eine Perspektive oder Kontakte zu haben. Eigentlich hätte er lieber eine Festanstellung bekommen. Beim Arbeitsamt habe er beiläufig nach der Gründung gefragt. "Danach hat mein Berater überhaupt nicht mehr versucht, mir eine Festanstellung zu vermitteln. Er wollte mich so schnell wie möglich in die Gründung bringen, Hauptsache ich bin raus aus seiner Statistik", erinnert sich Hohmann.
- Datum 25.09.2009 - 09:40 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 7
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Hallo,
ich habe vor ein paar Tagen folgenden Artikel gelesen, und schon da war ich überrascht, dass in wirtschaftlichen Krisenzeiten wie diesen das Interesse an der Selbständigkeit steigt:
http://www.franchiseporta...
Die risikominimierte Existenzgründung mittels Franchising erscheint mir auch nach der Lektüre Ihres Artikels als möglicher Vorteil, oder?
Gruß,
T.
Im Zweifel lieber arbeitslos.
Dem muss nichts hinzugefügt werden.
Vieles in dem Artikel stimmt, ohne Frage. Es gibt Arbeitslose, die auf´s Gradwohl gründen wollen und sich überhaupt keine Gedanken machen, wie sie an erste Aufträge kommen und ob sie dann auf lange Sicht mit dem Verdienst leben können. (Ich habe da schon die wirrsten Ideen gehört)
Auch, dass die Beratung bei den Agenturen nicht immer kompetent ist. (Aber auch die IHKs kennen sich wirklich gut nur in ihrem Bereich aus, eine objektive Empfehlung ist auch hier für andere Gründungsfelder schwer zu erhalten.)
Was mir aufstößt, ist diese Ausschließlichkeit: entweder man macht sich selbstständig und bleibt es - dann ist man erfolgreich - versus - man gründet und gibt dies auf - dann ist man gescheitert!
Wie viele haben aber erst durch die Selbstständigkeit Kontakt zu späteren Arbeitgebern bekommen? Und sind dann von diesen dann eingestellt worden, weil man ihre Arbeit in Projekten als Freiberufliche zu schätzen gelernt hat und nun nicht mehr auf sie verzichten möchte. Sind diese gescheitert? Die Statistiken geben dazu keine Auskunft!
Das Risiko einer Gründung steigt in Deutschland unverhältnismäßig an, wenn man nicht direkt für den Endverbraucher produziert oder arbeitet, ebenso wenn man in hoch regulierten Bereichen tätig sein will.
Zertifizierungen, Genehmigungen etc. erhöhen deutlich die Kosten, suggerieren Kunden, ohne Substanz, mehr Sicherheit und machen den Einstieg ins Geschäft enorm teuer. Das ist durchaus gewollt, denn damit wird der Bestand und damit Arbeitsplätze geschützt (subventioniert) die nicht immer sinnvoller sind.
Wer hat denn diesen Text geschrieben? Stehen beim neuen Zeit online keine Autoren mehr dabei`?
nur gut zum Geld abholen. Alles andere musst du selbst erledigen.
Diese Erfahrung habe ich mehrmals gemacht.
Ich bin mittlerweile selbst Existensgründer und kann die geschilderten Erfahrungen aus dem Bericht nur bestätigen. Die Sachbearbeiter hören "Existensgründer" "Selbständigkeit" und sofort hat man die Flyer in der Hand für das Gründunsseminar mit dem freundlichen Hinweis keine Zeit zu verlieren. Aus meine Frage wie hoch die Wahscheinlichkeit sei den Zuschuss zu bekommen: Kein Problem! Sie brauche nur einen Busninessplan, die Tragfähigkeitsbescheinigung und das Zertifikat des Gründerseminars.
Ich lasse mich natürlich nicht unter Druck setzen, ich habe einen Rechtsanspruch. Ich Gründe wenn das Konzept 100 % steht und es mir im A... juckt! Nicht vorher liebe Agentur! :-)
Sorry für die Fehler, hab hier im Halbdunkel geschrieben! :-)
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren