ZEIT ONLINE: Frau Staudinger, die Ergebnisse Ihrer langjährigen Forschungen zeigen, dass der Geist gar nicht zerfällt, sondern immer weiter wachsen kann. Wird es eines Tages keine Altersdemenz mehr geben?

Ursula M. Staudinger: Das wäre zu hoffen und ja, schon heute gibt es für diese Alterskrankheit präventive Maßnahmen und therapeutische Möglichkeiten, die den Verlauf verlangsamen. Das Erstaunliche an den Ergebnissen ist aber, dass das menschliche Gehirn bis ins hohe Alter hinein veränderbar bleibt. Es sterben zwar Zellen, aber in Abhängigkeit von den Anforderungen, die wir an uns stellen, entstehen verstärkt neue Zellen, und es bilden sich neue Verknüpfungen zwischen den Nervenzellen. Auch noch im hohen Alter. Lange Zeit war man davon ausgegangen, dass sich das Gehirn am Anfang des Lebens bis in das Jugendalter hinein entwickelt und danach ausschließlich biologischen Abbauprozessen unterworfen ist. Wir wissen inzwischen: Durch Training und Bewegung – besonders durch körperliches Ausdauertraining – lässt sich das Gehirn reaktivieren und die geistige Leistungsfähigkeit steigern.

ZEIT ONLINE: Stimmt denn die Annahme noch, dass es bestimmtes Höchstalter gibt?

Staudinger: Darüber herrscht Uneinigkeit unter den Altersforschern. Biologen gehen davon aus, dass die maximale Lebensspanne des Menschen bei etwa 120 Jahre liegt, aber es gibt auch Stimmen, die diese Grenze verneinen. Die Demografie lehrt uns, dass ein Mädchen, das heute geboren wird, eine durchschnittliche Lebenserwartung von 100 Jahren hat. Dass die durchschnittliche Lebenserwartung so weit gestiegen ist, haben wir nur durch kulturelle Errungenschaften – Bildung, Medizin, Ernährung, Arbeitsumwelt – erreicht, die auf die Biologie zurückwirken. Aus der Medizin wissen wir, dass die heute 60-Jährigen im Durchschnitt biologisch fünf Jahre jünger sind als es die Generation vor ihnen war. Die kranken Jahre im sehr hohen Alter nehmen ab, die gesunden dagegen zu. Ein heute 65-Jähriger kann durchaus noch 20 fitte Jahre erleben. Dass Menschen heutzutage immer älter werden können, ist ein großes Geschenk, jetzt müssen wir den traditionellen Lebensablauf verändern. Dazu sind Veränderungen bei unseren gesellschaftlichen Strukturen notwendig.

ZEIT ONLINE: Darum fordern Sie auch dazu auf, dass sich unsere gesamte Arbeitswelt umstrukturieren muss. Alle Menschen sollen ein Leben lang Neues lernen, eine Ausbildung allein reicht nicht. Steuern wir damit nicht auf eine Welt zu, in der alle arbeiten, bis sie tot sind?

Staudinger: Nein, genauso sind die Empfehlungen gerade nicht gemeint! Es wird immer argumentiert, dass es unmenschlich und unmoralisch sei, von Menschen im Alter Flexibilität und Offenheit für Neues zu erwarten. Es ist aber unmenschlich, wenn Menschen ein Leben lang nur eine Tätigkeit ausüben dürfen, weil sie dadurch ihre eigenen Entwicklungsmöglichkeiten nicht wahrnehmen können. Geist und Körper nutzen sich durch das jahrelang Einerlei sich ab. Es geht nicht darum, dass wir im Alter kein Recht auf Ruhestand haben. Es muss diese Zäsur geben – auch schon für den Generationenwechsel. Jedoch wünschen sich viele Menschen im Ruhestand eine Beschäftigung. So gibt es gibt beispielsweise 70-Jährige, die die geistige Leistungsfähigkeit eines 35-Jährigen haben. Wir müssen wegkommen von dem negativen Bild der alternden, schrumpfenden Bevölkerung und das Potenzial erkennen, das in der längeren Lebenserwartung steckt.

ZEIT ONLINE: Und das soll gehen, in dem wir noch mehr Leistung und Flexibilität von allen fordern? Wir sehen doch schon heute, dass sich diese als erheblicher Stress auswirkt. Befristete Stellen nehmen zu, die sichere Festanstellung ist doch ein Auslaufmodell.