Senioren und Arbeit "Es ist unmenschlich, wenn Menschen ein Leben lang nur eine Tätigkeit ausüben dürfen"
Die Altersforscherin Ursula Staudinger empfiehlt, dass die Deutschen auch im hohen Alter noch arbeiten. Wie das funktioniert, erklärt sie im Interview mit ZEIT ONLINE.
© Brendon Thorne/Getty Images

Eine junge und eine alte Frau: Die Altersforscherin Ursula Staudinger sagt, dass Alter kein Grund ist, die Hände in den Schoß zu legen. Sie hat ausgemacht, dass sich das Gehirn immer weiter entwickeln kann – selbst im hohen Alter
ZEIT ONLINE: Frau Staudinger, die Ergebnisse Ihrer langjährigen Forschungen zeigen, dass der Geist gar nicht zerfällt, sondern immer weiter wachsen kann. Wird es eines Tages keine Altersdemenz mehr geben?
Ursula M. Staudinger: Das wäre zu hoffen und ja, schon heute gibt es für diese Alterskrankheit präventive Maßnahmen und therapeutische Möglichkeiten, die den Verlauf verlangsamen. Das Erstaunliche an den Ergebnissen ist aber, dass das menschliche Gehirn bis ins hohe Alter hinein veränderbar bleibt. Es sterben zwar Zellen, aber in Abhängigkeit von den Anforderungen, die wir an uns stellen, entstehen verstärkt neue Zellen, und es bilden sich neue Verknüpfungen zwischen den Nervenzellen. Auch noch im hohen Alter. Lange Zeit war man davon ausgegangen, dass sich das Gehirn am Anfang des Lebens bis in das Jugendalter hinein entwickelt und danach ausschließlich biologischen Abbauprozessen unterworfen ist. Wir wissen inzwischen: Durch Training und Bewegung – besonders durch körperliches Ausdauertraining – lässt sich das Gehirn reaktivieren und die geistige Leistungsfähigkeit steigern.
ZEIT ONLINE: Stimmt denn die Annahme noch, dass es bestimmtes Höchstalter gibt?
Staudinger: Darüber herrscht Uneinigkeit unter den Altersforschern. Biologen gehen davon aus, dass die maximale Lebensspanne des Menschen bei etwa 120 Jahre liegt, aber es gibt auch Stimmen, die diese Grenze verneinen. Die Demografie lehrt uns, dass ein Mädchen, das heute geboren wird, eine durchschnittliche Lebenserwartung von 100 Jahren hat. Dass die durchschnittliche Lebenserwartung so weit gestiegen ist, haben wir nur durch kulturelle Errungenschaften – Bildung, Medizin, Ernährung, Arbeitsumwelt – erreicht, die auf die Biologie zurückwirken. Aus der Medizin wissen wir, dass die heute 60-Jährigen im Durchschnitt biologisch fünf Jahre jünger sind als es die Generation vor ihnen war. Die kranken Jahre im sehr hohen Alter nehmen ab, die gesunden dagegen zu. Ein heute 65-Jähriger kann durchaus noch 20 fitte Jahre erleben. Dass Menschen heutzutage immer älter werden können, ist ein großes Geschenk, jetzt müssen wir den traditionellen Lebensablauf verändern. Dazu sind Veränderungen bei unseren gesellschaftlichen Strukturen notwendig.
ZEIT ONLINE: Darum fordern Sie auch dazu auf, dass sich unsere gesamte Arbeitswelt umstrukturieren muss. Alle Menschen sollen ein Leben lang Neues lernen, eine Ausbildung allein reicht nicht. Steuern wir damit nicht auf eine Welt zu, in der alle arbeiten, bis sie tot sind?
Staudinger: Nein, genauso sind die Empfehlungen gerade nicht gemeint! Es wird immer argumentiert, dass es unmenschlich und unmoralisch sei, von Menschen im Alter Flexibilität und Offenheit für Neues zu erwarten. Es ist aber unmenschlich, wenn Menschen ein Leben lang nur eine Tätigkeit ausüben dürfen, weil sie dadurch ihre eigenen Entwicklungsmöglichkeiten nicht wahrnehmen können. Geist und Körper nutzen sich durch das jahrelang Einerlei sich ab. Es geht nicht darum, dass wir im Alter kein Recht auf Ruhestand haben. Es muss diese Zäsur geben – auch schon für den Generationenwechsel. Jedoch wünschen sich viele Menschen im Ruhestand eine Beschäftigung. So gibt es gibt beispielsweise 70-Jährige, die die geistige Leistungsfähigkeit eines 35-Jährigen haben. Wir müssen wegkommen von dem negativen Bild der alternden, schrumpfenden Bevölkerung und das Potenzial erkennen, das in der längeren Lebenserwartung steckt.
ZEIT ONLINE: Und das soll gehen, in dem wir noch mehr Leistung und Flexibilität von allen fordern? Wir sehen doch schon heute, dass sich diese als erheblicher Stress auswirkt. Befristete Stellen nehmen zu, die sichere Festanstellung ist doch ein Auslaufmodell.
Staudinger: Die Arbeitssoziologie ist da anderer Meinung. Mehr als zwei Arbeitsplatzwechsel im Berufsleben ist noch immer die Ausnahme. Außerdem geht es ja nicht darum, prekäre Beschäftigung auszubauen, sondern um eine Umstrukturierung der Arbeitswelt, die auf eine Laufbahnentwicklung ausgerichtet ist. Das fängt mit dem Erziehungs- und Bildungssystem an, das schon Kindern spielerisch Lebensgewohnheiten im Bereich der Ernährung und der Bewegung vermittelt. Die erste Berufsausbildung sollte auf die spätere Kompetenzentwicklung ausgerichtet sein. Unternehmen stellen heute Mitarbeiter meist für eine spezielle Tätigkeit ein – sie sehen nicht so sehr die Persönlichkeit des Mitarbeiters, der zwar ein bestimmtes Qualifizierungsniveau hat, aber zudem eine Menge Entwicklungspotenzial mitbringt. Schon heute zeigen Beispiele gerade aus niedrig qualifizierten Jobs, dass Arbeitsplatzrotation erheblich zum Wohlbefinden der Mitarbeiter beitragen kann. Die Unternehmen sollten mehr Angebote zum Wechseln anbieten. Warum soll ein Lagerarbeiter nicht eine andere Tätigkeit erlernen können? Man muss es ihm zutrauen und Anreize schaffen.

Ursula M. Staudinger ist Psychologin und Altersforscherin an der Jacobs University in Bremen
ZEIT ONLINE: Halten wir also fest: Die Menschen sollen ein Leben lang Neues lernen, aber in einem gesunden Maße. Nach dem Eintritt in das gesetzliche Rentenalter sollen sie aber weiterarbeiten und zwar wie?
Staudinger: Beispielsweise in flexiblen Teilzeitlösungen. Die Unternehmen werden die älteren Beschäftigten immer mehr brauchen. Es gibt sogar schon eine Reihe von Unternehmen, die dringend versuchen, ihre Frührentner zurückzuholen. Das ist nicht immer einfach. Die Älteren wünschen sich andere Arbeitsstrukturen. Teilzeitarbeit wird zu wenig akzeptiert. Da wird gerne mit den großen Reibungsverlusten argumentiert, aber nicht gesehen, welche Motivation und Einsatzbereitschaft ein 30-Prozent-Beschäftigter mitbringt im Vergleich zu einem 200-Prozent-Beschäftigen, der sich ausgelaugt durch den Arbeitsalltag schleppt. Ein umfassend und auf lang anhaltende Gesundheit ausgerichteter Arbeits- und Gesundheitsschutz muss her und ein System für die tertiäre Ausbildung. Hier wäre die Unterstützung der Gewerkschaften sehr wichtig, denn dies erfordert große und aufwändige Umstellung in den Unternehmen, die nicht so leicht zu erreichen sein wird.
Ursula M. Staudinger ist Psychologin Altersforscherin an der Jacobs University in Bremen und leitet dort das Jacobs Center for Lifelong Learning and Instutional Development. Die Fragen stellte Tina Groll.
- Datum 29.10.2009 - 12:43 Uhr
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erstmal würde ich gern wissen wie man auf 100 Jahre Durchschnittsalter kommt für die neue Generation. Ist das so wie bei Festplatten, jedes Jahr verdoppelt sich die Kapazität und man geht davon aus, dass es für immer so sein wird?
Und es ist natürlich toll wenn einer im hohen Alter noch eine Arbeit hat, natürlich nicht zuviel, die ihm Spaß macht und ihn fitt hält. Aber was ist mit denen die das nicht wollen? Soll man sie zwingen zu arbeiten? Und was ist mit den Arbeitslosen? Die kriegen keine Arbeit, während Unternehmen immer mehr Ältere beschäftigen. Ich meine, es muss doch auch genug Arbeit da sein und die junge Generation muss auch eine Chance bekommen.
Ist das die Fortführung des entsprechenden Artikels über den FDP-Vorschlag Rente ab 60 (und dann arbeiten bis das Licht ausgeht)?
Die Demografie in allen Ehren, aber bei de facto 10 Mio Menschen ohne Arbeit (und teilweise in ganz prekärer) in einem zur Niedriglohngesellschaft verkommenen Land, können die Ansprüche von Frau Staudinger wohl kaum erfüllt werden, wenn die Firmen ab 45 kaum noch einstellen wollen und ab spätestens 50 den Aussortierprozeß in gang setzen.
Solche Privat-Unis waren mir schon immer suspekt.
würden sich die Arbeiter schon finden.
Dies ist aber seit Jahrzehnten nicht der Fall, und es wird auch im kommenden Jahrzehnt nicht der Fall sein. Man fragt sich also, wem dies Geschwurbel wozu dienen soll. Und komme ich zu dem selben Fazit wie #2:
"Jacobs-Die Dröhnung": Propaganda zur Senkung des Renten-Niveaus.
Die Ergebnisse der langjährigen Forschung von Frau Staudinger sind auf den ersten Blick wirklich bemerkenswert: "Frau Staudinger, die Ergebnisse Ihrer langjährigen Forschungen zeigen, dass der Geist gar nicht zerfällt, sondern immer weiter wachsen kann."
Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob die Feldforschung tatsächlich in Altersheimen stattfand, oder ob eventuell hier Beobachtungen an älteren Menschen in KITAS einflossen.
Den Menschen als Potential ansehen, das nicht nur die Fähigkeit zum Lagerarbeiter umfasst, ist üblich und tradiert. Ziele wie Flexibilisierung, Umschulung und Fortbildung stehen dafür.
Die Umschulung eines Lagerarbeiters zum Fensterputzer durch ein Unternehmen wird es nur dann geben, wenn die Notwendigkeit unter Kostengesichtspunkten dazu besteht. Der Betrieb ist nicht Familie. Hinzu kommt: Der Arbeitnehmer muss mit seiner neuen Verwendung auch einverstanden sein. Vielleicht gehört es nicht gerade zu seinen Vorstellungen, künftig ein Fensterputzer und danach ein Klinkenputzer zu sein. Diese Beispiele stehen für alle Fragen der Personalentwicklung.
An sich muss die Initiative vom Bürger ausgehen, sich zu verändern, wenn einem der Berufung (=Berufung) nicht mehr gefällt. Diese Veränderung auf Dritte zu verlagern bedeutet, den Menschen quasi zu entmündigen.
Meine Erfahrungen als Personalchef laufen in eine andere Richtung. Die Menschen lieben die Routine und reagieren in der überwiegenden Zahl auf Aus- und Fortbildung unwirsch. Entwicklung ist nicht gerade gefragt, wenn es nicht um Aufstieg geht.
Was die Dame vorschlägt, dass ist eine Idealvorstellung, die nur ein Zielgruppe von etwa 5% im Volke betrifft (Alt-BK Helmut Schmidt gehört dazu).
"Die Umschulung eines Lagerarbeiters zum Fensterputzer durch ein Unternehmen ..." findet nicht statt. Oder genauer: Wenigstens nicht durch ein Reinigungs-Unternehmen. Sondern sie finden statt, finanziert durch unser Beiträge zur Arbeitslosenversicherung, durch ein Umschulungs-Unternehmen. Und die Besteher dieses Kursus werden als Praktikanten mit Lohnzuschuss dem Reinigungs-Unternehmen geschenkt. Und das wird finanziert durch? Richtig: Durch die Fensterputzer, die noch eine Arbeit haben, für die Arbeitslosenversicherung fällig wird.
Aber nicht lange: nach einem halben Jahr läuft "die Förderung" - hahaha: die Förderung des Unternehmens, nicht des Mitarbeiters - aus, und der Bursche steht auf der Strasse,
Ein Schwarzes Loch, das Arbeitsplätze frisst.
"Die Umschulung eines Lagerarbeiters zum Fensterputzer durch ein Unternehmen ..." findet nicht statt. Oder genauer: Wenigstens nicht durch ein Reinigungs-Unternehmen. Sondern sie finden statt, finanziert durch unser Beiträge zur Arbeitslosenversicherung, durch ein Umschulungs-Unternehmen. Und die Besteher dieses Kursus werden als Praktikanten mit Lohnzuschuss dem Reinigungs-Unternehmen geschenkt. Und das wird finanziert durch? Richtig: Durch die Fensterputzer, die noch eine Arbeit haben, für die Arbeitslosenversicherung fällig wird.
Aber nicht lange: nach einem halben Jahr läuft "die Förderung" - hahaha: die Förderung des Unternehmens, nicht des Mitarbeiters - aus, und der Bursche steht auf der Strasse,
Ein Schwarzes Loch, das Arbeitsplätze frisst.
[quote]Die Demografie lehrt uns, dass ein Mädchen, das heute geboren wird, eine durchschnittliche Lebenserwartung von 100 Jahren hat.[/quote]
die realität lehrt uns aber, dass die lebenserwartung in hohem maße von externen faktoren abhängt. und dass die welt, in der wir bislang lebten, und auf die sich alle unsere hübschen berechnungen beziehen, eine bislang beispiellose blase der glückseligkeit ist.
Als der Personalchef noch unter 30 war, bewarb sich ein 50 Jahre alter Herr um einen Posten. Man fand, dass er zu alt sei dafür und bevorzugte einen jüngeren.
Ich war Zeuge dieser Praeferenz und befürwortete dies, weil ich ebenso jung war!
Aber heute muss ich eingestehen, dass man bis ins hohe Alter agil bleiben und aufgrund seiner Erfahrung sogar mehr leisten kann als die Jüngeren. Verstaenlicherweise ist dafür Voraussetzung, auch körperlich gesund zu sein - das trifft aber genau so für die jüngere Generation zu!
Klar darf ein Senior keinen Platz besetzen, der ursprünglich für einen Nicht-Rentler bestimmt war, wenigstens darf dies nicht zur Regel werden und sollte bei der Ausnahme bleiben. Darüber hinaus ist es ja auch so, dass die neue Generation des Rates und der Erfahrung der aelteren bedarf. Denn es geht nichts über Erfahrung.
Wenn man lernt, Senioren richtig einzuschaetzen, gewinnen beide Seiten. Das Unternehmen erfaehrt eine echte Bereicherung und die jüngeren Angestellten profitieren ebenso davon.
"Die Umschulung eines Lagerarbeiters zum Fensterputzer durch ein Unternehmen ..." findet nicht statt. Oder genauer: Wenigstens nicht durch ein Reinigungs-Unternehmen. Sondern sie finden statt, finanziert durch unser Beiträge zur Arbeitslosenversicherung, durch ein Umschulungs-Unternehmen. Und die Besteher dieses Kursus werden als Praktikanten mit Lohnzuschuss dem Reinigungs-Unternehmen geschenkt. Und das wird finanziert durch? Richtig: Durch die Fensterputzer, die noch eine Arbeit haben, für die Arbeitslosenversicherung fällig wird.
Aber nicht lange: nach einem halben Jahr läuft "die Förderung" - hahaha: die Förderung des Unternehmens, nicht des Mitarbeiters - aus, und der Bursche steht auf der Strasse,
Ein Schwarzes Loch, das Arbeitsplätze frisst.
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