Unterschied von fünf Prozent
War der jahrelange Zoff etwa doch umsonst? Lernt man nicht viel besser unter Geschwistern seine Interessen durchzusetzen, Rücksicht zu üben und Verantwortung zu zeigen? "Das Aufwachsen unter Geschwistern ist eine Spielwiese, auf der man mit verschiedenen Arten der sozialen Interaktion experimentieren kann", sagt Kasten. Man lerne, seine Ellenbogen zu gebrauchen, finde Wege, seine Interessen durchzusetzen und Kompromisse zu schließen, Sozialkompetenzen also, die auch im Berufsleben gefragt seien.
Doch: Letztlich spielt es heute für die Persönlichkeitsentwicklung fast keine Rolle mehr, ob ein Kind Geschwister hat oder als Einzelkind aufwächst: "Die Unterschiede im Verhalten belaufen sich auf weniger als fünf Prozent", sagt der Familienforscher. Viel wichtiger als die Geschwister seien für das soziale Lernen die Eltern, die Freunde, die soziale Umgebung, in der ein Kind aufwachse. "Durch sie lernt man, was für eine Karriere wichtig ist: ehrgeizig zu sein, sich anzustrengen, sich durchzusetzen und Konflikte zu lösen."
Ob ohne Geschwister aufgewachsen oder mit – spätestens im Berufsleben spielt das sowieso keine Rolle mehr. "Die Unternehmen wollen das gar nicht wissen", sagt Ina Voigt von der Deutschen Gesellschaft für Personalwesen in Berlin. Im Lebenslauf tue das nichts zu Sache. Auch im Bewerbungsgespräch sei das Thema mit Vorsicht zu genießen. Es baue auf Klischees auf, die in der Wissenschaft längst widerlegt seien und berühre außerdem die Persönlichkeitsrechte der Bewerber. "Wer belegen will, dass er eine verantwortungsvolle Führungskraft ist, sollte von handfesten Beispielen aus dem Arbeitsleben berichten", rät Voigt.
Das sieht auch der Berliner Karriereberater Gerhard Winkler so. "Teamfähigkeit zeigt man nicht dadurch, dass man mit fünf Geschwistern groß geworden ist", sagt er. Wer sich in der Berufswelt auf solche Klischees beziehe, bewege sich im Bereich der "Vulgärpsychologie". Es gibt allerdings eine Ausnahmesituation: jugendliche Bewerber, die direkt nach der Schule einen Job oder eine Ausbildung suchen. Sie können noch nicht mit Berufserfahrung punkten und müssen deshalb alles ins Spiel bringen, was ihnen nützen könnte, um sich von Konkurrenten abzusetzen. "Das kann dann auch schon mal die Schwester sein, die seit ein paar Jahren in dem Bereich arbeitet und immer wieder von ihrem spannenden Alltag erzählt hat."
Die Geschwisterfolgen-Theorie kann man also ad acta legen. Die Forscher begegnen heute ganz individuellen Konstellationen. "Jede Geschwisterbeziehung ist ein eigenes Universum", sagt Kasten. Gerade deshalb lohnt es sich, zu prüfen, ob das Selbstbild, das man oft seit der Kindheit mit sich herumträgt, tatsächlich noch stimmt – und das kann auch für die Karriere nützlich sein. Stellt man etwa an sich fest, dass man bei der Ausstattung von Selbstbewusstsein schlechter weggekommen ist als die Geschwister, kann man Kurse belegen, in denen man lernt, sich durchzusetzen, rät Kasten. Auch emotionale Intelligenz und Ehrgeiz seien erlernbar.
Beziehungen, Familie, Berufsalltag, die Gesellschaft – all das formt ständig unseren Charakter. Als 15-Jähriger sei man ein ganz anderer Mensch, als mit 35. "Wir wandeln uns ein Leben lang", sagt Kasten. Die Richtung kann man mitbestimmen. Wenn auch nicht jeder es irgendwann, wie die Grönemeyers, bis zum Rocksänger, Galeristen oder Professor schafft.
Zum Weiterlesen:Hartmut Kasten: "Geschwister. Vorbilder, Rivalen, Vertraute", 5. Auflage, Reinhardt Verlag, München 2003. 192 Seiten, 17,90 Euro; Horst Petri: "Geschwister. Liebe und Rivalität", Kreuz Verlag, Freiburg 2006, 200 Seiten, 14,95 Euro; Marcel Rufo: "Geschwisterliebe Geschwisterhass. Die prägendste Beziehung unserer Kindheit", Piper Taschenbuchverlag, München 2005, 256 Seiten, 8,90 Euro
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel.)
- Datum 19.11.2009 - 16:32 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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nach der Lektüre des Artikel möchte auf das Buch von Prof. Tomann verweisen: "Familienkonstellation".
In zahlreichen umfangreichen Untersuchungen wies Tomann auf auffällige Konstellationen in Familienstrukturen hin, die mehr auf sozio-psychologischer Basis zu bewerten sind und viele verblüffende Beispiele familiärer "Hackordnungen" oder Hierarchien eindringlich beschreibt. Tomann versucht relativ wertfrei zu urteilen und meiner Überzeugung nach, weisen seine Erkenntnisse in verständlicher Weise nach, wie sich Familienkonstellationen auch über Generationen hinweg fortsetzen.
Wolfgang Neisser
Hmmja, ich bin genau in der Mitte, das bedeutet bei fünf Kindern zwei älter und zwei jünger.
Ich hatte als Kind viel auszuhalten, aber mittlerweile ist es so (als über 50-jähriger), daß gerade ich gefragt bin um alle möglichen Probleme zu lösen.
Woran könnte das liegen, an der zwangsläufigen Erlernung von Kompromissen, oder einfach daran, daß man dadurch, daß man in frühgeschwisterlichen Streitigkeiten sehr viel lernen mußte?
So ist mein Eindruck. Und mir hat das alles weiter geholfen.
LG
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