Markus Jung : "Nur Schadensfälle zu bearbeiten ödete mich an"

Viele Jahre hat Markus Jung als Versicherungskaufmann gearbeitet. Auf Dauer war es zu wenig: Ein Fernstudium ebnete den Weg zum Gründer eines erfolgreichen Start-ups.
Ein Studium beenden: Manche ziehen ein Studium neben dem Beruf durch © Christopher Furlong/Getty Images

Muss man immer den Beruf ausüben, den man einmal erlernt hat? Keineswegs. ZEIT ONLINE stellt Menschen vor, die in einer zweiten Karriere eine neue Berufung gefunden haben. Im dritten Teil unserer Serie erzählt der 36-jährige Markus Jung, wie er durch ein Fernstudium auf die Idee für sein eigenes Unternehmen kam. 13 Jahre lang hatte er für eine große Versicherung Schadensfälle bearbeitet – heute ist er Internet-Unternehmer und sein eigener Chef.

Wer Menschen kennt, die eine zweite oder sogar dritte Karriere begonnen haben, darf sehr gerne Vorschläge an die Redaktion richten. Wir freuen uns!

Einfach neu durchstarten: ZEIT ONLINE stellt Menschen vor, die mitten in ihrem Berufsleben eine zweite Karriere begonnen haben © Pierre Andrieu/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Jung, nach dem Abitur machten Sie eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann. Hand aufs Herz: Waren Sie so brav und haben auf Ihre Eltern gehört, die Ihnen sagten: "Junge, mach was Solides"?

Markus Jung: (lacht) Ehrlich gesagt, war das so eine Entscheidung, ja. Ich bin mit der Berufswahl auch meinem Vater nachgekommen. Ich wollte erst einmal einen Beruf lernen, Geld verdienen, auf eigenen Füßen stehen. Da habe ich die kaufmännische Ausbildung gemacht. Aber ich hatte immer den Wunsch, auch noch zu studieren.

ZEIT ONLINE: Den Wunsch haben Sie allerdings erst einmal vertagt, weil Sie nach der Ausbildung übernommen wurden.

Jung: Ich habe bei einer sehr großen Versicherung gelernt und wurde in einer Niederlassung in Köln übernommen. Nach der Ausbildung fand ich es gut, einige Zeit lang auch in dem Beruf zu arbeiten. Allerdings ödete es mich nach einiger Zeit an, nur Schadensfälle zu bearbeiten. Da habe ich mich nach Weiterbildungsmöglichkeiten erkundigt. In der Versicherungsbranche machen viele eine Fortbildung zum Betriebswirt. Das kam für mich aber nicht infrage. Ich wollte ja immer noch studieren.

ZEIT ONLINE: Sie waren Mitte 20, warum nicht einfach den Job kündigen und noch mal an die Uni gehen?

Schadensfälle zu bearbeiten, war ihm irgendwann zu wenig: der Unternehmer Markus Jung © Markus Jung

Jung: Wenn man erst einmal Geld verdient und im Berufsleben steht, ist das ein harter Schnitt. Das wollte ich auch nicht. Also bin ich auf die Idee gekommen, ein Fernstudium zu machen. Aber die Suche gestaltete sich schwierig. Was ist das richtige Fach, welche Anbieter gibt es, was kosten die und wie seriös sind die? Ich fand Werbung von Fernuniversitäten auf der Rückseite von Fernsehzeitschriften nicht sehr überzeugend. Im Internet gab es auch nicht viele umfassenden Informationen. Also habe ich die Akademien und Fernunis angeschrieben, Material eingeholt, die Angebote verglichen und mich schließlich für Informatik an der Wilhelm Büchner Hochschule in Darmstadt eingeschrieben.

ZEIT ONLINE: Und das ging so einfach? Was hat Ihr Arbeitgeber dazu gesagt, dass Sie nach Feierabend noch studiert haben?

Jung: Das wurde begrüßt und sogar gefördert. Wie erwähnt, war ich in einem sehr großen Unternehmen, in dem Weiterbildung recht verbreitet ist. Mein Arbeitgeber hat mich beispielsweise für Klausurtermine und Prüfungszeiten freigestellt. Und nach dem Abschluss auch einen Teil der Studienkosten bezahlt. Es gab sogar für besonders gute Leistungen einen kleinen Bonus. Dafür musste ich im Gegenzug unterschreiben, dass ich nach dem Fernstudium mindestens noch ein Jahr lang im Unternehmen bleiben würde.

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Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

@1

Wieso bezeichnen Sie das Fernstudiengeschäft ale eine privatwirtschaftliche Abzocke? Unzählige Unternehmen sind gemeinnützig, staatliche Institutionen und Einrichtungen bieten diese Dienstleistung an.

Als wäre ein Studium an einer Präsenzhochschule nicht mit persönlichen Investitionen in Lebenszeit und Ersparnisse verbunden. Der Fernhochschul-Student hat zudem den Vorteil seinen Verdienst zu erhalten. Unter dem Strich gewinnt dabei der einzelne und die Volkswirtschaft.

Ein Versäumnis dürfte man eher dem Staat vorwerfen nicht genügend Stipendien anzubieten. Besonders für Personen die über den 3. Bildungsweg Zugang zu akademischer Ausbildung erhalten sollten gefördert werden - wenn sie nebenher noch ihren Job erhalten um so mehr.

Des weiteren würde ich ihnen anraten die Seite von Herrn Jung zu besuchen um festzustellen, dass ein Fernstudium sowohl an einer Universität als auch an einer Hochschule stattfinden kann ;-)

Studium nicht Grund des Unternehmens

So wie ich die Sache sehe, war die Idee des Autors zum Fernstudium zwar gut für ihn, indem er seinen Horizont erweiterte und neue Beziehungen knüpfte, aber das Studium an sich war nicht die Grundlage für die Website, deren Chef er jetzt ist und mit der er Geld verdient. Um eine solche Website aufzubauen, bedarf es keiner akademischen Ausbildung. Diese Art von Website mit den Foren ist eine Standardwebsite, die man individuell customizen kann. Keine Ahnung, was die kostet, aber so teuer dürfte die nicht sein. Solche Foren gibt es für Nähmaschinen-Fans und Schachcomputerfreunde genauso wie für andere Hobbies. Ein ordentlicher Computer mit 'ner guten Platte dazu und schon kann man loslegen, die richtige Idee vorausgesetzt. Ein Informatikstudium ist nicht nötig.

Glauben Sie wirklich...

..dass man VERNÜNFTIGE Webseiten einfach so ohne Kentnisse machen kann? Hier mag das zutreffen, weil es ein 08/15-Design ist, aber wenn mans vernünftig machen will, gehört ein wenig mehr dazu...

Zum Thema: Was ist daran so schwer zu verstehen? Wenn er kein Fernstudium gemacht hatte, wäre er nie auf das Projekt mit der Page gekommen. Also hängt das doch zusammen, wenn auch nicht primär...

Entscheidend ist das Themenwissen, ...

... um eine Website "vernünftig" erscheinen zu lassen. Also eine Photosite sollte schon Expertenwissen über Photographieren und Photoapparate enthalten. Der Leser muss erkennen, dass er es mit einem "As" zu tun hat. Sonst geht man weiter. Die Website-Technik (mit Datenbank und so) wird heute mehr und mehr vom Provider inklusive angeboten, da braucht man nichts mehr zu machen. Schauen Sie sich mal die kostenlosen Auftritte an, die man bei Google (nur ein Beispiel von vielen) erstellen kann - einfach genial. Alles drin, alles dran - für null Cents. Allerdings zunächst als Subdomain. Ich bin sicher, bald machen die noch 'nen Shop mit Abrechnungssystemen etc. gratis dazu. Ich hab' schon viele Formate ausprobiert, sodass ich sofort loslegen könnte - allein mir fehlt noch die "Nischenidee". Herrn Jungs Verdienst ist hauptsächlich, die Beziehungen zu den Fernstudieninstituten hergestellt und seine Idee mit viel Geduld umgesetzt zu haben. Ich wünsche ihm viel Erfolg. Ich werde ihm jedoch keine Konkurrenz machen. Fernstudieninstitute sind nun mal nicht mein Ding, ich suche weiter, bis es "klick" macht.

Sorry...

...aber sie sollten ihre Wissen ganz schnell aktualisieren. Ein CMS aufzusetzen heisst noch lange nicht es auch vernünftig zu machen. Und es wird alles von den Providern geregelt? Ich habe schon einige Provider durch - diese stellen vielleicht die Datenbanken an sich zur Verfügung, die Datenbank designen und strukturieren (ich sage nur 3. Normalform) und die Schnittstellen programieren muss man immer noch selber. Auch kann man mit den "Baukästen" keine wirklich vernünftigen Webseiten erstellen (ich sehe es immer wieder bei meinen Kunden). Das fängt beim grotenschlechten Code an, der so gut wie nie Standardkonform ist, und geht bis hin zur fehlenden Suchmaschinenoptimierung. Wenn man es richtig machen will, sind Kentnisse über HTML/CSS unabdingbar, dazu sollte man mit dem Bereich "Barrierefreiheit" vertraut sein. Dann die Frage ob CMS oder etwas eigenes machen: Wenn man auf einer Seite nur ein paar Texte oder Daten sichern will, dann kann man das auch selber per PHP/MySQL. Wenn es mehr ist wird auch ein CMS interessant.

Ich will hier nicht klugscheissen, darum geht es nicht...wem diese Dinge etwas sagen und wer sich dann noch ein wenig mit Photoshop auskennt und klein wenig das Händchen für Gestaltung hat (dazu gehören auch Farblehre und Typographie), der kan eine wirklich gute Seite machen.

Bitte nicht übertreiben

Wie die erfolgreiche Site des Herrn Jung zeigt, kommt es auf übertriebene Website-Technik nicht an. Sie können sich natürlich in tausend Details hineinvertiefen, um Ihren Auftritt mit möglichst viel "professionellem" Schnickschnack auszuschmücken, aber nötig ist es nicht, eher Zeitverschwendung. Es kommt darauf an, Leute an die Site zu binden, sie also thematisch interessant zu machen. Daneben dann für Affiliatepartner als Werbefläche anzubieten, was auch kein Hexenwerk ist, jedenfalls braucht man dafür kein Studium. Das wollte ich damit sagen. Wenn man eine gute Idee hat (die mir im Moment noch fehlt), kann man eigentlich sofort loslegen. Immerhin lebt Herr Jung bereits von seiner Site, was mich sehr erstaunt!

Darum ging es mir nicht...

Natürlich haben Sie recht wenn Sie sagen dass es auf Inhalt ankommt. Nur nervt mich dieses Märchen (auch weil ich beruflich damit zu tun habe) dass man auch ohne Wissen eine gute Website machen kann. Vom inhaltlichen her mag dass stimmen, von der Konstruktion der Seite selber auf keinen Fall.

Beispiel: Der Betreiber der Seite möchte doch auch dass er in Suchmaschinen gefunden wird, oder? Und das ist gerade anfänglich schwer, wenn noch nicht eine Menge User auf die Seite schauen (die muss man ja erst mal bekommen). Also gerade für die Startphase ist eine suchmaschinengerechter Code unabdingbar. Und den bekommt man nicht mit Klick-Tools. Da muss man selber Hand anlegen. Die meisten Klick-Tools schaffen es ja nicht mal die Beschreibungs-Tags von Bildern und Links zu setzen. Und die machen für Suchmaschinen eine Menge aus. Hier liegen die Grenzen zwischen einer technisch guten und schlechten Seite...

Auch aufmerksames Lesen lernt man im Fernstudium ....

Meiner Ansicht nach haben die meisten Kommentatoren hier die Intention des Artikels bzw. der Artikelreihe gar nicht verstanden...

Es geht doch weder darum, ob ein Studium mit der Intention einer konkreten Karriere aufgenommen wurde, noch darum, inwieweit ein Fernstudium hier das Wissen zum Programmieren einer erfolgreichen Webpräsenz vermittelt hat oder ein Fernstudium grundsätzlich einem Präsenzstudium vorzuziehen sei.

Was gezeigt werden soll ist, dass es sich lohnt über den Tellerrand hinauszusehen, dass die sogenannten Normalbiografien langsam hinfällig werden und es nie zu spät ist, nocheinmal den Schritt zu etwas ganz Neuem zu wagen - egal in welchem Alter.

Und natürlich verlangt (und vermittelt) ein erfolgreiches Fernstudium Kompetenzen, die über ein Präsenzstudium hinausgehen (gerade wenn es neben dem Beruf absolviert wird - was ja kein Muss ist - auch ein Vollzeitstudent kann sich aus guten Gründen für ein Fernstudium entscheiden - aber das ist ein ganz anderes Thema).

Im Rahmen meines Studiums sammle und veröffentliche ich derzeit "Erfolgsgeschichten jenseits der Normalbiografie" - die zeigen, dass der zweite und dritte Bildungsweg oft motivierter, selbstdiziplinierter und engagierter durchlaufen wird, als der "normale Weg" und somit zwangsläufig auch Absolventen und der Gesellschaft nützlicher sein werden als gradlinige Entscheidungen im Jugendalter, die dann nie mehr hinterfragt werden

Sabine
von Siemsens Selbstlerner Community
http://www.sieseco.com/comun

Buch und Kommentare

Zum Fernstudium-Ratgeber möchte ich noch anmerken, dass ich diesen nicht alleine geschrieben habe, sondern zusammen mit Anne Oppermann von der Fernstudienakademie aus Münster.

Ansonsten freue ich mich hier sehr über die zahlreichen Kommentare und möchte kurz darauf eingehen.

Das Informatik-Fernstudium war ein reguläres akademisches Studium an einer staatlich anerkannten Hochschule, das mit dem regulären Grad des Diplom-Informatikers FH abgeschlossen hat. Natürlich gibt es auch nicht-akademische Fernlehrgänge, so habe ich zum Beispiel auch eine Journalismus-Weiterbildung an der Freien Journalistenschule per Fernunterricht belegt. Diese hat mir wertvolle Kenntnisse vermittelt, ist aber mit einem akademischen Journalistik-Studium natürlich nicht vergleichbar.

Die Technik ist für mich nicht das Wesentliche, um erfolgreich zu sein - wenngleich es schon auch viele technische Aspekte zu berücksichtigen gilt. Dann ist die Technik aber nur das Mittel zum Zweck - und der Zweck ist es, kontinuierlich fundierte Informationen zur Verfügung zu stellen und bei Fragen zu helfen sowie eine Plattform zum Austausch zu bieten.

Entscheidend ist ein Thema, von dem man begeistert ist und mit dem man sich auskennt. Es kann sehr hilfreich sein, sich hier nicht (nur) von monetären Überlegungen leiten zu lassen. Und man sollte viel Geduld und Ausdauer mitbringen. Eine Community kann man auch mit der besten Technik nicht erstellen, diese muss langsam wachsen und sich entwickeln.