Ihr Steak braten sie genauso saftig, die Entenbrust genauso kross und die Mousse au Chocolat gelingt ihnen auch. Trotzdem verdienen Köchinnen in Deutschland im Schnitt deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen am Herd. Gleiches gilt für Sozialpädagoginnen, Verkäuferinnen, Tischlerinnen, Maschinenbauingenieurinnen oder Chemikerinnen. Eine Krankenschwester hat im Monat sogar rund 100 Euro weniger in der Tasche als ein gleich ausgebildeter Krankenpfleger. Eine Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt: Bei gleicher Ausbildung, gleichem Alter, gleichem Beruf und sogar im gleichen Betrieb bekommen Frauen im Schnitt zwölf Prozent weniger Gehalt als ihre männlichen Kollegen. Frauen in Führungspositionen verdienen sogar fast 33 Prozent weniger als ein Mann mit Top-Job.

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, diese Forderung ist schon 100 Jahre alt und bis heute nicht eingelöst. Die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen ist in Deutschland mit insgesamt 23 Prozent so groß wie in kaum einem anderen Land der EU. Zwar verdienen Frauen nahezu überall im Schnitt weniger, weil sie oft in sozialen Berufen oder anderen Branchen mit vergleichsweise schlechter Bezahlung arbeiten. Der EU-weite Schnitt liegt nach IAB-Angaben aber deutlich unter dem deutschen bei 17 Prozent. Laut Eurostat lag Deutschland 2006 in Punkto Gleichbezahlung in der EU auf dem viertletzten Platz. 

Politiker aller Parteien beschreiben die Situation in schöner Regelmäßigkeit als inakzeptabel. Trotzdem schreibt sich kaum ein Betrieb das Thema auf die Fahnen. Nach einer Studie des IAB hat sich der Anteil der Firmen, die sich mit freiwilligen Initiativen, betrieblichen oder tariflichen Vereinbarungen für die finanzielle Gleichberechtigung einsetzen, seit zehn Jahren kaum verändert – er liegt bei nur 13 Prozent in Betrieben mit mehr als zehn Beschäftigten.

Unter dem Strich, so entgegnet Hermann Gartner vom IAB, dürfe aber nicht jeder Gehaltsunterschied gleich als diskriminierend gedeutet werden. "Wenn Frauen und Männer im gleichen Beruf unterschiedlich viel verdienen, liegt das meist an hierarchischen Strukturen", erklärt er. Männer seien öfter Gruppen- oder Teamleiter, machten mehr Überstunden. "In einem Team von zehn Sozialpädagogen ist oft der einzige Mann auch der Leiter", hat Gartner für seine Studie beobachtet. Genau wie in Grundschulen der einzige Mann im Kollegium vielfach Rektor werde. Hinzu komme, dass Männer in Verhandlungen durchsetzungskräftiger auftreten als ihre Kolleginnen. Sie stellen ihr Licht nicht so leicht unter den Scheffel.

Die Lohnlücke trifft vor allem ältere Frauen, die schon Jobunterbrechungen hinter sich haben. Einer Veröffentlichung des Bundesfamilienministeriums zufolge verdienen Frauen bis 24 Jahre rund acht Prozent weniger als gleichaltrige Männer. Die Altersgruppe von 35 bis 55 Jahren liegt schon 22,2 Prozent zurück. "Oft kommen die Unterschiede durch Babypausen zustande", erklärt Christiane Spies vom IAB. Frauen hätten durch ihre Jobpausen weniger Berufsjahre und verpassten Beförderungschancen, heißt es auch beim Bundesfamilienministerium. Wer nach der Babypause wieder einsteigt, muss demnach oft zurückstecken und bekommt von vornherein routiniert und notorisch geringer dotierte Gehaltsangebote.

Doch auch Single-Frauen ohne familiäre Verpflichtungen verdienen im Schnitt weniger als ihre männlichen Kollegen. "Das kann man sich doch nicht gefallen lassen", sagt Isinay Kemmler. Sie hat sich gewehrt und vor zwei Jahren die Initiative rote Tasche ins Leben gerufen. Das Tragen einer roten Handtasche wird zum Symbol für den Kampf dagegen, dass Frauen sprichwörtlich weniger in der Tasche haben als Männer.

"Deutschland ist was Frauengleichberechtigung angeht eher ein Entwicklungsland", sagt die gebürtige Türkin Kemmler. "Mit ein paar Coachings zu selbstbewusstem Verhalten in Vertragsverhandlungen sei das Problem nicht gelöst", meint sie. Die Initiative rote Tasche veranstaltet daher öffentliche Aktionen wie den jährlichen Equal Pay Day– und hat es so geschafft, die Debatte über gerechten Lohn in Deutschland zu beleben.  

"Unternehmen können einfach nicht auf das Potenzial gut ausgebildeter Frauen verzichten", ist sich Kemmler sicher. Dabei sieht sie aber nicht nur Firmen und Politik in Zugzwang, sondern auch die Frauen selbst. "Wir müssen uns besser vernetzen und forscher werden", fordert sie. Frauen sollten schon bei der Berufswahl auch an ihr späteres Gehalt denken. In einigen Branchen nämlich stehen sie auf der Lohnleiter dann doch über den Männern: Laut Statistischem Bundesamt verdienen Postverteilerinnen zwei Prozent mehr, Maurerinnen sogar elf Prozent mehr als ihre Kollegen.

Für manche Frauen würde sich unter Umständen ein Umzug vom Land in die Stadt lohnen. Laut IAB-Studie verdienten junge Frauen 2004 in der Großstadt 15 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen, in ländlichen Gebieten waren es 25 Prozent.