Es sieht aus wie ein Computerspiel. Die Spieler laufen durch Gänge, sie stürmen Gebäude, jagen Amokläufer, liefern sich Verfolgungsjagden. Die Software ist jedoch kein Spiel, sondern eine Simulationssoftware für Polizisten und Sicherheitskräfte. Sie trainieren auf diese Weise am Computer die Zusammenarbeit in gefährlichen Einsätzen.

Immer mehr Bundesländer setzen E-Learning-Programme ein, um ihre Polizisten zu schulen. Der 237 Millionen Euro schwere E-Learning-Markt brummt. "In den nächsten zwei Jahren entwickelt sich die Didaktik hin zum problemorientierten, aber spielerisch-experimentellen und verstärkt kooperativen Lernen mit Computerhilfe", sagt Andreas König, Professor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und Experte im Bereich E-Learning.

Bei der Simulationssoftware für Polizisten beispielsweise steht nicht das Spielen, sondern die Interaktion und Kooperation im Vordergrund. Auch wenn die Täter mit Maus und Tastatur gejagt werden, die Simulation soll so realistisch wie möglich sein.  Auch steht das Training inklusive einer Leistungsauswertung im Vordergrund: "Übungsleiter oder auch Coaches können ihre Perspektive wechseln und anhand des gespeicherten Geschehens auch das taktische Vorgehen, die Kommunikation und die Fortschritte der Lernenden detaillierter auswerten und für die Teilnehmer anschaulicher kommentieren", sagt Markus Herkersdorf, der für den Hersteller der Software arbeitet.

Lernsoftware wird auch für die Schulung von Führungskräften in Unternehmen eingesetzt. Es gibt eine Vielzahl an Programmen, die auf spielerische Weise Managementwissen, Controlling-Know-how oder Mitarbeiterführung und Gesprächsführung vermitteln. "Serious Games" werden diese Programme genannt. Unternehmen wie Union Investment, DHL, Lufthansa oder BASF nutzen solche E-Learning-Programme bereits, um ihre Mitarbeiter weiterzubilden.

Doch wie effektiv sind 3D-Simulationen? Kann ein Computerprogramm dazu beitragen, dass Sicherheitskräfte in einem realen, möglicherweise lebensgefährlichen Einsatz routinierter vorgehen? Erkenntnisse aus der Gehirnforschung liefern jedenfalls Hinweise, dass die Lernprogramme eine sinnvolle Ergänzung sind. Das Spiel führt zu einem messbaren Lerneffekt. Der funktioniert so: Die Programme erzeugen bei den Spielern Gefühle, die mit dem neu erlernten Wissen verknüpft werden. "Ohne die mit Heiterkeit und Begeisterung, Wut, Trauer oder Aggression verbundene Ausschüttung von Neurotransmittern wird nichts haften bleiben", sagt Gisela Volk, die bei einem großen Lernsoftware-Anbieter arbeitet.

Dementsprechend besteht die Herausforderung darin, ein Lernspiel zum emotionalen Erlebnis zu machen. Manche Softwarehersteller verpacken ihren interaktiven Lernstoff beispielsweise in Tatort-Krimis oder James-Bond-Szenen. Das ist spannend und fordert den Spielern mehr ab als reine Wissensabfrage oder bloße Simulation.

Doch auch wenn sich die Lernenden nach packendem Agentenspiel oder Polizeisimulation routinierter als zuvor fühlen, an Übungen am lebenden Objekt führt letztlich kein Weg vorbei. Markus Herkersdorf sagt: "Spätestens, wenn ein Täter in der Realität gestellt wird, muss jeder Handgriff sitzen."

(Zuerst erschienen auf Karriere.de)