Heute ist Internationaler Frauentag. Aber brauchen wir, 100 Jahre nachdem er von der deutschen Frauenrechtlerin Clara Zetkin initiiert worden ist, überhaupt noch einen solchen Tag? Ja. Zwar liegt die Erwerbsquote von Frauen mittlerweile bei 60 Prozent. In Führungspositionen sind sie aber immer noch Mangelware. Sie verdienen erheblich weniger als Männer, stellen die Mehrheit unter den Beschäftigten in prekären Arbeitsverhältnissen und tragen ein damit größeres Armutsrisiko. Daran konnte weder die Generation "Emma", noch die Generation "Alpha-Mädchen" viel ändern.

Fünf Jahre nachdem erstmals eine Frau zu Bundeskanzlerin gewählt worden ist, drückt sich die mangelnde Gleichberechtigung am deutlichsten im sogenannten Gender Pay Gap aus – dem Verdienstunterschied zwischen den Geschlechtern: Frauen verdienen selbst mit Tarifverträgen, gleicher formaler Qualifikation und auf gleicher Position in Deutschland im Schnitt 23 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen.

Im jüngsten "Gender Gap Report" des World Economic Forum vom Herbst 2009 lag Deutschland auf Platz 12 und ist damit innerhalb von zwei Jahren um 7 Plätze zurückgefallen. Zurückgefallen, weil sich hierzulande kaum etwas bewegt hat, während andere Länder nachgebessert haben.

In Norwegen gibt es beispielsweise für alle börsennotierten Unternehmen seit 2008 eine Frauenquote für die Besetzung der Aufsichtsratsposten. In Deutschland kämpfen die Frauenverbände bislang vergeblich dafür. Der Frauenanteil in Spitzenpositionen der Wirtschaft stagniert seit Jahrzehnten bei zehn Prozent.

Seit Jahren ebenfalls festzustellen: die horizontale und vertikale, geschlechtsspezifische Segmentation der Gesellschaft, wie es soziologisch so schön heißt. Männer oben, Frauen unten. Männer in den angeblich männlichen, harten Bereichen, Frauen in den angeblich weiblichen, weichen Bereichen. Eine der Folgen: Überall dort, wo die Frauen überrepräsentiert sind, fehlen die Männer und somit auch die Rollenvorbilder für Jungen.

Das Geschlecht ist eine Strukturkategorie, nach der sich die Gesellschaft in männlich und weiblich aufteilt. Die Vorstellungen darüber, wie Männer und wie Frauen zu sein haben, dominieren das Verhalten. Entscheidungen, die gegen das herrschende Rollenklischee verstoßen, werden von der Gesellschaft bestraft. Diese Erfahrung machen Männer, die zu weiblich auftreten, und Frauen, die zu männlich sind. Die Wirksamkeit dieser Klischees ist so manifest, dass sie zur Zementierung der Ungleichheit beiträgt.

Schon die Berufswahl von Jungen und Mädchen erfolgt stereotyp. Dabei machen mehr Mädchen als Jungen das Abitur – und das mit durchschnittlich besseren Leistungen. Die Frauen wählen aber eher weibliche Berufe und Studienfächer, in denen die späteren Einkommen nicht so hoch sind. Junge Frauen berücksichtigen ihre Rolle als spätere Mutter bereits in der Phase der Berufswahl. Sie wählen Jobs, von denen sie glauben, dass sie diese gut mit einer Familie vereinbaren können. Die Männer hingegen wählen männliche Berufe und Studienfächer, welche in die zukunftsträchtigen, gut bezahlten MINT-Berufe führen: Mathematik, Ingenieurs- und Naturwissenschaften, Technik und Wirtschaft. Es sind auch die Berufe, welche den jungen Männern die Rolle als Ernährer ermöglichen können.