ZEIT ONLINE: Frau Scheub, Sie sind Feministin, haben ein Buch mit dem Titel Heldendämmerung geschrieben und stellen die These auf, dass wir vor dem Untergang des Patriarchats stehen. Um Belege für Ihre These zu finden, haben Sie sich der Geschichte, der Kulturwissenschaft, der Psychologie und sogar der Neurowissenschaft bedient. Wie kommen Sie denn darauf, dass die weißen Männer in einer Krise seien?

Ute Scheub: Bestimmte Männer fühlen sich durch die zunehmende weibliche Berufstätigkeit bedroht, weil sie ihren traditionellen Status als Familienernährer und -oberhaupt verlieren. Wir finden in der jüngeren Geschichte viele Zusammenhänge zwischen der aufkeimenden Frauenbewegung und einer Erstarkung von Männerbündnissen und Überhöhung einer militarisierten Männlichkeit. Frauen wurden berufstätig, Männer bekamen es mit der Angst zu tun, dass Körperkraft und Wehrbereitschaft bedeutungslos werden könnten. Nie zuvor waren so viele Uniformen zu sehen, nie zuvor so viele Duelle wie Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Männerbünde wollten die Frauen an ihre vermeintlich angestammten Plätze zurückverweisen. Uniformen sollten zunehmend fragile männliche Identitäten schützen.
ZEIT ONLINE: In Deutschland kann man derzeit wohl kaum von einem aufkommenden, männlichen Militarismus sprechen...

Scheub: Nein, das Kriegerheldentum ist 1945 zum Glück krachend von seinem Sockel gestürzt, wie es scheint, endgültig. Dennoch finden wir nach wie vor militärisch geprägte Sozialstrukturen in anderen Gesellschaftsbereichen, zum Beispiel in der Wirtschaft, im Top-Management, auf dem Finanzmarkt. Dort, wo Frauen in den Spitzengremien kaum vertreten sind. Viele Spitzenmanager begreifen ihren Job als Krieg. Der Ton ist sehr kriegerisch. Und dieser raue Ton schreckt Frauen wiederum ab.

ZEIT ONLINE: Und das trägt zur Stabilisierung der bestehenden Machtverteilung bei?

Scheub: Die bestehende Ordnung ist nicht aufgehoben, sie wackelt. Es kommt zu einer Umdeutung. Schauen wir uns die Entwicklungsländer an. Dort können wir beobachten, dass hier die sehr viel "billigeren" Frauen Jobs bekommen und damit auch eine neue Rolle. Das Gleiche können wir während der Wirtschaftskrise beobachten, auch in Deutschland: Es sind vor allem die Männerbranchen, die unter der Krise leiden. Männer verlieren Arbeitsplätze. In etlichen Familien sind Frauen plötzlich die Haupt- oder Alleinverdienerinnen. Das stellt die häusliche Ordnung auf den Kopf. Viele Männer kommen damit nicht klar. Und das ist gefährlich. Die Krise der Männer kann zur Krise der Frauen werden.