In kaum einem Land ist das Frauenbild so widersprüchlich wie in Israel. Wie sich die Israelinnen ihren eigenen Weg zwischen Beruf, Familie, Armee, Geschichte und Religion erkämpfen, beschreibt ZEIT-Korrespondentin Gisela Dachs in einer exklusiven Serie in den kommenden Wochen auf ZEIT ONLINE . Lesen Sie den ersten Teil der Serie hier. Und den dritten Teil hier.

Wären nicht die grünen Hemden und Hosen, könnte man die drei für resolute Sozialarbeiterinnen halten, die hier im Jugendclub männliche Teenager unter ihre Fittiche genommen haben. Aber Tal, Nelly und Adi, alle um die zwanzig, leisten ihren Armeedienst ab. Sie helfen nachmittags bei den Hausaufgaben, geben Tanzunterricht und sorgen auch für eine Session Rapmusik. Die Soldatinnen klatschen im Takt, als die Jungen ihre Lieder vor dem Mikrofon vortragen. Zu ihren Schützlingen zählen viele äthiopische Einwanderer – und palästinensische Israelis.

Für Tal ist es ein seltsames Gefühl, dass sie sich ihnen gegenüber in Uniform präsentieren muss. Der Job macht ihr trotzdem Spaß. Sie habe Glück gehabt, sagt sie, weil sie frühzeitig wusste, dass man sich beim Militär durchaus interessante Aufgaben raussuchen könne. Der Armeedienst an sich sei dennoch keine einfache Sache. "Es ist das Ende der persönlichen Freiheit, noch bevor sie nach dem Abitur überhaupt richtig beginnt", sagt die junge Frau. Der Übergang von einer Zivilperson zur Soldatin macht den Frauen am meisten zu schaffen. "Ein ganzes Regelwerk besagt, was ich anzuziehen haben, dass ich meine Haare zusammenbinden muss, dass ich nur Steckohrringe tragen darf, und der oder die Vorgesetzte entscheidet für mich – egal ob er oder sie dümmer oder jünger ist als ich", klagt Nelly.

In Israel endet die Adoleszenz früher als in anderen westlichen Ländern. Das gilt auch für Frauen. Schon vor der Staatsgründung 1948 dienten sie wie selbstverständlich in verschiedenen Vorläuferorganisationen der Armee. Dies war der Not am Mann geschuldet, galt aber auch als Zeichen von Gleichberechtigung. Heute werden alle 18-Jährigen säkularen jüdischen Frauen zum Pflichtdienst eingezogen. Religiöse Israelinnen können sich indes freistellen lassen und stattdessen ein soziales Jahr ableisten.

Weil Tal und Nelly nicht gleich nach dem Abitur in ein so starres Korsett gepresst werden wollten, hatten auch sie sich zunächst für ein – in ihrem Fall zusätzliches – freiwilliges Jahr entschieden und Kinder betreut. "Ich hatte mich noch nicht reif gefühlt für die Armee", sagt Nelly. Jetzt wollen sie die Armeezeit so gut es geht hinter sich bringen. Ihre Aufgabe im Jugendclub sei soweit okay; richtig gut finden sie, dass sie während der Woche zu neunt in einer Wohnung zusammenleben. Alle sind Soldatinnen und so können sie sich gut miteinander über ihr Los austauschen. Sie merken auch, dass sich eine Kluft aufgetan hat zu den Freundinnen, die nicht dienen. Eine hat aus Gewissensgründen verweigert. Dies ist höchst selten. Die junge Frau sitzt nun im Gefängnis.

Auch bei Tal, Nelly und Adi gab es im Vorfeld zu Hause intensive Diskussionen über den Sinn des Armeedienstes. Tal war alles andere als begeistert von der Idee, Soldatin zu werden, aber "schließlich ist es das Gesetz, das ich einhalten möchte, außerdem sehe ich schon die Notwendigkeit ein, eine Armee zu haben". Weil jemand, der nicht dient, zum Außenseiter in der Gesellschaft werden könnte, hat auch Nelly Mutter stark darauf gedrängt, dass die Tochter dient. Diese allerdings würde sich viel wohler fühlen, wenn sie einen Aufkleber auf ihrer Uniform tragen dürfte, der ihre kritische Einstellung gegenüber der Besatzung klar machte. "Aber das geht natürlich nicht."

Am meisten haben Tal und Nelly unter der Grundausbildung gelitten. Sie gilt als hart. Die psychische und physische Ausdauer wird trainiert und die Soldaten lernen den Umgang mit der Waffe. Beiden Frauen fiel das sehr schwer. "Die Waffe hat mich angeekelt, als ich sie zum ersten Mal reinigen sollte", sagt Nelly. Auch heute müsse sie sich noch überwinden. Die Soldatinnen tragen die Waffen bei Wachdiensten in Schussbereitschaft.

Rückblickend sagen sie, dass die Grundausbildung die schlimmsten Monate in ihrem Leben gewesen seien, man keine Sekunde Zeit für sich gehabt habe, aber verglichen mit dem, was Adi durchmachte, sei es ein Witz gewesen.

Adi, die Dritte um Bunde, trägt eine andere Uniform mit zusätzlichen Taschen an der Hose. Auch hat sie keine Sandalen an, sondern Fallschirmspringerstiefel. Die junge Frau gehört einer gemischten Kampfeinheit an. Ihre Grundausbildung dauerte sechs Monate. Das bedeutete 16 Tage am Stück Dienst, dann fünf Tage zu Hause. Sie hatte sich nach dem zweiten Libanonkrieg dafür entschieden, nachdem sie die Raketen der Hizbollah als Bewohnerin des Städchens Kiryat Shmona aus nächster Nähe miterlebt hat. "Der Krieg hatte mich neugierig gemacht. Ich wollte mich um den Staat bemühen." Bei der Grundausbildung, Seite an Seite mit jungen Männern, ist sie an die eigenen Grenzen gestoßen. Da musste sie mit schwerem Gepäck laufen, klettern und Hindernisse überwinden. Die persönliche Herausforderung hat sie gereizt. "Man muss da durch, ohne aufzugeben. Das bedeutet auch, viel Verantwortung zu übernehmen", erzählt sie. Beim Training sei das Verhältnis zu den männlichen Soldaten gleichberechtigt, das gelte aber nicht bis zum Schluss. Denn Frauen werden zwar seit 1995 – freiwillig – zu Kampfsoldatinnen ausgebildet, aber nicht zum Kämpfen eingesetzt. Das sei frustrierend, sagt Adi. Andererseits sei sie froh, nicht kämpfen zu müssen. Denn mittlerweile habe sie Ängste entwickelt, die sie vorher nicht hatte. Beispielsweise hat sie Angst, als Frau entführt zu werden.