Militärdienst : Emanzipation an der Waffe

Frauen müssen in Israel den Wehrdienst ableisten. Drei junge Israelinnen erzählen von ihrem Dienst an der Waffe und wie sie diese Zeit verändert. Von Gisela Dachs, Tel Aviv
Drei israelische Soldatinnen legen zum Gedenken an den Unabhängigkeitskrieg im Jahr 1948 Blumen auf einem Militärfriedhof nieder © David Silverman/Getty Images

In kaum einem Land ist das Frauenbild so widersprüchlich wie in Israel. Wie sich die Israelinnen ihren eigenen Weg zwischen Beruf, Familie, Armee, Geschichte und Religion erkämpfen, beschreibt ZEIT-Korrespondentin Gisela Dachs in einer exklusiven Serie in den kommenden Wochen auf ZEIT ONLINE . Lesen Sie den ersten Teil der Serie hier. Und den dritten Teil hier.

Wären nicht die grünen Hemden und Hosen, könnte man die drei für resolute Sozialarbeiterinnen halten, die hier im Jugendclub männliche Teenager unter ihre Fittiche genommen haben. Aber Tal, Nelly und Adi, alle um die zwanzig, leisten ihren Armeedienst ab. Sie helfen nachmittags bei den Hausaufgaben, geben Tanzunterricht und sorgen auch für eine Session Rapmusik. Die Soldatinnen klatschen im Takt, als die Jungen ihre Lieder vor dem Mikrofon vortragen. Zu ihren Schützlingen zählen viele äthiopische Einwanderer – und palästinensische Israelis.

Für Tal ist es ein seltsames Gefühl, dass sie sich ihnen gegenüber in Uniform präsentieren muss. Der Job macht ihr trotzdem Spaß. Sie habe Glück gehabt, sagt sie, weil sie frühzeitig wusste, dass man sich beim Militär durchaus interessante Aufgaben raussuchen könne. Der Armeedienst an sich sei dennoch keine einfache Sache. "Es ist das Ende der persönlichen Freiheit, noch bevor sie nach dem Abitur überhaupt richtig beginnt", sagt die junge Frau. Der Übergang von einer Zivilperson zur Soldatin macht den Frauen am meisten zu schaffen. "Ein ganzes Regelwerk besagt, was ich anzuziehen haben, dass ich meine Haare zusammenbinden muss, dass ich nur Steckohrringe tragen darf, und der oder die Vorgesetzte entscheidet für mich – egal ob er oder sie dümmer oder jünger ist als ich", klagt Nelly.

In Israel endet die Adoleszenz früher als in anderen westlichen Ländern. Das gilt auch für Frauen. Schon vor der Staatsgründung 1948 dienten sie wie selbstverständlich in verschiedenen Vorläuferorganisationen der Armee. Dies war der Not am Mann geschuldet, galt aber auch als Zeichen von Gleichberechtigung. Heute werden alle 18-Jährigen säkularen jüdischen Frauen zum Pflichtdienst eingezogen. Religiöse Israelinnen können sich indes freistellen lassen und stattdessen ein soziales Jahr ableisten.

Weil Tal und Nelly nicht gleich nach dem Abitur in ein so starres Korsett gepresst werden wollten, hatten auch sie sich zunächst für ein – in ihrem Fall zusätzliches – freiwilliges Jahr entschieden und Kinder betreut. "Ich hatte mich noch nicht reif gefühlt für die Armee", sagt Nelly. Jetzt wollen sie die Armeezeit so gut es geht hinter sich bringen. Ihre Aufgabe im Jugendclub sei soweit okay; richtig gut finden sie, dass sie während der Woche zu neunt in einer Wohnung zusammenleben. Alle sind Soldatinnen und so können sie sich gut miteinander über ihr Los austauschen. Sie merken auch, dass sich eine Kluft aufgetan hat zu den Freundinnen, die nicht dienen. Eine hat aus Gewissensgründen verweigert. Dies ist höchst selten. Die junge Frau sitzt nun im Gefängnis.

Gisela Dachs

Gisela Dachs, Jahrgang 1963, studierte Literaturwissenschaften und Philosophie an der Sorbonne-Universität in Paris. Sie arbeitete zunächst als Redakteurin bei der französischen Tageszeitung Liberation und ab 1990 im Politik-Ressort der ZEIT in Hamburg. Seit 1994 schreibt sie aus Israel und der Region. Im Januar 2010 erschien ihr Buch (im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung) Israel kurzgefasst.  

Auch bei Tal, Nelly und Adi gab es im Vorfeld zu Hause intensive Diskussionen über den Sinn des Armeedienstes. Tal war alles andere als begeistert von der Idee, Soldatin zu werden, aber "schließlich ist es das Gesetz, das ich einhalten möchte, außerdem sehe ich schon die Notwendigkeit ein, eine Armee zu haben". Weil jemand, der nicht dient, zum Außenseiter in der Gesellschaft werden könnte, hat auch Nelly Mutter stark darauf gedrängt, dass die Tochter dient. Diese allerdings würde sich viel wohler fühlen, wenn sie einen Aufkleber auf ihrer Uniform tragen dürfte, der ihre kritische Einstellung gegenüber der Besatzung klar machte. "Aber das geht natürlich nicht."

Am meisten haben Tal und Nelly unter der Grundausbildung gelitten. Sie gilt als hart. Die psychische und physische Ausdauer wird trainiert und die Soldaten lernen den Umgang mit der Waffe. Beiden Frauen fiel das sehr schwer. "Die Waffe hat mich angeekelt, als ich sie zum ersten Mal reinigen sollte", sagt Nelly. Auch heute müsse sie sich noch überwinden. Die Soldatinnen tragen die Waffen bei Wachdiensten in Schussbereitschaft.

Rückblickend sagen sie, dass die Grundausbildung die schlimmsten Monate in ihrem Leben gewesen seien, man keine Sekunde Zeit für sich gehabt habe, aber verglichen mit dem, was Adi durchmachte, sei es ein Witz gewesen.

Adi, die Dritte um Bunde, trägt eine andere Uniform mit zusätzlichen Taschen an der Hose. Auch hat sie keine Sandalen an, sondern Fallschirmspringerstiefel. Die junge Frau gehört einer gemischten Kampfeinheit an. Ihre Grundausbildung dauerte sechs Monate. Das bedeutete 16 Tage am Stück Dienst, dann fünf Tage zu Hause. Sie hatte sich nach dem zweiten Libanonkrieg dafür entschieden, nachdem sie die Raketen der Hizbollah als Bewohnerin des Städchens Kiryat Shmona aus nächster Nähe miterlebt hat. "Der Krieg hatte mich neugierig gemacht. Ich wollte mich um den Staat bemühen." Bei der Grundausbildung, Seite an Seite mit jungen Männern, ist sie an die eigenen Grenzen gestoßen. Da musste sie mit schwerem Gepäck laufen, klettern und Hindernisse überwinden. Die persönliche Herausforderung hat sie gereizt. "Man muss da durch, ohne aufzugeben. Das bedeutet auch, viel Verantwortung zu übernehmen", erzählt sie. Beim Training sei das Verhältnis zu den männlichen Soldaten gleichberechtigt, das gelte aber nicht bis zum Schluss. Denn Frauen werden zwar seit 1995 – freiwillig – zu Kampfsoldatinnen ausgebildet, aber nicht zum Kämpfen eingesetzt. Das sei frustrierend, sagt Adi. Andererseits sei sie froh, nicht kämpfen zu müssen. Denn mittlerweile habe sie Ängste entwickelt, die sie vorher nicht hatte. Beispielsweise hat sie Angst, als Frau entführt zu werden.

Verlagsangebot

Der ZEIT Stellenmarkt

Jetzt Jobsuche starten und Stellenangebote mit Perspektive entdecken.

Job finden

Kommentare

24 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Gleichberechtigung - für wen?

Ein sehr interessanter Artikel. Ich finde es schade, dass es hier in Deutschland nichts vergleichbares gibt, denn ich glaube daran, dass so ein Pflichtdienst (egal ob beim Militär oder im zivilen Bereich) vielen jungen Frauen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung helfen würde. Ich kann verstehen, dass viele den Dienst an der Waffe verweigern, aber welchen Grund gibt es, dass eine junge Frau nicht in einem Altersheim Zivildienst leistet? Ich habe von vielen männlichen Kommilitonen gehört, dass diese obwohl sie es gesetzlich gar nicht durften, auch alte Damen waschen und auf die Toilette bringen mussten. Durch den Einsatz junger Frauen würden diese wenigstens der Realität des Lebens näher gebracht (einige sind sehr realitätsfern in ihren Weltanschauungen), außerdem wäre Gleichberechtigung mal am anderen Ende aufgerollt. Ich wäre froh um die Erfahrung gewesen und kann mir vorstellen, dass so manche alte Frau ebenfalls froh wäre.

Nicht müssen...

Frauen DÜRFEN Kinder bekommen (bzw genau genommen: austragen), also eine Benachteiligung von Männern, die dürfen nämlich nicht völlig egal wie sehr sie auch wollen, während keine Frau ein Kind bekommen muss, wenn sie nicht will.

Das ist ein RIESEN Unterschied.
Frau: Wahl
Mann: keine Wahl

Das ist inzwischen sogar so verankert, dass der Mann nicht einmal bei Kindern irgend eine Wahl hat, die durch seinen Samen entstanden sind. Will die Frau nicht, wird sein Kind getötet. Will der Mann nicht, ist es immer noch ihre Entscheidung und er muss dafür aber genauso aufkommen.

Auch hier:
Frau: Wahl
Mann: keine Wahl

Eine sehr interessante Serie,

ich freue mich schon auf die weiteren folgen.

ich rege mich nur bei einem satz auf:

"Alle drei wollen Kinder haben und planen ihre Zukunft in Israel. Trotz der schwierigen und frustrierenden Realität. "

welche schwierige und frustrierende realtiaet??? es stimmt zwar, dass israel sehr viele sicherheitsprobleme hat mit denen er gelernt hat fertigzuwerden, aber deswegen wird doch die realtiaet nicht schwierig und frustriernd.

die realitaet in israel ist anders, als wir es aus den fernsehen kennen. die leute nehmen den konflikt als eine richtige nebensachen, die so zum leben gehoert, wie alles andere, was das leben ausmacht.

wer in israel lebt und nichts von dem konflikt hoeren will, wird sich wie in europa mit einbischen orientalischen nebengeschmack fuehlen. israel ist viel entwickelter, als die meisten alten(neue sowieso) eu laender.

wieso man mit von mir zittierten aussage, die ganze realtiaet auf "konlikt" divediert hat, verstehe ich nicht.

Schwierige Realität

welche schwierige und frustrierende realtiaet???

Die Sicherheit haben Sie angesprochen. Für Eltern kann es schon nervenzerreibend sein, wenn ihre Kinder in die Disko gehen, zum Pizza essen, oder einfach nur mit dem Bus zur Schule fahren. Es hat nichts mit objektiver Gefahr zu tun. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit niedrig ist: Wenn es passiert, ist einem das Leben zerstört. Menschen sind eben nicht immer rational. Erinnern Sie sich vielleicht an die BSE-Hysterie in Europa...?

Zweitens: Die Wirtschaft und das Arbeitsleben. Zwar hat Israel einen Lebensstandard, der mit den südlichen/östlichen EU-Mitgliedern mithalten kann. Dafür wird in Israel aber hart gearbeitet: 5,5- bis 6 Tage die Woche, wenig Urlaub, keine Siesta, keine 14 Gehälter pro Jahr, kein Kündigunsschutz (zumindest nicht wie in DE). Stellen Sie sich es vor wie griechischen oder portugiesischen Lebensstandard mit amerikanischer Arbeitsweise.

Und, man fühlt sich eingeengt. In Deutschland kann man sich ins Auto setzen und zum Urlaub nach Portugal fahren. Wohin würden Sie von Israel aus fahren? Ohne Visum kommen Sie noch gerade zum Scharm-el-Scheikh... Israel ist diesbezüglich wie eine Insel: nur doppelt so groß wie Zypern, aber mit 10-facher Bevölkerung.

Also, ja: Ich glaube den drei Frauen gerne, wenn sie die Realität als schwierig und frustrierend empfinden.