Unternehmensgründung Lieber selbständig als arbeitslos

Die Zahl der Existenzgründungen ist seit 2008 um zehn Prozent gestiegen. 872.000 Deutsche machten sich laut KfW-Gründungsreport 2009 selbständig, viele aus Mangel an Alternativen.

Deutschland, ein Gründerland? Erstmals seit sechs Jahren haben wieder mehr Menschen in Deutschland den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Im vergangenen Jahr gab es 872.000 Gründer. Im Vergleich zu 2008 ist dies ein Zuwachs von zehn Prozent. Das teilt die Förderbank KfW in ihrem Gründermonitor mit. Demnach war die Zahl der Existenzgründer seit 2003 stets gesunken – von damals knapp 1,5 Millionen auf unter 800.000 im Jahr 2008. Nun gebe es eine Wende.

Der Anstieg hat allerdings weniger mit der anziehenden Konjunktur zu tun. Eine Vielzahl Existenzgründer macht sich als Alternative zur Arbeitslosigkeit mit einem Kleinstunternehmen selbständig. So war einerseits jeder fünfte Unternehmensgründer zuvor arbeitslos. In der Gruppe derjenigen, die ihre Selbstständigkeit zum Vollerwerb starteten, war sogar jeder Zweite langzeitarbeitslos. Der Studie zufolge kam es zu diesen Gründungen oft aus Verzweiflung, weil nur noch wenig Hoffnung auf eine abhängige Beschäftigung bestand.

Anzeige

Gleichzeitig stellt die Untersuchung auch fest, dass die Krise viele sogenannte Chancengründer hervorgebracht habe. Ebenfalls jeder Fünfte habe angegeben, nur Dank der wirtschaftlich schwierigen Lage auf eine Geschäftsidee gekommen zu sein. "Die Krise hat über unterschiedliche Kanäle die Gründungsaktivitäten belebt, wobei sie auch Impulsgeber für die Umsetzung vielversprechender Gründungsprojekte war", sagte das KfW-Vorstandsmitglied Axel Nawrath.

Tipps für Existenzgründer

Netzwerken: Mit vielen Gleichgesinnten, Business-Angels und potenziellen Kunden die eigene Idee vorantreiben.

Team aufbauen: Unterschiedliche Fähigkeiten kombinieren, zum Beispiel Informatiker mit BWLern. Zunächst mit Studenten und Freelancern arbeiten.

Geldgeber suchen: Bei Businessplan-Wettbewerben Investoren kennenlernen. Coaches oder andere Gründer können Kontakte herstellen. Außerdem: Förderprogramme ausloten.

Die Erfolgschancen der Gründer sind laut KfW-Studie jedoch nicht gestiegen: Jede vierte Gründung ist nach spätestens drei Jahren nicht mehr auf dem Markt. Besonders oft treffe es die Kleinstgründungen. Drei von vier Gründern, die einen Kredit als Anschubfinanzierung brauchen, bleiben unter dem sogenannten Mikrobedarf von 25.000 Euro. Davon wiederum liegen 60 Prozent sogar unter der Grenze von 5000 Euro.

Trotz Krise habe es mehr Unternehmen gegeben, die nicht nur aus ihrem Gründer bestehen. Im Schnitt schufen die Existenzgründer 1,69 Vollzeitstellen; sie beschäftigten also rein rechnerisch neben sich 0,7 Mitarbeiter. So entstanden im vergangenen Jahr Hunderttausende Stellen, die zusammen gut eine halbe Millionen Vollzeitjobs ergaben.

Innovative Gründungsprojekte waren selten: Nur zwei Prozent der Selbstständigen starteten mit einer Weltneuheit , 88 Prozent der Ideen oder Produkte sind hingegen schon bekannt. Zehn Prozent aller Gründer bieten etwas an, dass es nur regional oder nur in Deutschland gibt.

 
Leser-Kommentare
  1. kann es in der Tat sein, sich selbständig zu machen. Wenn man realistisch genug bleibt, sich ein paar harte Fakten vor Augen zu halten:
    a) der "alten" Firma Konkurrenz zu machen, geht meistens schief
    b) das eigene Produkt / die eigene Idee darf nicht nur in den _eigenen_ Augen allem anderen überlegen sein
    c) sein eigener Chef zu sein stimmt so lange, wie man angenehme und pflegeleichte feste Kunden hat, UND diese anstandslos bedienen kann. Sonst merkt man schnell, dass man lediglich den Dienstherrn gewechselt hat, und obendrauf noch den ganzen Verwaltungskram selbst am Bein hat, oder andere Menschen dafür bezahlen muss...
    d) selbst in einem erfolgreichen eigenen Unternehmen fällt es schwer, Abstand von der Arbeit zu bekommen und so etwas wie Freizeit oder Urlaub noch wirklich zu genießen.

    Alles besser als vom Arbeitsmarkt "erübrigt" zu werden, das sicher. Und definitiv die bessere Chance, aktiv und attraktiv zu bleiben.

  2. Sehe nur ich das so oder geht es anderen ähnlich? Dieser Bericht hat einen seltsam negativen Unterton: Wer sich selbständig macht, tut dies aus Mangel an Alternativen? Ich glaube nicht, dass das der Hauptgrund ist.

    Auch die halb voll/halb leer Inteprepretation der Erfolgsaussichten trägt schwer an der "Junge, ich will doch nur, dass du was anständiges lernst"-Diktion früherer Elterngenerationen. "Nur jede vierte Gründung" scheitert, also sind wären rein statistisch die Erfolgsaussichten deutlich höher. Ich weiß, so ganz einfach ist das nicht.

    Ärgerlich dann aber auch der letzte Absatz: Hat sich der Autor mal mit den Erfolgsaussichten von Patenten, Innovationen beschäftigt? Die sind häufig sehr gering. Insofern ist es richtig, dass sich viele Gründer in normalen Berufsfeldern bewegen.

    Hier wäre eine Unterscheidung hilfreich, wie sich die typischen Einkommen von Selbständigen nach drei, vier Jahren verteilen - von der sehr gering bezahlten Schein-Selbständigkeit bis hin um gut bezahlten, international agierenden Spezialisten oder Mittelständler.

    Mein Punkt: Es hilft sicher nichts, die Selbständigkeit als Allheilmittel zu verkaufen, siehe auch den Kommentar von Meine@Meinung. Die im Artikel vorsichtig-warnende Grundstimmung geht aber auch am Thema vorbei.

  3. In keinem europäischen Land ist es so einfach, sich selbstständig zu machen wie in Deutschland, und in keinem anderen Land sind gleichzeitig die Bedenken "dagegen" so groß. Ganz in diesem Sinn präsentiert sich auch dieser Artikel. Die Argumentation beruft sich einzig auf die KfW-Studie und damit nur auf einen schmalen Ausschnitt dessen, was aktuell geschieht.
    Ob Deutschland ein "Gründerland" ist oder nicht, steht meiner Meinung nach überhaupt nicht zur Diskussion. Fakt ist, dass hier jedes Jahr - trotz oder wegen eventuellen Krisen - ca. eine Million Menschen in die Selbstständigkeit gegen.
    Es wären noch weitaus mehr, nach meiner Einschätzung mindestens 40%, wenn die Banken nicht derart restriktive Finanzierungsbedingungen hätten. Dies dürfte ein wesentlich häufigerer Grund zur "Verzweiflung" sein, als die bisjerige berufliche Situation. Doch davon erfährt die KfW nur am Rande, denn sie wird erst informiert, wenn die Hausbank den Businessplan abgenickt hat.
    Ich wünsche dem Autor das nächste mal eine etwas breitere Informationsbasis.

  4. wie hoch die Zahl der Scheinselbständigen hierzulande ist...komme auf meiner Jobsuche immer wieder mit Unternehmen in Berührung, die einem tolle Jobs anbieten- aber nur "auf Rechnung". Und ob dann die Zahlen nicht ganz anders aussähen..

  5. Hallo!
    Im bisherigen Jahresverlauf 2010 hat sich das Gründungsgeschehen weiter intensiviert.
    Finanzierungsprobleme gehören neben Planungsmängel und Fachkompetenzdefiziten zu den Hauptursachen für ein Scheiten.

    [...]

    Nutzen Sie die Kommentarbereiche bitte nicht für werbliche Zwecke. Die Redaktion/sh

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle dpa, Reuters
  • Kommentare 5
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Unternehmensgründung | Selbständigkeit | Gründung
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service